Programm

Bahamas-Konferenz am 5. Mai 2018

Felsenkeller, Karl-Heine-Straße 32, 04229 Leipzig

11:00 Uhr

Podium 1: Genese und Verlaufsformen des postmodernen Kapitalismus

Uli Krug
Gewaltkur für den Sozialstaat
Protestbewegung, Disruption und Zivilgesellschaft

50 Jahre liegt '68 jetzt zurück und niemand bezweifelt, dass dieses Jahr der Auftakt zu einer Art von zweiter Republiksgründung war. Allenthalben wird öffentlich darüber gemutmaßt, ob die Protestbewegung von damals inklusive ihrer Sprösslinge und Nachfahren nun entweder stolz sein darf auf das, was als ihr Werk gilt, oder ob sie sich schämen sollte. Ausgemacht scheint jedenfalls, dass die – je nach Lesart – offene, bunte und individualisierte oder anomische, asoziale und prekarisierte Gestalt der Berliner Republik auf das Konto der Protestbewegung(en) geht. Daran ist in jedem Fall so viel wahr (aber auch nicht mehr), dass die Zerschlagung der korporativ-regulierten Sozial- und Rechtsverhältnisse des Nachkriegskapitalismus und die globale Neuaufteilung der Arbeit, die in den siebziger Jahren ihren Anfang nahm, auf einiges setzen konnte, was linke Bewegungen offerierten: Nonkonformismus, Selbstverwirklichungszwang, Alternativökonomie und insgesamt eine Art etatistische Staatsferne lieferten die hochideologisierte Begleitmusik zur Individualisierung der Daseinsvorsorge und der Privatisierung öffentlicher Aufgaben – also zum Übergang von modernem zum postmodernen Kapitalismus; jenem, der vom Modus der Integration in den der Disruption wechselt. Auch Deutschland trachtete danach, sich aus den Fesseln nationaler Produktion und damit einhergehender kostspieliger Rücksichtnahme auf die Angehörigen der Nation zu lösen und kündigte stillschweigend und in einem Prozess, der in der Bundesrepublik erst mit der sogenannten Wiedervereinigung richtig Fahrt aufnahm, den klassischen Volksstaat auf, in den die DDR-Bürger eigentlich hatten einwandern wollen. An die Stelle der realen Gesellschaft und des passiven Widerwillens ihrer proletarisch-kleinbürgerlichen Mehrheit gegen die neuen Verhältnisse setzte man die praktisch-moralische Etablierung einer Wunschgesellschaft der billigen Problemlösungen im Projektverfahren und vorbildlichen Mobilisierung zum Engagement – die sogenannte Zivilgesellschaft, mithin jenes Segment der Gesellschaft, das bislang zwischen Kapital und Arbeit im nationalen Rahmen auf pädagogisch- mediale Art lediglich vermittelt hatte. In dem Maße, wie sich das Kapital seiner Abhängigkeit von (heimischer) Produktionsarbeit entledigte, verabsolutierte sich die Reproduktionsweise der „feinen Gesellschaft“, nämlich Protest anzumelden für wen oder was auch immer, um Stellen oder zumindest Projekte zu ergattern; Protest und Empörung – solange nur nicht die klassisch sozialdemokratischen Sehnsüchte der Langweiler und Spießer zur Sprache kommen – bilden die Staatsräson der Berliner Republik. Die zeitgenössische wie zeitgemäße Protestbewegung wurde antideutsch in dem Sinne, dass alles, was an die alte Bundesrepublik erinnerte, so wie sie den Deutschen einst von den Westalliierten aufgezwungen worden war, nun als illiberal, nicht weltoffen und letztlich faschistisch gilt. Die „Gewaltkur“, die Daniel Cohn-Bendit vor 50 Jahren der „Alterskrankheit des Kommunismus“ verordnete, entpuppt sich in der Rückschau als Aufforderung und Bereitschaft zur Gewaltkur gegen Alte und Kranke.

David Schneider
Communication Breakdown

Die Kooperation in Fabrik und Betrieb galt dem Arbeiterbewegungsmarxismus vor allem als Chance, die Vereinzelung des Arbeiters aufzuheben. Marx fasste die Kooperation der Arbeiter weitaus kritischer, nämlich als „bloße Wirkung des Kapitals“ und die Kooperierenden als „Glieder eines werktätigen Organismus“, deren Tun dem Zweck eines fremden Willens unterworfen ist. Gleichwohl hielt auch Marx am Doppelcharakter der Kooperation fest. Im planmäßigen Neben- und Miteinanderarbeiten streife der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und werde als Teil der Masse der gleichzeitig Beschäftigten zur Gefahr für die Herrschaft des Kapitals.

