Editorial 60

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Wenige Stunden nachdem am 3. Juni dieses Jahres der apostolische Vikar von Anatolien, Erzbischof Luigi Padovese, in Iskenderun von seinem Fahrer ermordet worden war, wusste der Papst den Vorgang bereits zu erklären: Es handele sich „sicher nicht um einen politischen oder einen religiösen Mord“, sondern sei auf „persönliche Motive“, eine psychische Erkran­kung des Täters, zurückzuführen. Als die Wahrheit nicht mehr zu unterdrücken war, war sie schon keine Meldung mehr wert: Murat Altun hatte Padovese zunächst ein Messer in den Rücken gestoßen, den Fliehenden eingeholt, zu Boden geworfen und mit einem zweiten Messer die Kehle derart aufgeschlitzt, dass der Kopf fast vollständig abgetrennt war. Es gibt mehrere Zeugen, die bestätigen, dass Altun nach vollbrachter Tat gerufen habe: „Ich habe den großen Satan getötet – Allahu akbar!“

Dem Vorgänger Padoveses und Interimsnachfolger, dem Erzbischof von Izmir, Ruggero Franceschini, ist es zu danken, dass ein Teil der Wahrheit durchgesickert ist und vor allem, dass der Papst es inzwischen wegen seiner Verharmlosung der Mordtat mit innerkirchlicher Kritik zu tun bekommt.

Während Benedikt XVI. in beschwörendem Ton hervorhob, dass der Mord den „Dialog mit den Brüdern Muslimen“ nicht „verdunkeln“ dürfe, erklärte Franceschini gegenüber der Ta­geszeitung Il Foglio, der Papst sei falsch beraten gewesen, als er den antichristlichen Charakter der Tat bestritt. „Diese Tat hat wenig mit der türkischen Regierung oder mit Ankara zu tun, nichts mit persönlichen Motiven, sondern allein mit dem Islam“, sagte Franceschini. Er kenne die Schwierigkeiten der Christen in dieser Region, wo die türkische Regierung nichts tue, um den religiösen Minderheiten wie den Katholiken oder Armeniern zu helfen. „Da agieren islamistische Gruppen, die alles unter ihrer Kontrolle haben.“ (FAZ, 14.6.10)

Einen islamistischen Ritualmord als zufälliges Wüten eines Verwirrten herunterzuspielen, ist keineswegs und schon gar nicht zufällig die Entgleisung eines an sich und der Welt irre gewordenen Papstes und seines Beraterstabes. Nichts daran ist katholisch außer dem Anspruch, stellvertretend für Stadt und Weltkreis in universaler Absicht Bescheid zu geben. Doch das geschah nicht etwa zu dem Zweck, dem oder den mutmaßlichen Tätern ihre Untat zu vergeben, so sie sie denn bereuten – nein, es ging darum, die Tat ungeschehen zu machen und damit die Ankläger wie Bischof Franceschini vorab als nicht dialogfähig zu diskreditieren und die Frage der Schuld aus der Debatte zu nehmen.

Die großen Gräuel der letzten Jahre, die festliche Sieges­zuversicht der Pogrommassen der arabischen und sonstigen Straßen (im Juni war es der Mob einer hinduistischen Straße in Indien, der Christenpogrome veranstaltet hat) – vollziehen sich nicht, weil eine schier unaufhaltsame neue Macht jeden Widerspruch beiseite geschoben hätte und durch nichts mehr zu bremsen wäre. Weder stellen die Mörder einfach die Mehrheit, noch hält sie Entschlossenheit oder gar ein Heilsplan zusam­men. Sie vermögen sich als unbesiegbar zu präsentieren, weil jeder neue freche Zugriff, jede neue Untat ohne Konsequenz bleibt. Das macht jeden Pogrompöbel letztlich aus: Unrecht begehen zu können im sicheren Gefühl, dafür nicht zur Rechen­schaft gezogen zu werden.

