Editorial 25

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Ein Zufall war´s sicher nicht, daß die deutsche Linke, oder was auch immer von ihr "left" ist, über all den anderen Jubiläen vergessen hat, 1997 auch noch 130 Jahre "Kapital Bd.1" zu feiern. Steht doch in diesem Buch allerlei "neoliberale" Propaganda zu lesen, wie z.B. daß das Sinken des Werts der Ware Arbeitskraft ein Resultat des freien und gleichen Tausches ist, kein Widerspruch dazu; oder der Nachweis, daß es keine plündernde Klasse gibt, die aus purer Böswilligkeit dem wackeren Arbeitsmann die Früchte seiner Arbeit vorenthält.

Damit hätte Karl Marx es niemals geschafft, in die Reihe prominenter Linker aufgenommen zu werden, die Konkret (10/97) befragte, was denn heute noch "links" sei. Die meisten Befragten hätten ihn wohl der Kollaboration mit den finsteren Machenschaften der Politiker und Kapitalherren geziehen, weil er sie als "Charaktermasken" aus der Verantwortung nehme. Die Eintrittskarte in "ein politisches Milieu, das sich irgendwie doch zusammengehörig, als links verstand, weil die Beteiligten auf unterschiedliche Weise zwar und mit unterschiedlicher Radikalität die herrschenden Verhältnisse zugunsten der unteren Klassen (Schichten) verändern wollten ...", hätte der Kritiker des Gothaer Programms nicht lösen können. Denn "links" heißt der Glaube an die Reformierbarkeit des Warentausches, daran zu glauben, daß Geld ein Umverteilungsmedium darstellt, daran, daß der Welten Ungemach der Raffgier der Bonzen zuzuschreiben ist und daß ein Staat des Volkes seinen Untertanen die Folgen des Wertcharakters der Arbeitskraft ersparen könne. Im ÖTV-Sozialismus eines Fülberth beispielsweise, der von der "Herstellung eines Höchstmaßes demokratischer Steuerung des weiterbestehenden Privateigentums (häufig in Kombination mit schon bestehendem öffentlichen Eigentum)" phantasiert, tritt die Unmöglichkeit des linken Unterfangens geballt zutage. Sie zwingt dazu, ausgiebig beim demokratischen Humanitätsgedusel zu plündern. Das proletarische Anliegen wird um das universal-menschliche zu einer infiniten Addition der Plattitüden erweitert: "Linkssein heißt denken und parteiisch sein mit unterdrückten und ausgebeuteten Menschen weltweit. Das braucht die Verbindung der ökologischen mit der sozialen Frage, herrschaftsfreie [?], antifaschistische Militanz, antinationale Einstellung und antipatriarchalen [?] Verstand" faselt Jutta Ditfurth, und Oskar Negt betet dieselbe Litanei herunter: "Bürger- und Menschenrechte, Arbeit und menschliche Würde, Selbstverwirklichung im demokratischen Gemeinwesen, Sorge um die ,Ökonomie des ganzen Hauses’" seien "klassisches Thema einer linken Position". Dies waren aber auch die Themen des Nazi-Winterhilfswerks, des "Gemeinnutz geht vor Eigennutz". Wie die NS-Propaganda setzt die "Ökonomie des ganzen Hauses" voraus, daß es da asoziale Störenfriede in der ansonsten friedlichen Welt des Warentausches gebe, gegen die wiederum die nach Arbeit lechzende Allgemeinheit etwas tun müsse. Andere formulieren dieses Anliegen, dem Geld ein Allgemeinwohl abzutrotzen, noch deutlicher: "Den lohnabhängigen Klassen bleibt gar nichts übrig, als sich gegen die Umverteilung zu wehren ... In dieser Zivilgesellschaft bleibt Hauptaufgabe die Entwicklung eines Kollektivwillens, der über die Widersprüche des Kapitalismus hinausweist" (Bischoff), d.h. über den parasitären Egoismus, den Gysi und M. Wolf in deutscher Tradition so zu benennen wissen: "Links ist immer noch ... wo das Herz schlägt" und gegen den "Haben-haben-haben-Kapitalismus" (Wolf), d.h. für den schaffenden-schaffenden-schaffenden Kapitalismus, der die Völker nicht wie die Wall Street ausbeutet, was Gysi brandmarkt: "Das Vermögen der 137 Dollar-Milliardäre entspricht in etwa den Sozialprodukten der 45 ärmsten Staaten in dieser Welt."

Durchaus dürfen sich "breitere Teile der Bevölkerung ... zur aktiven Gegenwehr ermutigt sehen" (Wagenknecht). Im Falle des brandenburgischen Dorfes Gollwitz, das in traditioneller Weise auf die Repräsentanten des "Haben-haben-haben-Kapitalismus" reagierte, war es kt., der in ak 407 der märkischen Provinz-Volksfront solidarisch-kritische Grüße übermittelte. Die "ekelhafte Neigung vieler zu kurz gekommener Deutscher ... sich tierisch darüber aufzuregen, daß angeblich SozialhilfeempfängerInnen, Arbeitslose und eben auch EinwanderInnen, alles zugeschoben bekommen’" mag kt. nicht als Folge eines Volksbewußtseins identifizieren, ständig belogen und betrogen zu werden, sondern als fehlgeleitete Wut, die er "gegen die wirklich Reichen und Mächtigen zu richten" empfiehlt. Das sollen der kt. und andere Volks-Genossen gerne versuchen – aber vom Erfolg solcher Bemühungen scheint kt. selber nicht so recht überzeugt zu sein. Als in "demokratischem Kampf und Bündnispolitik" hinlänglich erprobter Volkspädagoge versucht kt. deshalb, sich mit seinen Gollwitzern zu arrangieren, indem er ihnen ein Ersatzobjekt präsentiert, das die Geschäfte der "Reichen und Mächtigen" besorge – die auf ostdeutsch so genannten "linken Zecken": Da diese mit "ihrem nutzlosen Besserwissen" schlechterdings keiner produktiven Tätigkeit nachgehen können und sich dennoch "im bürgerlichen Leben ganz schön eingerichtet haben", wie kt. zu wissen glaubt, kann es hier nicht mit rechten Dingen zugehen. Wie das von ihm hofierte Volk sieht auch kt. hier Parasiten am Werk, die es obendrein "satter und angenehmer haben als viele der GollwitzerInnen". Damit hat er auch eine bündige Antwort darauf geliefert, was in DEUTSCHLAND "left" war und immer noch ist: "Anti-Kapitalismus", das heißt Anti-Egoismus, heißt Rache für den Betrug am Volke, heißt gerechter Lohn plus Sozialstaat, heißt National-Sozialismus.