Mut. Klartext. Jungle World

 

Zwischen dem Mord an fünf Bewohnern eines linksgerichteten, um Ausgleich mit den Palästinensern bemühten Kibbuz durch die Al-Aqsa-Brigaden von Arafats Fatah am Montag und der Massakrierung von vier jüdischen Bewohnern der Stadt Hebron und acht ihrer Bewacher durch die Dschihad Al Islami am Freitag liefert die linke Wochenzeitung die Rechtfertigung dieser und nachfolgender Untaten am Mittwoch frei Haus. Die gleiche Redaktion, deren Drang, jede sich intellektuell gebende Niedertracht mit dem Unwort Diskurs veredelt ins Blatt zu nehmen, man bis zum Überdruß kennt, hatte vor fünf Jahren unter der Maßgabe, alle Erscheinungen des Antisemitismus bekämpfen zu wollen, mit dem antizionistischen Kampfblatt junge Welt gebrochen. Darum muß sie hier – wahrlich nicht zum ersten Mal – in Verantwortung genommen werden: für die Anfang November getroffene Entscheidung, das Pamphlet „Schuld und Erinnerung“ zu veröffentlichen (Jungle World 47/02), mit dem der Abschied von der jungen Welt endgültig dementiert wird. Sie hat in vollem Wissen, daß die Sache stinkt, ihre Entscheidung getroffen und mögliche Kritik durch die Ankündigung, „eine Erwiderung“ in der nächsten Ausgabe zu publizieren, vorab zu kontern versucht, als ob damit der Skandal ungeschehen gemacht werden könnte.

Wer geglaubt hatte, die im Frühjahr 2001 auf der „Disko“-Seite erhobene Forderung nach dem Rückkehrrecht der 1948 geflohenen und seither wundersam verzehnfachten Palästinenser sei nicht mehr zu überbieten, dem wurde im Mai 2002 in der Jungle World Stefan Vogts Abgesang auf die Aufklärung und Israel nachgereicht, ein gewundenes Abschiedspapier, das sich gleichwohl trotzig auf eine Israel-Solidarität beruft, obwohl der Autor deren Voraussetzungen unter fortgesetztem Mißbrauch der kritischen Theorie zugunsten der palästinensischen Sache beseitigt. Der Stall aber, aus dem der Vogt kommt, hat noch ganz andere Diskursbomben vorbereitet als dessen Feststellung: „Die Existenz des israelischen Staates ist eine Tragödie.“ (Jungle World Nr. 22/02) Nennen wir die Mitglieder dieses Vereins ruhig beim Namen, sie sind Jungle-World-Lesern wohl bekannt: Es sind außer Stefan Vogt und Autoren des in Rede stehenden Dossiers, Klaus Holz, Elfriede Müller und Enzo Traverso, noch Alexander Ruoff, Udo Wolter und – jedenfalls bis vor kurzem – der Jungle-World-Redakteur Anton Landgraf. Das ganze nennt sich Jour fixe Initiative Berlin und hat – mit tiefer Beschämung gesteht es die Redaktion ein – bis zum Bruch 1997 an der BAHAMAS mitgearbeitet. Zunächst bestand Anlaß zur Hoffnung, daß es mit gescheit sein wollenden Banalitäten für blasiertes Diskurs-Volk in Berlin-Mitte sein Bewenden habe, und diese Initiative genauso rasch verschwinden würde wie die geistesverwandte Berlin-Beilage der FAZ, in der sie sich feiern ließ. Doch seit vor zwei Jahren Enzo Traverso, lebendes Mahmal des Verfalls linksradikaler Intelligenz, zum informellen Cheftheoretiker gekürt wurde und Elfriede Müller in der Jungle-World „Empire“ von Negri und Hardt abfeiern durfte, nahm ein Antisemitismus-Diskurs seinen Anfang, der konsequent bei jener „Multitude“ enden mußte, die zwischen Genua und Ramallah, Chiapas und Durban ihren romantischen Antikapitalismus auslebt und natürlich in Israel den Feind von Natur und völkischer Revolution erkennt. Offensichtlich eignet dieser Sorte Ressentiment eine derartige Hartnäckigkeit, daß selbst erfreulichere Entwicklungen, wie sie sich ausgelöst durch die Erschütterung des 11.9. offensichtlich in der Textproduktion Anton Landgrafs, dem Mittelsmann der Jour fixe Initiative in der Jungle World-Redaktion, niederschlugen, eines eben nicht garantieren: daß er von der Kumpanei früherer Jahre endlich lassen würde und die Amokläufe der Israel-Hasser wenigstens in der Jungle World nicht mehr erscheinen könnten.

