Editorial 43

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Immer wieder fragen wir uns, ob wir eigentlich noch links sind. Man liest so viel Widersprüchliches über BAHAMAS, Antideutsche, Araberfeinde, Rassisten, daß man davon ganz blöd im Kopf wird. Aber der Reihe nach: „In Berlin findet seit Jahren im November eine Demonstration statt, deren Teilnehmer offen zur Vernichtung des Staates Israel aufrufen. Lange interessierte sich die Öffentlichkeit kaum dafür. Kritiker wurden von der Polizei gar mit der Bemerkung abgefertigt, es herrsche schließlich Meinungsfreiheit in diesem Land. Damit war dieses Jahr Schluß: Es gab Proteste und eine Gegendemonstration, auch radikale Linke waren dabei. Gut, daß eine antiimperialistisch verkleidete Israelfeindlichkeit ihre Gesellschaftsfähigkeit zu verlieren beginnt.“ Erschienen ist dieser optimistische Text in der FAZ vom 23.11.2003. Zum Protest gegen die islamfaschistische Al-Quds-Demonstration hatten das Bündnis gegen IG Farben, die Gruppen offene Rechnungen, queer for israel, liberté toujours, die ag_antifa_uni_potsdam, die Antifaschistische Aktion Dortmund (aado), die GWG Köln, progress [antifascist youth], Samuel Laster, Alex Feuerherdt und natürlich die Redaktion Bahamas aufgerufen. Wer von den 150 Teilnehmern jetzt radikaler Linker war, bleibt umstritten. Denn ein anderer Redakteur ist nicht nur auf eine unbekannte Zahl radikaler Linker gestoßen, sondern auf lauter Kommunisten: „Die ‚Antideutschen‘ sind eine Strömung innerhalb der linksradikalen ‚Antifa-Bewegung‘, die mit dem klassischen Antiamerikanismus und Antiisraelismus der deutschen Linken gebrochen hat. Nach ihrer Einschätzung ist der Islamismus eine neue Spielart des Nationalsozialismus, und Israel und die USA stellen die aktuellen Vorposten im Kampf gegen diese neue faschistische Gefahr dar. So kam es, daß sich ‚antideutsche‘ Demonstranten hinter der Polizeiabsperrung bei cooler, lauter Popmusik (‚Liebe zu dritt‘ von ‚Stereo Total‘...) aufgepflanzt hatten, martialisch riesige Israel- und Stars-and-Stripes-Fahnen schwenkend. Vorneweg ein Transparent mit der Aufschrift: ‚Für Israel! Für den Kommunismus!‘

Darauf angesprochen, wie beides wohl zusammenpasse, erläuterte ein Demonstrant: Unter Kommunismus verstünden die Antideutschen etwas ganz anderes als den Stalinismus, nämlich einen ‚Verein freier Menschen‘ im ursprünglichen Sinne von Marx, also etwas ganz und gar individualistisches. (...) Gegenwärtig aber spielten Israel und Amerika eine fortschrittliche Rolle. Bush und Sharon also als unbewußte Förderer des Kommunismus? Na ja, wenn man so wolle, so ungefähr schon, meinte der Demonstrant mit der großen US-Flagge schmunzelnd.

So ließ sich an diesem ruhigen, lauen Novembernachmittag in Berlin auch noch ein wenig historische Dialektik der besonders pfiffigen Art studieren.“ So die Online Ausgabe der Zeit (http://www.zeit.de/2003/48/demo).

Die Berliner Morgenpost findet uns nicht kommunistisch, sondern eher so allgemein links: „Während die Islam-Demo wenige Hundert Meter entfernt vorbeizog, demonstrierte ein Bündnis linker Gruppierungen an der Ecke Wilmersdorfer Straße und Krumme Straße in Charlottenburg für mehr Solidarität mit Israel. ‚Kein Fußbreit den Islamisten‘ war die Parole der 100 Demonstranten, ebenso deutlich wurden sie während ihrer Ansprachen: ‚Der Islamismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Wir begegnen ihm mit Haß“, sagte Sören Pünjer von der ‚Redaktion Bahamas.’“ (23.11.)

