Editorial 68

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Wir wissen zwar nicht, woher der Jörn Schulz sein Insiderwissen hat, aber wenn er meint, dass die Zahl der Antideutschen, die sich um Bahamas und vergleichbare Publikationen wie Prodomo und Bonjour Tristesse gruppieren, […...] nicht hoch sei und einige Hundert nicht übersteigen dürfte, dann wollen wir nicht mit ihm streiten. Schön ist es schon, dass ein Redakteur der Jungle World, in der es tabu ist, die Bahamas auch nur zu erwähnen, über das Zentralorgan Bahamas überhaupt sich zu schreiben traut –- in der Jüdischen Allgemeinen allerdings. Schulz würde sich zu den Wohlmeinenden zählen, die, obwohl sie in Wikipedia mit Verdruss gelesen haben, dass „die Jungle World von der explizit antideutsch orientierten Zeitschrift Bahamas regelmäßig kritisiert“ wird, nicht gleich mit dem Sektenhammer losschlagen wie Alan Posener oder Clemens Heni. Er attestiert uns nur eine gefährliche Disposition: Die Antideutschen mögen zwar einen Hang zum Sektenhaften haben, wie ihnen auch von Wohlmeinenden gelegentlich attestiert wird. Andererseits: Völlig ohne realpolitische Wirkung sind sie nicht. Der Jörn Schulz würde uns nie als die „falschen Freunde Israels“ (Jüdische Zeitung, 10/06, Welt-Online, 5.6.13) bzw. „falsche Israelfreunde“ (Hagalil, 6/13) vorführen. Wenn er den als Guru der Szene geltenden Justus Wertmüller den Lesern der Jüdischen Allgemeinen warnend präsentiert, tut er das so wohlmeinend, dass er ihn die religiösen Bedürfnisse nicht, wie es richtig lauten müsste, einer Sekte, sondern nur einer Szene bedienen lässt. Einer Szene, über die man bei allem guten Willen doch wissen muss, dass sie die USA zum Weltkrieg gegen den Islam aufzuhetzen versucht und all die mutigen Demokraten in der arabischen Welt am liebsten verbluten sehen würde.

Die Antideutschen, als deren Zentralorgan Bahamas fortan galt, organisierten sich als intellektuelle Zirkel, die sich vor allem auf die Kritische Theorie und die Psychoanalyse berufen. Berühmt und berüchtigt sind sie vor allem, weil sie den unnachgiebigen Kampf gegen den Islamismus propagieren. Für die Ansicht, dass dieser Kampf vor allem militärisch geführt werden müsse und Entwicklungen wie die arabischen Revolten auch langfristig keinen Anlass zur Hoffnung auf Besserung bieten könnten, gibt es komplexe und abstrakte philosophische Begründungen. Mit den Niederungen gesellschaftlicher Realität befassen sich Antideutsche nur ungern. Statt Teil einer gesellschaftlichen Realität zu sein, in der antifaschistisch begründete Berufsverbote und Rechtsbeugungen locker durchgehen, fordern sie von ihrem Philosophenhügel herab für Beate Zschäpe einen fairen Prozess und solidarisieren sich mit der Rostocker Rudererin Drygalla. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wer Gesinnungsjustiz auch gegen Nazis ablehnt und hartnäckig den Beweis antritt, dass westliche Israelkritik von antisemitisch motivierter Freundschaft mit Berufsarabern geleitet ist, über den muss man einfach sagen: ein Hang zu Übertreibung und Überaffirmation zeichnete von jeher die Antideutschen aus.