Aller Verbitterung und allem Zweifel zum Trotz soll hier dennoch ein weiteres Mal appelliert werden, mit dem antiimperialistischen Ungeist zu brechen. Nicht an Klaus Holz, Elfriede Müller und Enzo Traverso, sie sind nicht mehr ansprechbar, aber an alle anderen: an die Leser der Jungle World genauso wie die Besucher der Jour fixe-Vorträge und vielleicht ja sogar an die Redaktion der Jungle World ergeht der Appell, alles in ihrem Einflußbereich Mögliche zu tun, den Protagonisten der antisemitischen Pest einen Platz im Austausch der vernünftigen Argumente zu verwehren, nicht zu diskutieren, sondern zu boykottieren.

So dringender Appell, so weitgehender Vorwurf will begründet sein und ein letztes Mal wollen wir in extenso durchdeklinieren, was 13 Jahre nach dem Ende der DDR, zwei Jahre nach Anzettelung der Al-Aqsa-Intifada und ein Jahr nach dem 11.09. eigentlich keiner längeren Erörterung mehr bedürfen sollte. Holz, Müller und Traverso sollen also zu Wort kommen (alle kursiv gesetzten Passagen entstammen ihrem Artikel), nicht um der Aussprache, sondern der öffentlichen Erledigung willen.

 

Kalkül vs. Entsetzen

 

Ob Benyamin Nethanjahu Yassir Arafat mit Hitler gleichsetzt oder Jose Saramago die Vernichtungslager der Nazis in den besetzten Gebieten zu erkennen glaubt, beide Vergleiche dienen nur dazu, der politischen Abscheu eine nicht mehr steigerungsfähige Dimension zu verleihen und bezeugen nichts als die Hilflosigkeit vor einer politischen Tragödie. Doch während Netanyahu mit diesem Vergleich seine Politik legitimiert, verleiht Saramago nur seinem Entsetzen über die israelische Besatzungspolitik mit einem falschen historischen Bild Ausdruck. Ein israelischer Politiker und ein antiimperialistischer Nobelpreisträger haben übertrieben. Der Jude nennt den erklärten Feind des israelischen Staates, den Anstifter und Organisator dauernden Mordens an Juden einen Wiedergänger Hitlers; der antizionistische Literat erkennt im Westjordanland die Verhältnisse wieder, die in Auschwitz geherrscht haben. Ausdruck der gleichen Hilflosigkeit vor einer politischen Tragödie?

Netanyahu übertreibt, wenn er Arafat mit Hitler gleichsetzt. Aber sind die Ähnlichkeiten von Arafats antisemitisch-völkischen Wahnbildern mit denen Hitlers nicht offensichtlich? Angesichts des erklärten und dauernd praktizierten Willens palästinensischer Militanter, Politiker und der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, alle Israelis wenigstens zu vertreiben lieber aber  umbringen zu wollen, drängt sich die Analogie mit dem Gipfelpunkt des Vernichtungsantisemitismus auf, und der ist mit dem Namen Hitlers verbunden. Zwar ist Arafat genausowenig Hitlers Wiedergänger wie Saddam Hussein oder einer der anderen arabischen Potentaten. Sie alle aber sind mitverantwortlich für das immer gleiche Erlebnis deutscher Besucher des arabischen Raums: Als Deutsche, als Nachfahren der Mörder, unterstellt man ihnen echte Solidarität mit palästinensischen oder arabischen Belangen, weil man den Mord ihrer Vorfahren an den europäischen Juden gutheißt. Wir sagen nicht: Alle Araber denken so. Wir weisen allerdings darauf hin, daß nirgendwo anders mit vergleichbarer Inbrunst von so vielen Menschen die deutsche Tat bewundert wird und ihre Vollendung herbeigewünscht wird. Daß nirgends die Bücher Hitlers, Rosenbergs und anderer heute weitere Verbreitung finden und nirgendwo anders als im arabischen Raum mit Fernsehserien Einschaltrekorde erzielt werden, die wie bei der einschlägigen ägyptischen Produktion die  „Protokolle der Weisen von Zion“ als Vorlage benutzen. Netanyahu hat mit seinem Hitler-Vergleich bewußt übertrieben und er hat mit seiner Übertreibung auch eine Politik legitimiert, die in der Tat davon ausgeht, daß ein palästinensischer Staat derzeit nicht wünschenswert ist, weil er die Sicherheit der Juden im Nahen Osten – gleich in welchen Grenzen – gefährden würde. Er und andere Israelis haben stets begründet, warum sie als Juden in einem jüdischen Staat auf ihrem Vergleich bestehen, einige ihrer Gründe haben wir angeführt. Netanyahu hätte dann Unrecht, wenn sein Vergleich mißbräuchlich wäre, wenn es unangebracht und an den Haaren herbeigezogen wäre, palästinensisches Tun und Denken mit Antisemitismus und seiner Eskalation im NS-Deutschland in Verbindung zu bringen.

