Editorial 65

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Der Richard Herzinger muss einer von diesen Wienern sein, deren Herz in Paris schlägt. Denn  nur in Wien bringt man es fertig, nach einer rohen Untat dem Opfer ein artiges „habe die Ehre und nix für ungut“ nachzurufen: „Dass im Übrigen Adorno auch viele kluge Dinge gesagt hat und insbesondere ein scharfer Beobachter [!] des Antisemitismus war, bleibt selbstredend unbestritten.“ Im Übrigen ist es nämlich so, dass es sich bei diesen scharfen Beobachtungen um elaborierte Gedankenwindungen handelt, die im fanatischen Glauben an die Determiniertheit des Menschen gründen: „Namentlich Horkheimer zweifelte im Übrigen später an der Weisheit mancher seiner eigenen, in der Dialektik der Aufklärung elaborierten Gedankenwindungen. Insbesondere der plumpe, spätmarxistische Determinismus des Kapitels Elemente des Antisemitismus erschien ihm zunehmend als unzulänglich.“  Im Jahr 1944, als ihren Gehirnwindungen das abstruse Traktat entwich, zu dem die Elemente des Antisemitismus gehören, saßen sie nämlich im Warmen: „Just in dieser historischen Situation zogen Adorno und Horkheimer in ihrem abstrusen Traktat gegen Kapitalismus, angelsächsischen Rationalismus und Positivismus, gegen die angeblich rücksichtslose Naturbeherrschung durch die instrumentelle Vernunft, sowie nicht zuletzt gegen die amerikanische Kulturindustrie vom Leder. Mittels ihrer obskuren Dialektik brachten es Horkheimer und Adorno fertig, zu einer Zeit, da die Gaskammern der Nazis auf Hochtouren liefen, die vermeintlich zu nackter kapitalistischer Zweckrationalität verkümmerte Aufklärung für den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch verantwortlich zu machen.“ Echte Wiener wissen, dass andere zur gleichen Zeit in Paris der Resistance angehörten und sich wohl deshalb später bemüht haben zu verhindern, dass der Determinismus endgültig triumphiert. In die Ankündigung zur Konferenz Die Kunst der Freiheit, die am 30.9. und 1.10.2011 stattfand, schrieben ihre Organisatoren: „Sartres Engagement suchte zu verhindern, dass der Nationalsozialismus nach seiner Niederlage endgültig triumphiert: im fanatischen Glauben an die Determiniertheit des Menschen.“ Auch sie räumten selbstredend ein, dass Adorno auch viele kluge Dinge gesagt hat und fügten ganz unparteiisch hinzu: „Dagegen wandte Adorno ein, solcherart Existenzialismus unterschlage die existierende Unfreiheit der Individuen in der modernen Tauschgesellschaft“. Ein Schuft, wer unterstellt, dass die Betonung „der existierenden Unfreiheit der Individuen“ hier und „der fanatische Glaube an die Determiniertheit des Menschen“ dort etwas miteinander zu tun haben könnten und dass sie am Ende so etwas wie „Zum Abschied sag ich leise Servus“ meinen. Wie sie es richtig gemeint haben, steht dann in Sans Phrase, einer Zeitschrift, die ganz der Rettung Adornos und deshalb ganz dialektisch auch der Freiheit von Adornos Determinismus gewidmet ist. Die Herausgeber scheinen mit Herzinger zu wissen: „Dass im Übrigen Adorno auch viele kluge Dinge gesagt hat und insbesondere ein scharfer Beobachter des Antisemitismus war, bleibt selbstredend unbestritten. Gerade darum aber sollte die Rezeption seines Erbes der Instrumentalisierung durch bornierte Doktrinäre wie den notorischen Antideutschen entrissen werden, die seine Schriften als unfehlbare letzte Wahrheiten zu zitieren pflegen wie einst die Maoisten die kleine rote Bibel ihres großen Steuermanns – um so ihrem redundanten, denunziatorischen Schrumpfmarxismus den Anschein einer intellektuellen Autorität zu verleihen.“

