Titelbild des Hefts Nummer 71
Deutschland überall(es)
Heft 71 / Sommer 2015
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Die Toten kommen!

Wie E. Steinbach und U. Jelpke zum Weltflüchtlingstag ein Zentrum für politische Schönheit eröffneten

Der Chef des Politikressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Volker Zastrow, ging eines Tages am Gardasee so für sich hin. Da fand er „neben den Zypressen“ und „über der herrlichen Bucht“, nicht nur den „spiegelnden See und die blauen Berge“, sondern auch das bescheidene Blümelein Erika, das wiederum auf einem Soldatenfriedhof wächst. Und siehe, er fand noch mehr: „Ich sah eine Frau am Grab ihres Großvaters weinen. Ich fragte, warum, denn sie hatte ihn nie gekannt. Sie erzählte viel über Leid, das gelindert wurde, und Leid, das sich fortpflanzte über Generationen. Aber sie konnte nicht erklären, warum sie über all das weinte, hier in Costermano, am grauen Stein mit dem Namen ihres Großvaters.“

Wo der SS-Mann ruht

Die Frau ist Deutsche. Ihr Großvater war ein Mörder und Kriegsverbrecher, Mittäter bei Geiselerschießungen, Ausrottungen ganzer Dorfschaften, womöglich einer von jenen SS-Schergen, die noch im April 1945 in Norditalien die Gotenstellung zu halten suchten und bis zur Kapitulation Massaker verübten. Vielleicht hatte der unbekannte Großvater sogar eine einschlägige Vergangenheit, bevor er in Italien zu Tode kam. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Costermano wurden schließlich auch die Vernichtungslager-Kommandanten Christian Wirth, Franz Reichleitner und Gottfried Schwarz begraben. Aber man soll niemanden vorschnell verurteilen! Kannten wir denn den toten Großvater? Oder die anderen Jungs aus Wehrmacht und selbst SS, aus denen schließlich auch Nobelpreisträger hätten werden können? Sollten wir uns am grauen Stein der Kriegsverbrecher nicht lieber aufs vorbehaltlose Fragen beschränken und die Antwort schuldig bleiben, wir, die wir nicht dabei waren? Etwa so: „Was hat sie bewegt? Rassenhass, Sadismus, Zorn, Angst, Verzweiflung, Verblendung, Heimweh, Sehnsucht, Liebe?“ So genau weiß man es ja nicht. Das ist aber auch nicht nötig, wenn man nur weiß: „Beim Marschieren haben sie gesungen: ‚auf der Heide blüht ein kleines Blümelein. Und das heißt Erika.‘ Nazikitsch. Jetzt blüht das Blümelein über ihren Gebeinen, über Guten und Bösen, Tätern und Opfern.“ Das ist zum Heulen und wirklich: „Viele weinen dort. Es platzt etwas; das Herz öffnet sich. Es ist ein Ort der Wahrheit oder der Ort einer Wahrheit.“ (FAS, 21.6.2015)

Mit dem Herumheulen hat es eine eigene Bewandtnis in Deutschland. Zunächst war es nämlich verboten, da ist man sich sicher. Man durfte nicht um die Bombentoten trauern, nicht um die auf der Flucht zu Tode gekommenen Volksgenossen und über die Wehrmachtssoldaten schon gar nicht, weil man den Krieg verloren hatte. Dabei hat doch keine Kommune es versäumt, bald nach 1945 aufs Kriegerdenkmal für die Helden von Weltkrieg Eins zügig die Liste der Helden von Weltkrieg Zwei einzumeißeln. Ganz Westdeutschland ist von Vertriebenendenkmälern – gern mit Kreuz – überzogen, und die Bombentoten, denen z.B. schon 1952 in Hamburg-Ohlsdorf ein monströses Denkmal gestiftet wurde, waren bis spät in die 70er Jahre hinein der Stoff, auf den sich die ausgetauschten Kriegserinnerungen reduzierten. Aber man durfte eben nicht einfach losheulen, glaubt man zu wissen. Jetzt, wo es nicht mehr nur die Wahrheit der Sieger gibt, sondern eben auch die der Massenmörder, wo Deutschland wahlweise in schlummernde Provinzen zerfällt, in denen der Nationalsozialismus eine der Heimat fremde Zutat war, oder die Heimat über die Landesgrenzen dringt und einem aus eigener leidvoller Erfahrung nichts mehr fremd ist, platzt man schier vor tränenreichem Mitteilungsdrang und öffnet wahlweise dem italienischen Friedhofsgärtner in Costermano oder dem Griechen sein Herz. „Man kann und soll und will aber die Griechen, die sich immer weiter isoliert haben, nicht zu ihrem Glück zwingen.“ Da sei Gott vor, aber sie ein bisschen vor deutscher Verstrickung warnen, das können wir leicht und aus vollem Herzen: „Dort sind, nachdem die Eliten abgewirtschaftet haben, die Extremisten von links und rechts an der Macht. Auch das kennen wir Deutsche aus eigener Geschichte – und können nur hoffen, dass die Griechen den Weg in den Wahnsinn nicht weitergehen wie einst unsere Vorväter.“ (Zastrow, a.a.O.)

