Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie hässlich ist die Linke?
Chronik der laufenden Säuberungswelle

Materialistische Kritik hofft, sich letztlich geirrt zu haben, ihre Interventionen sind darauf angelegt, den Druck noch drückender und mittels des (selbst-)erkennenden Schreckens die überwältigende Unmündigkeit angreifbar zu machen, die die Individuen bannt. Wer sich daran macht, den ideologischen Zwang und Alpdruck zu kritisieren, der, von allen reproduziert, auf allen liegt, wird, wenn er dies radikal genug tut, sowohl bei seinen Zuhörern als auch bei sich selbst nicht geringen Widerstand gegen die von Illusionen befreiende Wahrheit erfahren und bedarf eines an allen Heilsgewissheiten verzweifelten Mutes, um den falschen Trost, die objektiven Lügen, den naheliegenden Wahn zu durchschauen. 

Dies sind gewiss keine neuen, oder – wie es im Jargon gerne sich revolutionär nennender Diskurse oft heißt – „spannenden“ Erkenntnisse. Doch sie gelten sowohl für den Menschen, der vielleicht erst angefangen hat, sich die tiefen, leidbewirkenden Widersprüche und Frustrationen der kapitalistischen Totalität bewusst zu machen, als auch für denjenigen, der sich als bereits fortgeschritten Wähnender in vielerlei Hinsicht schlau gemacht hat und doch gute Gründe hätte, auch seiner erworbenen Schläue zu misstrauen. Beide müssen der Maxime treu bleiben, sich der kränkenden Zumutung der Kritik nicht zu entziehen und sollten jede Gelegenheit froh begrüßen, bei der sie einer rücksichtslosen, entlarvenden und polemischen Intervention ausgesetzt werden, die nicht in allem Recht haben muss – worauf sie, wie gesagt, sogar hofft - um ihre segensreiche Wirkung zu entfalten.

Unser Genosse Justus Wertmüller, Redakteur der Zeitschrift Bahamas, hat es dieses Jahr verstärkt auf sich genommen, solche angesichts der Triumphe des antisemitischen Wahns dringend nötigen, öffentlichen Herz- und Hirnoperationen durchzuführen, unter zunehmend massivem Widerstand, aber ebenso zunehmender Publikumsteilnahme. Und die Versuche, seine gut besuchten Vorträge zu verhindern und ihn mittels der bewährten großkalibrigen Worthülsen „Sexist“ und „Rassist“ mundtot zu machen, haben nun einen vorläufigen Kulminationspunkt in Bonn gefunden, wo sich, eingeladen durch das Referat für politische Bildung des AStA der Universität Bonn, am 12. November 2010 ein äußerst gemischtes Publikum einfand, um seine Gedanken zum „Sarrazin-Komplex“ anzuhören bzw. mit allen Mitteln zu versuchen, das Vortragen dieser Gedanken zu verhindern.

Bei vorherigen Veranstaltungen, bspw. in Lübeck und München, wurde die Absage der den linken Konsens überfordernden Veranstaltungen den Betreibern der meist in der linken Subkultur verankerten Veranstaltungsorte mittels elektronischer Denunziationskampagnen nahegelegt und von diesen ohne nenneswerten Widerstand durchgeführt. Das poststrukturalistische Wörtchen vom „Sprechort“ erhielt damit einen praktischen Sinn für die Ideologiekritik, denn die Raumsuche entwickelte sich zur Schnitzeljagd (was übrigens eine gute, antivegane Metapher für die Geschichte der Antideutschen wäre). Auch in Leipzig schloss ein eventueller Sprechort, das Zentrum Conne Island, in vorauseilendem Gehorsam dem Rassistenbann gegenüber und unter Hinweis auf die Mühen politischer Konsensfindung, die Tore seines „Freiraums“ für die perhorreszierte Intervention.

In Bonn schritt die anti-antideutsche Säuberungswelle dergestalt fort, dass es der örtlichen bzw. regionalen Niederlassung der antisemitischen Internationalen, vor allem vertreten durch die „Rote Antifa“ und den Gruppenführer Simon Ernst, gelang, sich störend, pöbelnd und schließlich das Podium und den Sprecher angreifend zu inszenieren, freilich ohne die Durchführung der Veranstaltung verhindern zu können.