Das Verhängnis hat längst seinen Lauf genommen, nur noch mutiger Einspruch kann helfen. Herzinger weiter: „Es ist, nebenbei gesagt, eine skurrile Pointe, dass ausgerechnet die ebenso groteske wie marxistisch bornierte Sekte der Antideutschen, oder genauer: antideutschen Kommunisten, die unglückseligerweise große Teile der Israelsolidarität usurpiert hat (und sie so bei vernünftigen Menschen nachhaltig diskreditiert), und die ansonsten rund um die Uhr (fröhlich ist das Studenten- und Doktorandenleben…) damit beschäftigt ist, Spurenelemente verwerflicher deutscher Ideologie im Denken anderer Leute aufzuspüren, dieses im Geiste miefigster deutschen Kulturkritik verfasste Elaborat Horkheimers und Adornos – dem auch der Jazz als Manifestation amerikanischer Unkultur und Ausdruck rettungslosen Kulturverfalls galt –, zur sakrosankten, letztgültigen Offenbarung einzig wahrer Gesellschaftskritik erklärt hat.“

Sektenbeauftragte gibt es heute viele und immer meinen sie uns. Herzinger warnt vor dem roten Mob, seit er tief verletzt zur Kenntnis nehmen musste, dass das an Karl Popper geschulte Lob der Aufklärung seines Mitstreiters Alan Posener der radikalen Kritik von Philipp Lenhard in der Bahamas Nr. 64 verfiel. Wiener Freunde des gepflegten Essays über das zeitlos Wichtige sind verschnupft, weil wir ihren abgeschmackten Diskurs über Freiheit versus Determinismus nicht als nette Laubsägearbeit im Heimgarten des Diskurses durchgehen lassen, und wieder andere werfen uns vorläufig zwar nur „Antijudaismus“ vor, dafür aber eine gehörige Überschneidungsmenge mit den Nazis, wie Dr. Clemens Heni: „Ein deutsches Gericht urteilt über das Judentum, das die Beschneidung vor über 4.000 Jahren einführte. […] Selbst pro-israelische Aktivisten zeigen nun ein ganz anderes Gesicht und machen sich über das Judentum lustig. Offenbar hatten diese Leute schon immer ein Israel ohne Judentum im Sinn. Die Zeitschrift Bahamas aus Berlin folgte dem Ruf aus Köln, der FAZ und dem Zeitgeist und sprach sich gegen eine Kundgebung für Religionsfreiheit/für die Beschneidung aus und forderte ihre 23 oder 34 Anhänger auf, dieser ohnehin kleinen Manifestation vorwiegend deutscher Jüdinnen und Juden am 9. September 2012 in Berlin fern zu bleiben, da sie den kulturellen und religiösen Traditionen von Kollektiven grundsätzlich misstraut. Autoren dieses Sektenblattes wie Thomas Maul und Justus Wertmüller bezeichnen die Beschneidung als archaisch und diffamieren dadurch mit Verve das Judentum. Derweil kringeln sich die Neonazis, die NPD und autonome Nationalisten, da doch der deutsche Mainstream das Geschäft des Antisemitismus (bis auf die Verwüstungen jüdischer Friedhöfe und von Gedenktafeln, bis heute eine typisch neonazistische Form des Antisemitismus) übernommen hat.“

Die Redaktion Bahamas mit den Verwüstungen jüdischer Friedhöfe in Zusammenhang zu bringen, vermag nur ein Knalldepp. Dass Heni darauf überhaupt gekommen ist, hat etwas mit Sektenaustreibungswünschen zu tun, die bis in die Blogs der Welt reichen. Manchmal ist es uns selber unheimlich, dass unsere kritischen Feldzüge dauernd Verwüstungen anrichten. Gern würden wir einmal nicht nur stellvertretend Andere, sondern auch die wirklich Gemeinten überzeugen. Vielleicht fällt das deshalb so schwer, weil wir als Gegenleistung keine Mitgliedsausweise vergeben, mithin keine neue Heimat bieten.

Die Zitate von Richard Herzinger stammen aus seinem Blog Freie Welt und sind am 3.9. und am 8.10.2012 erschienen.