ERIKA stand in großen Lettern über Zastrows Post-Nazi-Kitsch, mit dem er seine Losung: „Europäische Integration bedeutet Frieden“ begründen wollte. Links neben diesem Artikel des Ressortleiters Politik – den eine Rede von existentieller Tiefe des Bundespräsidenten tags zuvor offensichtlich befeuert hatte – stand unter derselben Überschrift der Zweispalter „Neuanfang mit den Vertriebenen“ des minder prominenten Redakteurs Peter Carstens. Darin geht es weniger ums Toten-Blümelein als um die Apotheose von Steinbachs Erika, die ein Verbandsleben lang dafür gekämpft hatte, dass Deutschland in Sachen Flucht und Vertreibung ganz vorne und unüberhörbar beim Heulen den Ton angeben darf.

Was existenziell zusammengehört

Gauck hatte gesagt: „Zum ersten Mal gedenkt nun Deutschland an einem offiziellen bundesweiten Gedenktag jener Millionen von Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise ihre Heimat verloren. Zum ersten Mal begeht Deutschland damit auch regierungsamtlich den internationalen Weltflüchtlingstag, wie er vor fünfzehn Jahren von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Auf eine ganz existenzielle Weise gehören sie nämlich zusammen – die Schicksale von damals und die Schicksale von heute, die Trauer und die Erwartungen von damals und die Ängste und die Zukunftshoffnungen von heute.“ Wie diese existenzielle Zusammengehörigkeit der deutschen und der anderen Flüchtlinge konkret zu verstehen wäre, hat Gauck zur Interpretation offengelassen und Peter Carstens von der FAS half, die Lücken zu füllen. Der Tag der Opfer von Flucht und Vertreibung wurde erst 2014 als eine Art staatsoffizieller Tag der Heimat eingeführt und am 30.8.2014 mit einer Rede der Kanzlerin feierlich begangen. Doch das war ein zu verräterisches Datum für weltumspannendes Flüchtlingsgedenken, schließlich geht es auf die Charta der Vertriebenen vom August 1950 zurück, die sich möglichst nah am Jahrestag der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz vom 2.8.1945 in Szene setzen wollten. „Aber in der Charta stand nichts von Kriegsschuld und Holocaust. Stattdessen nannten sich die Vertriebenen die‚ vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen.‘“ (Carstens, FAS) Deshalb kam es schon im Folgejahr zur Okkupation des von der UN 2001 ausgerufenen Weltflüchtlingstags, der auf einen Afrika-Flüchtlingstag zurückgeht und auf den 20. Juni fällt. Ab jetzt wird zusammen geheult und keiner redet mehr relativierend von „den am schwersten Betroffenen“ Deutschen. In der FAS allerdings liest sich das so: „Das UNHCR unterstützte damals“ – 1950, im Jahr seiner Gründung – „rund 250.000 Menschen, die etwa als ausländische Zwangsarbeiter in der deutschen Rüstungsindustrie geschuftet hatten und danach nicht mehr nach Hause konnten.“ Eine große Anzahl, sollte man denken, aber gemessen an den deutschen Zahlen Peanuts: „Sie waren Opfer des Krieges, wie die mehr als zwölf Millionen deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge.“ Diese Deutschen ohne Zuhause toppten die Displaced Persons in Deutschland folglich um den Faktor 48 – das nicht zu vergessen, gehört eben auch zum Gedenken. Dass ihr Blümelein, dessen Blüte sie im erzwungenen Ruhestand erleben muss, von solcher Strahlkraft sein würde, kann sich Erika Steinbach auch in ihren übermütigsten Stunden nicht vorgestellt haben. Ein Kerl, der derartige Rechenkunststücke veranstaltet und von „barbarischen Gemetzeln und Vergewaltigungen“ an deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen schreibt, die es unbestreitbar gegeben hat, tut es nur, um Ursache und Wirkung zu verwischen, die Guten und die Bösen sich gleich zu machen, mithin hinter all den verschiedenen Wahrheiten die einzige als deutsche auftauchen zu lassen. Die Verbindung von Peter Carstens zu Volker Zastrow reicht vom Vertriebenenkreuz zum deutschen Soldatenfriedhof, der gar nichts anderes als ein Kriegsverbrecherfriedhof sein kann, selbst wenn, anders als in Costermano oder Bitburg, einmal keine Kameraden von der SS unter dem grauen Stein liegen sollten.

