Als wir uns einmal zu Israel verhalten wollten...

... und unversehens unsere alte Liebe zu „linken Zusammenhängen“ wiederentdeckten

 

Montag, 30. November 2009, 19:00 Uhr
Max & Moritz
Oranienstr. 162
Berlin-Kreuzberg

 

Die freie und Hansestadt hat ein Problem, das sich für die am meisten nach Freiheit dürstenden ihrer Bürger zu einem mittleren Erdbeben hätte auswachsen können. Es lässt sich, seit am 19. November bei Spiegel-online ein Interview mit Claude Lanzmann erschienen ist, nicht mehr leugnen: Hamburgs Linke hat in ihrer Mitte seit vielen Jahren einen Haufen brandgefährlicher Linksnazis. Es sind sogenannte autonome Antiimperialisten, die ungestört in ihrem Infoladen B 5 den Hass auf Israel, die Zionisten und solche Hamburger pflegen, die sich dem palästinensischen Volkssturm und deutscher „Israelkritik“ entgegenstellen. So wurden nicht erst die Besucher von Lanzmanns Film Warum Israel am 25. Oktober am Betreten des Kinos gehindert und auch geschlagen. Wer als Freund Israels der antisemitischen Kiezmiliz auffällt und auch noch in St. Pauli wohnt, dem kann es geschehen, dass er beobachtet, verfolgt, gestellt und zusammengeschlagen wird. Das geht seit spätestens dem Frühjahr 2004 (vorher waren Freunde Israels in Hamburgs Szenevierteln fast unbekannt) so, und jeder weiß dies. Seit es wegen des Lanzmann-Interviews das ganze Land weiß, gibt es nichts mehr wegzulügen. So schien es.

Jetzt wird alles anders, so hätte man hoffen können. Ihre Schande ist öffentlich geworden und Hamburgs Linke können ihre schützende Hand nicht mehr über den B 5-Laden halten, sie müssen wenigstens diesen allzu offensichtlichen Ausdruck der eigenen Gesinnung fallen lassen. Endlich ist es für Gegner des Antisemitismus und des Israelhasses möglich, so stand zu hoffen, gegen den Infoladen B 5 vorzugehen wie gegen jedes andere Nazi-Zentrum auch. Endlich, so keimte Hoffnung auf, würden Polizei und Presse mit Informationen über dieses Gesindel versorgt, gegen einzelne Schläger Strafanzeige gestellt und unter dem Ruf „rote Nazis raus!“ Demonstrationszüge Richtung Brigittenstraße ziehen.

 

In Hamburg aber soll alles beim Alten bleiben. Ausgerechnet diejenigen, die von den B 5-Schlägern bedroht und misshandelt wurden, verweigern, wie jeder gute Autonome auch, Aussagen bei Polizei und Justiz, die der Identifizierung und Aburteilung der Täter dienlich wären. Ausgerechnet die „Freunde Israels“, die darin gehindert wurden, sich den Film von Claude Lanzmann anzusehen, haben sich geweigert, die Polizei zur Hilfe zu holen, um so die Filmvorführung zu ermöglichen. Es kam noch schlimmer: Unter dem kryptisch-illiteraten Titel „Antisemitische Schläger unmöglich machen – auch linke!“ (Originaltext samt Unterschriftenkartell unter http://b-g-h-u.blogspot.com/) ist ein Bündnisaufruf erschienen, unterschrieben auch von vielen Leuten, die der Redaktion freundschaftlich verbunden sind, der Lanzmann verhöhnt und die Israelsolidarität aus dem einzigen Grund preisgibt, weil man es sich mit der Linken nicht verderben will. Aus dem einzigen Grund, weil man ausgerechnet von gewaltfreien Antisemiten Schutz gegen gewaltbereite erwartet, weil man im Mistloch der linken Gnade sich wälzen will, statt ihnen als ein Ausdruck einer Sache dort, wo es sich anbietet, den Rest zu geben.

 

Hier sei nur ein Beispiel gegeben. Im Aufruf heißt es: „Wir halten es für unerträglich dass Linke sich als antisemitischer Kampftrupp formieren, um missliebige Veranstaltungen zu Israel zu unterbinden.“ Ein Satz und drei Gründe ihn niemals zu unterschreiben. Da gibt es gar nichts im Sonntagsreden-Deutsch der Funktionärskaste für unerträglich zu halten, da hätte der Aufruf Not getan, alles dafür zu unternehmen, dass die B 5 geräumt wird. Auch ist es keineswegs unerträglich, sondern in der Natur der linken Sache liegend, „dass Linke sich als antisemitischer Kampftrupp formieren“. Und die Präsentation von „Warum Israel“ wird plötzlich zu einer „missliebigen Veranstaltung zu Israel“ kleingeredet, dabei gibt es wohl keinen flammenderen Appell für Israel als eben diesen Film von Claude Lanzmann.

Das ist nur ein Satz unter vielen, die so unerträglich sind, dass sie als Text gewordenes Monument der Schande von eben auch israelsolidarischen Gruppen so leicht nicht vergessen zu machen sind.

 

Die Redaktion fragt sich: Wie konnte das geschehen? Die Redaktion fragt sich auch: Was ist da zu tun? Eine Antwort, als dringender Appell an unsere Freunde sei vorausgeschickt: Unterschreibt diesen Hamburger Aufruf nicht, beziehungsweise zieht Eure leichtfertig gegebene Unterschrift öffentlich zurück! Lest diese Schandschrift mit den Augen des Ideologiekritikers, der doch notwendig ein Sprachkritiker sein muss!

 

Alles Weitere wird Justus Wertmüller In seinem Vortrag ausführen.

Einführung und Moderation von Tjark Kunstreich.