Editorial 35

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BAHAMAS-Redakteure können bekanntlich viel aushalten. Zwar hatte niemand ernsthaft erwartet, daß ausgerechnet 2001 das Jahr sein würde, in dem die BAHAMAS innigen Kontakt mit der organiserten AntiFA aufnehmen würde; welches Ungemach den drei angereisten Redakteuren das Stelldichein auf dem Göttinger Antifa-Kongreß im April bereitete, kann allein ihr Gastgeber bei nachträglicher Sichtung seines Weinvorrats ermessen. Die erdrückende Fülle konstruktiver Politikangebote, mit der sich die Bewegten dort gegenseitig bei Laune zu halten versuchten, die Menge konstruktiver inhaltlicher Ansätze, die zu Markte getragen wurde, diese ganze wunderbare Welt der Kontaktfreudigkeit, hat bei den Redakteuren zu so schwerer Depression geführt, daß zunächst nur Alkohol half. Irgendwann später einmal, das nahmen sie sich schon in Göttingen vor, würden sie ihren Haß gegen jeden vermittelbaren oder positiven Inhalt einmal so richtig aus sich heraus lassen. Und die Gelegenheit kam wenig später an einem längst im Terminkalender vorgemerkten Tag.

Das offizielle Berlin hat recht: Demonstrationen und Straßenfeste, die sich unter der Rubrik „revolutionärer 1. Mai“ zusammenfassen lassen, enden regelmäßig und gewollt in militanten Auseinandersetzungen mit der Polizei und der Zerstörung von privatem und öffentlichem Eigentum. Und schlimmer noch: Nach 14 Jahren fehlt den Hauereien jeder positive Inhalt.

Einer, der das nicht so gut findet, darf sich in der BZ vom 02.05.2001 zur Sache äußern; der Altlinke Christoph (40): „Ich habe in den 80er Jahren auch leidenschaftlich demonstriert.“ BZ: „Und warum jetzt nicht mehr?“ „Weil die Inhalte fehlen. Wir protestierten damals gegen Arbeitslosigkeit, die Macht der Nato und der Atom-Lobby. Wir hatten konkrete Feindbilder.“ Wie wahr: Am 1.Mai in Kreuzberg lassen sich keine abgestandenen Polit-Konzepte verkaufen, es geht allein um die Konfrontation mit der Staatsmacht, mit dem Ziel ihre bewaffneten Organe öffentlich zu demütigen. Eine im Steinhagel zurückweichende Polizeieinheit, wirksam qualmende Barrikaden, außer Gefecht gesetztes technisches Zeug der Polizei und der erfreuliche dumpfe Laut, den Pflastersteine auf dem Blech von Einsatzfahrzeugen erzeugen – das zählt. Die Abwesenheit von Inhalten, die allein im beständig wiederkehrenden Wort Revolution einen äußerst dürftigen Platzhalter gefunden haben, treibt eine ganze Schar frustrierter Sinngeber jedesmal erneut zur Verzweiflung. „Die schreien Revolution und wissen gar nicht wogegen“, meint Christoph. Die Herabwürdigung der Idee der Revolution für die „berechtigte“ Anklage politischer Fehlentwicklungen, der Mißbrauch des Traums von einer Sache zur Verfestigung des gesellschaftlichen Alptraums, das böse Ansinnen der Politik also, erscheint in Berlin wahlweise in der BZ und dem Publikationsorgan für antipatriarchale Fatwas, der Interim. Man weiß nicht so genau, wer hier randaliert, warum das ausgerechnet und nur in Kreuzberg stattfindet und warum regelmäßig Tausende demonstrativ applaudieren. Man will es aber wissen, erklären und nutzbar machen.

