Editorial 32

Titelbild

„Antikapitalistische Kritik 2000 (...) ist auf sich selbst zurückgeworfen (...) Jede politische Bewegung, Organisation oder Partei (...) ist auf die allgemeinen Formen der Politik, des Rechts und des Staats angewiesen. (...) Entsprechend läuft alle Politik, die im Namen allgemeiner Freiheit und Gerechtigkeit auftritt bzw. erst unterdrückten Minderheiten zu ihrem allgemeinen Recht verhelfen will, immer nur auf eine Verbesserung von Staat, Recht und Gesetz oder Besitzverhältnissen hinaus (...) Die Linke war (bisher) sozusagen die Selbstkritik des Kapitals (...) Radikale Kritik kann (...) nicht darauf verzichten auch Politik als Form bürgerlicher Vergesellschaftung zu kritisieren.“

Dieses Fragment stammt aus dem Aufruf zu einer Großdemonstration und ist nicht etwa von antideutschen Trittbrettfahrern mit BAHAMAS-Abo, sondern vom Veranstalter selbst geschrieben worden. Die Autoren gehören einer relativ straff organisierten politischen Gruppe an, deren Mitglieder den Text auf einer Vollversammlung demokratisch abnickten. Das Zitat stammt aus dem Aufruf zur diesjährigen Kreuzberger 1. Mai-Demonstration der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB).

Eine verblüffende inhaltliche Nähe zu den Editorials der letzten BAHAMAS-Ausgaben läßt sich schwer bestreiten. Das hat Ralf aus Leipzig sofort gemerkt und im Newsflyer des autonomen Jugendzentrums Conne Island, CEE IEH 66, darüber gefrotzelt: „Skandal: Das antideutsche Klandestinen-Blatt BAHAMAS und die massenfetischistische AAB kungeln miteinander.“

Wenn kungeln heißt, daß linksradikale politische Gruppen bei der BAHAMAS Anleihen nehmen oder gar die Diskussion mit ihr suchen, dann kungeln wir gern. Wenn Ralf meint, „die bahamas (führt) bei sich wieder einen Begriff ein, den sie eigentlich mit Freuden jahrelang der AAB & Co überließ, den der ‚praktischen Agitation’“, dann liegt er doppelt daneben. Erstens hätte er bemerken sollen, was die Redaktion leider nicht mehr rechtzeitig austilgen konnte, daß „praktische Agitation“ ein begrifflicher Wechselbalg ist und keinerlei Inhalt transportiert. Zweitens hat die BAHAMAS schon immer und verschärft seit dem Ausschluß einer diskursfreudigen Teilredaktion „Kritik in agitatorischer Absicht“ (Nr. 31) betrieben bzw. „praktische Provokationen“ (Nr. 30) für durchaus erstrebenswert erklärt und auch selber daran mitgewirkt.

Eine „neue Mitte der radikalen Linken“ (Ralf in CEE IEH 66), die aus linksradikalen Freunden der militanten Aktion bestünde, die sich den Inhalt des oben zitierten Demonstrationsaufrufs wirklich zu eigen machten und der BAHAMAS fänden wir ausgesprochen charmant. Auch wenn uns klar ist, daß Ralfs Vision vor allem dem Wunsch nach Denunziation einer möglichen Linksabweichung der AAB vom ausgetretenen Pfad der Bewegungstrottel – im Aufruf sieht er „Hammer auf Hammer“ folgen – zu verdanken ist, einem Wunsch, den er mit der Technik des Gerüchts („Ich wollte das hier mal nur zum Besten geben.“) zu verwirklichen sucht: Als Vision ist sie uns nicht unsympathisch. Trotzdem: Skepsis gegenüber linksradikalen Bündnissen wird die Redaktion auch weiterhin begleiten. So wurde ihr bekannt, daß AAB-Mitglieder erklärten, den Aufruf gar nicht zu kennen, um hinzuzufügen, man müsse ihn nicht so ernst nehmen, es sei immer schwierig, jemanden zu finden, der überhaupt einen Text schreibe. Entscheidend aber ist das Ereignis selbst: Leute, die mit einem solchen Aufruf zur Demonstration laden, auf der sie Jutta Ditfurth, Inkarnation drögesten linksradikalen Politikastertums, zur Hauptrednerin küren, dementieren ihren Text praktisch.