Das ausgepowerte Großbritannien, aber auch die USA, wussten im Sommer 1945 in Potsdam sehr wohl, dass die Verschiebung der polnischen Grenzen und die damit verbundene Aussiedlung der Schlesier ein hässlicher imperialistischer Akt der Landnahme durch die UdSSR war, die sich damit Ostpolen als Beute sicherte. Aber ausgerechnet wegen der Deutschen, deren kollektiven Jubel zum Beispiel bei den Siegesfeiern nach Frankreichs Kapitulation 1940 sie noch in den Ohren hatten, auch nur ein weiteres Soldatenleben zu riskieren, wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen. Dass in Schlesien auch vor 1945 schon Polen gelebt hatten und zwar unter der Fuchtel von preußisch deutschen Herrenmenschen, die ab 1939 sich endgültig wie Barbaren aufgeführt haben, war Truman, Churchill und Attlee durchaus bekannt. Auch war die zwangsweise und von allerdings in ihrem Umfang maßlos übertriebenen Morden begleitete Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der zweiten tschechisch-slowakischen Republik in ihrer Rigorosität, die auch vor nachweislich tschechenfreundlichen deutschen Antifaschisten nicht Halt machte, ein hässlicher Akt. Dass Tschechen nach den Erfahrungen in der ersten Republik ab 1918 und weit schlimmer noch denen der Okkupationszeit, nicht nur die 90 Prozent Henlein-Deutschen, sondern überhaupt keine Deutschen mehr unter sich dulden wollten, ist eben trotzdem verständlich und nicht eine Wahrheit unter verschiedenen.

Solche Augenwischerei mit Zahlen und Ursachen zu dem einzigen Zweck, deutsches Leid gegen das von den Deutschen über Europa gebrachte als mindestens ebenbürtig aufzurechnen, war schon seit der Niederlage deutscher Regierungsauftrag, aber es dauerte doch eine Weile, bis man sich endlich selbstgerecht und im Ton der Anklage vor aller Welt kollektiv die Augen wischen durfte im Angedenken an all die Großväter und -mütter. Am 20.6.2015 meldete Joachim Gauck Vollzug, als er in seiner Rede befriedigt vermerkte, dass nach 1990 unter anderen die Slowakei, Polen, Ungarn, Rumänien und Tschechien um Vergebung für die Vertreibung von Deutschen gebeten haben. In den Worten von Peter Carstens aus der FAS vom 21.6.2015, der seinen Präsidenten gut verstanden hat, ist es deshalb jetzt an der Zeit für eine Nutzanwendung: „Die Verbindung des Gedenkens schafft ein neues Verständnis für das, was geschah und was heute geschieht: damals den Deutschen, heute Syrern und Yeziden. Sie ist für die Vertriebenenverbände außerdem eine Gelegenheit, sich und ihre Anliegen in anderem Licht zu präsentieren, herauszukommen aus der Ecke des Gestrigen“. Als gestrig an den Vertriebenenverbänden wurde ab den 1970er Jahren ihr obstinates Festhalten an den deutschen Grenzen von 1937 empfunden und nicht ihr Anliegen der Anerkennung als der am meisten geschädigten Opfergruppe des Zweiten Weltkriegs. Die neue Ostpolitik war zwar auf Versöhnung mit Polen und der Tschechoslowakei angelegt, aber Kniefälle deutscher Bundeskanzler sollte es nicht zum Nulltarif geben. Willy Brandts Warschauer Performance war vielmehr eine Investition in die Zukunft, die sich ab 1990 prächtig auszahlen sollte. Punktgenau zur Wiedervereinigung wurde generationenübergreifend zumeist per Bus die Reise in die alte Heimat angetreten, ganz im Zeichen der Vergebung der Sünden der polnischen, tschechischen etc. Täter von gestern. Die Nachfolgegeneration, die sich mit den spannenden historischen Erlebnissen in ihrer Freizeit beschäftigt und Ahnenforschung betreibt, wird sich kaum als Vertriebene betrachten; sie ist nur noch deutsch und gefühlig. „Aber noch heute fühlen Kinder und Enkel eine ideelle Verbindung zum historischen Raum ihrer Vorfahren, gehen auf Spurensuche und finden einen Teil ihrer Selbst.“ (Carstens)