Mißbräuchlich in diesem Sinne ist es, wenn Saramago aber angesichts des Ausnahmezustands, den Israel über weite Teile des Westjordanlands verhängt hatte, von Auschwitz daherredet; Holz et al. setzen aber Saramago nicht nur mit Netanjahu gleich; nein, sie bauen den Nobelpreisträger zum naiven Künder der Wahrheit auf: Er habe doch nur seinem Entsetzen über die israelische Besatzungspolitik Ausdruck geben wollen, sich in seiner berechtigten Empörung zu einem falschen historischen Bild hinreißen lassen. Abgesehen von der Frage, ob Entsetzen sich als spontaner naiver Impuls überhaupt in Bildern ausdrücken kann, die so offenkundig dem antisemitischen Standardrepertoire nach 1945 entstammen, bleibt das nurgegenüber dem „Übertreiber“ Netanyahu verharmlosend bestehen. Hier der eiskalte Mörder, der falsche Vergleiche zur gezielten Ablenkung von seinem menschenverachtenden Tun verwendet, dort der Betroffene, der übers Ziel hinaus gegangen ist, aber aus ehrbaren Gründen. Weil im Entsetzen notwendig ein Rest spontan artikulierter Wahrheit transportiert wird, also etwa in der maßlos übertrieben Schreckensvision immerhin eine Verwandtschaft mit den die Vision wirklich auslösenden Umständen bestehen muß, ist derjenige, der einem anderen Entsetzen bescheinigt, darauf festgelegt, in der Übertreibung einen Kern von Wahrheit gefunden zu haben. Ohne das unterschobene Moment des spontanen Entsetzens stünde Saramago als vorsätzlich handelnder Demagoge da; indem Holz et al. seinem Auschwitz-Vergleich naives Erschrecken bescheinigen, helfen sie ihm argumentativ auf die Beine. Ohne es selbst aussprechen zu müssen, rücken Holz et al. die militärischen Maßnahmen der israelischen Sicherheitskräfte in die Nähe einer angestrebten Vernichtung der Palästinenser.

 

„Sichtblende Auschwitz“

 

Dieser schwerwiegende Vorwurf ist nicht Ausgeburt unserer bekanntermaßen haßerfüllten Phantasie, wir werden ihn beweisen. Die Autoren gehen Schritt für Schritt von der Denunziation der Saramago-Kritiker zur Verifizierung seines Auschwitz-Vergleiches, als einer in Zukunft den Palästinensern tatsächlich drohenden Endlösung: Auch wenn der Vergleich Saramagos falsch ist, wirkt die Aufregung, die er erzeugte, suspekt. Man wird den Eindruck nicht los, dass Saramagos Artikel nicht nur dazu dient, die vielfache Banalisierung der Shoah zu denunzieren, sondern als Vorwand willkommen ist, um nicht mehr über israelische Politik gegenüber den PalästinenserInnen sprechen zu müssen. Für diese Politik finden sie starke Worte, die den ganzen Text durchziehen: Die israelische Besatzung ist der Ausdruck eines Staatsterrorismus, es bestehe eine Militärdiktatur, ja der Vergleich mit einem Apartheidsystem ist weit zutreffender. Es handele sich um eine oft mit blutiger Gewalt ausgeübte Unterdrückungspolitik. Wer daran nicht zugunsten der Palästinenser Anstoß nehme, sondern den Palästinensern und der arabischen und islamistischen Welt die Intention eines Vernichtungsantisemitismus unterstelle, bei dem stehe die Welt Kopf, würde eine Sichtblende Auschwitz zumGrund für die bizarre Vernichtungsphantasie der deutschen FreundInnen Israels.

