Editorial 66

Titelbild

In dieser Ausgabe erscheinen keine Zeitschriften-Anzeigen. Wir begründen das mit folgendem Textschnipsel: „Ist materialistischer Kritik Tod Telos des Kapitals, so seine Überwindung in dieser Bedeutung Movens zur Revolution. Aber, wie die ,les madeleines‘ in ihrem Artikel schreiben: ,Nur utopisch, nicht als unendliche Verlängerung des Ist-Zustands, ist die Überwindung des Todes zu denken.‘ Auschwitz war der Versuch dieser unendlichen Verlängerung, der im Postnazismus transformiert in allen Formen der Liebe zum Stillstand fortwirkt. Abzuschaffen wäre der Tod in dieser Bedeutung nur eingedenk der Toten.“

An der Verbreitung dieses grotesken Anschlags auf Sprache und Denken war die Bahamas leider beteiligt, denn wir haben die achte Ausgabe der Zeitschrift Extrablatt, in dessen Editorial er steht, sogar beworben. Anders kann der unbefangene Leser eine von gerade einmal zwei Zeitschriftenanzeigen in der Bahamas Nr. 65 gar nicht verstehen.

Mit der zweiten von uns beworbenen Zeitschrift steht es nicht besser. Zwar geht es in Köln bestimmt beschwingter zu als im etwas steifen Bremen, aber Telos und Movens der literarischen Produktion sind auch hier einem fortwirkenden, gar fortbrummenden Stillstand verpflichtet. Im Editorial der 17. Ausgabe von Prodomo heißt es: „Doch es besteht ein gattungsgeschichtlicher, tief sedimentierter Angstzusammenhang zwischen dem vergleichsweise harmlosen Angeglotztwerden an einer deutschen Bushaltestelle und etwa dem Martyrium jenes indischen Mädchens, das den tödlichen Fehler beging, die Männer im Bus für ihre Mitmenschen zu halten.“

Man muss schon ganz blöd im Kopf geworden sein von Spitzenformulierungen wie „tief sedimentierter Angstzusammenhang“, blöder noch als der blödeste Frauen- und Lesbenzusammenhang vergangener Jahre, wenn man den unsagbar grausamen Sexual- und Foltermord an Jyoti Singh Pandey in Delhi im Dezember 2012 in irgendeinen, gar „gattungsgeschichtlichen“ Zusammenhang mit begehrlichen Blicken auf eine Frau an einer Kölner Bushaltestelle bringt. Noch das „vergleichsweise“ vor dem „harmlosen Angeglotztwerden“ mussten sie in Anführungszeichen setzen, damit nur keiner glaubt, sie seien sich der Schwere auch dieser Grenzverletzung nicht voll bewusst. Das geschah, um irgendetwas Gescheites und doch auch ein bisschen Verspieltes zu einer Sexismus-Diskussion los zu werden. Denn so gewollt launig hebt das Gemeinschaftswerk an: „Mal was Positives zu Beginn: Diesmal ist es kein Jude, sondern ein Pfälzer, dessen Sozialschädlichkeit zur Verhandlung steht. Rainer Brüderle entfuhren auf einer Woge süßen Weißweins klebrige Einzeiler betreffs des ihm zwar vorliegenden, aber nicht dargebotenen Dirndlfüllsels. Er trocknete sein von kleinen Schweißperlen benetztes, fatal gelockertes Sprechloch an Frau Himmelreichs geraubtem Handrücken, bevor er – allzu spät – ab ins Bett musste.“ 

Wie der Jude, der nicht zur Verhandlung steht, da hinein gekommen ist, hätte uns schon interessiert. Ob man aber den Staat möglicherweise durchs von ihm dargebotene Sprechloch oder anders penetriert, das wollten wir dann gar nicht so genau wissen. Deshalb haben wir, kaum dass Niklaas Machunsky im selben Heft mit den Worten „Der Weg in den Schoß des Staates verläuft wie folgt:“ einschlägige Informationen angekündigt hat, mit Schaudern die Lektüre eingestellt.