Graue Steine – Bauten des Friedens

Der historische Raum muss sich auch keineswegs auf die verlorenen Ostgebiete beschränken. Wo immer Deutsche ihrer Mission folgend graue Steine hinterlassen haben, schlagen Spurensucher Mehrwert für ihr Selbst heraus. Dass dabei den Leuten erst der Mund überläuft, dann etwas in ihnen platzt und sich schließlich ihr Herz so sehr öffnet, dass über das Leid von Generationen geweint werden muss, wie Volker Zastrow meint, versteht sich von selbst. Zastrow hat wohl auch mit seiner Beobachtung recht, dass diese Deutschen nie so recht sagen können, warum sie sich so gerne obsessiv und aggressiv und vor allem öffentlich, am liebsten gegenüber ausländischen Beobachtern, als Gefühlsmenschen präsentieren und losheulen, sich plärrend in die Arme fallen, tausend Lichter anzünden – und dabei immer dem Tod ins Auge sehend. Die Selbstinszenierung ist immer die gleiche: Mal ist es die völlig verblödete Enkelin am grauen Stein am Gardasee, mal die ganze Stadt Erfurt nach einem Schulmassaker, dann wieder angejahrte Überlebende samt ihren unvermeidlichen Enkeln, die in deutschen Städten den 70sten Jahrestag der Bombardierung begehen und schließlich deutsche Schulklassen samt pädagogischem Personal, die nach erfolgreichem Anlegen eines Gedenkwegs für die Opfer der Todesmärsche aus den deutschen KZs vor sich hin schluchzen. Dieses Volk hat generationenübergreifend keine Scham, keine der Reflektion Raum gebende Distanz zu den wirklichen oder historischen Schrecknissen, am wenigstens zu den von den berühmten Großvätern angerichteten. Hat man noch bis in die 1970er Jahre zum Holocaust verstockt geschwiegen, so lässt man seit der damaligen Ausstrahlung eines kitschigen Vierteilers gleichen Namens im Fernsehen endlich auch Auschwitz an sich heran, wie den Bombenkrieg und die Vertriebenenschicksale schon immer. Die Deutschen sind zwanghaft damit beschäftigt, alles unmittelbar auf sich zu beziehen und sich in fremder Leute Trauer, und sei es in die von deutschen Familien in Haltern nach dem Absturz einer Lufthansamaschine im Frühjahr 2015 einzumischen, mit blöden Gesichtern zusammenzustehen, um in obszöner Weise den Ernstfall Tod zu genießen. Existenziell ihrem Gefühl gehorchend, das dem Jargon der Eigentlichkeit abgelauscht ist, den ihnen die dafür zuständigen Volker Zastrows oder, weit erfolgreicher noch, die Bernhard Schlinks verabreichen, schließen sie sich verlogen und hartherzig von der Welt ab, die ihnen so tot erscheinen muss wie ihr Land, das auf grauen Steinen gegründet ist.

Der skandalöse Taschenspielertrick, das internationale Flüchtlingselend seit ungefähr 1950 mit den von Flucht und Vertreibung betroffenen Deutschen gleich zu setzen und einen monströsen Tag der Heimat zu inszenieren, führt nicht einfach nur zu Nazi-Kitsch in den Meinungsseiten der Qualitätspresse, sondern ist seiner ideologischen Herkunft nach ein echtes Erbe der Nazis. Ab 1942 wurde den unwilligen Bewohnern der okkupierten westeuropäischen Länder durch Kulturmissionen und schöne Konferenzen von den auf die Festung Europa zurückgeworfenen Nazis verstärkt das deutsche Europa als europäische Schicksalsgemeinschaft eingetrichtert. Daran wird angeknüpft, ohne Waffen, ohne ökonomische oder politische Erpressung – ein nötigender Friedensdienst sozusagen. Auf die Griechen bezogen, die man damals noch in Massen als Partisanen hinmetzelte, heißt das heute: „Wir werden so oder so helfen müssen. Weil wir Europäer unauflöslich miteinander verbunden sind“ (Zastrow, a.a.O.). Diese Schicksalsgemeinschaft, die ausgerechnet auf dem höheren Sinn deutscher Untaten aufruhen soll, die als „europäische Katastrophe“ neu gedacht werden müssen, ist der versöhnende Endzweck, der irgendwie auch flüchtenden Syrern und Yeziden zu Gute kommen soll: „Wenn das Sterben nicht völlig sinnlos bleiben sollte, musste man in Europa mit den Millionen Toten auch die Feindschaften begraben und Bauten des Friedens errichten“ (Zastrow a.a.O.).

Zwei relevante Bauten des Friedens sind bereits seit Jahren in der Hauptstadt zu besichtigen. In der Neuen Wache in Berlin steht auf besonderen Wunsch Helmut Kohls seit 1993 ein hässlicher Kloß, der sich erst bei näherem Hinsehen als eine Schmerzensmutter erweist, die ihr Kind schützend hält. Vor dieser durch seine Vergrößerung auf 1,6 Meter Höhe noch unförmiger wirkenden Duplik einer schwachen Skulptur von Käthe Kollwitz ist der Schriftzug „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ in den Boden eingelassen. Die Urnen mit den sterblichen Überresten des unbekannten Widerstandskämpfers und des unbekannten Soldaten sowie die mit Erde gefüllten Gefäße befinden sich seither unter der Gedenkplatte aus schwarzem Granit. Natürlich hätte man auch alternativ schreiben können: „den unbekannten Opfern von Gewaltherrschaft, Bombenkrieg und Vertreibung“, denn genau an die entsprechenden Denkmäler für die deutschen Opfer gemahnt die „Pietà“. Diese neue Neue Wache war die Voraussetzung für den Bau von Deutschlands größtem Denkmal an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, das bezeichnenderweise ein stilisiertes Gräberfeld ist und 2005 als „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ eingeweiht wurde.