Aber die radikale Phrase hat Konjunktur. In der AAB weiß man, daß weder Traditionsantifa, noch Klassenkampf, noch autonomes Wohlfühlkollektiv richtig verfangen. Diese Einsicht ist nicht nur dem Vorsatz, die aktuelle Befindlichkeit der anvisierten Klientel aufzugreifen, geschuldet, sondern Ausdruck des teilweise durchdachten Abschieds von früheren ideologischen Selbstversicherungen. Trotzdem vermag die auch bei anderen Gruppen zu beobachtende Zunahme von Anleihen aus antideutschen und antipolitischen Texten nicht darüber hinwegtäuschen, daß der verbindliche Anspruch von Agitation nicht gesucht wird, sondern in superradikale Marktschreierei verkehrt wird. Den Kreuzberger 1. Mai zu agitatorischen Zwecken im Sinne des Aufrufs zu nutzen, ist zweifellos ein reizvoller Gedanke. Das kann aber nur gelingen, wenn Agitation im emanzipatorischen Sinn des Wortes sich als „revolutionäre Kritik zu ihren Adressaten niemals in ein positives, bestätigendes Verhältnis, sondern notwendig in ein polemisches und negatives“ (Nr. 31) setzt. Wer selber oder durch die Leihstimme Jutta Ditfurths ein selbstgewisses Wir-Gefühl über den Oranienplatz röhrt, das sich in der kindischen Freude darüber erschöpft zahlreich zu sein und etwas gegen die Regierung zu haben, ist nicht Denunziant der Verhältnisse, sondern Agitator für einen ganz anderen Zweck: Das radikale aber folgenlose Sich-einrichten in genau diesen Verhältnissen.

Daß Agitation als Marktschreierei auch vermeintlich theoretisch versierten, ja antinationalen Leuten nicht unbekannt ist, bestätigt ein anderes Beispiel. Es hat mit der BAHAMAS zu tun, weil das Blatt als antideutsche Negativfolie für um so profundere antinationale Einsichten herhalten muß. Leute, die den Marx auf den Kant gebracht haben und mit realanalytischer Stringenz „taugliche Argumente“ ausstoßen, der Rest der Nordströmung der „Jungen Linken“, die im Huisken ihren Lehrmeister gefunden haben, tönen: „Das Hermannsdenkmal kann, muß und wird gesprengt werden.“ und lassen dieser markigen Losung eine „Massenzeitung“ folgen. Es bleibt ihr Geheimnis, warum die Sprengung des Symbols wilhelminischen Nationalchauvinismus die aktuelle Form kollektiver Vergesellschaftung der Deutschen irgendwie auf den kritischen Punkt bringen sollte. Schaden würde eine solche pyrotechnische Aktivität gewiß nicht und mehr als klammheimliche Zustimmung – nicht nur von der BAHAMAS – wäre den Aktivisten sicher. Die da im radikalen Gestus den Untertitel „den Mythos angreifen, die Sache treffen!“ formulieren, haben nicht nur nichts von Deutschland verstanden, geschweige denn von Ideologiekritik; sie kokettieren offen verlogen mit der spektakulären Aktion, um eine ganz andere Veranstaltung mit dem nötigen Pepp zu versehen: „Sommer, Arbeitsgruppen, Referate, Sonne, Diskussionen bis zum Abwinken, zwischendurch eine Stunde Bolzen, Dösen oder ein Sprung ins Quellenfreibad Rausch! Wer auf sowas steht, ist mit diesem Sommercamp auf der sicheren Seite.“ So schön können MG-Schulungen sein. Wer immer noch vermutet, die Freizeitagitation könnte zur „praktischen Provokation“ führen, der werfe einen Blick auf die Landkarte. Bekanntlich steht das Hermanndenkmal im Teutoburger Wald. Das „Antinationale linksradikale Sommercamp“ aber findet der „Massenzeitung“ zufolge „in Schleswig Holstein“ statt.