Editorial 40

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Man ist im Gespräch. In Leipzig oder in Duisburg, von Berlin ganz zu schweigen, hat man die Führung bereits übernommen – andere Städte stehen kurz vor dem Fall. Die Antideutschen mit ihrem „Zentralorgan“ BAHAMAS haben sich nach Jahren unermüdlicher Agitation an die Spitze der radikalen Linken gesetzt. Die AntiFa ist schon mehrheitlich antideutsch, reihenweise unterschreiben die verbleibenden Gruppen Kapitulationserklärungen. Die Jungle World ist nicht länger plurales Debattenorgan – der antideutsche Zugriff würgt jede freie Aussprache ab. Hören wir dazu Wolf Wetzel, der mit anderen Wölfen soeben ein Buch namens „Krieg ist Frieden“ im Unrast Verlag veröffentlicht hat: „Wer Lust an (psychoanalytischen) Spiegelungen hat, könnte verschwörungstheoretisch antworten und ein antideutsches Kartell aufdecken: mit BAHAMAS als Zentralorgan, Jungle World als pluralistische Vorfeldpublikation, antideutsche AutorInnen als Führungskader, einzelne Antifa-Gruppen als Interventionstruppen – und nicht zu vergessen mit konkret als aktuelles antideutsches Aussteigerprogramm und Reha-Zentrum für ehemalige Kriegskoalitionäre.“ (www.gegeninformationsbüro.de) Als er seinen Beitrag ins Netz gestellt hat, konnte er noch nicht ahnen, daß die Übernahme von konkret durch antideutsche Bellizisten nur noch eine Frage der Zeit war. Der konkret-Herausgaber hat, wie in der BAHAMAS Nr. 37 ultimativ gefordert, nachgegeben und den Redakteur Elsässer hinausgeworfen. Ab jetzt heißt es auch in der Hamburger Ruhrstraße „Sherry statt Sharia“ und Hermann Gremliza läßt George W. Bush endlich einen guten Mann sein.

Eine schöne Karriere. Und in diesem Sinne beglückwünscht sich die Redaktion zum zehnjärigen Bestehen und der vierzigsten Ausgabe ihres Blattes. Eine Geburtstags-Party im Kreuzberger SO 36, auf der die BAHAMAS beweisen wird, daß die Berliner Gruppe Fels Unrecht hat, wenn sie von sich und den anderen globalisierungskritischen Antisemiten behauptet, „wir sind jung, wir sind viele, und wir hören die bessere Musik!“, ist bereits angemeldet. Die Antifa Aktion Berlin (AAB) macht den Ordnungsdienst und wird alle Palitücher konfiszieren.

Woran liegt so ungeahnter Erfolg? Wolf Wetzel weiß es: „Und noch etwas besticht ganz gewaltig in der antideutschen Weltsicht: Sie ist eindeutig, klar wie ein gerader Strich von der deutschen (Nazi-)Vergangenheit zum Horizont des bald Drohenden gezogen, ohne Bedenken, Brüche, Widersprüche, Zweifel und Ungewissheiten – und Scham vor historischen Relativierungen.“ Doch noch regt sich Widerstand, noch gibt es Wetzel und seine L.U.P.U.S.-Gruppe: „Wir lehnen es entschieden ab, die US-Alliierten damit zu beantragen, diese reaktionäre Gegnerschaft zum ,Westen‘ dem Erdboden gleich zu machen und stehen den Fragen erst einmal rat- und hilflos gegenüber. Wie könnte unsere eigene Gegnerschaft aussehen? Mit wem könnten wir unsere Feindschaft teilen?“ Daß sie ihren Analphabetismus mit der Mehrheit der deutschen Bewegungslinken teilen, flüstert ihnen schon einmal die BAHAMAS-Redaktion. Aber weiter: „Wir teilen die Kritik an einem Antiamerikanismus und haben Angst, (wieder und anders) von Imperialismus zu sprechen. Wir spüren das heillose Durcheinander vieler Überlegungen, die Unmöglichkeit, diese tragfähige Analyse und Strategie zu übertragen. Uns fehlt eine Praxis, in der unsere Gegnerschaft erlebbar wird und an der die Entwicklung einer Theorie Anteil hat.“ Therapeutisch formuliert, muß zuerst die Angst vor den Verboten überwunden werden, die, „gesteuert von einem ,antideutschen‘ ideologiekritischen Reduktionismus“ (Robert Kurz, konkret 1/03), das Überich ausspricht. Danach muß allerlei „Durcheinander“ so geordnet werden, daß „eine Gegnerschaft gegen die US-Allierten“ und andere Antideutsche praktisch „erlebbar“ wird.

