Editorial 37

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"Wenn es am schönsten ist, muß man aufhören" - dieser Maxime folgten Generationen deutscher Linker und wurden endlich normal. Uni-Abschluß, feste Beziehung mit Option auf Nachwuchs und die erste Festanstellung waren früher noch gute Gründe, ein fast schon überreifes Kapitel der eigenen Biographie abzuschließen. Nicht aus Überdruß, sondern aus biographischer Sorge, aus dem Wissen um das hohe Gut der Nachhaltigkeit sozusagen, schloß man eine Lebensphase ab, um das Wertvolle daran, das, was einen menschlich bereichert hat, auch für nüchternere Zeiten zu bewahren. Doch wer heute, gerade im Hauptstudium angekommen, sich vornimmt, dereinst als aufgeklärter Studienrat auch nach dem Unterricht seinen Lieblingsschülern manches von dem mit auf dem Weg zu geben, was ihn in jenen wilden und radikalen Jahren bewegt hat, muß am Versprechen der Nachhaltigkeit verzweifeln. Wie soll man heute seinen revolutionären Lebensabschnitt sinnvoll gestalten, wenn jedem feurigen Aufbäumen gleich das Dementi folgt, jedes Bekenntnis dem Zweifel verfällt und man schon jetzt um späterer Sinngebung willen weit eigensinniger seinen linken Lebenslauf fälschen muß als später den bürgerlichen im Bewerbungsschreiben. Es ist zum Verzweifeln. Da hatte man gerade eine neue Aufgabe gefunden, sich aus ureigener menschlicher Empörung der Kampagne gegen den "US-amerikanischen Völkemord" am afghanischen Volk angeschlossen, da hatte man mutig vor dem dritten Weltkrieg gewarnt, und kaum wollte die Kampagne in Schwung kommen, stimmt wieder nichts. Auf der LLL-Demo, wo doch sonst immer Sinn sich einstellte, ermahnt einen die Modemafia: "Coole Kids tragen kein Pallituch". Die Medien präsentieren keinen Massenmord an Muslims, im nächsten Umfeld raunt es, daß die Deutschen diesen Krieg nie gewollt hätten, und so richtig sympathisch sind einem die Moslems ja auch nicht, schon wegen dieser Scharia-Geschichte. Kaum angefangen, bleibt schon wieder eine Sache liegen, als wäre die ganze ehrliche Empörung, die man in sie investiert hatte einfach nur ein Irrtum gewesen. Von älteren Kombattanten, die den Absprung nie geschafft haben, wie man mit einem leichten Stirnrunzeln sich eingesteht, erfährt man, daß früher alles anders gewesen sei. Seit mehr als 10 Jahren jedoch gäbe es verkappte Nazis innerhalb der eigenen Reihen, die mit einer Antisemitismuskeule behende umzugehen wüßten und gezielt Verwirrung im antikapitalistischen Widerstand stifteten. Doch, so flüstern einem die erfahreneren, wenn auch etwas zweifelhaften Genossen zu, mit den Umtrieben dieser Gestalten habe es bald ein Ende; sie seien inzwischen als Kriegstreiber, Sexisten und sonst was entlarvt worden.

Wer jung ist und noch genug Semester vor sich hat, um am guten Ende seines Lebensabschnitts der "revolutionären Jahre" nicht wegen des bevorstehenden Staatsexamens zu verzweifeln, dem bietet sich aktuell noch einmal eine Chance: Wo es in Afghanistan am revolutionären Subjekt gehapert hat, echte Klassenkämpfe in der islamistischen Öde nicht recht zu finden waren, da könnte man doch auf einen revolutionär verläßlicheren Kontinent ausweichen: Lateinamerika, genauer gesagt Argentinien. Da haben wir sie doch, die kämpfenden Volksmassen gegen USA und Weltmarkt, mit einem zweifelsfrei untadeligen Anliegen, so hofft man. Endlich könnte alles so richtig gut werden; Blamagen, wie die Liaison mit dem Islamismus eine war, sind dort nicht zu erwarten. Linksradikale ohne Furcht und Tadel, Riots, Plünderungen, stürzende Regierungen: Erfolge auf der ganzen Linie nicht nur in Argentinien, sondern auch - man soll nicht unbescheiden sein - schon jetzt bleibende Eintragungen imintimen Tagebuch "meiner revolutionären Jahre". Doch da ist sie schon wieder, die "Antisemitismuskeule". "Hagalil", eine Internet-Adresse, von der es doch immer geheißen hat, sie sei seriös, meldet, daß aus Argentinien in den nächsten Jahren eine der größten Auswanderungswellen seit vielen Jahren nach Israel bevorstünde. Wie zur Bestätigung wird am 16.01.2002 die vollständige Verwüstung eines jüdischen Friedhofs in Argentinien gemeldet. Und bohrend stellt sich die Frage, wie man um Gottes Willen ein cooles Kid bleiben kann, auch in der Erinnerung nach dem Staatsexamen. Wieder hat man das leidige "ideologiekritische" Problem mit den Juden am Hals. Diesen "Nebenwiderspruch" könnte man noch in bewährter Weise wegstecken, würde da nicht ein weiterer Mangel an diesem "kämpfenden Subjekt" stören - bis auf weiteres. Es kämpft, aber es ruft nicht die erwünschten Kontrahenten auf den Plan; weder die USA noch das argentinische Militär machen Anstalten, die Geschichte der 70er Jahre zu wiederholen. Vielmehr erscheint die wahrlich schwerwiegende Krise eine ebenso schwerwiegende nationale Aussprache nach sich zu ziehen, in der sich linke und rechte Peronisten die Bälle zuspielen und auch die radikale Linke immerzu "Argentinien" brüllt. Jedenfalls werden anders als 1996 in Albanien die Gefängnisse nicht geöffnet und auch die - teils symbolischen - Plünderungen laufen nicht aus dem Ruder ihrer peronistischen Anstifter.

Müssen wir jetzt umschulen und statt Antikapitalismus lauter schwierige Bücher lesen und uns auf der Demo beschimpfen lassen? Soll das etwa heißen, daß jeder Antikapitalismus notwendig und von vorneherein identisch mit Antisemitismus ist? Das würden noch nicht einmal verkappte Nazis, die man die Antideutschen nennt, behaupten. Der unmittelbar praktisch werdende Antikapitalismus ist aber alles andere als ein Remedium gegen den Antisemitismus. Und Antisemitismus ist auch kein äußerliches Phänomen, das sich im Revolutionsprozeß als leicht zu überwindende Kinderkrankheit überwinden läßt. Nein, Antisemitismus ist Maßstab dafür, ob eine Krise nach pathologischem Muster gelöst, also abreagiert wird, oder ob Ansprüche sich regen, die auf denKommunismus zielen.

Aber ob man das so kurz vor dem Staatsexamen noch alles lernen kann, und ob das Gewinn für jene nüchterneren Jahre danach abwerfen wird, in denen man sich doch seinen revolutionären Lebensabschnitt in nachhaltiger Erinnerung behalten will, das steht dann doch zu bezweifeln. Ist es denn wirklich ein Wunder, wenn man nach einer so gewalttätig aller Ideale beraubten revolutionären Jugend in reiferem Alter sich eher an Entwicklungsstörungen erinnert als an bleibende Utopien und seinem Therapeuten, der die Lieblingsschüler ersetzen muß, eingesteht, daß alles Elend mit der "Antisemitismuskeule" begann, die von antideutschen Nazis geschwungen wurde?