Editorial 48

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Judith W. Lyotard, die notgedrungen theoretisch geschulte Wirtin eines einschlägigen Leipziger Lokals, hat es schwer mit den Kritikern unter ihren Gästen. „So wird zwar gerne Adorno ins Feld geführt, wenn der antideutsche Bartel Most sucht“, seufzt sie. Doch ausgerechnet Zitate, und seien es noch so kluge, als Äquivalent für Bier anzubieten, das geht ihr dann doch zu weit. „Statt den Begriff der Nicht-Identität zu reflektieren“, nämlich die von Bier und guten Zitaten, und die Zeche in der Landeswährung zu zahlen, „gärt dieser leider oft zu einfacher Totalität“, bemängelt sie. Das soll nicht sein. Praktisch müsse sich ausreichend Kapital für die Zeche im Geldbeutel erkennen lassen, bevor die Sache, in der Regel Bier, konsumiert werde. Reichlich irrational, gar idealistisch erscheint es ihr, dieses Verhältnis zu verwechseln, und sie weiß auch, wie man diesen Einwand gescheit ausdrückt: „Die Annahme, besonders der Initiative Sozialistisches Forum (ISF)“, deren Mitglieder bei ihren Leipzig-Besuchen besonders abgefeimt trinken und feilschen, „von der theoretischen Unerkennbarkeit des Kapitals aufgrund seiner praktischen Irrationalität etwa, verwechselt gut idealistisch Begriff und Sache.“ (Phase 2, Nr.16)

So sind sie, die Leipziger, bodenständige Theoretiker mit einem klaren Sinn fürs Praktische, dabei beachtliche Stilisten mit durchaus poetischer Vorliebe für schöne Metaphern und vor allem Meister einer zu äußerster Schärfung des Begriffs vordringenden Kritik, die niemals als „theorielose Replik“ daherkommt und schon gar nicht als „auf idealistischen Prinzipien basierende Polemik, wie sie auch die Bahamas spätestens seit dem 11. September 2001 in ungeahntem Ausmaß betreibt.“ (ebd.)

Obwohl so einschlägig abgemahnt, lädt das antideutsche Spektrum zu der von der Redaktion Bahamas initiierten Konferenz „Kritik und Parteilichkeit“ nach Berlin ein. Ausgerechnet die Bahamas, über die man durch ein keineswegs nur in Leipzig umgehendes Gerücht weiß, daß, wenn schon nicht die ganze Redaktion, so doch mindestens einer ihrer Redakteure irgendwo im Norden der Republik einmal gesagt haben soll, daß Theoretiker kranke, ja lebensunwerte Wesen seien, die „ausgemerzt“ gehörten. Vor gut zwei Jahren, bei der letzten antideutschen Konferenz, ging es noch nicht unmittelbar nationalsozialistisch zu, eher jakobinisch (oder doch schon stalinistisch?). Dort sollen immerhin schon Referate gehalten worden sein, die in ihrer theorielosen Polemik geeignet gewesen seien, jedermann, der anderer Meinung war, der Guillotine zu überantworten. So will es ein anderes Gerücht, das damals von der Jungle World verbreitet worden ist.

Man hat gelernt: Falsch verstandene Parteilichkeit läßt wohlverstandene Kritik in Alarmismus umschlagen und schadet so nicht nur dem theoretischen Geschäftsgang, sondern überantwortet die der Polemik ausgelieferten Kontrahenten in menschenverachtender Weise einer Industrie der Vernichtung, von der man mit Adorno weiß, daß alles zu tun sei, damit sie sich nicht nur nicht wiederhole, sondern damit auch nichts ähnliches geschehe. Parteilichkeit meint unter Deutschlands Linken, auch bei denen, die einmal vom antideutschen Kuchen genascht haben, in erster Linie den Wunsch, in den unmenschlichen Verhältnissen, in denen man sich eingerichtet hat, ungestört zu bleiben. Man mag sich zwar nicht, verhöhnt einander hinter kaum vorgehaltener Hand und legt größten Wert auf Distinktion. Gegen den Denunzianten allerdings, der ihnen allen nachweist, daß ihre Parteilichkeit immer das Bündnis mit den jeweils „fortschrittlichsten“ Kräften im Land und den ihnen angeschlossenen ideologischen Agenturen meint, hält man aufs parteilichste zusammen, nämlich wie Kumpane, die z.B. „linke Debatten über Imperialismus, Empire, Hegemonie und Neoliberalismus miteinander ins Gespräch bringen und gemeinsame Handlungsstrategien entwickeln“ wollen. (Phase 2, Nr. 17) In diesem Sinne reicht die Leipziger Redaktion ihren Berliner Parteigenossen von der Gruppe Kritik und Praxis (KP), „die vor nicht langer Zeit noch als ‚antideutsche Millionärskinder‘ diffamiert wurden“, brüderlich die Hand und freut sich auf den „vollen Erfolg“ einer ganz anderen Berliner Konferenz, „die ein Spektrum abdeckt, das breiter gestreut fast nicht denkbar ist“ (ebd.), und eben von der KP Berlin mitorganisiert wird: „Kapitalismus reloaded. Imperialismus, Empire und Hegemonie“.

Zu den Veranstaltern gehören u.a. das antizionistische Monatsblatt ak analyse & kritik, die antizionistische Theoriebeilage des ak, Fantomas, der altstalinistische Antizionistenverein Helle Panke, die, wie Phase 2 richtig schreibt, „für ihren antizionistischen Aktivismus bekannte Gruppe Linksruck“ und die antizionistische Sozialistische ZeitungSoz. Für die gehörige ideologische Nähe zu den 51 % der Deutschen, die am 18.9. links gewählt haben, stehen die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung, der BuKo und attac ein.

Wo Kapitalismus reloaded wird, schlägt man niemand anderem rhetorisch den Kopf ab und vermeidet es zugleich, den wirklichen Kopfabschneidern, zum Beispiel im Irak, die Reverenz zu erweisen. Man redet nämlich scheinbar gar nicht über den Irakkrieg oder über Israel, auch nicht über Antisemitismus oder den Islam. Es gibt einfach wichtigeres als den Umstand zu diskutieren, daß die Mehrheit der Konferenzausrichter den täglichen Terror gegen Israel völlig in Ordnung findet und Anschläge wie die von Madrid und London immerhin verständlich. Eine Zeitschrift, die die Konferenz unterstützt aber gemeinhin nicht zum Judenmord aufruft wie die Phase 2, steht ganz parteilich mit ihrem Namen dafür ein, daß Antisemiten als ehrbar gelten und nicht etwa polemisch und theorielos als Antisemiten kritisiert werden.

Die Parteilichkeit, die wir pflegen, zwingt uns dagegen ganz einseitig auf die Seite der Opfer der weltweit praktizierenden Parteigänger von Linksruck, Soz und ak. Eine notwendige Folge solcher Parteilichkeit ist die schonungslose und wo nötig polemische Kritik an Theoretikern aus Leipzig und anderswo, die lieber mit Unmenschen im Gespräch bleiben wollen und unter Kritik eine wissenschaftliche Disziplin verstehen, deren Seriosität ein immenser Fußnotenapparat verbürgt.

Wo Dahlmann, Lenhart, Krug, Nachtmann, Scheit, Wertmüller, Wilting und andere Bartels ihren Most holen und in welchem Verhältnis ihre parteiliche Kritik zur Theorie steht, mögen die Konferenzbesucher am 18. und 19. November dann selber beurteilen.