Im nachindustriellen Kapitalismus wird zwar nicht mehr auf die Abschaffung des Kapitalverhältnisses gesetzt, jedoch hat die zur beruflichen Schlüsselqualifikation aufgewertete Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft einen unumstößlichen Platz in der Arbeitswelt des therapeutisierten Mittelstands. Das mit allerlei Psychotricks bewerkstelligte Zusammenrücken zur Gemeinschaft der Betriebsangehörigen, innerhalb der die wohltemperierte Distanz zu Kollegen schwindet und Dienst nach Vorschrift kaum noch möglich ist, wird den Vereinzelten als frohe Botschaft angedreht. Der heute verlangte instrumentelle Einsatz von Sprache und Emotionen setzt ein gewisses Maß an Distanz, Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und pragmatischer Zielorientierung voraus. Eigenschaften also, über welche die sogenannte Generation „Snowflake“ nur noch unzureichend verfügt. Obwohl zumeist aus dem ehrgeizigen liberalen Mittelstand hervorgehend, scheinen sie für die Zwecke der Vermarktung ihrer Arbeitskraft auch im postmodernen Kapitalismus zunehmend ungeeignet zu sein. Von den Eltern zur Konkurrenz und Selbstvermarktung hochgezüchtet, unterlaufen sie in ihrer Selbstbezüglichkeit die zum Prinzip Konkurrenz notwendig dazugehörige Befähigung zur Kooperation, ohne die kapitalistische Wirtschaft nicht funktioniert.

An US-Universitäten wird das Bedürfnis, Safe Spaces einzurichten, Triggerwarnungen einzuklagen und Sprachverbote zu verhängen, bereits so tüchtig ausgelebt, dass argument- und vernunftbefreite Zonen keine Ausnahmeerscheinungen mehr darstellen. Man hat es im Falle dieser eingebildet traumabelasteten Patientenkollektive mit Menschen zu tun, die schon bei zaghaften Konfrontationen mit der Außenwelt überfordert zusammensinken oder beginnen, ihrer gesamten Umwelt mit ihren theatralisch inszenierten Selbstpsychiatrisierungmarotten auf die Pelle zu rücken. Solches Unterlaufen gesellschaftlicher Minimalanforderungen verspricht selbstredend keine Befreiung von den Zwängen des trostlosen Überlebenskampfes. Die aufdringliche Selbstviktimisierung ist nur eine besonders asoziale und heuchlerische Form der Konkurrenzwut von Beschränkten, deren gesamtes Wirken ein Hohn auf den Anspruch darstellt, die Gesellschaft einigermaßen vernünftig einzurichten.

Magnus Klaue
Kreativität und Verbrechen
Improvisationslust als deutscher Wahn

Wenn hierzulande Procederes wie die Bindung des Rechts auf Asyl an individuelle Personen oder das ausnahmslose Verbot von Kinder- und Scharia-Ehen gefordert werden, wittert die Zivilgesellschaft, zu der das antideutsche Milieu integral gehört, sofort Staatsfetischismus und Ordnungswahn. Genuin deutsch ist indessen seit dem Ende des preußischen Obrigkeitsstaats nicht das Pochen auf Recht und Ordnung, sondern deren schöpferische Zerstörung im Namen ethnischer Kollektive, denen Menschen nicht als Einzelne, sondern als nach kulturklimatischen Kriterien ein- und umzutopfende Exemplare gelten. Der Vortrag wird anhand des Kults der Kreativität zeigen, warum unter dem Nullbegriff „Neoliberalismus“ firmierende Entwicklungen wie die Flexibilisierung der Arbeit ihr ganzes Zerstörungspotential nicht in den angloamerikanischen Staaten, sondern in Deutschland, und hier insbesondere auf dem expandierenden Markt der „Geflüchtetenhilfe“, entfesseln: Nur hier zielen sie statt auf die Konkurrenz egoistischer Einzelner auf die Freisetzung selbstloser Bandensubjekte. Skizziert werden soll, wie diese Erscheinungsform der Flexibilisierung in einem Kreativmilieu wurzelt, in dem keine Grenze zwischen Kriminalität und Überlebenskunst mehr existiert und dessen prominentester Spross nicht zufällig ein abgehalfterter Kunstmaler war, der auf seine Talentlosigkeit mit der Gründung einer völkischen Ich-AG antwortete, die zur erfolgreichsten deutschen Massenbewegung wurde.

