Editorial 26

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Bahamas-Abonnent Thomas H. aus G. fragt die Redaktion: "Was wollt Ihr eigentlich? Das habe ich immer noch nicht herausgekriegt?" Die Umweltschutzorganisation Robin W. aus B scheint es zu wissen: "Euch brauchen wir sicher nichts zu erzählen über das allseitige BlaBla in unserer Gesellschaft, da Ihr selbst angetreten seid, mit Eurer Zeitschrift ein kleines Gegengewicht zu bilden."

Was Robin W. da so vertraulich formuliert hat, richtete sich an alle linken Zeitschriften und diente dem Zweck, eine Freianzeige zu schalten. Die Vertraulichkeit, die sich an mindestens 20 Zeitschriften richtet, ist keineswegs Ranschmeißerei, sondern Ausdruck eines Harmoniestrebens, das von einer linken Arbeitsteilung ausgeht und unterstellt, daß jenseits aller Differenzen die Linke in Deutschland ein "Projekt" wäre und alle daran Beteiligten irgenwie doch das Gleiche wollten. Davon kann heute weniger denn je die Rede sein.

Wenn der BAHAMAS auf die Schulter geklopft wird, dann zumeist unter dem Verweis, daß einige der theoretischen Einlassungen zu Nation und Antisemitismus einen "weitergebracht" hätten und für die linke Diskussion von Belang wären – wie eben alles seine Berechtigung habe: Ein wenig radikale Ökologie dort, neue postmoderne Ansätze hier, antifaschistische Informationen dort, feministische Einsprengsel und Internationalismus sowieso. Jeder zieht seinen Stiefel durch, und zusammengesetzt ergibt es ein großes "Wir". Diesem als "pluraler Marxismus" oder "offener Diskurs" zu unverdienten Ehren gekommenen faulen Frieden hat die BAHAMAS-Redaktion nicht nur nie getraut, sondern ihn angegriffen. Daß uns dafür bescheinigt wird, "spalterisch" oder "zerstörerisch" zu sein bzw. "neue Gipfel des Sektierertums erklommen" (ak) zu haben, begreifen wir keineswegs als Beleidigung. Solches Ressentiment, das wie immer auch Wahrheit transportiert, haben wir schon auf uns gezogen, als wir bereits in Zeiten, da die Linke noch heftig in Bewegungspolitik machte, die nicht auf unmittelbare Verwertbarkeit angelegte theoretische Arbeit einforderten und praktizierten.

Freilich mißtrauen wir dem Interesse an Theorie, wie es mittlerweile allseitig bekundet wird, nicht weniger. In der Gleichmütigkeit, mit der man verschiedene Theorien rezipiert, ohne daß man es jemals zum Konflikt zwischen ihnen kommen ließe; in der Konsumentenperspektive, aus der Foucault, Butler und irgendwann auch Heidegger (s. Günter Jacob in der Jungle World) als ebensolche "Bereicherung" erscheinen wie Marx und Adorno – in dieser Haltung erblicken wir die nahtlose Fortsetzung der alten linken Untugend: alles interessant finden, aber nichts wirklich ernstnehmen. Die Standardphrase, man dürfe nicht beim einmal Erreichten stehenbleiben, sondern müsse eifrig lernen und weiterdenken, halten wir für den Ausdruck einer allgemein grassierenden Leidenschaftslosigkeit, die eine jede Theorie achtlos wegzuwerfen bereit ist, sobald sie nicht mehr verspricht, "spannend" zu sein, d.h. das eigene Bedürfnis nach Abwechslung zu befriedigen. Theoretisches Eingreifen, andere Leute überzeugen zu wollen – agitieren nannte man es früher – ist dann kein Thema mehr. Die Ablösung theoretischer Beschäftigung vom emanzipatorischen, also revolutionären Ziel, die leicht angeschauerte Verabschiedung der Agitation – all das verweist darauf, daß man nichts mehr will. Kein Wunder, daß unter diesen Voraussetzungen der einzige verbliebene Bezugspunkt, die sogenannte anti-deutsche Linke, weitgehend weggebrochen ist und unsere theoretische Weiterarbeit uns in Regionen mit sehr dünner Luft geführt hat. Die Frage "Was wollt ihr eigentlich?" drängt sich damit zwangsläufig auf.

Dem aufmerksamen Leser müßte aufgefallen sein, daß jeder kritische Feldzug, jede theoretische Destruktion von Haltungen und Ideologien der Rettung einer revolutionären Option dient. Daß der Schwerpunkt der Angriffe auf die Linke zielt und unsere Unversöhnlichkeit gerade hier am größten ist, liegt daran, daß wir die "deutsche Linke" für nicht reformierbar halten und das, was von ihr immer noch übriggeblieben ist, kritisch erledigen wollen, soweit das in unseren Möglichkeiten liegt. Dies erscheint uns die Minimalvoraussetzung dafür zu sein, den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen theoretisch Paroli zu bieten, in der Hoffnung, daß die theoretische Kritik endlich einmal mit der praktischen fusionieren kann.

Verabschieden wollen wir dabei aber keineswegs diejenigen Leute, die hierzulande eine radikale Gegnerschaft zu Staat und Kapital entwickeln wollen und die sich teilweise notgedrungen aufs hergebrachte "Angebot" beziehen. Ihnen möchten wir ganz unaufdringlich einige Waffen der Kritik zu Verfügung stellen, die sie bei Gelegenheit in Anschlag bringen können. Wenn solchen Ladenhütern wie Michel Foucault und Konsorten ausführlich Platz im Heft eingeräumt wird, dann um dieses Zieles willen. Die zweite postmoderne Welle in Deutschland ist vor allem deshalb ein Fall für die Ideologiekritik, weil sie stärker als ihre Vorgängerin das von der praktizistischen (ML-lastigen) Linken alten Zuschnitts geräumte Terrain überspült. Wenn wir uns also Foucault und Konsorten zum Gegenstand nehmen, dann nicht nur zur Kritik des intellektuellen Elends sich kritisch wähnender Mittelschichten, sondern auch, um die vielen Linken zu munitionieren, die im diskursiven Angebot ersaufen und als Einzelkämpfer häufig genug vor der geballten Zumutung resignieren.

Die BAHAMAS hält eine revolutionäre Praxis zur Zeit für unmöglich, kann und will deshalb mit entsprechenden Angeboten nicht aufwarten. Deshalb werden wir auch alle antirassistischen, antifaschistischen etc. Abwehr-Initiativen verwerfen, soweit und insofern sie ihr meist nützliches Handeln entweder als Ausrede für Theoriefaulheit gebrauchen oder dieses als vermeintliche Chance für "emanzipatorische Perspektiven" oder ähnliches zurechtinterpretieren. Der Vorstoß, den wir zuletzt in die sogenannte politische Praxis unternommen haben, die Gollwitz-Demonstration, wurde bezeichnenderweise boykottiert. Für die einen haben wir keinen Diskurs dekonstruiert, sondern in unhaltbarer Weise die Totalität spätkapitalistischer Vergesellschaftung ins Zentrum gerückt, für die anderen haben wir ihren Traum vom "Gemeinsam gegen rechts", der sich im übrigen mit dem postmodernen von der Subversion deckt, destruiert. Die Kritik am spätkapitalistischen Alltagszustand kann daher nur eine sein, die die Kritik am linken Sich-darin-einrichten impliziert, egal, welche Form dieses gerade annimmt.