Die aus deutscher Leidenserfahrung gereifte Erinnerungskultur, die dazugehörige Ästhetik und die um Eigentlichkeit ringenden Begleittexte im Marschgepäck, appellierte der Bundespräsident an die Landsleute, die aktuell aus Afrika und dem Nahen Osten einreisenden Flüchtlinge willkommen zu heißen. Gauck meint das wahrscheinlich sogar ernst und glaubt an den Erfolg der staatsoffiziellen Überzeugungsarbeit. Dabei ist es völlig unmöglich, mit ganz lebendigen Menschen freundlich umzugehen, wenn man selber nur retrospektiv die eigenen Opfer bzw. die ihnen großzügig und vor allem folgenlos an die Seite gestellten ermordeten Juden im Blick hat. Auch routiniert Trauerarbeit leistende deutsche Tränentiere können über die Neuankömmlinge aus Syrien, Libyen, Mauretanien etc. nicht freudig ausrufen: Sieh da, „die Toten kommen!“ Das sollte man denken, aber sie können es doch.

Wir bauen einen Friedhof

Einen Tag nach dem ersten zusammengelegten Vertriebenen- und Flüchtlingstag, ein Tag nach des Präsidenten Rede und pünktlich zum Erscheinen der FAS mit dem ERIKA-Motiv, zog eine 5.000 Teilnehmer starke Totengräberbrigade durch Berlin, die von sich behauptete, Flüchtlinge retten zu wollen. Mit diesem nekrophilen Umzug, der mit einem massenhaften Gräberschaufeln vor dem Reichstag endete, wurde alles, was Gauck, Carstens und selbst Zastrow daherredeten, in kongenialer Weise als öffentliche Propagandashow deutschen Wesens inszeniert und übertroffen. Die da allen Ernstes unter dem Motto „Die Toten kommen!“ durch Berlin marschiert sind, waren gewiss keine Nazis oder Ausländerfeinde. Sie haben nur den Todeskult der Nazis affirmiert und statt lebendiger Flüchtlinge tote Ausländer willkommen geheißen. Angestiftet von einer Berliner Künstlergruppe mit dem gleichermaßen auftrumpfenden wie hochironisch zurückgenommenen Namen „Zentrum für politische Schönheit“ hatten sich die Angehörigen jener Gesinnungsgemeinschaft, die als das noch bessere Deutschland die Gauck- und FAS-Gemeinde in ihrer ureigenen Disziplin übertreffen wollen, zu einem „Marsch der Entschlossenen“ zusammengefunden und selbstgebastelte Särge und reichlich Holzkreuze, auf denen Losungen gegen das europäische Grenzregime zu lesen waren, durch die Gegend getragen. Das unterschied sich vom traditionellen deutschen Protest-Sarg-Tragen eindrucksvoll schon dadurch, dass es nicht nur der eine Sarg war, auf dem das abstrakte Objekt der Trauer, das mal „Studium für alle“ mal „Meinungsfreiheit“ heißt, geschrieben steht. Am 21.6. in Berlin stand darüber hinaus jeder Pappsarg für eine echte Leiche im Mittelmeer oder auf anderen Fluchtwegen. Natürlich waren sie leer, aber dass auch echte Leichen darin sein könnten, hat der wohlig schaudernden Gemeinde die gleiche Künstlergruppe bereits am 16.6.2015 vorexerziert, als sie die von ihr in Italien exhumierten und in Zinksärgen nach Deutschland transportierten Überreste von auf der Flucht Gestorbenen unter großer Medienanteilnahme nach dem Ritual der Religion, die für die Bürgerkriege und die Elendsverwaltung maßgeblich verantwortlich ist, die immer mehr Menschen zu Flüchtlingen macht, „würdevoll“ auf dem moslemischen Teil des Friedhofs von Berlin-Gatow begraben. Ein Blick auf die im Netz verfügbaren Bilder offenbart eine von deutschen Künstlern auf den Weg gebrachte Propagandashow des Islam. Die unter die Haut gehende Atmosphäre der würdigen Begräbnisse von Gatow konnte somit am 21.6. zwar nicht mehr in Gestalt von Leichen bergenden Särgen überboten werden, wohl aber durch das Kunststück, Spontanität zu inszenieren und ein Volk von Totengräbern zu emsigem Wühlen in der Reichstagswiese zu veranlassen. Und so ging es los: „Plötzlich wurde es ruhig zwischen den Demonstranten, ein Trompeter spielt eine Trauermelodie, die Menge verstummt in einer Schweigeminute. Einzelne zünden Kerzen an. Es gibt keine Anzeichen gewalttätiger Aktionen“ (Tagesspiegel, 21.6.2015). Der kleine Trompeter, der von der Weltkrieg-Eins-Totenverherrlichung zum Rot-Front-Kämpferlied, ein wenig abgeändert auch als Horst-Wessel-Lied, dann wieder als DDR-Aufbaulied, nicht fehlen darf, wenn sich Deutsche ihrer nicht umsonst Gefallenen erinnern, dieser kleine Trompeter spielte beim „Marsch der Entschlossenen“ seine einfühlsamen Melodien, traurig, einsam und aufwühlend. Die Kerzen waren selbstverständlich sofort zur Hand, darunter auch die typischen roten Friedhofslichter in stattlicher Zahl. Man schwieg betroffen genau eine Minute lang, bevor es spontan, ausgelassen und vor allem entschlossen weiterging. „Die entschlossene Zivilgesellschaft machte sich unmittelbar nach der Ankündigung des Friedhofs an dessen Umsetzung. Entschlossene rissen die Zäune zur Bundestagswiese ein und hoben spontan hunderte Gräber in der Hauptstadt aus“ (1), schreiben die Regisseure vom Zentrum für politische Schönheit. „Die Stimmung ist fast ausgelassen“, vermerkte der Tagesspiegel, und dem Kollegen von der Zeit klang alles nach einem fröhlichen antiautoritären Familienfest: „Am Rande springt ein kleines Kind auf einem der umgeworfenen Zäune herum, und als eine Polizistin den Vater bittet, das Kind möge doch damit aufhören, guckt es sie nur an und sagt: ‚Ey, ich mag keine Cops!‘ Alles wie immer also“ (Humanistischer Pressedienst, 22.6.2015). Erwachsene Teilnehmer wussten den Spaß beim Gräberbuddeln gegenüber dem Reporter in mahnende und natürlich entschlossene Worte zu gießen: „,Ein extrem ergreifender Moment‘, sagt die Teilnehmerin Svenja Brackel. Das sei ziviler Ungehorsam, wie er sein sollte, fährt die 29-jährige Erzieherin fort: ‚Ich glaube, sogar die Polizei ist auf unserer Seite‘“ (Tagesspiegel, a. a. O.). Dass dem tatsächlich so war, zeigte sich daran, dass die gut 5.000 Teilnehmer von der Polizei größtenteils ungehindert ihren Grabungen nachgehen durften. Bis auf wenige Rabauken gingen dann alle brav bis 19h nach Hause. (Tagesspiegel, a. a. O.) Tatsächlich war der Polizei aus den Verlautbarungen des Veranstalters bekannt gewesen, dass symbolisches Gräberschaufeln Teil des Abschlussprogramms war, weshalb sie die Reichstagsweise absperrte und einige der Demonstranten nach Grabungsgerät durchsuchte. Das Zentrum für politische Schönheit berichtet: „Die Demonstranten [des ZPS] riefen die Teilnehmer daraufhin zutiefst zynisch dazu auf, weder Särge noch Holzkreuze mitzubringen, nicht kreativ zu sein, sich nicht selbst zu organisieren. Zugleich verurteilten sie die Entscheidung, die Wiese zu sperren als ‚Akt grober Staatsgewalt gegen die Kunstfreiheit‘“. (Tagesspiegel, a. a. O.) Im Ergebnis hatte sich die Kunstfreiheit gegen eine untätige Polizei durchgesetzt, deren Führung wusste, dass dergleichen Tun im Grunde Regierungslinie ist, und es waren dutzende Grabstellen mit ordentlichen Grabkreuzen samt Aufschriften wie „Grenzen töten“ oder „Frontex Mörder“, in einem Fall sogar „Deutschland wir weben dein Leichentuch“ zu bewundern, geschmückt mit Blumen und Friedhofslichtern und ergänzt um hunderte Erdlöcher.