Das hat einen, der unter der Kennung „war mal“ schreibt, dann doch gewurmt. Er weiß, daß es jedenfalls in London nur Antisemiten gibt und wir deshalb bestenfalls eine Antifa mit Anführungszeichen sein können: „Das ist wohl so ähnlich wie: Schiebt die Kanaken endlich ab! Tja die Berliner ‚Antifa‘. Ich war in London und habe versucht, einigen die Ideologie des ‚Anti’deutschtums zu erklären, aber auch nach zwei Stunden Erklärung haben die es nicht verstanden! Da waren ALLE solidarisch mit dem Kampf der Palästinenser, von Indy.UK bis Britenormalverbraucher, über den Schwarzen und Anarchos bis hin zu allen dort im meltingpoint versammelten Menschen aus sonst wo! Antiaraber sind Rassisten ohne wenn und aber!“ (http://germany.indymedia.org/20031167100.shtml)

Für Gandalf sind wir aus den gleichen Gründen wie für „war mal“ keine linke Gruppe : „lieber rehad, über das Statement eines vertrteters der ‚Redaktion Bahamas‘ wundere ich mich nicht, nachdem ich in der vergangenheit einige kritische Webtexte zu dieser organisation gelesen haben. Bahamas ist als antifaschistische Organisation angetreten, aber hat offensichtlich den Konsenz der linken Gruppen in Deutschland verlassen, der zum Pazifismus und Antiimperialismus bestand (...)Friede sei mit Dir.“ (Orthographie im Orig.) Talib wiederum wähnt sich als Jude und glaubt, daß wir ihn vergasen wollen, weil Doktor Gründel, der legendäre Gründer unserer Zeitung ihm und seinen Brüdern schlechte Namen gegeben hat – möge der gerechte Gott ihm vergeben: „die ‚linke‘ bewegung zu der die bahamas gehört werden als ‚anti-deutsch‘ eingeordnet. soviel ich gehört habe hat der gründer der bahamas araber als ‚ratten‘ bezeichnet. Mir kommen da irgendwie erinnerungen an ein deutschland vor ca. 50 jahren. Auch wenn diese sich als anti-faschistisch sehen sollten diese mal hinterfragen was ‚bedingungslose solidarität mit isra-hell‘ ist ?! as salaam alaykum, Talib“ (Muslim-Forum, 23. und 24.11., www.muslimmarkt.de) (Orthographie im Orig.)

Ein „erstaunter“ teilt auf Indymuslima mit, daß man an unseren Fahnen erkennen könne, daß wir unmöglich Linke sein könnten: „also linke tragen keine usa oder israel fahen (...) es ist sinnvoll, sich die welt differenziert anzugucken und die bahamas sind reaktionär wie die cdu und blasen in das gleiche horn, schmeißt die araber endlich raus, damit es in der brd keinen antisemitismus mehr gibt.“ (Orthographie wie immer im Orig.) Also, wie zum Teufel erkennt man denn nun Linke? Der Tagesspiegel berichtet von einem Protestzug aus dem Südosten Berlins: „Sie marschierten mit roten Fahnen auf und riefen linke Parolen wie ‚Hoch die internationale Solidarität‘. Mitgeführt wurde auch ein schwarzes Transparent mit der Aufschrift ‚support your local black block’“ (7.12.03) Sie „trugen nicht nur Palästinensertücher und Che-Guevara-T-Shirts, sondern auch rote Fahnen der Arbeiterbewegung.“ (Berliner Zeitung, 8.12.03) Das müssen sie gewesen sein, die Linken, ohne Israel- oder Amerikafahnen und ohne Anführungszeichen. Indes: „Mit ihren Kapuzen und Sonnenbrillen entsprachen viele Teilnehmer so gar nicht dem üblichen Klischee vom kahlgeschorenen Neonazi, sondern eher dem des linken Autonomen.“ (Berliner Zeitung). Es waren „200 Neonazis aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.“ (Tagesspiegel, 7.12.03)