Editorial 42

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„Wer sich traut, von einem Kongreß zu berichten, den die Redaktion der Zeitschrift BAHAMAS veranstaltet hat, schwebt in großer Gefahr“, schreibt einer, der es sich dann doch getraut hat und trotzdem seinen Kopf noch oben trägt. „Wenn er nicht jedem Wort, das auf dem Podium gesprochen wurde, mehrfach und glaubhaft zustimmt, wird das Richtbeil herniedersausen, und erst wenn sein Kopf in den Sand rollt, wird die Nachwelt erfahren, ob es sich bei ihm um einen rasenden Antisemiten handelte oder bloß um einen gewöhnlichen deutschen Dunkelmann, ob er zum Mob gehört oder zur Meute. Aber seis drum. Am jakobinischen Stahl, der im Namen der Wahrheit und der Aufklärung und im Bündnis mit der Schwerkraft seine Arbeit verrichtet, stirbt es sich auch nicht schwerer als an einer versehentlichen Mißachtung der StVO.“ Was haben wir ihm bloß getan, dem Joachim Rohloff? Können wir etwas dafür, daß seine Texte nicht witzig sind, daß wir ihn nie zustimmend und nie ablehnend zitiert haben, weil er nichts zu sagen hat? Haben wir ihn dazu verdonnert, seinen Lebensunterhalt mit schäbigen Honoraren von konkret und Jungle World zu bestreiten? Daß er jüdische Intellektuelle wie Eldad Beck, René Pollack und Hannes Stein nicht mag, weil sie sich für Israel einsetzen und noch nicht einmal Linke sind, haben wir schon verstanden. Ihn deshalb einen rasenden Antisemiten zu nennen, wäre uns nicht eingefallen – wir wissen doch, daß er es als Lohnschreiber tut und nicht aus Überzeugung. Das gehört halt zum Auftrag, eine gesalzene Polemik gegen die Antideutschen zu schreiben, und das mit dem Fallbeil und der Schwerkraft, den Jakobinern und der Straßenverkehrsordnung ist doch auch richtig flott formuliert.

Was die Auftraggeber der Rohloffs gerne vergessen: Auch wenn der zuständige Laufbursche dreimal behauptet, auf einer BAHAMAS-Veranstaltung gewesen zu sein, man weiß eben doch, daß die Konferenz „Gegen die antisemitische Internationale“, die am 06. und 07. Juni in Berlin stattfand, von 19 Gruppen und Grüppchen, darunter die BAHAMAS, vorbereitet wurde. Wenn sie schreiben lassen, es seien 200 Leute da gewesen, dann wissen diejenigen, auf die es ankommt, eben doch, daß es 340 waren – und der Apell endlich das Recht auf freie Meinungsäußerung zuzulassen prallt an antideutschen Jakobinern bekanntlich ja sowieso ab.

Es ist schon blöd: Nur zwei Wochen vor der antideutschen Konferenz fand in München eine Konferenz namens Spiel ohne Grenzen statt, auf der wirklich alles geboten war, was zum freien Diskurs anregt. Doch obwohl Spitzenkräfte wie Rainer Trampert, Fritz Burschel oder Peter Bierl sich die Klinke in die Hand gaben, konkret, Jungle World, Phase 2 und Blätter des iz3w aufgerufen hatten, hat nichts gefallen außer dem bayerischen Biergarten im Innenhof der Universität München. Die 400 Teilnehmer erwachten erst dann aus ihrer Lethargie, als BAHAMAS-Autor Marcel Malachowski äußerst relaxed einige politisch ziemlich unkorrekte Tips in Modefragen gab und jede Kritik des Publikums an Markenprodukten zurückwies und wenig später Stephan Grigat allen Israel-Kritikern ihr Recht auf freie Bedenkenträgerei bestritt.

Angesichts einer allgemeinen Entsolidarisierung von Israel, gegen die sich nur völlig unzureichend ein Gegengewicht schaffen läßt; angesichts einer schleppenden Diskussion und kaum vorhandener Recherche über den Islamfaschismus vor der Haustür und im europäischen Ausland – von den agitatorischen Aktivitäten praktischer Art, die mangels Masse leider unterbleiben müssen, ganz zu schweigen –, angesichts solcher nicht gerade ermutigenden Umstände war die Konferenz „Gegen die antisemitische Internationale“ in Berlin ein Erfolg. Sie war erfolgreich, weil sie nur antideutsch und kommunistisch war, also die Protagonisten des akademischen Diskurses genausowenig geladen waren wie irgendwelche Vermittlungskünstler. Sie war erfolgreich, weil man offensichtlich über eigene Kommunikationswege verfügt, die sich als effizienter erweisen als 100 Zeitungsanzeigen und tonneweise Informationsmaterial im Vierfarbdruck. Und sie war erfolgreich, weil anders als bei der Konferenz „10 Jahre danach – eine antideutsche Bilanz“ von 1999 die Vorbereitung eben nicht allein bei BAHAMAS und ISF lag, sondern wirklich bundesweit getragen war – auch inhaltlich. Die Referate des Abschlußplenums, die Dokumentation jener Diskussionsrunde, in der die drei jüdischen Freunde Israels, die der Rohloff nicht mag, mit antideustschen Kommunisten diskutiert haben und ein Beitrag des Podiums zum Antiamerikanismus, stehen in diesem Heft, die nächste Ausgabe der BAHAMAS bringt einen Nachschlag.

Thomas Fieberg, Freund und Genosse der Redaktion BAHAMAS ist im Juli gestorben.