Die von der Moderation schließlich gerufene Polizei beendete eine sich steigernde Terrorphase gegen den Sprecher, seine Gastgeber und seine Zuhörer, einen direkten Anschlag auf das Augenlicht Wertmüllers mittels eines Laser-Pointers inbegriffen, der einen in diesem Moment schützend vor ihm Stehenden blendete und verletzte, was sowohl ein klinisches Nachspiel hatte, als auch ein juristisches haben wird.

Diese einzelne Tat hat eine taktische und eine psychologische Komponente, und letztere mag hier in einer ferndiagnostischen Interpretation nützlich sein, um, soweit dies überhaupt möglich ist, über die Motivation des Terrors jenseits seiner nichtswürdigen Parolen aufzuklären: denn das versuchte Blenden Wertmüllers richtet sich gegen seinen Blick, der den Wahn der Angreifer solange stört und provoziert, wie er kritisch auf sie fallen kann, was auf die von ihrem Bewusstsein abgespaltene Ahnung ihrer Schande schließen lässt. Wertmüller wird als prominenter Exponent der Ideologiekritik dafür gehasst, dass er trotz der abschnurrenden Behauptung seiner totalen Irrelevanz immer wieder die niederträchtige Bewusstlosigkeit sieht und offen ausspricht, die sich gerade dort einstellt, wo es um die Befreiung des Menschen von Ausbeutung, Unterdrückung und Beschränktheit gehen sollte; bei denen, die sich mit den Adjektiven kommunistisch, feministisch, emanzipatorisch, solidarisch drapieren und die sich in ihrer unschuldigen Selbstgerechtigkeit vom bösen Blick dennoch so bedroht und zu wüstem Treiben berechtigt fühlen, wie blaue Amulette tragende Eingeborene, die den Raub ihrer Seelen durch das Objektiv der Kamera fürchten.

Eine Schlüsselrolle spielte an diesem Abend die schon erwähnte, so reflexhaft vorgebrachte wie von jeglicher Argumentation unbehinderte Anklage, die noch vor dem ersten Wort Wertmüllers Signal gab und dem ambivalenten Publikum von vornherein den Mund zuhalten sollte: „Du bist ein Rassist!“ Dieser immer triumphal vorgebrachte Vorwurf ist nach dem neuesten Stand der Dinge im postnazistischen Deutschland die gymnasiale und akademische Variante des Schimpfwortes „Jude“ auf weniger privilegierten Schulhöfen. Es ist in beiden Fällen, auf bildungsbedingt verschiedenen Stufen der Jargonentwicklung, dasselbe gemeint, nämlich das konstitutive Hassobjekt der Umma, der zur Verwirklichung drängenden Völkergemeinschaft, die die sich dadurch bildenden und gegenseitig findenden rackets um den Juden unter den Staaten magnetisiert. Es soll in beiden Fällen bewirken, dass die umstehenden Zuschauer, gar die Freunde des Angegriffenen, von diesem abrücken, um sich nicht selbst der Gefahr der Markierung durch den Mob auszusetzen. Und in beiden Fällen ist die Motivation der Angreifer antisemitisch und richtet sich oft, durch die deutsche Staatsräson zumeist behindert, frustriert gegen Ersatzjuden, also Projektionsflächen, die sich mehr oder weniger nachvollziehbar mit den gewähnten Eigenschaften der Juden und ihres Staates identifizieren lassen oder die, wie im Falle Wertmüllers, öffentlich bedingungslos für Israel intervenieren. Die „Rote Antifa“ hat es so einfach wie wirksam vorgeführt, da sie während ihres Auftritts und in ihrem Bekennerbrief den Grund für ihren Hass auf Wertmüller nach und nach präzisierte, also von „Rassist“ über "Philosemit" zu „Zionist“ überging und, endlich vor die Tür gesetzt, „Intifada bis zum Sieg“ skandierte. Dieser ersehnte Endsieg der totalen Integration kann nur durch die Projektion eines totalen Feindes gelingen, dem Abschlussritual der Haddsch durch die rituelle Steinigung des Teufels von der Dschamarat-Brücke aus entsprechend.