Was da wirklich gespielt wurde und wie es dazu kam, dass jeder in seiner ihm vorab zugedachten Rolle so einwandfrei spontan funktionierte, dass aus einer Volksgemeinschaftsübung „politische Poesie“ wurde, machte die Heinrich Böll Stiftung deutlich: „Alle wurden Teil des großen ‚als ob‘, pures Verwandlungsschauspiel, zart ironisch gebrochen durch einen Miniaturbagger, der würdevoll an einer Leine hinter dem Leichenwagen hergezogen wurde. Und unfreiwillig komplettiert von den zahlreichen Medienvertretern, die ihre Rolle besonders aufopferungsvoll interpretierten. Die gewünschte Bildproduktion fand statt, jeder filmte jeden, schon während die Aktion lief wurde sie viral. Die Demonstrationsteilnehmer erledigten die Dokumentation des Ereignisses gleich selbst und wurden so zu Co-Regisseuren der Erzählung im Netz. […] Als künstlerische Improvisationsanordnung ging der ‚Marsch der Entschlossenen‘ deshalb auf, weil das Zentrum erst starke Behauptungen und Inspirationen setzte, aber im entscheidenden Moment die Kontrolle über das Drehbuch an die Teilnehmenden abgab und auf die Magie der Improvisation vertraute. Demnächst ist die erste Theaterinszenierung des Zentrums für politische Schönheit am Schauspiel Dortmund zu sehen. Man darf gespannt sein“ (Christian Römer auf dem Blog der Heinrich Böll Stiftung, 24.6.2015). So spannend wird es dann doch nicht. Bevor für die Veranstalter am Schauspiel Dortmund erste Honorare und später staatliche Projektgelder für sinnstiftende Folgeprojekte unter aktiver Einbeziehung des Publikums abfallen und für den einen oder anderen vielleicht sogar eine Professur, gab es die unvermeidlichen Nachahmungsaktionen, zum Beispiel in Hannover, wo über Nacht im Stadtzentrum einige dieser Pseudogräber angelegt wurden; eines davon mit der Aufschrift: „Die Toten kommen!“ (Hannoversche Allgemeine, 3.7.2015).