Was haben wir bloß wieder angestellt, dass so gewunden von uns die Rede ist? Die Redaktion Bahamas setzt sich doch nie mit Leuten an einen Tisch, die in den Niederungen der gesellschaftlichen Realität mit Israelhassern Schweine hüten. Anders als Jörn Schulz, der schon 2002 nichts daran auszusetzen fand, dass in der Jungle World das berüchtigte Dossier von Elfriede Müller, Enzo Traverso und Klaus Holtz gegen Israel erschien, woran ihn schmerzhaft der Wikipedia-Eintrag über sein Blatt erinnert, der einen Link auf die Abfertigung der Jungle World durch die Redaktion Bahamas wegen dieser publizistischen Untat enthält, machen wir die Denunzianten Israels nicht hoffähig, indem wir ihnen die Seiten öffnen oder mit ihnen auf dem gleichen Podium sitzen. Wir greifen sie von außen so lange an, bis sie nur noch in der Jungen Welt schreiben dürfen – wie der Moshe Zuckermann. Besonders wenig mögen wir deshalb Israelfreunde wie Jörn Schulz oder Hermann Ludwig Gremliza, die Feinde Israels zum fröhlichen Diskurs einladen. Der Anlass für Schulzens längliche Distanzierung von uns und unseren Freunden war die Bewerbung einer Tagung des Titels Israel. Deutschland. Zwei Staaten. Keine Lösung, die am 22. und 23.2.2014 von der Konkret-Redaktion in Hamburg veranstaltet wurde. Dort sind drei dubiose Gestalten (Alex Feuerherdt, Stefan Frank und Lars Quadfasel) angetreten, um einige zu bedeutungslosen Gemeinplätzen für Israel und gegen Deutschland zusammengedampfte Thesen aus früheren Bahamas-Ausgaben zu dem einzigen Zweck herzubeten, die Zeit bis zum mit Spannung erwarteten Schlusspodium totzuschlagen, auf dem ein linksliberaler Professor seinen „Lösungsansatz“ zur Befriedung des Nahen Ostens präsentieren durfte. Im Angebot war das antizionistische Evergreen von Müller, Holtz und Traverso: der vereinte und säkular-demokratische, binationale israelisch-palästinensische Staat, d.h. die Überwindung des jüdischen Charakters Israels. Um diese brandgefährliche Idee, für die seit 1948 kein ernstzunehmender Mensch mehr eingetreten ist, noch nicht einmal Uri Avnery, ausgerechnet einem israelfreundlichen Publikum schmackhaft zu machen, durften Feuerherdt u.a. ganz radikale Sachen für ein jüdisches Israel aufsagen. Der linksliberale Publizist Micha Brumlik, ein Kind jüdischer Flüchtlinge, gehörte zu den frühen Kritikern des Antisemitismus in der Linken. In seinem Artikel Plan B der im Juli vorigen Jahres in Konkret veröffentlicht wurde, hatte Brumlik wohlwollend Varianten eines möglichen binationalen israelisch-palästinensischen Staates diskutiert. So wohlwollend wurde der Artikel dieses Judith-Butler-Spezis von vielen Konkret-Lesern dann doch nicht aufgenommen, was die Redaktion zum Anlass für eine Debatte nahm, die wiederum in eine Tagung mündete, wo Stephan Grigat, der einfach keinen Gig auslassen kann, dann artig aber deutlich in der Sache mit Brumlik diskutierte. Um vor solchem „antideutschen“ Einspruch zu warnen, hat Jörn Schulz einen kompletten Artikel verfasst, der am Ende zu ganz großer Form aufläuft: Selbst wenn man Brumliks Ansatz für verfehlt hält, drängen sich Fragen auf: Hätten wir’s in der Kritik nicht auch ein paar Nummern kleiner? Was ist von einer Israelsolidarität zu halten, die sich zionistischer als der Zionismus gibt? Sind die Antideutschen, wie ihnen häufig vorgeworfen wird, gar nicht so antideutsch? Sondern vielmehr so deutsch wie alle Zionisten, von denen man ja weiß, dass ihnen der Holocaust gerade recht gekommen ist, damit sie in Palästina ihren rassistischen Judenstaat etablieren konnten?


Alle kursiven Zitate aus: Jörn Schulz, Jüdische Allgemeine (20.02.2014)