Massaker sind keine Selbstverteidigung, Frau Süsskind

 

Die jüdische Gemeinde zu Berlin präsentiert deutschen Israel-Hass live auf dem Breitscheidplatz

 

Der Vorstand ruft, die Gemeinde kommt. So weit war am 11.Januar 2009 ab 14 Uhr auf dem Westberliner Breitscheidplatz alles so wie immer, wenn die jüdische Gemeinde zu Berlin zur Kundgebung aufruft. Und zunächst sah es auch so aus, als ob wie immer alle artig Bravo zum bunten Programm sagen würden und danach manierlich ihre blauweißen Winkelelemente einpacken und sich nach Hause trollen würden. „Solidarität mit Israel“ war das Motto und „Stoppt den Terror der Hamas“ die Forderung, die über einem unbeholfenen Text prangten, der mit dem Satz endete: „Wir erklären uns solidarisch mit den vom islamistischen Terror bedrohten Menschen in Israel, aber auch in Gaza, Libanon oder im Iran“, ein Aufruf übrigens, den auch die Redaktion Bahamas auf ihre Website gestellt hat.

Wer aber sprach da? Man hätte sich vorstellen können, dass verdiente Verteidiger Israels reden, Arno Lustiger zum Beispiel, dass nicht mehr als ein deutscher Politiker, dafür aber einer, dessen Solidarität mit Israel nicht in Zweifel zu ziehen ist zu Wort kommen würde, Eckart von Klaeden etwa, und wenigstens ein mehr oder weniger offizieller Vertreter Israels, ein General der IDF a.D., ein Elder Statesman oder ein Diplomat im Ruhestand, vielleicht noch ein israelischer Schriftsteller deutscher Herkunft mit einschlägigen Erfahrungen, Yoram Kanjuk also. Eine solche Kundgebung wäre wahrscheinlich nicht besonders prickelnd gewesen aber der politischen Situation und den politischen Rücksichtnahmen angemessen, die eine jüdische Gemeinde in Deutschland mit Blick auf die Sicherheit ihrer Mitglieder nehmen muss.

 

Deutsche verhöhnen Israel – ganz solidarisch

 

Stattdessen aber übergab die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, das Wort der veröffentlichten deutschen Meinung gegen Israel. Es sprach der vom Hass zerfressene aber ganz dem Frieden verpflichtete Leitartikel der Süddeutschen Zeitung, der Taz, der Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung etc. Es sprach die glücklicherweise verhinderte Regierung Ypsilanti aus Hessen. Zu Wort kamen ausführlich jene, deren Motto als Transparent gegen die Kundgebung von bekennenden linken Antisemiten, die sich von der NPD nicht unterscheiden, hochgehalten wurde. Auf diesem Transparent, das die Polizei noch nicht einmal auf die andere Straßenseite verbannte, war zu lesen: „Massaker sind keine Selbstverteidigung, Frau Merkel“. Es traten also ganz prominent auf: verhalten israelkritisch Frank Henkel, Landes- und Fraktionsvorsitzender der CDU Berlin, Walter Momper, Präsident des Abgeordnetenhauses, SPD, aus dem das Friedensressentiment schon deutlich vorwurfsvoller gegen Israel sprach, Dr. Klaus Lederer, Landesvorsitzender Die Linke Berlin, der sich als „Sozialist und Humanist“ schwer damit tat, „mit einem Staat solidarisch“ zu sein, und Franziska Eichstätt-Bohlig Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen, die im Tremolo deutscher Friedenssehnsucht und Palästina-Solidarität Israel die Leviten las.

Momper erklärte den Palästinensern den Frieden und Israel den Krieg, als er dazu aufrief, dass Israel sich der UNO unterwerfen und den Krieg gegen die Hamas aussetzen sollte. Klaus Lederer erklärte die Israelis zu Barbaren als er darauf insistierte, dass noch die intelligentesten Waffen Zivilisten nicht aussparen könnten und jeder, der Krieg führe, sich durch den „Krieg an sich“ immer stärker in eine menschliche Bestie verwandeln würde, Eichstädt-Bohlig rechnete mit der israelischen Grenzbefestigung zum Westjordanland, die sie eine Mauer nannte, und Israels einseitiger und ungerechter Politik gegen die Palästinenser im Westjordanland ab. Wie schon Lederer so warf auch sie Israel vor, durch die Fortführung des Krieges zu einer Radikalisierung der Palästinenser beizutragen. Alle drei waren sich einig, dass die internationale Staatengemeinschaft, die UNO, die EU das weitere Geschehen bestimmen müssten und Klaus Lederer ist das Bonmot zu danken, dass Völkerrecht durchgesetzt werden müsste, und dass das bekanntlich fast immer friedlich geschehe.

