Editorial 44

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Der Artikel über die aktuelle Lage im Irak fehlt in diesem Heft. Die Redaktion sieht sich gegenwärtig nicht in der Lage, zu beurteilen, ob es sich bei den Kämpfen in Falludscha und anderswo um den Bürgerkrieg einer minoritären Gruppe radikaler Schiiten handelt, die im Bündnis mit sunnitischen Saddam-Anhängern gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit alle Versuche sabotieren will, einen Irak zu installieren, in dem es sich zu leben lohnt, oder um den Beginn eines antiimperialistischen Volkskrieges im Zeichen des grünen Buches, der immer mehr Sunniten und Schiiten zusammen gegen die Besatzungsmächte vereint. Die Fähigkeit, die Tagespresse zu studieren, trauen wir unseren Lesern jederzeit zu, das linke Büro für politisch korrektes Zusammenkleben von Zeitungsschnipseln heißt Jungle World und nicht BAHAMAS.

Diejenigen, die immer schon wußten, daß die USA im Irak ihr zweites Vietnam erleben würden, werden sich damit nicht zufrieden geben. Hämisch wird jetzt schon mit dem Finger auf jene Minderheit gezeigt, zu der diese Zeitschrift allerdings gehört, die den Krieg der Koalition der Willigen gut geheißen hat. Hatte nicht gerade die BAHAMAS dem Nachkriegs-Irak blühende Landschaften verheißen? Hat sie nicht. Aber sie hat die unerhörte Frechheit gehabt, eine an die Kriegskoalition gerichtete Botschaft mit dem Titel Bush – the Man of Peace zu versehen. Das hat sie allerdings.

Zur Erinnerung hier noch einmal die beiden Schlußabsätze der BAHAMAS-Erklärung vom 10.04.2003: Der Frieden für den Irak ist noch kaum gewonnen, die Befreiung von Armut, Dummheit und Islamismus wird Jahre dauern – ob sie wirklich gelingt, vermag niemand zu sagen. Der Sieg über das Baath-Regime und die jetzt mögliche pax americana bzw. pax britannica ist allerdings die alternativlose Voraussetzung für jede menschliche, politische und ökonomische Verbesserung im Irak.

In diesem Sinne ist heute jenen kurdischen Kämpfern beizupflichten, die am 09.04.2003 auf ihrem triumphalen Vormarsch ein Transparent hochhielten, auf dem zu lesen war: Bush – the man of peace.

Sollte es den Aufständischen wirklich gelingen, sich im nichtkurdischen Irak in jeder Stadt und in jedem Dorf festzusetzen und in einer Mischung aus Geiselnahme der Zivilbevölkerung und Mobilisierung des religiösen Wahns bzw. panarabischen Nationalstolzes den permanenten Volkskrieg gegen die Besatzungstruppen genauso zu entfachen, wie gegen die von ihnen und ihren zivilen Helfern wiederhergestellte zivile Infrastruktur und die säkularen, egoistischen und deshalb dem Besseren verpflichteten Iraker, dann wäre die Mission tatsächlich gescheitert. Militärisch könnten die USA in eine Situation geraten, die wirklich der in Vietnam ähnelte, denn gegen Aufständische, die sich wie die maoistischen Fische im Volkswasser tummeln, ist kein Kraut gewachsen, gegen Selbstmörderfische schon gar nicht. Damit endet die Vietnam-Analogie auch schon. Allerdings nicht für europäische Kommentatoren, die wie Rüdiger Goebel (Junge Welt) oder Peter Scholl-Latour (Deutschland) schon seit über einem Jahr auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad des antizivilisatorischen Volkskrieges gegen Amerika geistige Waffen für den Djihad von Berlin nach Bagdad und zurück befördern.

Zur Ehrenrettung des Vietkongs gegen seine neuen Fans sei noch einmal gesagt, daß er eben nicht maoistisch und damit kein Anhänger jener agrarischen Blut- und Scholle-Heilslehre war, die dem islamischen und mehr noch dem deutschen nationalsozialistischen Djihadismus nachempfunden zu sein scheint. Der gegen die USA siegreiche Vietkong war im Gegenteil so sehr der Zivilisation verpflichtet, daß er aus genauso egoistischen wie humanitären, nationalen wie internationalistischen Gründen schon zwei Jahre später einen Angriffskrieg begann, um in einem opferreichen Kampf die Bevölkerung Kampucheas von einem der verbrecherischsten Regimes seit dem NS zu befreien, dem der maoistischen Roten Khmer. Ho Chi Minhs Vietkong paßte nämlich gar nicht in das Bild, das sich ihre westlichen Bewunderer meistens durchaus zurecht von Volksbefreiungsbewegungen machen. Der Vietkong kämpfte mit Hilfe der Bauern für die Entwicklung der großen Städte, gegen den autochthonen Stumpfsinn des Landlebens, für eine westliche, am Bild des freien Subjekts orientierte Gesellschaft, gegen religiös begründetes Kastenwesen und tradierte Stammestraditionen.

Die USA hatten den Vietnamkrieg nicht nur militärisch, sondern vor allem moralisch verloren. Nicht gegen die feixende Mehrheit in der UNO oder die noch üblere Blockfreienbewegung und schon gar nicht gegen die europäische linke Vietnam-Solidarität. Letztere hatte schon in den frühen 70er Jahren den Maoismus für sich entdeckt und 1979, soweit sie das Banner der Volksrevolution noch nicht gegen das ökologische Braunhemd eingetauscht hatte, die Volksrepublik Vietnam des imperialistischen Raubkriegs gegen das ruhmreiche kampucheanische Volk unter Leitung seines weisen Führers Pol Pot geziehen. Im Fall Vietnam haben die USA schlimmer als bei allen von ihnen gesponserten lateinamerikanischen Diktaturen ihre eigenen Prinzipien verraten, als sie ausgerechnet einer Befreiungsbewegung den Krieg erklärten, die mit ihnen in der Anerkennung zentraler zivilisatorischer Standards weitgehend übereinstimmte. Standards, die sie heute fast im Alleingang gegen arabische Mordbrenner im Irak und eine fleißig mitzündelnde Welt zu verteidigen versucht.

Wenn im ZDF zur besten Sendezeit Peter Scholl-Latour einem greisen Vietkongveteranen anerkennend auf die Schulter klopft, dann ist dieser europäische Internationalismus nur noch vom Vernichtungswunsch gegen die USA und das, wofür sie stehen, erfüllt und eine Verhöhnung des alten Mannes und der Ziele, für die er einst kämpfte – damals notwendig gegen die USA. Sollten die USA und ihre Verbündeten im Irak scheitern, dann ist nicht nur jede menschliche, politische und ökonomische Verbesserung im Irak auf unabsehbare Zeit vertagt. Diese Niederlage wäre zugleich ein Schlag mit unabsehbaren Folgen für jedes Projekt von Befreiung, das in Ermangelung von Kommunisten, die die ungenügenden zivilisatorischen Einsichten eines Ho Chi Minh nicht unterlaufen und über die Mittel zu ihrer Durchsetzung verfügen, nur von den USA und einigen wenigen Verbündeten, darunter Israel, aufrecht erhalten wird. Der Präsident, der im Irak einen Frieden installieren will, der den Irakern mehr als das Dahinvegitieren im religiösen Wahn oder unter der Knute des Baath-Faschismus einbringen soll, der ihnen ein besseres Leben als die Abhängigkeit von den schäbigen Almosen der UNO wünscht, schon aus eigenem Interesse, ist eben, wie immer das Unternehmen ausgehen wird: Bush – the man of peace.