14:30 Uhr

Podium 2: Souveränität und Freiheit

Thomas Maul
Der Westen liegt im Abendland
Über die Grenzen von Religionsfreiheit und Religionskritik

Weil er in christdemokratischen Kreisen der frühen Bundesrepublik als Chiffre für die klammheimliche Eskamotierung jüdischer Tradition aus der westlichen Ideen- und Institutionengeschichte fungierte, gilt der Begriff des Abendlandes heutzutage als Synonym für christliches Dominanzgebaren. Indessen war schon Spenglers Beschwörungsformel vom Untergang des Abendlandes zweideutig: Warnung vor Dekadenz und kaum verhohlener Wunsch, dass es mit der jüdisch-christlichen Zivilisation endgültig ein Ende haben möge. Wo heute die Sprachrohre der Zivilgesellschaft qua Verteidigung von „Religionsfreiheit“ ausgerechnet den Islam hofieren – die einzige „Religion“ also, die jene Verinnerlichung und Privatisierung des Glaubens, die aus dem Bekenntnis eine Konfession macht, bis heute nicht nur nicht zu leisten vermag, sondern aggressiv verweigert –, wird unter dem Deckmantel der Verteidigung einer bürgerlichen Ordnung, die der Islam vernichten will, Spenglers Untergangsbesoffenheit erneut eingeübt. Diesem Bedürfnis nach Selbstorientalisierung des Okzidents hält der Vortrag entgegen, dass keine Verteidigung des Westens ohne Verteidigung des Abendlandes auskommt, weil westlicher Säkularismus und Verinnerlichung des Glaubens zur Privatsache der Einzelnen Leistungen der großen abendländischen Religionen gewesen sind, denen der Islam, für den Glaubensbekenntnis und barbarische Tat zusammenfallen, den Kampf ansagt. Eben deshalb ist Islamkritik keine Variante von Religionskritik, sondern Verteidigung jüdisch-christlichen Denkens gegen eine Form des Bekenntnisses, das es bis heute nicht dazu gebracht hat, Theologie zu werden, das heißt: seine eigene Beschaffenheit zum Gegenstand von Reflexion und Kritik zu erheben. Mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wäre die nachbürgerliche Gesellschaft daran zu erinnern, dass bürgerliche Souveränität und positive Rechtsordnung im theologisch interpretierten Naturrecht gründen, um ihrem Begriff zu entsprechen: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“ Indem das sich als besonders aufgeklärt und westlich gebende Ideal „laizistischer Neutralität“ und „Gleichbehandlung aller“ ungleichen „Religionen“ diesen Konstitutionszusammenhang verdrängt, spielt es der Islamisierung in die Hände.

Jan-Georg Gerber
Noch ist Polen nicht verloren.
Über nationale Souveränität und historische Erfahrung

In Deutschland ist man sich einig: Die Staaten des östlichen Europa haben aufgrund ihrer Haltung zur EU nichts aus der Geschichte gelernt. Im Vortrag soll stattdessen gezeigt werden, dass die gegenwärtige Europaskepsis in Warschau oder Prag nicht zuletzt auf historischer Erfahrung beruht. Angesichts der Aufrüstungspolitik des Kreml und einer von Berlin aus dominierten EU, die die Sicherheitsinteressen der mittelosteuropäischen Nachbarn ignoriert, sehen sich zumindest einige der vielgescholtenen Visegrád-Staaten in die traditionelle Zwischenlage zurückversetzt – eingekeilt zwischen Deutschland und Russland. Vor diesem Hintergrund handeln sie gleich in mehrfacher Hinsicht so, als hätten sie Franz Neumanns Imperativ aus dem Behemoth zu ihrer Maxime gemacht: „Verteidigung der Staatssouveränität“.