Die Folgen sind bekannt: Wer einmal Blut geleckt hat, wird es wieder tun. Und wenn es auch nur eine Minderheit ist, die wirklich Hand anlegt, die Mehrheit wird vom ungestraften Tun der Mitbürger vergiftet. Sie sieht den Pöbel agieren und den Staat zusehen, sie sieht freche Lüge durch den Mordserfolg zur Flamme der Wahrheit sich mausern und lässt sich entwe­der anstecken oder zieht sich in Resignation und Verwirrung zurück. So entsteht jene Haltung der Schicksalsergebenheit, die als orientalisches Gefühl aus der jahrhundertealten Erfah­rung ständiger Willkür sich entwickelt und einen schwankenden Charakter begründet hat, geprägt durch Angst und Suche nach Geborgenheit in einer Gemeinschaft, die sich so schnell in ra­sendem Zorn gegen das Recht auflehnt. Dem Exzess folgt die Scham, der Scham die Rechtfertigung und der Rechtfertigung die Suche nach Schuldigen, die wiederum in wirklichen oder vermeintlichen Anklägern gefunden werden.

Das hat Gründe und geht einher mit einer Friedenstaube, die 1949 von Picasso gemalt den Verrat an der Freiheit, den Akt der Unterwerfung unter verbrecherische Gewalt und mut­willig verhöhntes Recht als menschheitsbeglückendes Tun beschönigt. Die Antwort auf den Nationalsozialismus in einem „Nie wieder Krieg“ zu finden war eine Lüge, die eine ganze Welt geeint hat – Deutsche Volksgenossen, die von den eigenen Verbrechen nicht reden wollten, stalinistische und maoistische Kader, die sich munter an die kriegerische Arrondierung ihres Imperiums machten, und jene Missvergnügten, die wie die briti­schen Trotzkisten noch 1940 nicht bereit waren, sich hinter ihre im Überlebenskampf stehende bürgerliche Nation zu stellen.

Wo gewachsene Tradition an ihr Ende kommt, die den „Ko­lonisierten“ (sind wir das nicht alle?) eigene Natur einer westli­chen, kapitalistischen Unnatur anheim zu fallen droht, da wird Widerstand zur Pflicht – gegen die Missionare der Zivilisation. In der Türkei ist das Wort Missionar längst zum Schlachtruf für zunehmende Übergriffe auf Christen geworden. Die Mord­hetzer und die Abwiegler im Staatsapparat können sich durch das offizielle Nichtverhalten des Vatikans bestärkt fühlen. In Deutschland steht der Katholizismus so sehr in der Defensive, dass die eigene Diözese den Erzbischof Mixa vorauseilend als Kinderschänder verleumdete. Das antikatholische Kartell für bekömmliche Triebabfuhr im Dienst der Volksgesundheit fühlt sich dadurch nur bestärkt.

Wie innig deutsche und türkische Christenhasser zusammen­stehen, wenn es gilt, den einzigen Staat gewordenen und dazu noch unfreiwilligen Missionar anzugreifen und anzuprangern, haben die Ereignisse auf der Mavi Marmara gezeigt. Gegen Israel wurde Friedensdienst zur Kriegspflicht, und den Katho­liken vom Papst bis hinunter zum letzten Kirchgänger hat es nichts genützt, dass auch sie den Angegriffenen zum Frieden ermahnten.

Für deutsche Kinderschützer und türkische Hetzmassen gilt analog, was Freud, der die Zäsur, die der Holocaust bedeutet, nicht mehr erlebt hat, 1938 über die „schlecht-getauften“ christlichen Völker geschrieben hat: „Ihr Judenhass ist im Grunde Christenhass, und man braucht sich nicht zu wundern, dass in der deutschen nationalsozialistischen Revolution diese in­nige Beziehung der zwei monotheistischen Religionen in der feindseligen Behandlung beider so deutlichen Ausdruck findet.“ (Studienausgabe IX, S. 539)