Editorial 62

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„Erich Fried zählt zu den bekanntesten Lyrikern der deutschen Sprache. Wenig bekannt sind jedoch seine politischen Gedichte, vor allem das Buch ,Höre, Israel!‘ von 1974“, behauptete der Arbeitskreis Palästina Salam-Shalom im Einladungsflyer zu einer Lesung, die am 1.7.2011 in München stattfand. Soviel Dreistigkeit ging den Mitgliedern der Gruppe Monaco, Verein freier Menschen dann doch zu weit: „Wie immer bei diesen Verrückten, die Wahrheit für eine Lüge verschwörerischer Mächte halten und sich ganz auf ihren antisemitischen Wahn verlassen, verhält es sich selbstverständlich genau umgekehrt: Erich Fried ist vor allem für seine als ‚Lyrik‘ verkauften Ressentiments gegen Israel bekannt“, schrieben sie in ein Flugblatt, das einige Beispiele aus der antisemitischen Produktion dieses Vorzeigejuden der deutschen Linken enthielt und gingen hin, um es zu verteilen. Die von Salam-Shalom waren empört und betroffen und bekamen dann den pseudolyrischen Dreck Frieds vorgelesen, denn die von Monaco sind nach wenigen Minuten wieder gegangen. Sie hatten erreicht was sie wollten: Freunde Palästinas, die nichts mehr fürchten, als zu den antisemitischen Feinden Israels gerechnet zu werden, mit der Wahrheit zu konfrontieren. Mit etwas organisatorischem Aufwand hätte man die Lesung auch verhindern können, aber wozu eigentlich? Die Anwesenden waren, wenn überhaupt, nur durch das verteilte Flugblatt belehrbar. Eine Verhinderung der Lesung hätte die Kameraden in ihrer Opferhaltung nur bestärkt und ihnen Sympathien von Leuten eingetragen, die sonst lieber auf Distanz zu diesem Intifada-Club bleiben.

Das ist das übliche Vorgehen von Antideutschen. Wo der Israelhass sich öffentlich manifestiert, versucht man Einspruch zu erheben, durch Wortbeiträge, Flugblätter, Kundgebungen vor den entsprechenden Tagungshäusern und manchmal auch eine blau-weiße Fahne, die gut sichtbar auf der Wegstrecke demonstrierender Berufspalästinenser mit deutschem Anhang aus einem Fenster hängt.

Am Sturm auf die Vortragssäle sind Antideutsche nicht interessiert. Sie halten nichts von Imponiergehabe und verteidigen keine Kieze, noch nicht einmal das antinationale Zentrum B5 in der Hamburger Brigittenstraße würden sie militant angreifen. Die dort eingenisteten Antisemiten bekämpft man, indem man sie anzeigt, wenn sie politisch motivierte Straftaten begehen und vor Gericht gegen sie aussagt. Die viel zahlreicheren nicht militanten Salam-Shalom-Antisemiten diskreditiert man in ihrem für Kritik wenigstens teilweise empfänglichen Umfeld – mit Texten.