Nun ist es gefallen, das böse Wort, die Vernichtungsphantasie steht im Raum. Die gleichen Leute die über Saramagos Auschwitz-Vergleich routiniert schreiben: Selbstverständlich ist das ein absurder Vergleich, denn der Staat Israel hatte niemals vor, die PalästinenserInnen auszurotten, dementieren einige Absätze weiter genau diese Aussage, nämlich so: Wenn die Besatzungspolitik des Westjordanlandes und des Gazastreifens sich über Jahrzehnte fortsetzt, wäre nicht nur die Existenz der palästinensischen Bevölkerung bedroht, sondern auch die Demokratie in Israel und die internationale Akzeptanz des Staates. Ist die Bedrohung der Existenz einer ganzen Bevölkerung nicht die Drohung mit ihrer kompletten Auslöschung, in entsprechenden Vernichtungslagern etwa? Hatte er dann nicht doch irgendwie recht, der Romancier mit dem falschen historischen Bild? Solchem Verhängnis muß man wehren, bevor es zu spät ist, lautet die Logik von Saramagos Auschwitz-Vergleich und darin folgen ihm Holz et al.: Weil die Juden die Palästinenser in den nächsten Jahrzehnten existentiell bedrohten, drohen Holz e.a. ihrerseits – wie Saramago – nach altem antisemitischen Brauch den Juden ein zweites Auschwitz an. Existentiell bedroht wären, wenn alles so weiter ginge, nicht nur die Palästinenser durch die Juden, sondern eben auch die internationale Akzeptanz des Staates Israel. Das kann nur heißen: Wenn die Juden so weiter machen, dürfen sie sich nicht wundern, daß man ihrem Staat, gleich in welchen Grenzen, international seine Existenzberechtigung entzieht und durch entsprechende Maßnahmen auch wirklich beendet. Wenn die Juden so weitermachen, dann bricht der antiimperialistische Volkssturm der ganzen Welt, den man aus Durban, Genua und Florenz bereits kennt, über sie los und, was Hitler schon wusste, bestätigt sich erneut: Alles was der Antisemit den Juden androht oder antut, geschieht in Abwehr jüdischer Vernichtungsdrohungen an die Adresse der Antisemiten. Ein klarer Fall von Notwehr.

Wir könnten hier abbrechen, aber: Dieses Mal stand der Dreck nicht in den Marxistischen Blättern oder im Gegenstandpunkt, nicht der Karsli oder der Möllemann haben gesprochen, sondern eine Zeitschrift von einiger Reputation in Kreisen, die die völkischen Notwehrphantasien gegen Israel dezidiert ablehnen, hat antiimperialistische Drohungen gegen den jüdischen Staat und seine Bewohner ins Heft genommen. Es bleibt die kleine Hoffnung, daß die hausgemachte Katastrophe der Jungle World einen Widerspruch provoziert, der nicht nur den Bruch mit der Jour fixe Initiative nach sich zieht, sondern feststellt, daß die offene Debatte keinen Freibrief für Finkelstein-Linke darstellt. Es muß aufhören, daß das abgewirtschaftete Geraune vom Denken nach Auschwitz für ordinäre Verharmlosung von antisemitischen Morden benutzt wird, die in dem Aufruf gipfelt, sich mit den Mördern endlich zu solidarisieren. Es wird daher Punkt für Punkt der Nachweis zu führen sein, daß es Holz et al. allen Ernstes darum geht, Norman G. Finkelsteins Thesen von der Holocaustindustrie hoffähig zu machen und dem Antisemitismus eine Rechtfertigung für sein Tun zu geben.

