Editorial 51

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In den Wochen vor dem 19. August 1934, als unter dem Motto „Führer und Reichskanzler“ das deutsche Volk zu den Urnen gerufen wurde, um darüber zu entscheiden, ob in Zukunft die Ämter von Reichskanzler und Reichspräsident in der Person Adolf Hitlers vereinigt werden sollten, forderte die Frankfurter Zeitung führende Persönlichkeiten aus dem Ausland auf, in knapper Form zu begründen: „Wenn ich Deutscher wäre, würde ich bei dem Referendum für Adolf Hitler stimmen, weil …“. Unter den Befragten war damals auch Isabella Erdemez, ihres Zeichens die erst 23-jährige Gattin des schon bald danach gestürzten venezolanischen Arbeitsministers und zugleich charismatische Chefin einer patriotisch-revolutionären Jugendfront ihres Landes, die sich Anfang der 40er Jahre der peronistischen Bewegung anschließen sollte. Erdemez begründete ihre Zustimmung für Hitler so: „1. weil er der demokratisch gewählte Vertreter seines Volkes ist und seit seiner Wahl alles dafür tut, dieses stärker in die Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen, als es bisher der Fall war. 2. Weil seit dem Antritt seiner Regierung die Armen mutiger geworden sind (…) 3. Weil Hitler für eine neue Politik nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa steht und ein Nicht-Scheitern seines Kurses (durch Abwahl, Putsche, Streiks, illegitime Mittel aus dem Ausland …) die Chance für eine Entwicklung bietet, die unabhängig von (…) wirtschaftlich überlegenen Staaten das Land hin zu mehr sozialer Gleichheit und politischer Bildung führt. 4. Weil es der Welt zeigt, dass Alternativen möglich sind.“

Obwohl Vorläufer der Peronisten nicht nur in Argentinien schon vor den Erfolgen der faschistischen und antisemitischen Massenbewegung Juan Peròns in Lateinamerika in den Startlöchern standen, Leute, die Hitlers volksdemokratischer Erhebung bereits 1934 und nach 1945 immer noch huldigten – eine Isabelle Erdemez hat es nie gegeben.

Einen neuen Peròn, der dem alten an Skrupellosigkeit nicht nachsteht, und 2005 das venezolanische Volk erfolgreich per Referendum auf sich einschwor, gibt es allerdings. Es ist Hugo Chàvez, seines Zeichens Antisemit, Amerikahasser, Bündnispartner von sympathischen Ländern wie dem Iran und natürlich lautstarker Propagandist des irakischen Volkswiderstands – ein Antiimperialist reinsten Wassers also. Auch das Bündnis „Venezuela Avanza“, das „sich als Teil der internationalen Solidaritätsbewegung mit Venezuela“ versteht und 2005 eine real existierende Isabel Erdem zu einer Bekräftigung des Satzes „Wenn ich Venezolanerin wäre, würde ich bei dem Referendum für Chavez stimmen, weil …“ aufforderte, gibt es wirklich. Alles, was wir Isabella Erdemez in den Mund gelegt haben, hat Isabel Erdem wirklich gesagt (www.venezuela-avanza.de/html/chavez_wahlen.html), man ersetze lediglich Hitler durch Chavez, Deutschland durch Venezuela und Europa durch Lateinamerika.

Isabel Erdem also, geboren 1982, Jurastudentin, Mitglied der Roten Liste Trier, seit 2004 Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung und sogar im SprecherInnenrat der StipendiatInnen tätig, kann noch mehr als zusammen mit Sarah Wagenknecht für einen Caudillo der antiimperialistischen Bewegung zu werben. Sie hat hierzulande neben dem Erwerb juristischer Staatsexamen, einem Doktortitel und dereinst vielleicht eines Mandats für die Linkspartei auch eine ordentliche Flurbereinigung in der Linken ins Auge gefaßt, die ihr durch die Bahamas mit ihrem Redakteur „Clemens Dachmann“, aber auch von einer „Georg von Werth Gesellschaft“ ernsthaft unterwandert zu sein scheint. In einer „Sachlichen Betrachtung“ des Titels „Anti-deutsche Linke oder anti-linke Deutsche?“ (Utopie kreativ, Nr. 192, Oktober 06) erklärt sie, warum Adolf Hitler nicht die Alternative war, für die sie 1934 gestimmt hätte: „Zu behaupten, das Mittel des Protestierens zum Erreichen eines berechtigten Zwecks sei nur deshalb schlecht, weil auch Nazis – wenn man sie nicht daran hindert – eventuell mitmachen könnten, ist wohl dem vergleichbar, dass man z. B. keine Che-Guevara-T-Shirts mehr tragen dürfe, weil diese neuerdings unter Nazis Mode sind. Oder man dürfe nur deshalb nichts mehr gegen das US-amerikanische System und seine Kriege sagen, weil die Nazis vorgeben, etwas dagegen zu haben. Und man dürfte keine Palästinenser-Tücher tragen, weil diese auch von Selbstmordattentätern getragen werden.“ Tja, das Che-Guevara-T-Shirt. Im Lippischen Detmold, wo sich nicht nur die Wiege der „Georg von Werth Gesellschaft“ befindet, sondern 1822 auch die eines gewissen Georg Weerth stand, gedenkt man mit besonderer Inbrunst zwar nicht dieses Schriftstellers und Freundes von Karl Marx, wohl aber eines gewissen Hermanns, der Stammesfürst der Cherusker gewesen sei und in gut antiimperialistischer Art im Jahr 60 nach Christi Geburt den Römern so eindrucksvoll heimgeleuchtet haben soll, daß Germanien für weitere 500 Jahre von der Zivilisation abgeschnitten blieb. Auf den Hügeln des Teutoburger Waldes erhebt sich – nicht nur von Detmold einsehbar – das 1875 fertiggestellte Monumentaldenkmal dieses mythischen Stammesfürsten, das seither Pilgerstätte für Freunde der deutschen Nation, darunter besonders häufig von Nazis ist. Schlecht ist das Angedenken an einen altdeutschen Freiheitskämpfer deshalb bestimmt nicht, schließlich hat er doch „Mittel des Protestierens zum Erreichen eines berechtigten Zwecks“ angewandt und dem deutschen Freiheitsdichter Heinrich von Kleist zufolge sogar das patriotische Mittel der verbrannten Erde nicht verschmäht (siehe: Die Hermannschlacht, Berlin, 1810). Kreativere Deutsche als Isabel Erdem eine ist, haben im Auftrag des Lippischen Landesmuseums zu Detmold kürzlich ein schmückendes Revolutionsaccessoire in T-Shirt-Form kreiert, auf dem das heldische Profil des Eisen-Hermanns vom Teutoburger Wald in schwarzer Farbe auf rotem Grund zu sehen ist, untertitelt mit: CHErusker. Könnte man nicht so ähnlich eine revolutionär-antifaschistische Linie, etwa in der Art von Gregor Strasser oder des KPD-Programms „zur nationalen und sozialen Befreiung Deutschlands“ von 1930, graphisch auf den Punkt bringen? Immerhin schließt solche Aktualisierung des Che-Motivs die Bedürfnisse fortschrittlicher Nazis nicht pauschal aus, doch berücksichtigt der CHErusker richtungsweisend „Die Tatsache, dass es innerhalb einer bestimmten Gruppe immer auch fortschrittliches Potential bzw. immer auch reaktionäre Kräfte gibt, was eine genaue Beobachtung der einzelnen Akteure erfordert“. Doch das „wird von den Antideutschen häufig übersehen.“ (Erdem, ebd.)