Antideutsche sind nicht die israelsolidarische Antifa und verbünden sich nicht mit Leuten, die eine Mehrzahl von Juden als JüdInnen bezeichnen und zum Dank dafür, dass sie Gaza-Flottillen auch nicht so gut finden, ihr Recht auf „emanzipatorische“ Israelkritik respektiert sehen wollen. Eigentlich sind Antideutsche auch gar nicht auf die Zuschreibung, antideutsch zu sein, erpicht, verstehen sie sich doch ganz destruktiv als Ideologiekritiker. Damit haben sie erhebliche Veränderungen in den Vortragssälen hervorgerufen. Konstruktive Linke, wie einige Studenten aus Marburg, die sich Studierende nennen, sind nur noch in ihrem Gruppenamen D.I.S.S.I.D.E.N.T.. Wenn solche Leute deren geballte „interventionistische“ Praxis sie nicht davon erlöst, längst hilfloses Anhängsel von Linkspartei und Grünen zu sein, zu Vortrag und Diskussion einladen, kommen immer nur die paar Genossen, die es aus Pflicht tun, und auch von ihnen jedes Mal weniger. Meist ist es nämlich schon nicht mehr nötig, neugierige Menschen auf den konformistischen und autoritären Unfug, der sie da erwartet, per Flugblatt hinzuweisen. Die wissen schon selber, dass es wieder schrecklich langweilig werden wird und haben da so ihre Quellen: Für die wirklich Interessierten sind das die Zeitschriften Bahamas, Bonjour Tristesse, Prodomo, Polemos und die Bücher von Ça ira. Die anderen wissen aus Jungle World und teilweise selbst aus Konkret, obwohl beide bloß nicht mit Ideologiekritikern in einen Topf geworfen werden wollen, dass es nur dort spannend wird, wo die Autoren der oben genannten Blätter und des Freiburger Verlags referieren, und, ganz am Rande bemerkt, auch die Versammlungsräume voll sind.

Und doch hat der ideologiekritische Veranstaltungsbetrieb seit einem Jahr Probleme. Seit im Juli 2010 Justus Wertmüller in München in einer leider sehr lauten Bierschwemme nach zwei kurzfristig erfolgten Raumabsagen seinen Vortrag dann doch hat halten können, häufen sich offensichtlich von Linksradikalen zu verantwortende Versuche, Referenten aus dem Umfeld der Ideologiekritiker, und hier ganz besonders Autoren und Redakteure der Bahamas am Reden zu hindern. Das geschah in der Regel mit anonymen Drohungen und Einschüchterungen der Wirte oder Vereine, in deren Lokalen die Vorträge stattfinden sollten, wie mehrfach in München, aber auch in Lübeck und Jena geschehen; in einem Fall im November mittels einer öffentlichen Sitzung, in der die gesamte Leipziger Szene sich für Raumverbot, also Zensur aussprach; und in zwei besonders bedenklich stimmenden Fällen, im Oktober in Bonn durch die versuchte und am 27.6.2011 in Marburg durch die tatsächlich erfolgte Sprengung der Veranstaltung.

Normalerweise geschieht das arbeitsteilig. Zunächst findet man Fatwas im Netz, mit denen bewiesen werden soll, Bahamas und Freunde seien rassistisch, imperialistisch, rechtsradikal, frauenfeindlich und als aktueller Schlager: islamophob. Diese Gemeinschaft der Verleumder und häufig auch Zitatenfälscher, deren Mitglieder manchmal Namen haben wie der antizionistische Hochleistungstäter von der Jungle World, Bernhard Schmid, oder Peter Nowak vom ND bzw. der Jungen Welt, meist aber unter Pseudonymen wie lysis oder rhizom im Netz ihr Unwesen treiben, gibt die Stichworte für die „interventionistische Praxis“ von zumeist ziemlich derangierten Übriggebliebenen aus alten Kameradschaften wie Volx-Küche, Frauen-Lesben-Zusammenhängen oder der Antifa. Während die Täter in Bonn schnell als Mitglieder der marginalisierten aber extrem gewaltbereiten Roten Antifa Ruhr erkannt wurden und seit ihrem Angriff mit dem Laserpointer ein paar Probleme mehr mit Polizei und Staatsanwaltschaft haben, sind in Marburg erstmals Putztruppe und ideologische Stichwortgeber, angeführt von der wohlgelittenen Gruppe D.I.S.S.I.D.E.N.T., in Personalunion aufgetreten und haben erst die Fatwa verbreitet und dann durch Lärmen und Pfeifen verhindert, dass Thomas Maul zu Wort kam. Unter dem „antideutschen“ Titel „Die Bockwurstparty ist vorbei“ – einer der vielen Gründe, warum die Redaktion Bahamas für sich das Label antideutsch abgelegt hat – erging die Aufforderung zum Sturm auf den Hörsaal. Der erste Satz lautet: „Maul vertritt in seinen Werken und Vorträgen rassistische und antifeministische Thesen“, und zum Schluss heißt es: „Die Hetzthesen von Thomas Maul sind gefährlich und nicht hinnehmbar. Wir fordern: Keine Toleranz für antimuslimischen Rassismus und Antifeminismus in linken Diskursen! Gesellschaftskritik statt Schwarz-Weiß-Denken. Wir fordern weiterhin die Absage der geplanten Veranstaltung!“ Dazwischen erfährt man: „Antimuslimischer Rassismus ist in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet und kein Randphänomen, wie von Thomas Maul behaupte.“ Aber, fragt man sich plötzlich: „Was hat das alles mit Thomas Maul und der Linken Fachschaft [die ihn eingeladen hat, die Red.] zu tun?“ Er publiziert am falschen Ort: „Maul schreibt vor allem in der Bahamas, einem Blatt, das […] sich kontinuierlich nach rechts bewegt. Mittlerweile versteht sich diese Zeitschrift selbst nicht mehr als links, sondern als ,ideologiekritisch‘ und fällt u.a. durch antimuslimische Hetze auf. Bereits im Jahr 2003 attestierte sie z.B. dem extrem rechten Politiker Jean-Marie Le Pen „vernünftige Einwände gegen die ungebremste Islamisierung“.