Zeitschriftenanzeigen in der Bahamas waren schon immer Austauschanzeigen. Dafür, dass Prodomo und Extrablatt, in früheren Jahren selbst der Schwarze Faden oder Humanismus aktuell, ihre neueste Ausgabe bewerben durften, haben sie selber brav eine Bahamas-Anzeige abgedruckt. Nach dem Sommer 2000 („Infantile Inquisition“) und dem 11.9.2001 wurde es ruhiger: Ein Austausch mit uns galt als nicht mehr hinnehmbar, das blühende Austauschgeschäft kam fast ganz zum Erliegen. Das ändert nichts daran, dass die Redaktion bis zur Nr. 65 mit Anzeigen (fast) völlig prinzipienlos verfahren ist. Zwar konnten wir früher mit einigem Recht davon ausgehen, dass ein Bahamas-Leser des Jahres 1999 auf die entsprechende Anzeige hin wohl kaum zum Leser des Schwarzen Fadens werden würde, während anders herum, nicht ausreichend gereifte Anarchisten von den Bahamas-Anzeigen manchmal zum Kauf bewegt wurden, wie Zeitzeugen berichten. Auch konnten wir uns z.B. vor 14 Jahren, als gleich zehn Zeitschriften, die alle schlecht, aber dabei recht unterschiedlich links waren bzw. noch sind, mit Anzeigen vertreten waren, darauf verlassen, dass die Leser uns das nicht allzu krumm nehmen würden – zumal in dieser Zeit die letzten Brücken abgerissen wurden, die uns noch mit der radikalen Linken verbanden.

Seit nur noch ganz wenige Blätter in der Bahamas werben, und alle dem antideutschen oder israelsolidarischen Spektrum zugerechnet werden können, ist es höchste Zeit, mit dem Austausch-Unfug Schluss zu machen. Gewiss ist selbst im nekro­philen Extrablatt Nr. 8 ein gescheiter Text erschienen, den wir empfehlen könnten, und auch in der Prodomo stehen immer wieder gute Artikel, aber solange sie in einen nichtswürdigen Textbrei eingebettet sind und schon das gemeinhin doch richtungweisende Editorial als Produktwarnung gelesen werden muss, geht jeder verdienstvolle Aufsatz unter. „Wolltest du das mit deinem guten Artikel etwa decken oder doch aufwerten?“, muss sich sein Autor fragen lassen, oder: „Merkst Du nicht, wie sehr diese Nachbarschaft deinen Text verdirbt, seine Intentionen zu Schanden werden lässt?“

Aber das soll nicht unser Problem sein. Unser Problem ist, dass es auf uns zurückfallen muss, wenn wir etwas bewerben, das wir nicht gutheißen. Entweder man unterstellt uns Paternalismus gegenüber einem schreibenden Nachwuchs, der so jung auch wieder nicht ist, oder die Leser haben Anlass zur Annahme, dass auch die Bahamas ein offenes Debattenorgan ist, dessen Inhalt noch nicht einmal von der Redaktion ernst genommen wird.

Über die Bahamas mag draußen debattieren wer will, in der Bahamas, deren Redakteure und Autoren unter Ausschluss der Öffentlichkeit streiten – auch über den richtigen Gebrauch der deutschen Sprache –, herrscht kein Meinungspluralismus. Wir können nicht verhindern, dass die einen Auschwitz als Versuch einer unendlichen Verlängerung des Ist-Zustandes kennzeichnen, der dann auch noch in der BRD als Liebe zum Stillstand fortwirkt, oder andere, noch obszöner, dem stream of consciousness folgend von einem Mord im indischen Bus zur Kölner Bushaltestelle voranschreiten. Bewerben werden wir so etwas nicht mehr.

 

Ab der Ausgabe Nr. 67 kostet ein Heft der Bahamas 6 €. Der Abo-Preis für jeweils drei Ausgaben beträgt dann im In- und Ausland 18 €.