Editorial 41

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Am 20. März 2003 ging ein Aufschrei durch die Welt: Bush at War – Amerika im Krieg (Bob Woodward, Platz 9). Man ahnte immer schon, daß Die Kriege der Familie Bush Die wahren Hintergründe des Irak-Konflikts (Eric Laurent, Platz 12) eher verdunkeln. Es geht nicht nur um die rechtswidrige Aneignung des irakischen Öls durch US-Konzerne, ein frecher Raub, der zudem in kolonialistischer Weise, der islamischen Welt eine ihr fremde Kultur aufzwingen will. Allzu deutlich haben die Amerikaner gezeigt, daß nicht nur der Irak, sondern darüber hinaus bald die ganze Welt für immer Im Schatten des Sternenbanners (Mark Hertsgaard, Platz 20) liegen könnte. Gerade die furchtbaren Bombardements ließen Erinnerungen hochkommen. Wer wollte jetzt, da Bagdad dem Erdboden gleichgemacht ist und mehrere Millionen Iraker in ihrem Blut liegen, noch bestreiten, daß die von der US-Airforce und der Royal Airforce begangenenVerbrechen gegen die Menschlichkeit eine nicht minder verbrecherische Vorgeschichte haben. Machen wir uns doch nichts vor: Der Brand, der in Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945 (Jörg Friedrich, Platz 13) entfacht wurde, hat die gleichen skrupellosen Urheber wie der in Bagdad 2003. Diejenigen, die bis heute keine Träne für die fünfjährige Anna und ihren vierjährigen Spielkameraden Arthur vergossen haben, die beim großen Feuersturm in Hamburg 1943 buchstäblich verdampft sind, werden heute auf die besorgte Frage Wer weint schon um Abdul und Tanaya? (Jürgen Todenhöfer, Platz 2) nur mit den Schultern zucken: Not our business. Diese Mitleidlosigkeit der angloamerikanischen Staatsterroristen hat einen zutiefst menschenverachtenden Grund. Ist der Bombenterror gegen Abdul und Tanya wirklich ein Kampf dem Terror und nicht etwa ein Kampf dem Islam? (Peter Scholl Latour, Platz 5). Wir müssen endlich den Führern dieser neuen Weltunordnung, diesen Stupid White Men (Michael Moore, Platz 1) einen dicken Strich durch die Rechnung machen und der Weltmacht USA – Ein(en) Nachruf (Emmanuel Todd, Platz 3) hinterherschicken, von dem sich dieses Empire auf tönernen Füßen nicht mehr erholen wird. Vorläufig heißt es aufstehen und mitmarschieren für den Frieden und dabei unverzagt Klartext – Für Deutschland (Jürgen Möllemann, Platz 7) und die Welt reden, die nicht nur in Gaza-Stadt unseren Kanzler feiert. Aber Vorsicht: Keine Spekulationen, nur harte Fakten, Nichts als die Wahrheit (Dieter Bohlen, Platz 18). Soviel zum Verhältnis von Millionen deutscher Friedensaktivisten zur Spiegel-Bestsellerliste (Sachbücher) vom 31.03.2003.

