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Vortrag & Diskussion in Halle

Donnerstag, 3. November 2022, 19:00 Uhr
VL, Ludwigstraße 37, 19 Uhr

Avantgarde is dead.

Über die Rolle moderner Kunst in postkolonialen Zeiten

mit Justus Wertmüller

Drei Monate lang wurde in Kassel für das Recht des globalen Südens auf autochthonen Antisemitismus geworben, drei Monate lang haben die Verantwortlichen in Staat und Politik sich geweigert, dieses barbarische Spektakel zu beenden und die Täter samt ihren akademisch versierten Stichwortgebern davonzujagen. Höchste Zeit also, einem Kunstverständnis auf die Spur zu kommen, dass dergleichen Ungeheuerlichkeiten erst ermöglicht hat. Bildende Kunst ist wehrlos, denn Hingucken reicht und fürs Verstehen ist der sich unbefangen wähnende Betrachter, der weiß, dass man sich über Geschmack nicht streiten soll, allein zuständig. Deswegen ist sie das Angebot für den emanzipierten Konsumenten, der in seiner Freizeit außer Feiern und Sport noch etwas für seine seelische Erhebung sucht und damit tut, was Kunst erniedrigt: Sie einem Zweck unterzuordnen.

Nicht die angeblich bedrohte Kunstfreiheit, die heute angesichts der teilweise fortgeschafften antisemitischer Machwerke in Kassel so leidenschaftlich diskutiert wird, sondern das Verhältnis von Freiheit und Kunst müsste im Zentrum der Diskussion stehen und nicht nur dann, wenn wie es gerade in Kassel versucht wird, unter Ausschluss der Öffentlichkeit die schlimmsten antisemitischen Produkte zu entfernen, um dem per Konzeption als Anschlag gegen die Freiheit angelegten antikolonialen Gesamtunternehmen Documenta 15 die Reputation zu erhalten.

Kunst wird durch das Verbot bestimmter, auf die Avantgarde verweisender Stilmittel nur in den Ländern des unmittelbaren Staatsterrors beschnitten. Bildende Kunst hat sich der Freiheit, etwas anderes als von Staatswegen Erwünschtes und von der Kulturindustrie bereits Vorgestanztes zu sein, freiwillig begeben und ist dem Gehalt nach von der Message der Filme des sogenannten linken Hollywoods oder seiner europäischen Konkurrenz nicht mehr zu unterscheiden.

Kulturindustrie und die scheinbare Aufhebung von Zwängen seit den 1960er Jahren bedingen sich, wie sich Mick Jagger als streetfighting man für die zunächst proletarischen Jugendlichen und Jean Paul Belmondo als kettenrauchender Existentialist für die bürgerlichen Jugendlichen in Godards Film Außer Atem entsprechen. Die Belmondos von heute sind vorwiegend weiblich und garantiert Nichtraucher, sie heißen Carola Rackete mit ihren unvermeidlichen Dreadlocks und kämpfen selbstredend gegen kindermordende Systeme. Künstler und Werk werden ununterscheidbar, die engagierte Botschaft macht sich das verwendete Material untertan und benutzt es für Zwecke, die jedenfalls mit der Sehnsucht nach Befreiung nichts mehr gemein haben.

Heute kann das Kunstwerk nicht nur wegen der Abhängigkeit ihrer Produzenten von staatlichen Zuwendungen, Wahrheit auch hinter dem Rücken der Künstler nicht mehr verbürgen, dazu ist sie zu demokratisch geworden. Was Avantgarde vermieden hat, sich gleich zu machen mit den Hervorbringungen der Kulturindustrie, ist heute schon wegen des obstinaten Beharrens auf engagierten Leitsätzen, die aus Parteiprogrammen stammen könnten Konsens. An die Avantgarde scheinbar anknüpfend wird ostentativ die Gegnerschaft zur Macht vorgetragen, die offensichtlich mit Autorität identifiziert wird, gegen die im Namen der Freiheit der Kunst auch das Recht auf Antisemitismus eingeklagt wird. Der Staat wird gerade nicht dafür kritisiert, dass er die Documenta zulässt, sondern als Appellationsinstanz eingeführt, die aus antikolonialer Einsicht schlechte Kunst zu fördern und ihren zur Barbarei tendierenden Gehalt zu seiner Raison zu machen hätte. Gegen die Macht werden aus Gründen der globalen und rassischen Parität postmoderne Maoisten wegen ihrer indonesischen Herkunft und daran anknüpfend nicht trotz sondern wegen ihres künstlerischen Versagens zum antikolonialen Weltgewissen der Kunst verklärt. Was die akademisch versierten Jazzliebhaber der 1950er Jahre schon zur Anpreisung ihrer Lieblingsmusik vorbrachten, ist heute weit umfassender die gerne akzeptierte Erwartungshaltung an Künstler aus Ländern, in denen Hautfarbe und Physiognomie der Bevölkerungsmehrheit auf einen nicht weißen Rassenhintergrund hinweisen. Nichteuropäische Künstler haben in Aussehen und Werk zu repräsentieren, was postkoloniale Kunstrichter von ihnen erwarten. Sie müssen als die Stimme des Urwalds bestehen und vor Vitalität und Rhythmus strotzen. Ihr Werk ist vorab dazu bestimmt, im Gestus der Rebellion die Stimme ursprünglicher und ungebändigter Natur gegen die Zivilisation zu repräsentieren.

Im Vortrag wird nicht der längst erbrachte Nachweis wiederholt, dass auf der documenta 15 naziaffine Produkte ausgestellt wurden. Gegenstand ist vielmehr, die Beschaffenheit moderne Kunst selber und wie sie sich nach ihrer Avantgarde genannten heroischen Periode gewandelt hat.

Justus Wertmüller (Berlin) ist Publizist und Redakteur der Zeitschrift

Bahamas.

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