Moralische Meisterstücke des Christian Schwarz-Schilling

Das Zentrum für politische Schönheit zählt sich im Ton auftrumpfender Selbstvermarktung (dem natürlich ein Schuss gebrochener Ironie nie fehlen darf) „zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst“. Es hält sich sogar „für eine erweiterte Form von Theater: Kunst muss weh tun, reizen, Widerstand leisten. In eine Begriffsallianz gebracht: aggressiver Humanismus.“ Dieser Anpreisung von Sauerbier aus den frühen 1970er Jahren (2) folgt der Lebenslauf für spätere Verwendung: „Inszenierungen und Werke am Gorki Theater, 7. Berlin Biennale, Theater Dortmund, Steirischer Herbst, NGBK, ZKM Karlsruhe u.v.a.“ (Website des ZPS). Doch mutig vorgetragener aggressiver Humanismus fordert dem Künstler vor allem einiges ab: Mut, Widerstand, Verzicht, Leiden und moralische Meisterstücke. Denn „politische Schönheit ist moralische Schönheit (καλὸς καὶ ἀγαθός). Kein Thema macht Erschütterung, politische Integrität und Verletzlichkeit methodisch derart sichtbar wie die Frage, wer gegen genozidale Verbrechen aufbegehrt und Widerstand geleistet hat – notfalls gegen die eigene Karriere, die eigenen Freunde, die eigenen Gefühle.

Das Zentrum formt Handlungen zu strahlender politischer Schönheit. Es geht um moralische Lichtintensität. Gerade in der Finsternis humanitärer Katastrophen und genozidaler Kriegsführung, inmitten schwärzester Anthropologie, wird die Erkenntnis moralischer Schönheit möglich. Moralisches Versagen und moralische Meisterstücke werden im Angesicht von Völkermord am besten erkennbar.

Diese Menschen umreißen Akte von politischer Schönheit: Varian Fry, Peter Bergson, Eduard Schulte, Simon Wiesenthal, Soghomon Tehlirian, Beate Klarsfeld, Raoul Wallenberg, Jean Moulin, George Mantello, Shahan Natalie, Roméo Dallaire, Raphael Lemkin, Georg Elser, Kurt Schrimm, Christian Schwarz-Schilling, Rupert Neudeck, Paul Grüninger, Willem Arondeus oder das World Food Programme.“ (Website des ZPS) Die Heldenliste präsentiert eine so abgefeimt ausgewogene Mischung, dass weder das Bundespräsidialamt noch die Redaktion der FAS sie besser hätte zusammenstellen können. Besonders bemerkenswert sind die beiden deutschen Lichtgestalten Christian Schwarz-Schilling und Rupert Neudeck, von denen man ja weiß, dass sie bei ihren Bemühungen um Flüchtlinge Karriere und Freunde aufgeopfert und irgendwie bestimmt auch gegen die eigenen Gefühle gehandelt haben. Dazu ein Schindlerdeutscher ersten Ranges: Eduard Schulte und ein Staatsanwalt, der jetzt, wo es zu spät ist, enorm mutig das Erbe Fritz Bauers antritt und halbtote SS-Männer vor Gericht bringt: Kurt Schrimm. Das reicht fast schon, um eine laut Selbstdarstellung „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit – zum Schutz der Menschheit“ zu qualifizieren. Solchen Leuten glaubt man aufs Wort, was ihr Sprecher gegenüber der BZ angekündigt hat: „Eine Sensation ist perfekt, da kommt noch mal was. Wir werden weiter beerdigen, bis die deutsche Politik sich dem Problem mit aller Entschlossenheit annimmt. Mindestens mit der Energie, mit welcher der Verkehrsminister versucht, die Autobahnmaut durchzudrücken.“ Es sage keiner, es ließen sich öde Forderungen an die Politik „in der Finsternis humanitärer Katastrophen und genozidaler Kriegsführung“ nicht auch im Titanic-Sprech rüberbringen.