So weit so klar. Wir wissen definitiv: „Der Islam ist eine sehr männliche, aber auch eine sehr menschliche und tolerante Religion. Mit Terrorismus hat er nichts zu tun. Mohammed selbst hat immer wieder vehement Gewalt gegen Unschuldige verurteilt.“ (Todenhöfer, Platz 2) Und wir wissen auch: „Amerika glaubt immer mehr an die Ungleichheit der Menschen und immer weniger an die Einheit des Menschengeschlechts. All dies können wir ohne Einschränkung auch über den Staat Israel sagen. (...) Die zunehmende Unfähigkeit der Israelis, die Araber als menschliche Wesen wahrzunehmen, ist für jeden evident, der Nachrichten sieht und liest (...). Die Unfähigkeit der Amerikaner, in den Arabern Menschen zu sehen, gehört zu der allgemeinen Tendenz (...).“ (Todd, Platz 3) Kann man sich dann so etwas bieten lassen? „Ein ,Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus‘ will auf der 18-Uhr-Demonstration vom Rosa-Luxemburg-Platz mit einem eigenen israelbeflaggten Block nach Kreuzberg ziehen. Als Grund nennt ihr Sprecher Karl Herz die vielen ,Antisemiten‘, die an diesem Tag demonstrieren: ,Relevante Teile der Linken lassen keine Gelegenheit verstreichen, ihrem Israelhass Ausruck zu verleihen.‘ Zudem wolle man ein Zeichen gegen den Antiamerikanismus der Friedensbewegung setzen.“ (taz, 22.04.) Wie gut, daß es Wursthaar-Gunnar von der Berliner Anti-Nato-Gruppe (B.A.N.G) gibt, der stellvertretend für uns alle ausruft: „Wir werden nicht dulden, dass eine Demonstration von Kriegsbefürwortern und Anhängern der Scharon’schen Transferlösung das Gebiet von Kreuzberg betritt.“ Die B.A.N.G „ruft zu Blockaden gegen die Israelfreunde auf: ,Notfalls machen wir die Kreuzberger Grenzen selber dicht.’“ Bei aller Hochachtung für Wursthaar-Gunnar – ob er es schafft, zusammen mit Muschel-Meike und RAF-Brigitte gegen brandgefährliche Bellizisten zu bestehen, oder die B.A.N.G am Ende nicht selber Opfer eines Transfers wird, auf den glücklichen Ausgang eines so ungleichen Kampfes sollte man sich nicht verlassen. Zum Glück steht die Berliner Polizei noch nicht Im Schatten des Sternenbanners (Hertsgaard, Platz 20), sondern wie ein Mann hinter Wursthaar-Gunnar. Wenn gegen die ein Kriegsbefürworter aufmuckt, dann macht es einfach B.A.N.G.: „Aus Kreisen der Polizei kommt die Befürchtung, dass es wegen innerlinker Auseinandersetzungen in der Palästinafrage und eines geplanten „Israel-Solidaritäts-Blocks“ bei der 18-Uhr-Demo zu Schlägereien kommen könnte. Deswegen sei diese Demonstration auch noch nicht genehmigt.“ (taz, 17.4.)

Daß auf jeder Demonstration gegen den Krieg Kommunisten ganz vorne standen, ist erinnerlich. Daß Kommunisten wie das Kreuzberger Revolutionäre 1. Mai-Bündnis die Parole: „Keine Befreiung ohne Revolution“ ins Zentrum des manchmal doch zu bürgerlich-pazifistisch geprägten Widerstands gegen den imperialistischen Raubkrieg der USA und ihrer Lakaien rückten, kann gar nicht genug hervorgehoben werden. Selbst antideutsche Kommunisten, wie die Redaktion dieser Zeitung, konnten bei aller Befürwortung des Irakkriegs, nicht so recht daran glauben, daß die USA mehr als halbwegs erträgliche Verhältnisse für die Bevölkerung des Iraks herstellen würden. Auch wir glaubten, unterscheiden zu müssen zwischen der Befreiung von Terror, Unterdrückung und schlimmster Armut durch die US-Army und jener Befreiung, die den Menschen endlich als Herrn seiner eigenen Geschicke einsetzen würde. Wir gingen, offen gesagt, nicht davon aus, daß die USA am Kommunismus Interesse hätten. Jetzt aber das: „Inzwischen hält die Pressefreiheit wieder Einzug im Irak – unter dem Emblem von Hammer und Sichel. Als erste Zeitung nach der Wende erschien am Sonntag das Parteiorgan der Kommunistischen Partei des Irak (KPI), ,Tarik el Schaab‘ (,Weg des Volkes‘). Das achtseitige Blatt wurde kostenlos unter den informationshungrigen Einwohnern Bagdads verteilt. Ein Kommentator forderte in einem Leitartikel einen ,demokratischen, bundesstaatlichen, unabhängigen und vereinigten Irak‘.“ (Die Welt, 22.04.).