Editorial 55

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Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt in seinem Bericht für 2007 Entwarnung: Zwar trugen „Anhänger“ der „Antideutschen“ zu „einer deutlichen Polarisierung im linksextremistischen Gefüge bei. Inzwischen ist das spalterische Potential dieser Bewegung [aber] stark zurückgegangen.“ Im zur Analyse von Spaltungspo­tentialen weit berufeneren Politbüro des linksextremistischen Gefüges sieht man das ganz anders und berät darüber, wie eine Grenze zu „einer sich antideutsch nennen­den Perversion“ zu ziehen sei. Doch der Reihe nach: „der politische begriff für toten trakt, köln, das sage ich ganz klar, ist das gas. meine auschwitzphantasien da drin waren realistisch“, schrieb Ulrike Meinhof in einem Kassiber aus dem Gefängnis. Etwa zur gleichen Zeit kam sie anlässlich des palästinensischen Massakers an der israelischen Olympiamannschaft im Sommer 1972 in München zu folgendem Schluss: Diese Tat sei „gleichzeitig antiimpe­rialistisch, antifaschistisch und internationalistisch. Sie hat eine Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge dokumentiert, die immer nur das Volk hat.“ Nun habe „Israels Nazi-Faschismus“ seine „Sportler verheizt wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik“, die der „Moshe-Dayan-Faschismus“ (Meinhof bezeichnete Dayan im weiteren als „Himmler Israels“) betriebe. Bahamas-Redakteur Uli Krug hat diese für die Ulrike-Fans weniger erfreulichen O-Töne im Novem­ber 2007 in einem Jungle-World-Artikel so kommentiert: „Die RAF war ein bewaffneter Vertreter des deutschen Geschichtsrevisionismus, der einen grotesk überflüssigen Bürgerkrieg mit zwar echten Toten, aber gänzlich imaginären Fronten führte. Das nicht einmal im Ansatz bemerken zu können, war wiederum das Resultat einer Abschot­tung gegen jede Erfahrung – die aber wiederum nicht allein die RAF betraf, sondern letztlich die ganze militante ‚Neue Linke‘ samt ihrem dubiosen Antiimperialismus, ihren absurden Organisationsdebatten und ihrem selbstverliebten Militanzgehabe prägte.“

Damals ging das Gedenkjahr „30 Jahre deutscher Herbst“ zu Ende und Jutta Ditfurth legte gerade letzte Hand an ihren Beitrag zum Gedenkjahr „40 Jahre 68“, das Buch „Ulrike Meinhof. Die Biographie“, mit dem sie immerhin zutreffend bekundet, dass die völkische Antisemitin legitime 68erin gewesen ist. Am 20.1.2008 feierten an einem Ort, dessen Name schon über das selbstverliebte Militanz­gehabe der neuen Linken beredt Auskunft gibt, dem „Hamburger Polittbüro“, vor zahlreich erschienenem Publikum Jutta Ditfurth, Thomas Ebermann, Hermann Ludwig Grem­liza mit den RAF-Veteranen Karl-Heinz-Dellwo und Thorwald Proll von einem Gedenkjahr ins nächste hinein. Damals stand bereits der nächste Verdruss ins Haus, für den kein Spalter von der Bahamas, sondern der Historiker Götz Aly mit seinem ebenfalls pünktlich zum Jubiläum erschienenen Buch „Unser Kampf“ verantwortlich zeichnete. Gremliza leistete, wie es sich in einem Politbüro gehört, wegen Denunziantentum und objektivem Verrats an der revolutionären Sache noch einmal Selbstkritik und ging dann zum Angriff gegen die eigentlichen Feinde der Revolution über: „Ich gehörte ja damals zu den Denunzianten, ich habe in Konkret dazu aufgefordert, jeden RAF-Mann, der um Nachtlager bittet, bei der Polizei zu melden. Ich schäme mich heute dessen, worauf, wenn sich in ihrer Biographie etwas dergleichen fände, Aly, Kraushaar, Koenen, Reemtsma, Klug (!) und tutti quanti sicher ganz stolz wären.“ (Konkret 3/08) Wie aber verfährt man nun mit Renegaten, die wie Aly und mehr noch ein gewisser Klug, von den Anstiftern deutscher Volksstürme auch dann wenig halten, wenn sie es – anders als ihre Vorgänger – nicht weiter als zu einem glücklicherweise gescheiterten Bombenanschlag aufs Berliner jüdische Gemeindezentrum gebracht haben, worüber der Denunziant Kraushaar ein wichtiges Buch geschrieben hat? Thomas Ebermann, dem das Bonmot „Ja, es ist schwer, mit Adorno praktisch zu werden“ zu danken ist, wusste es nicht recht, die RAF-Veteranen waren mit ihrer Geschichte beschäftigt (Proll: „Man kann die Bastille nur einmal stürmen“) und Gremliza moderierte.

Also Jutta: „Aus dieser antideutschen Radikalen Linken ist aber inzwischen auch eine reaktionäre, sich antideutsch nennende Perversion hervorgegangen, zu der auch der vorhin zitierte Autor der Jungle World gehört. Wir müssen sagen, dass es in der Linken, nicht nur in der RAF, Antisemitismus gab. Und wir müssen die Attitüde des reuigen Sünders meiden, der behauptet, die Linken seien prinzipiell Feinde Israels gewesen und keiner habe je Jean Améry gelesen. Das ist einfach Bullshit.“ Und der birgt Spal­tungspotential: „Wozu diese angeblich antideutschen Neureaktionäre nützlich sind, ist die Stigmatisierung von sozialem Widerstand als antisemitisch oder islamistisch. Das dürfen wir nicht auch noch tun.“ Was macht man aber gegen Spalter? Ditfurth schlägt vor, aus den „massenhaften Fehlern“ früherer Jahre zu lernen und statt „ein Bußverhalten einzuüben, […] daraus klüger zu werden für kommende Kämpfe.“ Und die antideut­sche Perversion, was machen wir mit der? „Dazu gehört, eine Grenze zu ziehen zu dieser Sorte neuer Reaktionäre, von denen der Uli Krug ja nur eine Randfigur ist. Ich hätte heute Abend gerne ein bisschen über die sogenannte Gewaltfrage diskutiert, schade.“ Für eine Anekdote aus dem Jahr 1988 hat die Zeit dann doch noch gereicht: „Die beiden alten Leute sitzen in einem Zimmer und streiten über Gewalt: ,Also ich glaube‘, sagt Karola Bloch, dass man ganz ohne Gewalt bestimmt nicht auskommt.‘ Sie sitzt da ganz nonchalant, raucht Kette. ‚Selbstverständlich bin ich für Gewalt, nicht nur gegen Sachen, sondern gegen solche Menschen, die dem Fortschritt schaden. Da habe ich gar keine Skrupel.‘ Fährt die 83jährige Jüdin und Kommunistin fort und sagt in ihrer wunderschönen Sprache: ‚Da bin ich zu sehr als Revolutionärin aufgewachsen.’“ Wenn die alte Stalinistin erzählt, dann tritt das virtuelle Erschießungskommando gegen Volksfeinde und Diversanten an, und das spalterische Übel wird ein für allemal ausgemerzt. Wenn es die ewig junge und selbstverständlich nichtrauchende Radikalökologin kolportiert, wird Ketterauchen zum Ausweis unbeugsamen Charakters und wandelt sich seniles Geschwätz in wunderschöne Sprache. Wie nützlich auch, dass die als Volkskommissarin gegen Randfiguren wie Uli Krug ins Feld geführte „Kommunistin“ auch noch Jüdin war, man kann es gar nicht genug betonen.