Sören Pünjer
Moderner Antisemitismus und staatlicher Minderheitenschutz

Dank der Flüchtlingskrise ist der Antisemitismusdiskurs mittlerweile endgültig dort angekommen, wo er schon der Form halber hingehört: im Staatsapparat und bei dessen Agenturen mit seinen zivilgesellschaftlichen Pöstchen und Pfründen für die besonders Anständigen – aktuell gekrönt durch die Ernennung eines „Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung“. Entsprechend wird der moslemische Antisemitismus verhandelt. So bleiben nicht nur grundlegende Erkenntnisse über den modernen Antisemitismus auf der Strecke. Auf sie zu verweisen und auf ihnen zu beharren gilt als öffentliche Diskursstörung des Schwadronierens über ein Recht auf Diversität auch für Juden und sogenannter Ambiguitätstoleranz gegenüber der jüdischen Minderheit. Im Referat soll es darum gehen, welche Konsequenzen sich aus dieser gesellschaftlichen Konstellation für die Kritik des Antisemitismus im Allgemeinen und des moslemischen im Besonderen ergeben.

17:30 Uhr

Podium 3: In kommunistischer Absicht: Über Begriff und Wesen der einen Menschheit

Clemens Nachtmann
Apologie der verwalteten Welt
Über Sachlichkeit als Voraussetzung von Individualismus

Das deregulierte Akkumulationsregime von heute ist die „verwaltete Welt“ von gestern, die ihren Verwaltungsmodus von Grund auf geändert hat: sie wird zum kommunitären Stammesverband umgerüstet, in dem das einzelne Individuum zur totalen Verwaltung seiner selbst gezwungen und dabei unmittelbar zugleich den informellen Apparaten para-staatlicher Rackets ausgeliefert wird, denen sich wiederum das staatliche Handeln zunehmend angleicht. Die Deregulierung der Gesellschaft impliziert deshalb deren nunmehr moralisch forcierte Regulierung; in der fortschreitenden Islamisierung westlicher Gesellschaften findet dieser Vorgang seinen sichtbaren Ausdruck.

Damit regrediert die bestehende Gesellschaftsformation strenggenommen nicht auf den Liberalismus, den sie scheinbar beerbt, sondern noch hinter diesen, denn ihre Verfasstheit impliziert die Unterminierung einer ganz grundlegenden gesellschaftlichen Errungenschaft, die älter ist als das Kapital, das sie einst vorangetrieben hatte: die Teilung und Ausdifferenzierung der einzelnen Arbeiten und Lebenssphären und damit der Welt-Erfahrungen, die solche Teilung und Spezialisierung dem Einzelnen überhaupt erst ermöglichen. Die Rücknahme von wesentlich gesellschaftlich bestimmten und gesellschaftlich zu erbringenden Leistungen ins Individuum und die komplementäre Subsumtion eben dieses Individuums unter rein instrumentelle, hypermoralisch rationalisierte Normen bedeutet die fortschreitende Liquidation der logisch-kategorialen und gesellschaftlich institutionalisierten Vermittlungen von Sprache, ästhetischer Form und Recht, durch die formell getrennte Lebenssphären aufeinander bezogen und voneinander abgegrenzt werden – und damit eine veritable Entdifferenzierung des gesellschaftlichen Lebens. Im allseits geforderten und geförderten Niederreißen logischer Grenzen wird das Schleifen sozialer Grenzen und damit unmittelbare Herrschaft zugleich vorbereitet und eingeübt.

Gegenüber dieser institutionalisierten Regression erscheint die „verwaltete Welt“ von gestern noch in ihren monströs bürokratischen Ausformungen als Vorschein eines Besseren. Denn der „organisierte Kapitalismus“ bedeutete das Eingeständnis, dass das Privateigentum selbst ein wesentlich gesellschaftliches Verhältnis darstellt und auf gesellschaftlichen Verhältnissen basiert, die es von sich aus nicht schafft, sondern nur voraussetzt. Staatliche Verwaltung und Steuerung der kapitalisierten Gesellschaft waren gleichsam der unfreiwillige Tribut an den Kommunismus, den die bürgerliche Gesellschaft zu entrichten sich gezwungen sah; und dementsprechend erschien die verwaltete Welt alten Zuschnitts zuweilen wie eine Karikatur oder Parodie auf den Kommunismus. Das derzeit herrschende, paradoxe System der deregulierten Mobilmachung ist der Versuch, diesen peinlichen Ausrutscher vergessen zu machen.