 

Antizionistische Feinderklärung

 

Wenn die Föderation der französischen Juden CRIF, wie im Frühjahr 2002, einen Bericht vorlegt, in dem auf die sprunghafte Zunahme antisemitischer Anschläge hingewiesen wird und der israelische Außenminister die von der CRIF gezogene Analogie zur Reichskristallnacht zitiert, dann geschieht das in der wahnhaften Logik von Antisemiten nicht etwa als – hoffentlich überzogene – Warnung, dann ist es nicht Ausdruck von Bestürzung und Angst der Mitglieder der größten jüdischen Gemeinde in Europa, dann ist das auch nicht die verantwortungsbewußte Mahnung eines Politikers des einzigen Staates, der wirksam etwas für den Schutz von Juden in der Welt unternimmt, nein, dann ist das Holz et al. zufolge demagogisch.

Weil man uns dauernd der Demagogie zeiht, hier das Zitat im Zusammenhang: Im Namen der Erinnerungsarbeit geschehen heutzutage viele Instrumentaliserungen. So zum Beispiel wenn der israelische Außenminister das durch einige antisemitische Anschläge erschütterte Frankreich mit dem Deutschland der Kristallnacht vergleicht, einer staatlich organisierten Pogromwelle. Die Erinnerung wird in diesem Fall demagogisch in den Dienst gegenwärtiger Interessen gestellt. Alles beginnt mit einer plumpen Lüge:Seit dem Ausbruch der Intifada und dann besonders im Frühjahr 2002 gab es allein in Frankreich hunderte von Anschlägen auf Juden, auf Synagogen, auf andere jüdische Einrichtungen einschließlich Krankenhäusern, eine alarmierende Potenzierung der antisemitischen Gewalt. Holz et al. aber behaupten, es hätte in Frankreich einige antisemitische Anschläge gegeben. Die Autoren teilen offensichtlich die Ansicht von Premier und Präsident der französischen Republik: In Frankreich gebe es keinen Antisemitismus. Eine gemeingefährliche Lüge. Die Anschlagshäufigkeit in diesem Frühjahr in Verbindung mit den – inzwischen relativierten – Aussagen ranghöchster Politiker ergibt zwar immer noch keine Kristallnacht – noch nicht. Aber die Leugnung des antisemitischen Tuns, das eben doch bereits pogromhafte Züge angenommen hat, durch Repräsentanten des Staates verleiht der Situation eine gefährliche Brisanz. Warum sollten sie da nicht warnen, der Shimon Perez und die CRIF, und warum sollte ihnen etwas anderes in den Sinn kommen, als eben der worst case.

Wer vor der Kristallnacht warnt oder Vergleiche mit ihr anstellt, lügt fast immer, spricht er nicht von antisemitischen Übergriffen. Wer es als Jude unter dem Eindruck einer antisemitischen Anschlagswelle tut, übertreibt vielleicht, aber seine Übertreibung ist Beschwörung, Teil einer Überzeugungsarbeit, die so dramatisch ausfällt, weil die Übergriffe immer drastischer werden und das Wegschauen und Leugnen direkt proportional zur Gewalt wächst. Beschleicht einen nicht der Verdacht, Holz et al., vor allem der in Frankreich lebende Sachverständige Traverso, hielten es in Wirklichkeit mit den Tätern, jedenfalls mit einigen von ihnen? Man werfe uns Demagogie bitte erst nach der Lektüre des folgenden Zitats vor: Die komplizierte Situation bedeutet jedoch keineswegs, daß nicht Position ergriffen werden kann. Ein Brandanschlag auf eine Synagoge ist ein antisemitischer Akt, der zu verurteilen und zu sanktionieren ist. Aber es ist nützlich zu wissen, ob es Skins waren, Nostalgiker eines Vichy-Frankreich, islamische Fundamentalisten oder Jugendliche maghrebinischer Herkunft, die dadurch ihre Unterstützung der palästinensischen Initifada ausdrücken wollen. Wozu soll denn solche Unterscheidung nützlich sein? Doch nur, um einem sozial gerechtfertigten Antisemitismus als maghribinische Neuauflage des „Sozialismus der dummen Kerls“ das Wort zu reden. Die Zurückweisung aller antisemitischen Akte ist dann nur noch ein Lippenbekenntnis, wenn Brandanschläge – deren überwiegende Mehrzahl bekanntermaßen auf das Konto von Jugendlichen maghrebinischer Herkunft geht – auf Synagogen als Beitrag zu einer guten Sache mit nicht ganz korrekten Mitteln zurechtgelogen wird: Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Molotowcocktail, den ein Le-Pen-Anhänger gegen die Synagoge schleudert und dem eines sozial unterprivilegierten und rassistisch motivierten Benachteiligungen ausgesetzten Jugendlichen aus dem Maghreb. Erst die antizionistische Feinderklärung von Leuten wie Werner Pirker oder Holz, Müller und Traverso ermöglicht es, zwischen zu Recht und zu Unrecht ermordeten Juden zu unterscheiden, den Zusammenhang zwischen Al-Aqsa-Intifada und Horst Mahlers deutschem Weg gegen die Juden zu leugnen, als ob sich nicht die deutschen Braunen und die palästinensischen Aktivisten seit Jahren brüderlich die Hand reichten. Die aber, die getroffen werden von links- oder rechtsradikalen Deutschen, Franzosen etc. oder eben von Palästinensern, die sollen das brennende Haus als Sühneopfer verstehen lernen; schließlich geschah die Brandstiftung aus dem ehrenwerten Motiv, die Intifada unterstützen zu wollen. Schreien die Angegriffenen aber „Kristallnacht“, dann deshalb, um in demagogischer Absicht davon abzulenken, daß sie ja wegen ihrer Bedrohung der Existenz der palästinensischen Bevölkerung selber schuld daran sind, daß Jugendliche, deren Großeltern aus Algerien nach Frankreich einwanderten, sich mit ihren palästinensischen Brüdern im Judenmord solidarisieren.