Nach dem kurzen Abend der Aktion machen sich, kaum abgekühlt, regelmäßig aktive Teinehmer an die Auswertung. Wenn endlich einmal das ganze dumme Politzeugs keine Rolle gespielt hat und es vielleicht gerade deshalb so mustergültig gekracht hat, sind sofort jene entsetzlichen Politverwalter zur Stelle, die sich Autonome nennen. Der üble Randalekitsch, den sie absondern („klar, daß in der Randale für Momente der Traum von einem Leben Wirklichkeit wurde, den man nicht kaufen kann und auch nicht soll“) ist Indiz ihres Vereinnahmungsbedürfnisses und schon heute drohen sie damit, allen anderen den 1.Mai 2002 zu versauen: „Und doch ist mit dem Ablauf dieses turbulenten ersten Mai erneut mit dem ‚revolutionären 1. Mai‘ anzufangen. Und das ist angesichts der nun offenkundig gewordenen ‚Gefechtslage’ in dieser Stadt allein für das mittelfristige Überleben einer gegen die existierenden ungerechten Verhältnisse gerichteten, wirklichen autonomen Bewegung von existentieller Bedeutung“ spricht „Timur und sein Trupp“ in der Interim vom 27.05.2001. Wie das mit den „existierenden ungerechten Verhältnissen“ nur gemeint sein kann, drückt in weniger existentiellen Worten Christoph, der Altlinke aus, der wenigstens wirklich Projektleiter von Beruf ist: „Dabei gäbe es immer noch so viel, wogegen man demonstrieren könnte.“ BZ: „Zum Beispiel?“ „Na, Arbeitslosigkeit. Davon sind doch gerade die Kreuzberger Jugendlichen seit Jahren akut betroffen. Aber so weit denken die Kids heutzutage gar nicht mehr.“

Vielleicht können die linken Projektleiter den Steinewerfern auch schon deshalb kein vorbehaltloses Lob zollen, weil deren Schlachtruf „Nie wieder Deutschland“ und der Vereinsname einer besonders aktivistischen Gruppe junger Leute „Belgrad“, sie unangenehm daran erinnert, wie tief sie schon gekommen sind beim Mitmachen für Deutschland und gegen die Serben. Auch das Outfit der Aktivisten hat übrigens den Befürchtungen nicht entsprochen: Weder erinnern sie an vegan-antisexistische Hundehalter aus der Wagenburg noch an die verkniffen durchhaltenden Altvorderen, die sich ihre revolutionäre Unverzichtbarkeit vorzugsweise auf Gedenkveranstaltungen für die Revolutionären Zellen gegenseitig versichern. Man gewinnt den Eindruck, es mit Leuten zu tun zu haben, die nicht von blasiertem Theoriedünkel umnachtet sind und es keineswegs für unter ihrer Würde halten, sich mit der Staatsmacht zu balgen und vielleicht deshalb den Adorno einmal mit kritischem Gewinn lesen werden. Leute, denen nach der autoritären Sekte oder dem noch autoritäreren Szene-Ghetto nicht der Sinn zu stehen scheint und die wissen, daß man sich Träume, anders als der Hordenführer Timur es sich in seiner vorzivilisatorischen Wahnwelt vorstellt, sehr wohl kaufen kann, zum Beispiel in Form von Kleidung, die nicht gleich beim ersten Anziehen penetranten Volxküchen-Mief ausdünstet.

Daß viele von denen mit den teuren Kleidern, statt schonungslose Kritik an linken Sinnstiftern und anderen Hordenführern zu üben, in Göttingen Kontakt mit der Volxküche aufgenommen haben, ist ihr Problem. Wenn sie sich jetzt aber mit den Uschis und Saschas der Kreuzberger Revolutionsverwaltung an einen Tisch setzen, um nicht zuletzt auch der BAHAMAS-Redaktion einen Feiertag zu vermiesen, dann seien sie schon jetzt vor den Folgen gewarnt: Ihre Träume werden so viel wert sein wie die Timurs, also unverkäuflich, ihr Essen wird vegan sein und ihre Kleidung wird nicht mehr darüber hinwegtäuschen können, daß der ranzige Sound Rio Reisers, der heute Blumfeld heißt, ihr Lebensgefühl bestimmt.