Die Versachlichung gesellschaftlicher Beziehungen, ihre Entpersönlichung und Rationalisierung, ihre Institutionalisierung und Verfestigung zu einer Art „zweiten Natur“, wie sie in der „verwalteten Welt“ zumindest aufschienen – ist deshalb nichts, was zu überwinden oder abzuschaffen wäre, sondern impliziert ein Versprechen, das gegen das Kapital endlich zu realisieren wäre: dass „an die Stelle der Regierung über Personen die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen“ tritt (Engels). Im Ästhetizismus etwa von Oscar Wilde, Karl Kraus oder Paul Valéry ist diese Einsicht unumwunden ausgesprochen und zum Selbstbewusstsein gebracht: dass ein Ensemble sachlich vermittelter gesellschaftlicher Formen kein Gegensatz zu, sondern die Voraussetzung von ästhetischem und lebenspraktischem Individualismus, dass mithin deren grenzensetzende Qualität die Bedingung individueller Entgrenzung darstellt. – Wie auch umgekehrt die Rationalität ästhetischer Formen Modell einer über sich aufgeklärten administrativen Rationalität wäre: einer, die die verwalteten Sachen nicht bloß nach ihnen äußerlichen Maßstäben kategorisiert, sondern umgekehrt die den Dingen immanente Rationalität zur gesellschaftlichen Darstellung bringt: als Einheit in der Trennung.

Justus Wertmüller
Am Abgrund
Einige Voraussetzungen zur Rettung der Gattung Mensch

Um die Emanzipation ist es schlecht bestellt. Je mehr Zwänge fallen, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass das Individuum dadurch nicht gestärkt wurde und der inzwischen häufig nur scheinbare private Zugewinn an Freiheit zu Lasten der Befreiung der Gattung Mensch geht. Emanzipation, also die „Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst“ muss dort misslingen, wo der scheinbefreite Mensch als Welt nur sich selbst in seiner aufgeblähten Verkümmertheit denken kann. Der Zerfall der Gattung in immer mehr ethnische, kulturelle und sexuelle Identitäten, die jede für sich Respekt und absolutes Kritikverbot einfordern, verweist darauf, dass „der wirklich individuelle Mensch“ „den abstrakten Staatsbürger“ keineswegs „in sich zurücknimmt“ und „seine eigenen Kräfte“ mitnichten „als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat“, wie Marx noch gehofft hatte. Vielmehr wird nicht dem abstrakten Staatsbürger, sondern der Abstraktion überhaupt und damit der Kooperation zwischen den Einzelnen und Freien der Kampf angesagt, mithin die Selbstorganisation entlang gemeinsamer Interessen verworfen.

Je mehr Staatskritik in plumpe Staatsfeindschaft sich verkehrt und jede Autorität als per se feindliche, sogenannte Herrschaft in Bann getan wird, desto unheimlicher erscheint die Barbarei als widerspruchsfreier Raum des persönlichen Glücks, in dem einem nichts abgenötigt wird. Was den Bürger einst ausgemacht hat und den kommunistischen Kritiker erst ermöglicht: die einigermaßen gelungene Verarbeitung des Zwangs, der bereits beim kleinen Kind Voraussetzung von Individuation ist, der in Form der Sublimierung der rohesten Triebkräfte einen lebenslänglich begleiten und einem im Sich-Vergleichen-Müssen mit anderen den Schlaf des sattgetrunkenen Säuglings rauben sollte; – diese Zumutungen, ohne die Individualitiät nicht zu haben ist, werden vollständig unter die dringend abzuschaffenden Belästigungen der Zivilisation subsumiert.

So wie individuelle Souveränität grenzenloser und asozialer Selbstüberhöhung wich, so fielen, scheinbar ganz zufällig die Grenzen der postbürgerlichen Nationen zugunsten einem sich abzeichnenden Gangland. Von der Gattung Mensch, die ohne den Zwang zur Menschwerdung durch jeden ihrer Angehörigen gar nicht denkbar wäre, ist ein panischer Haufen obstinater Rechthaber zurückgeblieben, der sich insgeheim nach der großen widerspruchsfreien Ordnung von Kollektiven sehnt, deren Mitgliedern das Ausgeliefertsein unter die Willkür ihrer Beherrscher noch geneidet wird: Sind sie doch jeder Verantwortung für sich selbst ledig und damit befähigt, sich in den barbarischen Untaten ihrer Multitude, die als islamische Hetzmasse oder russische bzw. chinesische Despotie auftreten kann, ihrer eigenen Besonderheit zu versichern.

Eintritt: 10 € (ermäßigt 8 €)

Für ein Angebot von Speisen und Getränken wird gesorgt.

Im Anschluss an die Konferenz steht im Felsenkeller der Kleine Saal zum ausgiebigen Feiern zu Verfügung.