Zusammengefasst: Israel wurde auf einer israelsolidarischen Veranstaltung einer jüdischen Gemeinde von drei geladenen Gästen offen und von einem (Henkel, CDU) verhalten ermahnt, verwarnt, beschimpft.

 

Israelsolidarität von unten

 

Gab es während Walter Mompers Rede nur vereinzelte Zwischenrufe, so wurden sie während Klaus Lederers ontologisch-pazifistischen Beleidigungen der Israelis deutlich zahlreicher und lauter. Frau Eichstätt-Bohligs Rede schließlich drohte in einem Sturm der Entrüstung unterzugehen. Frau Süßkind sah sich bemüßigt zu betonen, dass schließlich jeder ein Recht habe, seine Meinung frei zu äußern und mahnte zu Toleranz. Die Lacher hatten freilich jene auf ihrer Seite, die ihr entgegenriefen: „Hier nicht!“

Diesmal hat mehr als die Hälfte der ca. 3.000 Kundgebungsteilnehmer rebelliert, und es versuche keiner, das den Antideutschen in die Schuhe zu schieben. Gewiss ist auch die Stimme des ein oder anderen Bahamas-Redakteurs beim Ausbuhen von Frau Eichstätt-Bohlig heiser geworden, aber hier haben nicht spalterische Kräfte von außen die Nase voll gehabt, hier waren es ganz überwiegend Juden in Berlin. Deutsche Juden, Juden, die aus Russland zugewandert sind, und beachtlich viele Israelis.

Der Vorstand der Gemeinde hat den Juden in Berlin eine so übelriechende Suppe zum Runterschlucken serviert, dass vom Wilmersdorfer Rentner bis zur Girli-Gruppe aus Israel der Mehrheit einfach speiübel wurde.

 

Entsolidarisierung von oben

 

Wir wissen nicht, wer Frau Süsskind da beraten hat, wir können aber schon einmal nachvollziehen, wie es zu der katastrophalen Fehlentscheidung gegen Israel gekommen ist. Da ist zunächst eine panische Funktionärsriege im Zentralrat der Juden, der zur Berliner Kundgebung mit aufgerufen hat, um den Generalsekretär Stefan Kramer. Der hat es Ende 2008 fertig gebracht, öffentlich vor „Islamophobie“ zu warnen und wie es sonst nur Islamisten, NPD-Kader und der Leitartikel-Schreiber der Süddeutschen Zeitung tun, Islamkritik mit dem Antisemitismus auf eine Stufe zu stellen, womit der keineswegs auf die Region beschränkte Hauptfeind Israels, die Anhänger des Islam, aus der Kritik genommen und aus Tätern Opfer geworden sind. Da sind die Stichwortgeber des Zentralrats und der jüdischen Gemeinden, z.B. die Herrschaften von der Online-Zeitung Hagalil, deren erklärtes Ziel es ist, das organisierte Judentum und die nichtorganisierte Judenheit in Deutschland von bedingungsloser Israelsolidarität abzubringen. Da ist die Daniel-Barenboim-Fangemeinde in Berlin und anderswo, die als die anderen, also besseren Juden in Erscheinung treten und dauernd mit Palästinensern und Djihadisten gemütliche Versöhnungsfeste feiern. Es sind diese Personen, die nicht zufällig in der deutschen Öffentlichkeit herumgereicht werden, als Verharmloser des Islam und jüdische Bedenkenträger gegen ein angeblich friedensunwilliges Israel. Wer möchte nicht einmal so richtig verhätschelt werden von den meinungsbildenden notorischen Israelkritikern von der Süddeutschen Zeitung oder dem Deutschlandfunk?

Der 11. Januar 2009 hat gezeigt, dass die Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde zu Berlin das Heft nicht mehr in der Hand haben, wenn sie versuchen, ihre Mitglieder mit den Hasstiraden deutscher Israel-Kritiker auszusöhnen. Wahrscheinlich waren Frau Süsskind und andere selber überrascht über die Frechheit ihrer Gäste, über die paternalistischen Gesten dieser „Freunde“ Israels, ihre ganz unverkrampft vorgetragene Anmaßung, wegen Auschwitz als Deutsche Israel und den Juden in Deutschland klar zu machen, wer allein ihre Geschicke in die Hände zu nehmen berechtigt ist – jedoch: sie hätten es wissen müssen, denn es steht jeden Tag in der Zeitung und geht täglich über den Äther.