Nun könnte jeder aus der Rubrik Mülltonne in Bahamas Nr. 43 wissen, dass der behauptete positive Verweis auf Le Pen eine Zitatfälschung, begangen von Bernhard Schmid, ist. Aber, und das ist ein Teil des Problems: Entweder ist man geneigt, den Schmids einfach zu glauben, oder man findet öffentlichen Rufmord gar nicht so schlimm, glaubt man doch zu wissen, die von der Bahamas bedienten sich der gleichen Mittel. Schmid hat am 21.11.2003 in der Zeitschrift Ak geschrieben: „Im selben Artikel kann Justus Wertmüller auf den französischen Rechtsextremisten Jean Marie Le Pen einiges abgewinnen: Dieser formuliere – im Kern berechtigte – „Kritik an einer irre gewordenen Gesellschaft“, wenngleich „auf widerwärtigem Niveau.“ Zwar könne man bei Le Pen von Rassimus sprechen, doch zugleich formuliere er allemal „vernünftige Einwände gegen die ungebremste Islamisierung“. In Bahamas Nr. 42 hatte Wertmüller geschrieben: „Der alte Rassist – er ist wirklich einer – hat gegen eine irre gewordene Gesellschaft, eine Kritik auf widerwärtigem Niveau formuliert, und es hatte sich ausgezahlt. Er hat rassistischen Hass und vernünftige Einwände gegen die ungebremste Islamisierung der Banlieues unter sein Dach gebracht, die Stimmen der berufsmäßig verängstigten Kleinbürger gesammelt und sogar aus jüdischen Kreisen Zustimmung erfahren.“ Wo Schmid in seiner Fälschung immerhin noch durchblicken lässt, dass es mit der Le-Pen-Freundschaft der Bahamas so weit wohl nicht her ist, übernimmt man heute unvermittelt, was Schmid schon unterstellt hatte: Die „vernünftigen Einwände gegen die Islamisierung“, stammten von Le Pen und die Bahamas stimme ihm zu.