 

Finkelstein-Linke

 

Kommen wir auf den stillen Teilhaber und Inspirator des Jungle World-Dossiers, Norman G. Finkelstein, zurück. Ihm zufolge ist die Bemühung um Erinnerung an den Holocaust durch jüdische Funktionäre in den USA und israelische Politiker eine Instrumentalisierung der Erinnerung an Auschwitz für sachfremde Zwecke. Statt die Vernichtung der europäischen Juden wirklich aufzuarbeiten, werde die Shoah als Erpressungsversuch gegenüber europäischen Regierungen und als moralisches Druckmittel der „jüdischen Lobby“ gegenüber der US-Regierung mißbraucht. Damit werde die nicht enden wollende Unterdrückungspolitik gegen die Palästinenser finanziert und gerechtfertigt. Holz, Müller und Traverso übertragen Finkelsteins Denunziationen auf die wenigen Freunde Israels in Deutschland: Viele radikale Linke in Deutschland und in bedingtem Maße auch innerhalb Europas glauben, daß das Denken nach Auschwitz zur Folge habe, alle Ereignisse auf Auschwitz und dessen Folgen zu reduzieren ... Ein solches „Denken nach Auschwitz“ ist eine vielleicht gut gemeinte, aber fatale Instrumentalisierung der Shoah ... Aus Angst Auschwitz zu relativieren, neigt diese Linke dazu, allen anderen Ereignissen, wie zum Beispiel dem Jugoslawienkrieg oder dem Genozid in Ruanda, eine größere Bedeutung abzusprechen. Das dort produzierte Leid ist ihnen kaum der Rede wert, als bestehe die Lehre, die aus der Judenvernichtung zu ziehen ist, darin, alle anderen Verbrechen zu verharmlosen ... Dementsprechend wird zum Beispiel die zweite Intifada nicht mit den Verhältnissen im Nahen Osten erklärt, sondern mit dem „Antisemitismus“ der PalästineserInnen im besonderen und der arabischen Welt im Allgemeinen.

Wenn nach diesen Kostproben in Betracht gezogen wird, daß die so Gescholtenen, nämlich die Antideutschen und das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus, als die Sharon-Linke und Philozionisten bezeichnet werden, dann ist der Link zum offiziellen Israel keineswegs zufällig. Bewahrt werden sollen deutsche Linke vor der Sichtblende Auschwitz. Bewahrt werden sollen deutsche Linke vor irgendwelchen Zweifeln bei der anstehenden Aufkündigung der Solidarität mit dem jüdischen Staat. Wie sonst nur Pirker und Konsorten gerät Holz et al. jedes pro-israelische Wort zum Skandal. Dabei implizierte bereits der Slogan „Solidarität mit Israel“, dass es den Veranstaltern nicht um die Unterdrückungsmaßnahmen des israelischen Staates ging und eine Solidarität mit den PalästineserInnen ausgeschlossen wurde.

