Editorial 28

Titelbild

Im Grunde braucht die BAHAMAS nicht zu klagen. Eine linksradikale Zeitschrift kann ihren Erfolg, wie jede andere auch, nur am Absatz messen. Und der bleibt sich weitgehend gleich, mit langsamem Aufwärtstrend – besonders bei den Abos. Wer aber unsere Leser wirklich sind, erfahren wir nur auf und am Rande von Veranstaltungen, die wir entweder selber machen oder zu denen BAHAMAS-Redakteure eingeladen werden. Die Leser, die wir dort kennenlernen, sind in der Regel politisch aktiv – in welcher Form auch immer – und im Schnitt gut 10 Jahre jünger als die Redakteure. Beides freut uns. Es handelt sich zumeist um Leute, die vom Kommunismus wissen, daß Brechts Sentenz "er ist vernünftig, jeder versteht ihn" zwar einen sympathischen Wunsch ausdrückt, doch eben nicht mehr; Leute, die aber durchaus mit dem gleichen Brecht sagen würden "er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm" und zu diesem Zweck unter anderem die BAHAMAS lesen.

Die Kommunikation zwischen der BAHAMAS und ihren Lesern funktioniert freilich nicht so, wie wir uns das wünschen. Natürlich steht die BAHAMAS zu ihrem Wort, keine neue Partei gründen zu wollen und auch keine plebiszitären Mitwirkungsrechte der Leser an Redaktionsentscheidungen zu dulden. BAHAMAS-Redakteure geben sich dennoch keinesfalls damit zufrieden, ihr Blatt in dem Wissen vollzuschreiben, daß es gelesen wird. Bekanntlich ist das Prinzip der BAHAMAS die kritische Intervention: Sie wendet sich an kritische Initiativen, Theoriezirkel und Individuen, die von der ehemaligen Linken übriggeblieben sind. Die BAHAMAS ist also kein selbstgenügsames Theorieblatt, das die Kritik zur Wissenschaft macht, um in seriösen Fachpublikationen anerkennend erwähnt zu werden. Unseren der interesselosen Theorie verschriebenen Kritikern und manchen unserer früheren Parteigänger ist diese agitatorische Zuspitzung, die wir unseren Einsichten stets angedeihen lassen, schon immer auf die Nerven gegangen. Die kritische Beachtung, die wir den seltsamen linken Moden und Aktivitäten stets zuteil werden lassen, wird vielfach als schlicht unter der Würde ernsthafter Bemühung um Theorie angesehen.

Weil Theorie für uns nicht Bescheidwissen über einen Sachverhalt oder Zusammenhang bedeutet, sondern als Kritik eine zerstörerische Wirkung auf jegliche Form falschen Bewußtseins entfalten soll, damit endlich praktische Kritik an den Verhältnissen entstehe, sind wir auf Streit angewiesen – Streit über Thesen oder Urteile, die wir im Blatt formulieren, Streit über sogenannte politische Praxis, Streit über die Verhältnisse in Deutschland. Am 16. Januar dieses Jahres haben wir einen ersten Schritt in Richtung Organisierung von Streit gemacht; in Form eines Seminars, das den Teilnehmern, anders als auf jour-fixe-Veranstaltungen, Gelegenheit geben sollte, vorbereitet mit den Referenten zu debattieren.

In diesem Zusammenhang haben wir einige verblüffende Erfahrungen gemacht: Auch die Berliner BAHAMAS knüpft wie selbstverständlich an den Gründungskonsens des Blattes von 1992 an, demzufolge nämlich ein loser Verbund kritischer Zirkel, die den deutschen Verhältnissen Paroli bieten wollen, die einzig derzeit mögliche linke Praxis ist. Die Zeitschrift BAHAMAS wünscht sich daher, selbständiger Teil eines solchen Zirkelwesens zu sein und in dauerndem kritischem Austausch mit anderen Vaterlandsfeinden zu stehen. Von dieser Absicht wissen auch regelmäßige Leser der BAHAMAS nichts – und das nicht aufgrund von Unaufmerksamkeit oder Vorurteilen, sondern weil wir diesen Anspruch seit Ewigkeiten nicht mehr explizit formuliert haben. Seit die BAHAMAS mit der Nummer 18 von der Berliner Redaktion erstellt wurde, haben wir mit dem falschen Traum von einer antideutschen Bewegung in Deutschland (Stichwort 8. Mai 1995) anscheinend so gründlich abgerechnet, daß die BAHAMAS seither von vielen für eine Art antideutsches Fanzine angesehen wird, das man zwar lesen sollte, in dessen Geschäfte aber jede Einmischung – im Sinne von Mitwirkung – grundsätzlich unerwünscht sei.

Schon daraus, daß in der BAHAMAS Leute publizieren, die zwar nicht der Redaktion angehören, deren regelmäßige Mitarbeit aber für die Gestaltung des Blattes unverzichtbar geworden ist, sollte hervorgehen, daß dieser Eindruck falsch ist. Ohne Umschweife formuliert: Wir hoffen auf verstärkte externe Zu- und Mitarbeit und fordern Interessierte auf, sich bei uns zu melden. Gleiches gilt für Diskussionsveranstaltungen: BAHAMAS-Redakteure stehen grundsätzlich als Referenten zur Verfügung, und für unsere eigenen jour-fixe-Veranstaltungen benötigen wir immer gute Beiträge.

Uns will scheinen, daß sich in den letzten Jahren ganz unverhofft interessante Grüppchen herausgebildet haben, in denen jüngere, Theorie treibende, und ältere, Theorie nachholende, Linksradikale zusammentreffen. Ihnen sind opportunistische Mainstreamblätter wie die Jungle World zu dürftig und postmoderne Gazetten wie die 17 Grad Celsius zu dumm. Viele von ihnen finden in ihrer Stadt kein Antinationales Plenum wie in Detmold, keine ISF wie in Freiburg und keine Ortsgruppe der Nordströmung der Jungen Linken. Dem kann die BAHAMAS zwar nicht abhelfen. Aber zum 3. 0ktober können wir alle schon einmal einladen; dann wird nämlich anläßlich 50 Jahre BRD, 10 Jahre Mauerfall und 9 Jahre Wiedervereinigung in Berlin ein Kongreß organisiert, ein antideutscher, versteht sich. Die Veranstalter stehen schon jetzt ganz undemokratisch fest: Neben den Initiatoren der Idee, der Gruppe sur l’eau (= Junge Linke Berlin, Nordströmung), die BAHAMAS. Und sonst niemand. Versprochen.