 

Befreiungsschlag gegen antideutsche Provokateure

 

Gewiss wächst der Hass auf Israel in dem Maße wie Deutschland und Europa mit der schlimmsten Bedrohung der Juden weltweit nach 1945 ins Geschäft zu kommen versucht – dem Islam. Gewiss nimmt dieser Pakt mit dem grünen Faschismus für Juden immer bedrohlichere Formen an, und jüdische Organisationen haben gute Gründe, sich nicht an die vorderste Front der Islamkritik zu stellen. Die Verantwortlichen in Zentralrat und jüdischer Gemeinde zu Berlin scheinen aber seit dem Sommer 2006, als Antideutsche die überfällige Demonstration zur Solidarisierung mit Israel während des Libanonkriegs organisierten, auf die beide Organisationen dann unwillig aber von der eigenen Basis genötigt aufgesprungen sind, entschlossen zu sein, keine weiteren Provokationen mehr zu dulden – seither provozieren sie mit wachsender Intensität ihre israelsolidarischen Mitglieder (also keineswegs alle). Das fällt ihnen umso leichter, als das Spektrum, dass 2006 noch eine Demonstration organisieren konnte, die wirklich für Israels Krieg gegen die Hisbollah sich aussprach, nicht mehr existiert. Seit es eine (vorwiegend nichtjüdische) Israelsolidarität nicht mehr gibt, weil ein Teil der Aktivisten nichts sehnlicher wünscht als Verbandsfunktionär in eigener Sache, sprich: Karriere, zu werden, seit also ehemals antideutsche Israelfreunde die Kritik an der deutschen und europäischen Israelfeindschaft haben sausen lassen und sich mühen, selber einmal in einer Reportage der taz (vom 10.1.09) als Bedenkenträger unterzukommen, ist der Weg für Walter Momper auf die Tribüne einer angeblich israelsolidarischen Kundgebung geebnet. Denn sie wollen ja in der Mitte der Gesellschaft ankommen, sie mit ihren Botschaften auch erreichen, und sie erklären frank, dass sie mit dem korrupten Wortschatz der Feinde Israels für Solidarität mit dem jüdischen Staat werben wollen.

 

Wie der kleine Benjamin Israel eine Deutschstunde erteilte

 

Nehmen wir Benjamin Krüger aus Neukölln, der am 11. Januar auf den Breitscheidplatz gekommen ist. „Er, der Deutsche, wird sich unter die Teilnehmer mischen“. Soll heißen, er wird sich unter lauter jüdische Teilnehmer mischen, die offensichtlich keine Deutschen sein dürfen. „Krüger kennt Israel gut“. Das ist schon einmal ein Vorteil. „Er hat in einem Tel-Aviver Krankenhaus ein Praktikum gemacht. Er betreute dort Amputierte, von denen manche durch Attentate Arme oder Beine verloren hatten.“ Man kann ihn verstehen, er hat viel durchgemacht, der deutsche Benjamin aus Neukölln. „Er hat mit Shoah-Überlebenden gesprochen, die Gedenkstätte Yad Vaschem besucht.“ Er hat sich also doppelt qualifiziert: Für seinen Beruf, den er bestimmt aus Berufung ausübt: Sozialpädagoge. Und auch zum befugten Sprecher einer menschelnden Helferhaltung gegenüber israelischen Juden, die irgendwie auch Menschen sind. Wer einem antiisraelischen Kampfblatt der ersten Stunde Einblicke in sein Leben und Fühlen geben darf, kennt das Motto der Kundgebung, zu der er so tapfer geht, obwohl da lauter Juden sind, schon im Voraus: Wenn Benjamin Krüger sagen will „ Massaker sind keine Selbstverteidigung“ klingt das in der taz so: „Natürlich sei der Krieg in Gaza ‚scheiße, ein militärischer Einsatz ist immer das schlechteste.’“ Dr. Klaus Lederer hätte es bündiger nicht sagen können. „`Dass bei der Invasion der israelischen Armee zahllose Zivilisten sterben, dass in den Angehörigen der Bewohner des Gazastreifens hilflose Wut hochkocht, das kann ich nachvollziehen.’ Aber die Schuld dafür sieht er bei der Hamas, die sich hinter den Zivilisten verstecke und auf die sich die Palästinenser dummerweise eingelassen hätten. Hier, an der Hoffnungslosigkeit der Menschen, die seit drei Wochen gezwungen sind, im Kriegsgebiet auszuharren, sieht er“ – na, was sieht er wohl? – „sieht er auch ‚eine Verantwortung Israels’“. Benjamin Krüger ist Mitglied des „Bundesarbeitskreis Shalom“, der Jungen Linken in der Linkspartei. Er könnte in jeder anderen Partei oder Kampagnenorganisation für Israel, gegen die iranische Bombe oder was auch immer vertreten sein. Die Benjamins aus Neukölln, die Davids aus Hamburg und die Sarahs aus Frankfurt, stockdeutsch und betroffen, aber mit einer guten Witterung für die Bedürfnisse der Mehrheitsgesellschaft, in der sie mitmachen wollen, haben die Solidarität mit dem jüdischen Staat verraten, als sie damit begannen, wie der deutsche Leitartikel zu sprechen, wie ein deutscher Eventmager zu mobilisieren und wie ein jüdischer Zentralrats-Generalsekretär, der, wenn es nach der taz geht, kein Deutscher ist, vor Islamophobie zu warnen.

