Editorial 54

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Die Bahamas hält es schon deshalb nicht mit der Kultur, weil dieses Wort von seinen Benutzern, die sich auf einen Begriff von der Sache nicht festlegen lassen wollen, beständig der Kritik entzogen wird. Die Redaktion unterscheidet zwischen Zivilisation und Kultur, genauso wie sie Totalität und Partikularität strikt voneinander trennt. Nur so ist es möglich, sich einen Begriff von Kunst zu machen, die nun einmal mit Kultur nichts zu tun hat. Dies vorausgesetzt, ist es möglich, dem auf Adorno zurückgehenden Begriff von der Kulturindustrie, den Generationen Popbegeisterter okkupiert haben, um ihrem endlosen Geschwätz über Filme, Fotografien und Popsongs akademische Würden zu verleihen, etwas von seinem kritischen Gehalt zurückzugeben. Von Kultur­industrie zu reden, ohne eine Ahnung vom autonomen Kunstwerk zu haben, ist genauso sinnlos wie einer „Kritik“ anzuhängen, deren Verkünder das seiner selbst bewusste Individuum, also den Kritiker, für nicht existent erklären. Im Dezember '07 erschien „Deutschlandwunder“, ein Sammelband hochdiskursiver Texte, die „Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ zum Gegenstand haben. Die Herausgeber, Mitglieder einer spätadornieren­den Gruppe namens kittkritik, beenden ihr Vorwort so: „Wir hoffen, mit dieser Veröffentlichung radikal gegen den Zeitgeist nationaler Schmusestimmung zu verstoßen, indem wir seine gegenwärtige Gestalt in der Kulturindustrie zum Anlass nehmen, keine ‚bessere Kultur‘ nach Auschwitz zu fordern, sondern aufzuzeigen, dass es keine geben kann, solange aus Auschwitz Kapital zu schlagen und somit Staat zu machen ist.“ Einmal abgesehen davon, dass man gegen den Zeitgeist einer Schmusestimmung, was immer das sein soll, anders als z.B. gegen den § 129 a StGB nicht verstoßen kann, sondern bestenfalls anstinken, fragt sich doch: Soll man jetzt wg. Auschwitz das Gedichteschreiben verbieten oder nur die Produktion von Heimatfilmen, Fernsehserien und -dokus, oder gleich Kapital und Staat angreifen? Der Redaktion dünkt, dass Leute, die mit der einzigen Kunst, die jeder beherrschen sollte, der sich schriftlich äußert, so wenig vertraut sind, dass sie zwischen dem Wunsch, etwas Gescheites zu schreiben und dem Wahn, es auf Deutsch auch zu können, hin und her torkeln, es selber nicht so genau wissen. „Deutschland kann seit fast zwanzig Jahren beides heißen: die Nation oder der Staat – gegen dessen Repräsentanten freilich gewettert werden darf, gerade weil jede und jeder sich dünkt, im Namen der deutschen Nation, des vereinig­ten Vaterlandes zu sprechen.“ Die „AutorInnen“ rufen mutig aus: „Wir halten daran fest, ‚dass es nach Auschwitz keine gemeinsame Geschichte für die Landsleute und die von ihren Altvorderen Geschundenen gibt.’“ (Dehnert/Quadfasel 2002, S. 38) Soll heißen: Die Schreiber finden es nicht gut, dass in neueren deutschen Vergangenheits­aufarbeitungsfilmen immer der verfolgte Jude und die mutige Trümmerfrau Seit an Seit im Luftschutzbunker ihr gemeinsames Leid beklagen. Die Bahamas-Redakteure bedauern zutiefst, diesen Kulturbetrieb völlig übersehen zu haben, und fragen sich erschüttert: Wie konnte das geschehen? War’s der braune Großvater oder der Apo-Vater, der ihnen da aus dem Grab oder dem Ruhestand heraus die Feder aus der Hand schlug? Bisher ging die Redaktion leichtfertig davon aus, dass spätestens 2002, als in der Bahamas Nr. 39 die einzige vernichtende Kritik des beliebtesten deutschen Heimatromans nach 1989, Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ erschienen ist, über die gesamtdeutsche Verhöhnung der Opfer im Zeichen der Versöhnung mit den Tätern schon alles gesagt war und man sich nicht immer wiederholen soll, weil das langweilig und peinlich ist. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Bahamas-Redakteure haben nämlich ein Generationen-Problem, das sie unfähig macht, das theoretische Gebot der Stunde zu erkennen: „Kritische Theorie hat auf ihren historischen Gehalt zu reflektieren, will sie – als Reflexion auf die Erfahrung des Gegenstandes – diesen nicht verfehlen.“ Noch dieser dünkelhafte Schmarrn hat einen tieferen Sinn, der in den Wörtern histo­risch und Erfahrung anklingt und auf eine Hölle verweist, die Tina Heinz schon i. J. 2000 in „Gruppenexperiment – der Antisemitismus als Selbsterfahrung der Linken“ in Bahamas Nr. 36 durchschritten hat. „Die vorliegenden Beiträge“, so kittkritik weiter, „unterscheiden sich von bisherigen kriti­schen Auseinandersetzungen mit postnazistischer Kultur vor allem darin, dass sie – fast ausnahmslos – von Enkel­Innen der Tätergeneration verfasst sind und sich aus dieser Position in ihrer Kritik deutscher ‚Ver­­­gan­gen­­­heits­­­bewältigung‘ – mehr oder weniger explizit – auf deren generative Bedeutung beziehen.“ Was impliziert eine so gar nicht explizite Verschachtelung? Ein Blick in die fünfzehnte Fußnote gibt Aufschluss: „Wird einerseits in der ab den 90ern – vorrangig von ‚bahamas‘ und ‚konkret‘ angestoßenen – mit viel Furore diskutierten Kritik an der deutschen Linken deutlich, wie tief die intergenerative Schuldabwehr noch die dritte Generation bestimmt, so wird gleichsam plastisch, dass auch die Durchsetzung einer anfänglich kritischen Reflexion gegenwärtig in eine Ticketmentalität zu münden scheint, die sich – unter dem Aspekt des intergenerativen Konflikts betrachtet – als reflexhafte Abwehr gegen die elterlichen VorgängerInnen richtet: fanden und finden die Alt-68er Amerika scheiße, findet man Amerika super, wünschten die Altvorderen den ‚palästinensischen Sieg im Volkskrieg‘, wird man erfreut sein, eine Israelfahne zu hissen.“ Die Redaktion gibt bekannt: Redakteure und Autoren dieses Blattes haben weder Alter, Geschlecht noch Familie. Sie haben ausschließlich als Kritiker zu bestehen und schon deshalb Deutsch zu können. Sie entsorgt daher jede intergenerative Faselei über Opas und andere persönliche Verstrickungen von AutorInnen, die noch nicht einmal mit Israel solidarisch sein können, in die Bahamas-Mülltonne, deren Inhalt zwar nie mit viel Furore diskutiert wird, dafür aber Furore bei Leuten macht, die noch an das Gute im Adorno-Imitatoren glauben und soviel Ranküne von irgendwelchen Enkel­Innen, die ihn dauernd zitieren, nicht vermuten würden.


Ab der Nummer 55, die im Frühjahr '08 erscheint, wird der Preis der Bahamas auf 5 € angehoben. Die Redaktion gleicht so die erheblich gestiegenen Kosten (am stärksten die der Auslandsabonnements) aus, die weiterhin zum gleichen Preis wie Inlandabos angeboten werden. Bis zum 30. April 08 gilt für Neuabonnenten noch der alte Preis.