Als hätte nicht gerade in Berlin in diesem Jahr die palästinensischeBewegung anschaulich vor Augen geführt, daß sie nicht solidaritätsfähig ist, daß ihr jeder emanzipatorische Gehalt abgeht, daß sie zu jeder offen antisemitischen Kundgebung jederzeit bereit ist, als wäre nicht bekannt, daß sich auch in Deutschland Übergriffe gegen Juden und jüdische Einrichtungen durch Palästinenser und ihre Freunde mehren, als wüßte man nicht, daß diese Bewegung durch die europäische Linke – die zum EU-Gipfel in Kopenhagen eine Kampagne „Boykottiert Israel“ vorbereitet – maßgeblich mitgesponsert wird, heißt es: Linke Solidarität sollte sich vor allem an die in der Gegenwart Unterdrückten richten, also an die PalästinenserInnen. Die israelische Besatzung ist der Ausdruck des Staatsterrorismus, die palästinensische Gewalt ist eine Reaktion darauf.

Während also Freunde Israels ein verworrenes Rollenspiel aufführen, in dem die Ermordeten von gestern die Unterdrücker von heute überlagern, ganz wie es das Finkelsteinsche Drehbuch vorsieht, fordert man die Einsicht, dass die palästinensische Gewalt ein Resultat des israelischen Staatsterrorismus darstellt. Das Möllemann-Vokabular dürfte aufgefallen sein und auch, daß Gewalt gegen Juden lediglich Resultat schlimmerer Gewalt sei, man diese als Akte der Verzweiflung zu begreifen habe. Das Recht auf ursprünglichste unverdorbene menschliche Regungen, nämlich aus Verzweiflung zu handeln oder nur seinem Entsetzen über die israelische Schreckensherrschaft mit einem Palästinenser-Auschwitz Ausdruck zu geben, das ist das Menschenrecht des für seine legitimen Rechte kämpfenden palästinensischen Volkes und seiner solidarischen Freunde. Daß bei so viel echtem Gefühl auch mal die lebende Bombe hochgeht und alles, was jüdisch ist, mit sich nimmt, ist soziologisch zwar zu erklären, aus einer aufgeklärte Position aber zu verurteilen.

 

Hier Shoah, da Nakba

 

Man kennt das vom deutschen Außenminister: Verurteilung der Selbstmordanschläge und die Mahnung zum Gewaltverzicht an „beide Seiten“. Verurteilung der Selbstmordanschläge und der Hinweis, eine gerechte Lösung müsse gefunden werden. Verurteilung der Selbstmordanschläge und prima soziologische Erklärungen über den zwingenden Zusammenhang zwischen Armut, Besatzung und lebenden Bomben auf alles was jüdisch ist. Es gibt eben zwei Erinnerungen, die sich beißen, Jungle-World-Leser kennen das schon von der Zuckermann-Schülerin Karin Joggerst (Jungle World 3/01): Hier die Shoah, da die Nakba. Und jetzt auch von Holz et al.: Ohne gegenseitiges Verständnis werden die beiden kollektiven Gedächtnisse nur blutige Feindschaft legitimieren. Daß das palästinensische Nakba-Gedächtnis sich an Auschwitz nicht zu erinnern braucht, versteht sich von selbst: Dies war schließlich ein Verbrechen für das sie nicht verantwortlich sind und an dem sie nicht teilgenommen haben. Nur ein klein wenig mitgezündelt haben sie unter Führung ihres Großmufti Al-Husseini und mit ihren regelmäßig wiederkehrenden Pogromen seit den zwanziger Jahren. Nein, mit Antisemitismus hat das nichts zu tun, der ist schließlich ein Produkt aus Europa. Man wollte nur mit Juden nicht zusammenleben. Man wollte um Gottes Willen nicht kooperieren mit und partizipieren an der höheren Vergesellschaftungsform, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu etablieren begann. Man wollte verharren im autochthonen Archaismus, der je hartnäckiger er sich jedem Fortschritt verstockt versperrt, Barbarei ausbrüten muß. Über diese ausgesprochen friedliebenden Menschen ist ganz plötzlich die Nakba gekommen, weil 1948 ein Staat ausgerufen wurde, dessen Gründung direkt zum Krieg und zur Vertreibung führte. Genau darin besteht auch die Wandlung des Zionismus, dessen historische Legitimität als nationale jüdische Bewegung wir nicht bestreiten. Seit der Staatsgründung also steht Zionismus für Krieg und Vertreibung. Da beschließt die UNO die Teilung Palästinas und gibt grünes Licht für einen jüdischen Staat auf einem Teilterritorium und schon führen die Zionisten Krieg und vertreiben die Palästinenser. Daß Israel 1948 von Ägypten und vom Irak, von Jordanien und von Syrien, vom Libanon und von palästinensischen Freischärlern überfallen wurde, daß dieser Überfall unter der Losung, „Werft sie ins Meer“ stand, daß fast ein Viertel der jüdischen Bevölkerung dabei ums Leben kam, daß diesem Krieg weitere Angriffskriege in den Jahren 1956, 1967 und 1973 folgten, daß vom Libanon aus ununterbrochen Krieg gegen die israelische Bevölkerung geführt wurde und wird, das kommt in einer deutschen antisemitischen Erinnerung nicht vor.

