Editorial 36

Titelbild

Als wir in der „Sommerpause“ mit der Konzeption dieser Ausgabe begannen, wollten wir uns und den Lesern bzw. Unterstützern so etwas wie eine Atempause gönnen – selbstverständlich nicht im Sinne eines Rückzuges oder gar Distanzierung von den „interventionistischen“ letzten Nummern der Bahamas, sondern eher im Sinne einer Vertiefung der Grundlagen einer Kritik der weltweiten antisemitischen Formierung, deren praktische Vorhut, die Al-Aqsa-Intifada sich als Gegenstand der letzten Ausgabe schlicht aufzwang. Notgedrungen kamen dabei die den Texten zugrundeliegenden theoretischen Erwägungen nur in Form von Andeutungen, Abschweifungen oder Ausblicken zur Sprache.

Dem sollte in dieser Nummer, deren Schwerpunkt ursprünglich einer Kritik der zunehmend sinnentleerten Rede vom „Postfaschismus“ gewidmet sein sollte, abgeholfen werden. Diese Kritik hätte sich nicht nur gegen die fatale Historisierung des Nationalsozialismus gerichtet, die im Präfix „Post-...“ mitschwingt und stattdessen den Blick auf den Faschismus der Gegenwart gelenkt. Darüber hinaus sollte der strukturell marginale, in seinen empirischen Konsequenzen umso wichtigere Unterschied herausgearbeitet werden, der trotz des nachbürgerlichen Charakters aller kapitalistisch produzierenden Gesellschaften fortbesteht: der Unterschied nämlich zwischen Gesellschaften, in denen die negative Aufhebung von Klassenantagonismus und wie auch immer scheinhafter bürgerlicher Autonomie gegen massive Widerstände autoritär durchgesetzt werden mußte und deshalb auf halbem Wege stehenblieb und jener Gesellschaft, in der diese negative Aufhebung, die nur in antisemitischen Verlaufsformen sich ausdrücken kann, zur Gänze vollzogen wurde: in Deutschland.

Dann aber kam das fürchterlichste nur denkbare Ereignis, das die Dringlichkeit dieser Überlegungen mehr als bestätigte, ihre Ausführung in der ursprünglich geplanten Form aber suspendierten mußte: der islamistische Terrorangriff auf das World-Trade-Center. Zuerst herrschte in der Linken nur Schweigen, während aber schon klammheimliche Freude sich breitmachte und am linken Stammtisch, im linksliberalen Feuilleton und auf nahezu jeder Seite von taz und junge Welt der Beweis angetreten wurde, daß die feinsinnige „Dekonstruktion“ von Aufklärung und Zivilisation der Auftakt war für die offene Identifikation mit dem selbstmörderisch-völkischen Angriff auf das Symbol von Urbanität und Naturbeherrschung.

Der Kritiker verabscheut die Bestätigung, da ihn stets die Hoffnung leitet, daß er durch das Aussprechen des Furchtbaren einen Beitrag dazu leisten kann, daß es doch nicht einträte. Die kritische Feststellung, daß die ausufernde Projektivität Verstand und Vernunft unter sich begraben hat, gehört in diese Kategorie. Wie von der Gestalt Horst Mahlers exemplarisch vorgeführt, entpuppen sich drei Jahrzehnte linker Geschichte als bloße geistige Nachlaßverwaltung des Nationalsozialismus: der Antifaschismus als verschobene Bewunderung der Väter, der Antikapitalismus als mit internationaler Folklore aufgeladener Strasserismus und zu schlechter Letzt der Antirassismus als Bekenntniszur Pluralität völkischer Kollektive. Alle erbitterten Streitereien, alle Unversöhnlichkeiten stellen sich retrospektiv als harmlose Klassenkeilerei dar und zu guter Letzt zeigt sich die Linke als gegen die Juden und alle Aufklärung verschworene Rasselbande, als deren Klassensprecher der immer schon dabeigewesene Daniel Cohn-Bendit folgendes zu Protokoll gibt: „Wir sind gegen die Todesstrafe, für wen auch immer. Das gilt für die Anarchisten, die von Franco hingerichtet wurden, für Hans Martin Schleyer, der von Mitgliedern der RAF hingerichtet wurde, für Eichmann und auch für Ussama bin Laden.“ Die zionistischen Agenten abzustrafen „liegt an uns, an Europa, an der Bundesregierung, letztendlich die Fassungslosigkeit über eine solche Barbarei in eine produktive politische Katharsis umzuwandeln.“ (taz 22.9.2001) Eine derartige „kathartische“ Reinigung vom projizierten Bösen hat Deutschland unter Eichmanns Anleitung schon einmal vorgenommen – stünde heute ähnliches auf der Tagesordnung, worauf leider vieles hindeutet, würde auch die junge Welt gewiß nicht abseits stehen, erblickt sie doch im Anschlag auf das WTC eine Verschwörung wie diejenige, die zur „Reichstagsbrandstiftung“ führte und läßt aus hemmungsloser Solidarität mit den Mördern selbst das mindeste Vernunftvermögen fahren – man erinnere sich nur an Werner Pirkers bereits vor dem Attentat geschrieben Liebesode an die lebende palästinensische Bombe. Selbst der sonst geschätzte russische Präsident Putin wird wegen seiner Beteiligung an der Anti-Terror-Allianz als Wiedergänger Hitlers halluziniert, der, und hier schnappt die Projektion endgültig über, an eine „Endlösung“ für Moslems glaube.

Die komplette Identität zwischen den islamischen Volkstumskriegern und ihren deutschen Eichmann-Freunden gründet auf einem gemeinsamen, vollkommen verinnerlichten Krisenlösungsreflex: der Synthetisierung und Exterritorialisierung der gesellschaftlichen Widersprüche und des höchsteigenen verkorksten Lebens in einen selbstmörderischen Amoklauf gegen die bösen Mächte des Abstrakten, den Ami, den Juden, die Banken, die Sittenstrolche, den individualistischen Bürger, den vom Fron sich drückenden Sozialschmarotzer. So haben wir die Ausgabe über den Postfaschismus zurückgestellt und sie dennoch gemacht, genauer: sie wurde uns gemacht. Wie gern allerdings hätten wir auf eine so drastische empirische Einlösung des kritischen Begriffs verzichtet. Wer zur BAHAMAS steht, nicht als Partei, sondern als Versuch, die Grundlagen der Kritikfähigkeit überhaupt zu bewahren, wird in Zukunft gewärtigen müssen, mit seinen linken Freunden nicht mehr über Politik reden zu können, ohne sie aus Verachtung aus seinem Adressbuch streichen zu müssen; der wird gewärtigen müssen, auf Kiez-Discos modernisierte Versionen des Horst-Wessel-Liedes zu hören zu bekommen; der wird gewärtigen müssen, daß ihm beim bloßen Anblick linker Flugis ganz wörtlich der Kaffee wieder hochkommt. Eins aber wird er nicht gewärtigen müssen: Daß die BAHAMAS in der rückhaltlosen Denunziation all dessen auch nur ein Jota nachgeben wird.