 

Meinungsfreiheit gegen Israels Feinde!

 

Die Verantwortlichen in der jüdischen Gemeinde zu Berlin, die sich keinen Vorsitzenden wie Alexander Brenner einer war, mehr leisten wollen – jenen Brenner, der zusammen mit Antideutschen auf Kundgebungen für Israel aufgetreten ist, auf denen für Neuköllner Benjamins kein Platz war und für ihre Parteien und Kampagnen-Organisationen kein Podium –, sind wahrscheinlich so mutig, wie die öffentliche Stimmungsmache es ihnen opportun erscheinen lässt. Wenn ihre nichtjüdischen „Unterstützer“ alle Kriege „scheiße“ finden und „israelische Verantwortung“ einklagen, wenn sich, wie kürzlich in Berlin geschehen, eine ganze Jugendgruppe für Israel gründet, deren erster Glaubensartikel schon Verrat an Israel bedeutet, nämlich die trotzige Beanspruchung ihres deutschen Benajminrechts, Israel kritisieren zu dürfen, wenn also niemand mehr außer denen, die man nicht dabei haben will, weil sie die Mitte der Gesellschaft kritisieren, den Feind Israels in den Gestalten zu erkennen vermag, die am 11. Januar auf dem Podium der jüdischen Gemeinde auf dem Breitscheidplatz gestanden sind, also pars pro toto Momper, Lederer und Eichstädt-Bohlig, dann wird auf der nächsten Kundgebung vielleicht schon der mutige Ahmed von der „Jugend für Frieden und Völkerverständigung“ aus Gaza-Stadt seinen Beitrag zur „israelischen Verantwortung“ für den jüngsten „Kindermord“ zum besten geben.

Vorläufig ist den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kundgebung dafür zu danken, dass sie mit ihrem heftigen Protest gegen die aufgebotenen Redner und damit auch gegen jene, die sie eingeladen haben, dafür gesorgt haben, dass es auf dem Breitscheidplatz wirklich um Solidarität mit Israel gegangen ist.

Die Redaktion Bahamas ruft alle, ob jüdischer oder nichtjüdischer Herkunft, die noch wissen, dass man Deutschen und anderen Europäern kein Recht auf Israelkritik zubilligen darf, dazu auf, nach der Blamage am Breitscheidplatz die Minimalstandards, die an eine Veranstaltung für Israel zu stellen sind, verbindlich festzulegen. Für Diskussionen darüber steht die Redaktion gerne zur Verfügung.

Bis dahin versichert die Redaktion, Frau Süsskind beim Wort zu nehmen und was am 11.Januar spontan geschehen ist, bei der nächsten Kundgebung durch entsprechende Aufrufe aktiv zu befördern: Dem Recht auf freie Meinungsäußerung für Israel und gegen seine als kritischen Freunde getarnten Feinde noch überzeugender zum Durchbruch zu verhelfen.

 

12. Januar 2009

Redaktion Bahamas

 

 

Anmerkung: Unbestritten hat Dr. Kazem Mousavi, Mitglied einer Green Party of Iran, die es nicht gibt, und Unterstützer eines Stop the Bomb Bündnisses, die einzige vernünftige Rede auf der Kundgebung gehalten. Einschränkend und ganz im Sinne der obigen Ausführungen sei aber gesagt: Mousavi wandte sich nicht ans Publikum, sondern allein an die Presse. Er trat im kraftmeierischen Gestus eines Tribuns auf, hinter dem eine Volksmacht stünde, die den Mächtigen einmal so richtig Bescheid sage. Er hat aber seine Rede vor objektiv Ohnmächtigen gehalten, einer winzigen Minderheit, die, ob jüdisch oder nicht, sich gegen den brutalen Meinungsdruck der deutschen Öffentlichkeit stellt. Zwar hat er die deutschen Irangeschäfte angeprangert, mit keinem Wort aber erwähnt, dass eine solche Politik nur möglich ist, weil Momper, Lederer und Eichstädt-Bohlig sie als Verantwortliche unangefochten vorantreiben konnten und können, da sie die deutsche Gesellschaft glaubwürdig repräsentieren, an die Mousavie appelliert, als hörte sie ihm zu und ließe sich gar von ihm überzeugen.