Die Jungle World-Redaktion hatte mehr als drei Monate Zeit – solange lag dieses Papier in der Redaktion „auf Eis“ – zu lesen, zu analysieren, zu diskutieren und zu verwerfen. Sie entschied, wie diese Redaktion immer öfter entscheidet: Interessanter Diskussionsbeitrag, drucken wir. Warum? Weil so illiterate Diskurssätzchen wie dieser am Anfang stehen: Unsere Kritik richtet sich vor allem gegen die linken Positionen, die eine bedingungslose Solidarität mit Israel und generell der Judenheit einfordern. Denn auch sie benutzen den Nahostkonflikt nur als Projektionsfläche. Sie setzen der antisemitischen Täter-Opfer-Umkehr eine Verabsolutierung des Täter-Opfer-Modells entgegen. Eine Zeitung, die einen intellektuellen Ruf zu verlieren hat, hätte das ganze Dossier schon wegen dieser drei schwachsinnigen Sätze abgelehnt. Nicht so im Dschungel. Hier bangt man um den antizionistischen Teil der Leserschaft, der dem Osten-Sacken und dem Uwer, dem Yücel und dem Kunze und manchmal auch dem Landgraf und dem Ripplinger, der Eschrich und manchen anderen übelnimmt, daß sie solidarisch sind mit Israel und generell der Judenheit. So kommt übelste antisemitische Schmiere ins Blatt, so nimmt man hin, daß offen gezündelt, daß Geschichte verfälscht, Antisemitismus verharmlost, das Morden gerechtfertigt wird, so druckt man schließlich solche Hetze: Denn es liegt heute primär am israelischen Staat, die Gewalt im Nahen Osten zu beenden.

Wir hoffen uns verständlich gemacht zu haben: Mit diesem Text ist die Jungle World wider ihre ursprüngliche Intention auf Möllemann-Linie gegangen. Wir wissen nicht, ob und wie sich die Jungle World von diesem Schlag, den sie sich sehenden Auges selber zugefügt hat, erholen wird. Unterhalb einer öffentlichen Erklärung der gesamten Redaktion wird es wohl kaum gehen. Und unterhalb einer für alle Leser nachvollziehbaren Distanzierung von solcherlei Schmutz bei gleichzeitiger Formulierung der Mindeststandards für jede weitere Diskussion über Israel und Palästina, Antisemitismus und Antizionismus wird es auch nicht gehen. Was die Jour fixe Initiative angeht, fordern wir dazu auf, die Protagonisten öffentlich zur Rede stellen und danach ihre Veranstaltungen zu meiden, sich ihnen als Vortragende nicht zur Verfügung zu stellen und bereits getroffene Absprachen zu brechen.

 

Redaktion BAHAMAS

November 2002

 

www.redaktion-bahamas.org