Auch in Jena sehnt man sich eine alte, Hamburger Bahamas zurück, die es seit dem Erscheinen der Nummer 18 im Jahr 1995 nicht mehr gibt. Im Januar 2011 hat Carola Wlodarski-Simsek in ihrer Funktion als Referentin des Jenenser Stura in einem Antrag gegen eine Veranstaltung mit Wertmüller ausgeführt: Die Bahamas habe seit dem Jahr 2000 „einen scharfen inhaltlichen Wandel durchgemacht“. Heute richte „sie sich explizit gegen ‚Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, moralischer Protest gegen ausbeuterisches Verhalten (und) Streben nach solidarischen Wertegemeinschaften‘ (Wikipedia/Bahamas).“ Es sei sogar zu „verbalen Ausfällen gegen Menschen, die sich sozial engagieren (die Redakteurin Uli Krug durfte die Tafelhäuser mit dem Winterhilfswerk vergleichen)“ gekommen. Wlodarski-Simsek gehört einer der Linkspartei nahestehenden Gruppierung namens Stur-a-ktiv an und es war bestimmt nicht sie, die im Juni per E-mail dem Betreiber eines Lokals damit gedroht hat, man werde den in seinem Haus angekündigten erneuten Auftritt eines rechtsradikalen Rassisten in Jena gewalttätig unterbinden.

Die stu-a-ktivisten haben immerhin ausgeplaudert, was linker Interventionismus bezweckt: Moralischer Protest gegen Ausbeuter und die Etablierung solidarischer Wertegemeinschaften mit Tafelhäusern, sprich: Suppenküchen gegen Imperialismus und Zionismus. In anderen Regionen macht den Job die Umma im Dschihad und sprengt schon einmal, wie am 3.7.2011 geschehen, ganz der „Arabellion“ verpflichtet, im Sinai die Gaspipeline nach Israel in die Luft.

Wo es in Ägypten noch Widersprüche gibt, steht in Ausstiegsdeutschland die moralische Wertegemeinschaft wie ein Mann und braucht keine aktionistische Avantgarde mehr. Es gibt nur noch Kirchentage für ein Volk von Dissidenten, auf denen Margot Käßmann den Job besser macht als Carola Wlodarski-Simsek, und auf der anderen Seite eben die Ideologiekritiker, die sich gegen dieses Winterhilfswerk stellen. Bahamas-Autoren und jene, die ihnen zuhören wollen, haben also kein kleines Problem, denn die linken Interventionisten haben sich entschieden. Zwar können sie nirgends mehr eingreifen, wohl aber – wo man sie lässt – nunmehr stellvertretend für alle Deutschen den Terror von Verbot, Drohung und Nötigung gegen Kritiker einsetzen.

In Marburg glaubt man zu wissen, worauf es ankommt: „Trotz dieser Entwicklung wird sie [die Bahamas, die Red.] in Teilen der Linken weiter rezipiert – oder sich zumindest nicht klar abgegrenzt, weshalb Bahamas-Autoren immer noch in strömungsübergreifenden linken Medien wie Jungle World schreiben dürfen.“ Diesen Vorwurf der Kollaboration mit uns hat die Jungle World dann doch nicht verdient. Für jedes kluge Wort erscheint dort strömungsübergreifend der neueste Bernhard Schmid oder ein Stück Israelhass von Stefan Vogt; und vor allem: Bislang ist dort nichts über die Umtriebe gegen Ideologiekritiker erschienen, man hat schließlich eine Strömung unter den Abonnenten zu bedienen, die mindestens so dissident gestimmt ist wie die Marburger Bierputschisten. Die Phase 2 ist noch weiter und führt genau die feministischen Platzkühe, die das Redeverbot gegen Wertmüller im Conne Island maßgeblich zu verantworten haben, unter ihren Autoren.

Der Verein freier Menschen in München hat, kaum dass er vom Marburger Saalsturm erfahren hat, Thomas Maul zum Vortrag eingeladen. Und in Berlin werden noch im Juli Thomas Maul und Justus Wertmüller zum Thema sprechen. Was zu tun ist – und das ist eine dringende Aufforderung an alle Leser –, um weitere Erfolge deutscher Dissidenten in ihrem Kampf um die Säle zu verhindern, das sollte vor Ort diskutiert werden.