Seit November gibt es dazu in Hamburg reichlich Gelegenheit. Dort hat man in Polizei und Innensenator einen erlebbaren Gegner. Und zu verteidigen gibt es auch etwas: Bauwagen, in denen nebst Kanonenöfen und Hunden vegane Palituchträger hausen. Mühelos entwickelt sich eine Theorie, wonach das Bewohnen von Bauwagen kein menschenunwürdiger Zustand und solches Hausen nicht gegen bezahlbaren Wohnraum sofort aufzugeben sei, sondern vielmehr für wiedergewonnene Freiheit mitten in der Kälte der Städte stehe. Inzwischen reist die linksradikale Szene wegen Bambule nach Hamburg, um Gegnerschaft zu erleben. Obwohl sich eigentlich nicht mehr als die antideutsche Erkenntnis einstellen will, daß Leute, die Wagenburgen verteidigen, für eine Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung in kommunistischer Absicht nicht zur Verfügung stehen, ist man sich mit der AAB darin einig, daß die Bewegung das Ziel zu sein hat: „Ein kurzer Blick auf die Geschichte linker Kämpfe reicht aus, um sich daran zu erinnern, dass es noch nie ,reine‘ Bewegungen gab.“ (Phase 2, 1/03) Schließlich läßt sich auch mit Leuten, die bestenfalls einmal einen Tauschring aufmachen werden, der Coupons statt echtem Geld ausgibt, und sich so der barbarischen Seite des Kapitalismus völlig ausliefern, wenigstens Gegnerschaft erleben. Daß man in solchen Gemeinschaften sicherlich nicht konkret abonnieren wird, weil es teuer ist und man es nichts als lesen kann, liegt auf der Hand. Die Filmversion der neuen antiamerikanischen Aboprämie „Stupid White Men“ von Michael Moore wird man, kaum daß es ein bißchen wärmer ist, im Bambule-Freilichtkino zeigen.

Eine „Weltansicht“, die „eindeutig und klar wie ein Strich“ ist wie die antideutsche Kritik des Antisemitimus und des Antiamerikanismus, schätzt man auch in der „publizistischen Vorfeldorganisation“ der BAHAMAS nicht. Dort macht man, um „produktiver Brüche und Widersprüche“ willen, die man braucht, um sich nicht festzulegen, Bambule in den eigenen Seiten und druckt mal so nebenbei ein antisemitisches Dossier. Und auch der AAB-Saalschutz für die BAHAMAS-Party wird wohl ausfallen. Die Antifas müssen nämlich noch ein langes Papier darüber schreiben, warum sie als Deutsche Israel lieber nicht als faschistischen Staat bezeichnen wollen, es aber echt okay finden, wenn die dänischen und italienischen Genossen das wegen ihres nicht-deutschen „Sprechortes“ anders sehen. So gelangt man von der erlebten Erfahrung gemeinsamer Gegnerschaft gegen die US-Imperialisten zu einer sinnstiftenden Theorie, die da lautet: „No Bombs, No War, No Capitalism“. Denn man weiß ja: „Das häufigst angeführte Argument, die neue Antikriegsbewegung beherberge viele keineswegs emanzipatorische Kräfte, ist so richtig wie für sich bleibend unbedeutend.“ (AAB in Phase 2, 1/03)