Simon Ernst ließ es nicht einmal an auf der Bühne der Weltpolitik wohlbekannten Techniken der Selbstinszenierung als Opfer der Ausgrenzung fehlen, wie zum Beispiel seine Performance empörter Fassungslosigkeit darüber, dass ihm „nur eine Minute“ Redezeit während des Vortrags herumschreiend zu erpressen gelang. Diese Klage über die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, immer schon Visitenkarte der Antisemiten, wurde auch vom türkischen Präsidenten Erdogan in Davos vorgebracht – mit dem gleichen Hinweis auf die Redezeit, um die man ihn betrogen und diese Shimon Peres zugeschlagen hätte. Einer der wenigen heiteren Momente des tumultuösen Bonner Abends war der ob des Rauswurfs gekränkte Ruf der verfolgenden Unschuld: „Der hat doch damit angefangen!“

Doch die „Rote Antifa“ tut in gewisser Weise nur ihren Job, den sie für den Moment mit ihren mitgebrachten, aus dem Hamburger Zentrum für Antisemitismusförderung B5 stammenden Aufklebern „Antideutsche klatschen!“ definierte und der, eingedenk des von diesem Sturmlokal ausgegebenen Kurses, genau genommen präzisiert werden müsste: „Antideutsche klatschen, um endlich an die Juden heranzukommen!“ Denn so ohnmächtig auch die verhasste Kritik ist, sie wird als störende Hemmung, als den Spaß verderbendes Gewissen bei den Antiimperialisten selbst und vor allem bei ihren Rekrutierungsobjekten empfunden. Die ansteckende Ohnmacht der Kritik selbst ist es, die den Zorn dieser Identitätspolitiker erregt, denn sie fürchten nichts mehr, als das Protokoll ihrer eigenen Ohnmacht aufnehmen zu müssen und sind längst dazu übergegangen, ihre Version der Protokolle der Weisen von Zion zu schreiben.

Die „spannende“ Frage ist hier aber nicht, wie wahnsinnig diese Revolutionswächter sind, sondern wie weit es ihnen gelingt, den vorhin erwähnten Schulhof-Effekt durchzusetzen und einem im besten Fall eingeschüchterten Kollektiv das Abrücken von den unbedingten Verteidigern Israels (und damit schließlich von Israel selbst) abzunötigen. Mit Bonn beginnend lässt sich als unerfreuliche Antwort hierauf bei den meisten Teilnehmern der Veranstaltung eine den Ausgang des üblen Geschehens abwartende Vorsicht feststellen, eine in antizionistischen Zeiten opportune Neutralität, die, auch wenn womöglich nicht in der Motivation, so doch zumindest in der Wirkung, keine ist und die Preisgabe des von der Bahamas präzisierten kategorischen Imperativs impliziert. In diesen Zusammenhang gehört auch das Verhalten des Plenums von Conne Island, insbesondere des schändlichen, sich enthaltenden Drittels, das sein Heil in der Positionslosigkeit suchte, sowie das widerstandslose Einknicken vor dem argumentfreien Rassismusvorwurf seitens diverser Lokalbetreiber in Lübeck und München, die „im Zweifelsfall gegen den Angeklagten“ entschieden.

