Editorial 49

Titelbild

Clara Wendel aus Köln findet antideutsche Männer nicht besonders feministisch: „Schon seit längerem feiern Menschen in der antideutschen Szene Polemik als Kommunikationsmittel ab; ihre Texte und Dis­kussionsveranstaltungen bieten eine breite Fläche für feministische Kritik. Dabei geht es nicht nur um manche Inhalte (Vergewaltigungsverharmlosung, Befürwortung der Verstümmelung intersexueller Menschen, Leugnung der Existenz patriarchaler Herrschaft, Negierung des Defini­tionsrechts der Überlebenden sexualisierter Gewalt etc.) oder um das konkrete Auftreten, das mit Hasstiraden, Ins-Wort-Fallen, Lautwerden und Kampfreden daherkommt, sondern auch um Denkschemata und Streitkultur. Der Verdacht drängt sich auf, dass mit diesem Redestil ein Nicht-ausleben-dürfen dominanter, (über-)sexualisierter Männlichkeit kompensiert wird, weil die Dekonstruktion des Machismo sich nicht zu eigen gemacht, sondern nur als Szenecode angenommen wurde.“ (ak, 20.01.06) Die Frauen und Männer dieser Redaktion gingen bis vor kurzem davon aus, daß überall, wo Feminismus draufsteht, unbedingt eine Clara Wendel dahintersteckt, die uns Streitkultur lehren will. Statt sich mit Frauenspersonen auseinanderzusetzen, die einen Redestil pflegen, der kompensieren soll, daß Hatun Sürücüs Versuch, ihre Weiblichkeit auszuleben, vor ihnen keine Gnade gefunden hätte, hat die Redaktion recherchiert, was nur wenig westlich von Köln, dort wo Sohane Benziane das Schicksal Hatun Sürücüs hat erleiden müssen, unter Feminismus gefaßt wird. Das Ergebnis der Recherche war so verblüffend, daß wir hiermit öffentlich bekunden: Wären wir Franzosen, hätten wir es tausenden Landsleuten und mehr als zwei dutzend laizistischen, migrantischen, linken und lesbischen Organisationen gleichgetan und uns schon vor einem Jahr ohne Wenn und Aber zum Feminismus bekannt. Als Franzosen nämlich hätten wir das Manifest des CFL (feministische und laizistische Koordination) vom 07.01.2005, das hier leicht gekürzt dokumentiert wird, unterschrieben:

„Es ist uns ein Bedürfnis zu versichern, wie sehr wir das Gesetz von 1905, das die Trennung der Kirchen vom Staat vollzog, wertschätzen; wir möchten dem Prinzip des Laizismus, dem Sockel unserer republikanischen Werte, Kraft und Lebendigkeit zurückgeben; wir rufen in Erinnerung, daß der Laizismus die Conditio sine qua non der Gleichheit zwischen den Frauen und den Männern ist.

Die Geschichte zeigt uns, daß in allen Zeiten die religiösen und kulturellen Integrismen zu einem Verfall der Humanität geführt haben. Heute ist Europa den wiederholten Angriffen des islamischen Integrismus ausgesetzt, der aus despotischen Ländern stammt, die die elementaren Regeln der Demokratie mißachten und die Frauen der Apartheid aussetzen. Mit einer Minderheit von Konvertiten als Komplizen und ermutigt durch die politischen Gefälligkeiten, die sie aus allen Lagern erfahren, mischen sich die Islamisten auf dem Feld der sozialen, antirassistischen und feministischen Kämpfe ein und etablieren völlig ungestraft Stützpunkte für ihre tödliche Ideologie. Die kommunita­ristische Linke, verblendet von einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Antirassismus und bestärkt durch den Opferdiskurs der Integris­ten, rollt ihnen den roten Teppich aus und schließt die Augen vor den Verletzungen der Rechte der Frauen. Die identitäre Forderung ist der Vorwand für alle weiteren Ausuferungen: Der Schleier, den die moslemischen Frauen tragen, sei ein emanzipatorisches Zeichen; die Weigerung, die Durchmischung der Geschlechter zu akzeptieren, müsse wegen des Respekts vor dem kulturell-religiösen Relativismus geduldet werden; die Zwangsehen genauso wie die Genitalverstümmelungen seien so lange hinzunehmen, bis sich die Mentalitäten geändert hätten. Zum gleichen Zeitpunkt ergreift auch die den Vatikan umschmeichelnde katholische extreme Rechte die Gelegenheit, um die Richtigkeit der angeblich natürlichen Unterordnung der Frauen zu bekräftigen. (…)

Nur der feministische und republikanische Laizismus kann der Offensive der Integrismen begegnen!

Wir stellen das Bündnis angeblicher Antirassisten und Humanisten mit dem politischen Islam, diesem erklärten Feind der Demokratie, in Frage; wir erklären, daß es keinen anderen humanistischen, antirassistischen und feministischen Kampf gibt, als jenen, der sich auf die strikte Anerkennung des Laizismus und der Gesetze der Republik beruft; (…) wir kämpfen dafür, daß der Laizismus, die Garantie für den Frieden und die Gedankenfreiheit, in Frankreich respektiert wird, und daß er überall als universeller Wert verteidigt wird; Wir appellieren an die Verantwortung der Politikerinnen und Politiker in diesem Land. Sie müssen alles ins Werk setzen, um ohne Zugeständnisse den Laizismus durchzusetzen (…). Es ist ihre Pflicht, dem Vorrücken des politischen Islam entgegenzutreten.

Wir, Frauen und Männer, Unterzeichner dieses Manifests, die wir uns auf einen laizistischen und republikanischen Feminismus berufen, sind solidarisch mit dem Kampf der Frauen überall in der Welt, die religiösen Verboten und den Traditionen unterworfen sind. Hier waren es Sohane Benziane und Samira Bellil, anderswo sind es Tausende Frauen, die gestorben sind, weil sie gegen diese Regeln verstoßen haben. (...) (www. journee-de-la-femme.com)

In Deutschland dagegen werden die wenigen Feministinnen, allen voran Necla Kelek und Seyran Ates, von den türkischen und linken Medien verhöhnt und von „Migrationsexperten“ vom Schlage eines Mark Terkessidis als Rassis­tinnen zum Abschuß freigegeben. In Deutschland, wo man die Gleichheit vor dem Gesetz für Teufelszeug hält, wo der antirepublikanische Integrismus als Volksgemeinschaft zwölf Jahre lang unangefochten geherrscht hat, würde man auf ein laizistisches und feministisches Manifest so antwor­ten: „Wir müssen den Willen zur Macht aus unseren Köpfen verbannen. Nur wo ohne Machtansprüche, heimliche oder offene Hierarchien und Herrschaftsansprüche gestritten werden kann, verschwindet das Prinzip Sieg oder Niederlage und damit das Prinzip Krieg.“ (Clara Wendel, ebd.)

In dieser Ausgabe der Bahamas finden sich die meisten Referate der antideutschen Konferenz „Kritik und Parteilichkeit“, die am 18. und 19.11. 2005 in Berlin stattfand.

Das Titelbild dieser Ausgabe zeichnete Joel Naber.