Editorial 58

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Über Claus Schenk Graf von Stauf­fenberg hat man gelernt, dass er eine Weile gebraucht hatte, bis er seine mit Dynamit und Zeitzünder vollgepackte Aktentasche in der Wolfsschanze zurückließ. Bis ungefähr 1942 hat er in Hitlers Wehrmacht eine steile Karriere ge­macht und gleichzeitig in Gutsherrenart nicht nur über die Nazis die Nase gerümpft. Nach dem Einmarsch in Polen, an dem er führend beteiligt war, vermerkte er über die unter­worfene Bevölkerung: „ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich sicher nur unter der Knute wohlfühlt.“ Noch vor 20 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass dieses wie andere weniger antifaschistische Zitate Stauffenbergs Bestandteil einer Gedenkausstellung geworden wären. Und noch heute würde mancher Ausstellungsbesucher über die eher peinlichen biographischen Details mit diesem Stoßseufzer hinweg gehen: „Kann man nicht, statt gleichzeitig immer auch von Schuld zu sprechen, zum Jahrestag dieses Krieges einfach mal die würdigen, die im Krieg gegen die Nazis ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben?“ Im Unterschied zum Publikum wäre der Kurator einer Stauffenberg-Ausstellung mit einem solchen Zitat und der damit verbundenen Unterschlagung unschöner Fakten nicht weiter tragbar.

Dort, wo man die Leitung eines Kulturforums deshalb übertragen bekommt, weil man früher als Rapper mit dem Song „Fremd im eigenen Land“ von sich reden gemacht hat, oder kraft kamerunisch-freiburger Herkunft sich für die Förderung schwarzer Filmschaffender in Deutschland qualifiziert hat, gelten etwas andere Regeln. Die Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln wird vom Ex-Rapper Kofi Yakpo und Philippa Ebéné geleitet. Letztere hat als künst­lerische Leiterin des Hauses Ende August die von dem Journalisten Karl Rössel maßgeblich konzeptionierte Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ gekippt und auch den oben zitierten Ausspruch getan, ohne aus ihrer Werkstatt geworfen zu werden.

Einige Tafeln hatten die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus in der arabischen Welt zum Inhalt. Ebéné begründete ihre Zensurmaßnahme so: Das Thema Kollaboration sei im Kontext der Ausstellung „kontra­produktiv“, es sei vielmehr an der Zeit, „dass die weiße Mehrheit endlich einmal vor jenen auf die Knie geht“, die in Afrika gegen den NS gekämpft hätten um „danke zu sagen.“ Frau Ebéné, für die Afrika vorwiegend aus Togo und Kamerun besteht, weshalb sie über die arabische Frage nicht reden mag, verkündet stolz: „Ich bin nicht weiß. […] Es gibt eine Welt jenseits des christlichen Abendlandes und des Nahost-Konflikts“. Es wäre bestimmt aufschlussreich, im Zu­sammenhang mit dem NS zwischen dem schwarzafrika­nischen und dem maghrebinischen, also arabischen Afrika zu unterscheiden. Ausstellungsmacher Rössel hat in einem Artikel auf das Buch „Among The Righteous“ des amerikani­schen Nahost-Experten Robert Satloff hingewiesen, der mit dem „erklärten Ziel in den Maghreb“ gereist war, „positive Geschichte(n) über Araber aufzuspüren, die im Zweiten Weltkrieg Juden halfen.“ Er wollte arabische Antifaschisten finden, „in der Hoffnung, mit Hilfe dieser positiven Leitfiguren Araber zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anregen zu können.“ (Blätter des iz3w, Nr. 314) Satloff hat in zweijähriger Recherche lediglich einen Araber, der Juden versteckt hatte, gefunden, dafür aber Tausende, die sich schlimmste Verbrechen an Juden haben zuschulden kommen lassen.

Über die mögliche Unschuld des ganz schwarzen Afrikas am Zweiten Weltkrieg ist die Redaktion nicht informiert, die Mitschuld an Weltkrieg und Holocaust des arabischen Afrikas steht dagegen außer Zweifel. In die Köpfe inter­kulturell motivierter „Schwarzer“, die noch nicht einmal Anti­semiten sind, wird das nie hineingehen. (Ende 2008 hatte Frau Ebéné zu den arabischen Kulturwochen einen jüdischen Exil-Iraker eingeladen, was ihr den Boykott sämt­licher mitveranstaltenden arabischen Organisationen eintrug.) Sie leisten auch dann, wenn sie mit bekennenden Arabern weniger gute Erfahrungen gemacht haben, ihren Beitrag zur „One World“, wenn sie jenen, die, seit sie dort eingedrungen sind, die Schwarzafrikaner unterdrücken, einen schwarzen Persilschein ausstellen. Dass der histori­sche Nationalsozialismus über Europa nie hinausgekommen sei und die „Kolonisierten“ jenseits der Grenzen unter­drückte Völker und schon deshalb Antifaschisten seien, eint weiße deutsche Antiimperialisten mit der schwarzen Werkstattchefin. Solche Geschichtsklitterung ist eine Ver­unglimpfung der afrikanischen Kolonialsoldaten, die in den Armeen des britischen Empires gegen die Deutschen ge­kämpft haben, eine Verhöhnung der mehr als 5.000 in Nord­afrika von Nordafrikanern ermordeten Juden und folgt nur dem einen Zweck: Den neuen Nationalsozialismus, der als Islamfaschismus sein Unwesen treibt, der Kritik zu ent­ziehen. Die Deutschen sind gläubige Anhänger einer ge­rechten und gleichen Welt aus Tradition und Berufung und hadern mit Stauffenberg aus den gleichen Gründen wie schon Adolf Hitler. Ihnen geht der aristokratische Dünkel auf die Nerven, der ihn und andere sehr spät in den wirkungslosen Widerstand trieb. Als Dünkel gegenüber dem gemeinen Volk wird heute darüber hinaus jeder Versuch diskreditiert, Kollaboration mit dem Nationalsozialismus, gleich wo er aufgetreten ist, zu erklären und mit einem historischen Unwerturteil zu versehen. Philippa Ebéné zum Beispiel hält „ihr Publikum“ für so unreif, dass sie der „textlastigen, für deutsche Bildungsbürger gedachten Form“ der Ausstellung unterstellt, „an unserem Publikum in der Werkstatt der Kulturen vorbei“ zu gehen.

Die Gegner des Nationalsozialismus in Afrika kann man nur würdigen, wenn man hervorhebt, dass ihre Entscheidung so selbstverständlich nicht war, dass sie sich nicht für die schwarze oder weiße Rasse entschieden haben, sondern für eine Idee der Freiheit, die im Zweiten Weltkrieg aus den USA und Großbritannien kam und die bis heute weder in Afrika – am allerwenigsten im Maghreb – noch in Deutschland allzu viele Anhänger hat. Seit die Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Unheil weit über den Maghreb hinaus große Teile des sich islamisierenden Schwarzafrikas erfasst hat, wäre es an der Zeit, auch dem schwarzen Publikum in Neukölln so viele Texttafeln zuzu­muten, dass es zu lernen in der Lage ist, statt sie als Kom­parsen auf jenem nicht-weißen Karneval der Kulturen aufmarschieren zu lassen, der von der Werkstatt der Kul­turen seit nunmehr 14 Jahren ausgerichtet wird.