Volkswiderstand und Protestpotenzial

Die Berliner Zeitung endlich hat den Punkt benannt, von dem deutsches Flüchtlingsgedenken unbedingt ausgehen muss: Den Leichenbergen. „Wir werden mit den Folgen dessen, was wir tun oder lassen konfrontiert. Das ist das eine. Das andere ist: Die Aktion verwandelt Leichenberge in zu Tode gebrachte Einzelne. Sie verwandelt Flüchtlinge in Menschen“. (Berliner Zeitung, 19.6.2015) Wie immer die Menschwerdung von anonymen Toten vonstattengehen soll – das ist schon egal. Worauf es ankam, war die Aneignung, wie man heute zu sagen pflegt, jener anklagenden Dokumentarfilme aus dem Jahr 1945, auf denen man amerikanische Bagger die zu Bergen geschichteten Leichen vorwiegend jüdischer KZ-Insassen wegen der erheblichen Seuchengefahr in die Gruben schieben sah, zu ganz anderen Zwecken. Man schreit „genozidal“, vereinnahmt Georg Elser und andere, nur zu dem Zweck, sich betroffenheitssatt und todesverfallen an die Relativierung der deutschen Vergangenheit zu machen. Aber noch diese Gemeinheit hat einen tieferen Sinn, der bis in den Sprachduktus an jene Zeiten anknüpft, in denen Deutsche Leichenberge produzierten. Die vom Zentrum für politische Schönheit, die sich wie professionelle Klageweiber bei öffentlichen Auftritten immer Asche ins Gesicht schmieren, sind so erfüllt von der Erhabenheit ihres Tuns, dass ihr Sprech in die hohe Sprache der Eigentlichkeit kippt, von der die des Nationalsozialismus alles hat. In Bezug auf ihre Begräbnisaktion auf dem Friedhof von Gatow sagten sie allen Ernstes: „Das Wunder des europäischen Denkens, das hier und jetzt von Deutschland ausgeht, verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Welt.“ Gemünzt auf die große Versöhnung am endlich deutschen Weltflüchtlingstag wäre es das rechte Wort gewesen. Dem Volker Zastrow hätte es gefallen, aber der Bundespräsident, der anders als Berliner Künstler noch mit Empfindlichkeiten aus dem Ausland rechnen muss, hat es sich dann doch nicht zu sagen getraut. Dazu bedarf es deutscher Widerstandkämpfer in der Tradition Christian Schwarz-Schillings, die Kopf und Kragen riskieren. Wer da etwa mäkelt wird angeherrscht: „Wir verbitten uns, dieses Wunder klein zu machen und uns in der Rolle von Protestierenden zu sehen. Die Beerdigung von Menschen kann und wird niemals ‚Protest‘ sein.“ Nein, Widerstand ist Berufung, die den ganzen aggressiven Humanisten erfordert: „Wir leben den Verantwortlichen vor, wie sie mit den Opfern ihrer Abschottungspolitik umgehen müssen.“ (Zentrum für politische Schönheit auf Facebook, 20.6.2015)

In Deutschland, wo man weiß, dass selbst in stumpfsinnig „Wir sind das Volk!“ krakeelenden Leipzigern nicht aggressive Ausländerfeinde, sondern aggressive Humanisten stecken, deren Tun man nicht etwa als schnöden Protest, sondern als uns anderen vorgelebte moralische Meisterstücke der deutschen Revolution zu bewundern gelernt hat, wird jede Tafel, jeder Lappen sofort nach Gebrauch eingesammelt, archiviert und ins Museum für politische Schönheit verfrachtet. Rupert Neudeck ist über das Verhältnis von Kunst und Volkswiderstand anlässlich der Aktion „die Toten kommen“ die schöne Einsicht zu danken, dass „die Gesellschaft froh darüber sein sollte, dass sie noch solche Protestpotentiale in sich birgt, mit denen die Künstler ihre Kunst sichtbar machen können“ (Qantara.de, 3.7.2015). Daran knüpfte bereits am 22.6.2015 die Bundestagsfraktion der Linken an und forderte den Erhalt der Gräber auf der Reichstagswiese als Mahnmal (ad-hoc-news.de, 22.6.2015). Die Abgeordnete Ulla Jelpke, die dann, wenn einer im Bundestag spricht, der dem Holocaust entronnen ist, aber Israel mitbegründet hat, sitzen bleibt, wahrscheinlich deshalb, weil sie über „Massensterben“ besonders gut Bescheid weiß, erklärte, warum nach Neuer Wache und Holocaustdenkmal ein drittes und endgültiges deutsches Mahnmal dringend gebraucht wird: „Jetzt im wahrsten Sinne des Wortes wieder Gras über die symbolischen Gräber wachsen zu lassen, ist angesichts des andauernden Massensterbens an Europas Grenzen die falsche Reaktion“.

Lisa Lübars / Justus Wertmüller (Bahamas 71 / 2015)

Anmerkungen:

  1. www.politicalbeauty.de/toten.html
  2. „Klaus Staeck sieht hier historische Bezüge bis heute: ‚Ich habe 1986 mein erstes Plakat zu diesem Thema gemacht, mit dem Titel Stell dir vor, Du musst flüchten und liest überall: Ausländer raus.‘“ (Qantara.de., 3.7.2015)

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