Hierhin gehört auch die defätistische, schlimmer noch: politische Haltung der Hamburger Studienbibliothek vor nunmehr einem Jahr während der Affaire Lanzmann, die in ihrer Schrift Willkommen in der Provinz gegen die zu befürchtende „Wiederholung eines antisemitischen Triumphs“ (S. 8) die folgenlos beschworene „Provokation von Reaktionären“, die „immer ein linker Anspruch“ war (S. 26) ausspielte, um sich lediglich auf „eine Kraftprobe: ob es gelingen kann, dem Treiben der linken Antisemit_innen praktisch Grenzen zu setzen“ zu beschränken. „Praktisch“ wiederum bedeutet hier, dass sich die Politik darin erschöpfte, die „Vorführung von Warum Israel durchzusetzen“, was „als Ziel realistisch“ sei, denn „die B5 dichtzumachen, hätte als Forderung rein symbolischen Charakter besessen“ (alles auf S. 8). Und es sei die zeitnahe Abrechnung des Hamburger Studienbibliothekars Lars Quadfasel mit den „charakterlich deformierten“ Antideutschen hinzugefügt, der ihnen auf der Konferenz „Wie Scheisse ist Deutschland?“ in Bremen übermäßige Distinktionsbedürfnisse sowie eine ungesunde und auf theoretische Vergreisung hinweisende Obsession mit Deutschland, der Linken und dem Islam bescheinigte, was implizit die schon in den Bekundungen des Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten unübersehbare Bereitschaft enthält, sich a) mit einer manifest wahnsinnigen und antisemitischen Linken um jeden Preis zu versöhnen, und b) diesen Preis – die bedingte Solidarität mit Israel, das berühmt gewordene „Verhalten zu Israel“ – vorauseilend zu entrichten.

Dementsprechend wird die weitgehende Schleifung jedes konsequent zionistischen Profils mit seiner faktischen Unmöglichkeit bei gleichzeitigem Verbleib in der linken Szene begründet. Denn (immer noch auf dieser äußerst ergiebigen S. 8) zu den Vorfällen während der Demonstration „Flagge zeigen!“, die als Spalierlauf einer so einsamen wie israelsolidarischen Gruppe unter einem antiimperialistischen Hagelschauer von Steinen und Flaschen zu beschreiben ist – wobei das tatenlose Zuschauen der übrigen Szene kein zu vernachlässigendes Detail wäre –, zu dieser Demaskierung also sowohl des linken Milieus als auch der vermeintlichen Fortschritte bei seiner Zivilisierung fällt Kiez-Kindergärtnern wie Quadfasel & Co. nichts Besseres ein, als einzuräumen, „durch die inhaltlichen und formalen Vorgaben (was auch immer von ihnen im Einzelnen zu halten ist)“ der Demonstration den „Teilnehmer_innenkreis […] so klein wie möglich gehalten“ zu haben. „Dementsprechend groß war die Koalition, die sich gegen sie zusammenfand.“ Darum sei man besser beraten, in Hamburg mit zionistischen Formalitäten (durch das „was auch immer“ wie schon so manches bereits als Verhandlungsmasse angeboten) den Ball flach zu halten, um die pädagogische Illusion weiterhin fortsetzen zu können und unter vorwegnehmender Abwehr des doch zuerst in ihnen selbst aufkommenden Vorwurfs, sich „zu drücken“, geschickt davor zu warnen, sonst „dem antisemitischen Mob [...] Rückendeckung zu verschaffen“.

All diesem gegenüber gibt die Georg-Weerth-Gesellschaft Köln kund und zu wissen, dass sie nicht nur mit Justus Wertmüller, den Veranstaltern und dem verletzten Genossen solidarisch ist, sondern aus dieser Erfahrung eine schlagende Bestätigung ihrer Entschlossenheit gewonnen hat, den bösen Blick der materialistischen Ideologiekritik weiterhin ohne Milde auf das Treiben der antisemitischen Internationale, ihre Akteure, Kollaborateure, Apologeten, Steigbügelhalter, Vermittler und fleißigen Netzwerker zu richten, weil es nicht in erster Linie um die vollends verhärteten Avantgarden der falschen Aufhebung geht, sondern um die von ihnen längst noch nicht okkupierten Unglücklichen, Zweifler, Träumer und Unzufriedenen, die mittels der Kritik und Selbstkritik den Mut finden, sich radikal ihres Verstandes zu bedienen. Diese sind es, die, zunehmend von krisenhaften Wehen vorwärts gedrängt, zu Veranstaltungen wie in Bonn kommen und um die es sich zu kämpfen lohnt, mittels rücksichtsloser Kritik, die sich nicht mit dem Wahn in den Köpfen gemein macht, sie weder „abzuholen“ noch „mitzunehmen“ sucht, sondern Ernst nimmt.

Georg-Weerth-Gesellschaft Köln