Editorial 33

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Eine Unabhängige Anti-Fa Gruppe Berlin ist der BAHAMAS so gram, daß sie weniger der Redaktion als „der Szene“ via InterimNr.513 zuruft: „Es reicht!“ Aber eigentlich meinen sie die BAHAMAS gar nicht: „wir werden uns hier nicht weiter zur ,Bahamas‘ äußern (wegen ihrer völligen Bedeutungslosigkeit für alle Menschen die ernsthaft Politik machen wollen und nicht nur der Provokationen wegen alles und JedeN kritisieren)“. Wenden wir uns also gleich bedeutenden Menschen zu, die ernsthaft Politik machen wollen. Die haben sich vom 6. bis 8. Oktober 2000 in Berlin ein Stelldichein gegeben und den 23. Bundeskongreß Entwicklungspolitischer Aktionsgruppen abgehalten.

Zum Beispiel ist es schon ernsthaftes Nachdenken, ja Politikmachen wert, sich und der Welt nachzuweisen, daß der Neger besser nicht Autofahren sollte. Ein solches Unterfangen ist sicherlich nicht bedeutungslos wie die BAHAMAS, wohl aber weitgehend unbeachtet, und es provoziert auch nicht alles und JedeN wie die BAHAMAS, sondern stellt nur radikal und unorthodox den befremdlichen Wunsch vieler Schwarzafrikaner nach individueller Motorisierung in Frage.

„Eine ganze Reihe von unorthodoxen KritikerInnen weist seit Jahren (weitgehend unbeachtet) darauf hin, daß es höchste Zeit ist, nicht bloß die aktuell praktizierte Entwicklungspolitik, sondern die ganze Idee der Entwicklung radikal in Frage zu stellen.“ So stellt sich die AG: Kritik des Entwicklungsdiskurses, vor,die ein Aram Ziai (AS Wewi) geleitet hat und auf gehts: „Die Idee der Entwicklung, das heißt die Vorstellung, daß alle Menschen auf der Welt ein Interesse daran haben, so zu leben wie die Menschen in den ,entwickelten‘ Industrienationen, und daß demnach Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Menschen aus den ,unterentwickelten‘ Teilen der Welt die ,zivilisatorischen Errungenschaften‘ des Westens zu bringen.“ Wir nun wieder wären geneigt, den Herrn Ziai und diejenigen, die ihm gestattet haben, öffentlich seinen postkolonialen Diskurs auszupressen, für ein kleines Jährchen in den Slums von Harare unterzubringen, nicht als NGO-alimentierter Brunnenbohrer, sondern als ganz normaler Bewohner ohne die zivilisatorischen Errungenschaften des Westens, als antikoloniale Alternative zur guten alten Fischmehlfabrik sozusagen. Aber das ist ja nur wieder der Beweis, daß wir nicht bereit sind: „solidarisch darüber (zu) diskutieren, wie fortschrittliche Kapitalismuskritik den Fallstricken unzulässiger Verkürzung und Simplifizierung entkommen kann.“ Gerade an der Bahamas kann man ja sehen: „Auch die Geschlechtsblindheit linker Kapitalismuskritik ist keineswegs überwunden.“ (AG: Zur Kritik verkürzter Kapitalismuskritik) Schließlich ist es doch so: Der Neger braucht eigentlich kein Auto, wo er doch längst ganz andere Dinge treibt: „Sieht man freilich genauer hin, was das Drittel der Menschheit treibt, das vom Globalisierungsprozeß marginalisiert wird, entdeckt man einen Erfindungsreichtum, der sich in einer kaum zu überblickenden Fülle von Aktivitäten ausdrückt.“ (AG: Subsistenz, real life economics, Mikropolitiken). Warum sollte schließlich der Neger Auto fahren, wo es doch hier auch immer weniger können! Schließlich ist die „linke Kritik am autoritärpaternalistischen Wohlfahrtsstaat der siebziger Jahre“ irgendwie einer feindlichen Übernahme zum Opfer gefallen: „Bestandteile linker Utopien wie ,Dezentralisierung‘ oder ,Autonomie‘ (sind) in gewisser Weise vom flexibilisierenden Kapitalismus aufgegriffen worden“ (AG Stadtpolitik und Regulation des Sozialen), was wiederum in gewisser Weise auf eine praktische Kritik an den kleinen Einkommen hinaus lief. Sollte man nicht schon von daher dem Neger seinen Autowunsch austreiben, indem man ihm klar macht, „daß man in einer Arbeitsgruppe diesen Ambivalenzen in beiden Richtungen nachgehen und auch nach Übereinstimmungen zu ,parallelen‘ Prozessen in den Metropolen fragen wird?“ (AG: Subsistenz etc.) Wenn wir uns endlich einig sind, daß ein Auto – jedenfalls für den Neger – der aufgerufen ist sich mit einem Denken auseinander zusetzen, daß sich „vom bisherigen Entwicklungsdiskurs ... ausdrücklich losgesagt hat und ihn nicht verbessern, sondern abschaffen und verbessern will“ (AG: Kritik des Entwicklungsdiskurses) – irgendwie gar nicht das Wahre ist, dann könnten wir gemeinsam mit ihm „einen eigenständigen sozialpolitischen Ansatz der Linken entwickeln und der ergibt sich strategisch aus der Politisierung von sozialen Grundrechten“.(AG: Soziale Grundrechte) Soviel ist gewiß: „Emanzipative Bewegungen müssen sich verdeutlichen, gegen was sie sich genau richten und für was sie einstehen wollen.“ (Podiumsdiskussion: Soziale Organisierung im globalen Kapitalismus) Nicht gegen den Neger, sondern für die Freiheit des Negers vom Auto. „Der globalisierte Kapitalismus macht es notwendig, Fragen sozialer Organisierung neu zu stellen – ohne dabei alte Erfahrungen zu vernachlässigen.“ (ebd.) Zu den alten Erfahrungen gehört zweifellos, daß der Neger ein Auto will. „Der restrukturierte, globale Kapitalismus ist keineswegs alternativlos und erzeugt weiterhin Widersprüche, die Ansatzpunkte für Widerstand und emanzipative Politik sind.“(ebd.) Eine wenig erfreuliche Formulierung kapitalistischer Widersprüche wäre zugegebenermaßen die alternativlose Forderung des Negers nach dem Auto und emanzipative Politik wäre ein solcher Widerstand gegen die Abschaffung des Entwicklungsdiskurses sicher nicht. Was macht man dann eigentlich? Mit dem Neger für Autos kämpfen? „Hier sind keine pauschalen Antworten zu erwarten, sondern müssen in verschiedenen Bereichen die spezifischen Gestaltungsräume ausgelotet werden.“ (ebd.) Aber was ist, wenn in den Gestaltungsräumen der praktizierten Entwicklungspolitik gar kein Geld ist für Autos, sondern wieder nur für die Slum-Brunnen in Harare? Es reicht!, hier will doch schon wieder einer einzig der Provokation wegen alles und JedeN provozieren. O.k., wir hören ja schon auf, aber wer erklärt uns jetzt die Sache mit dem Auto des Negers?

(Alle nicht gekennzeichneten Zitate entstammen dem Programm des 23. Bundeskongreß Entwicklungspolitischer Aktionsgruppen, WTO und soziale Bewegung im globalen Kapitalismus)