Mit „Israelkritik“ gegen Antizionismus

Über den Stand der antisemitischen Dinge

 

Vortrag und Diskussion mit Tjark Kunstreich in Köln

 

„Wer den ‚Zionismus’ angreift, aber beileibe nichts gegen die ‚Juden’ sagen möchte“, erkannte Hans Mayer 1975, „macht sich oder andern etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat.“ Ganz in diesem Sinne hielt Claude Lanzmann, als kürzlich linke Nazis die Aufführung seines Films Warum Israel? verhinderten, fest: „There is no Anti-Zionism without Anti-Semitism.“ Wie aber kommt es, dass diese eigentlich selbstverständliche Erkenntnis zunehmend auch von Freunden Israels abgewehrt wird?

Anlässlich einer Demonstration gegen linken Antisemitismus in Hamburg  Mitte Dezember versuchte beispielsweise ein Vertreter der Hamburger Studienbibliothek, den berechtigten vom unberechtigten Antizionismus abzugrenzen: Einst, ja, da habe der Antizionismus noch in einem „übergreifenden Begründungszusammenh ang […] von Fortschritt und Reaktion, von Imperialismus und Antiimperialismus“ gestanden. Heute dagegen kümmere sich der Antizionist nicht mehr um „Unterdrückung“ und strebe auch keine „Befreiung“ mehr an. Ins selbe Horn blies auch Moishe Postone in seiner Grußbotschaft für die Hamburger Demonstration, als er von einer „antisemitischen Variante von Antizionismus“ sprach und eine Kritik „israelischer Maßnahmen“ forderte. Berücksichtigt man, dass Postone als derjenige gelten muss, den die deutsche radikale Linke in den letzten zwanzig Jahren als ihren Lehrer in Sachen Antisemitismustheor ie angesehen hat, dann überrascht nicht, dass sich in Hamburg fast alle Anwesenden auf das „Menschenrecht auf Israelkritik“ (Bahamas) verständigen konnten. Es ist dieses um „Differenzierung“ bemühte Unterfangen, das dem herrschenden Gerücht über die Juden viel eher entspricht als der in offen völkischen Kategorien sich aussprechende Antizionismus der Links- und Rechtsextremen.

Bringt man das berühmte Diktum Horkheimers und Adornos aus der Dialektik der Aufklärung auf die Höhe der Zeit, so ist für Deutschland zu konstatieren: ‚Es gibt keine Antizionisten mehr.’ Denn der alte Hass auf den „Außenseiterstaat“ (H. Mayer) drapiert sich heute auch bei den Linken als „Kritik“. Was seit dem Bestehen der Bundesrepublik zur offiziellen Politik des guten Gewissens gehörte – die Freundschaft zu Israel, die allerdings immer schon mit der „berechtigten Kritik“ und dem Brechen vermeintlicher Tabus verbunden war –, ist heute nicht mehr nur ein diplomatischer Kniff oder bloßer Bestandteil einer politischen Taktik, sondern gesellschaftlicher Konsens. Spätestens seit Angela Merkel die Israelfreundschaft zur „Staatsräson“ erklärt und Gregor Gysi ihr Recht gegeben hat, ist überdeutlich, dass die Deutschen von jenem alten und verstaubten Israel-Hass nichts mehr wissen wollen. Nicht mal im Herz der Finsternis – der Linkspartei – ist die Mehrheit noch überzeugt davon, dass Israel ein „imperialistischer Brückenkopf“ ist. Stattdessen herrscht von Heiner Geißler über Iris Berben und von Petra Pau bis Cem Özdemir große Einigkeit darüber, dass Deutschland „wegen der Vergangenheit“ eine besondere Verantwortung für Israel trage. Deshalb sei man – neben dem Erteilen von gut gemeinten Ratschlägen – auch dazu verpflichtet, den Feinden der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ entschlossen entgegenzutreten. Die Resultate solcher Denkanstrengungen sind aber beileibe nicht mehr nur die angeblich mäßigend wirkende Finanzierung der Hamas und der vermeintlich dem Schutz Israels dienende „Dialog“ mit dem Iran, sondern zunehmend auch deutliche Drohungen in Richtung Teheran und Gaza-Stadt.

Dass das Verhältnis der Deutschen zu Israel sich darin als das des Fürsten zum Schutzjuden auf globaler Ebene darbietet, wird von vielen Kritikern des Antizionismus nicht erkannt. Im Gegenteil: Kampagnen wie etwa Stop the Bomb haben diese Form der „Israelfreundschaft“ vorgedacht, als sie damit anfingen, ganz selbstlos Israel durch die Forderung nach Sanktionen gegenüber dem Iran davor bewahren zu wollen, sich selbst verteidigen zu müssen. Was nobel klingt, erweist sich bei näherer Betrachtung als gönnerhafte Objektivierung der Juden: Der revolutionäre Durchbruch, den die Gründung des Staates Israel bedeutete und der darin bestand, dass die Juden nicht mehr länger vom good will der Nichtjuden abhängig sind, sondern endlich als politische Subjekte auftreten können, wird von Israelfreunden kassiert, die nicht zufällig mit radikaler Gesellschaftskritik nichts mehr am Hut haben wollen. Für die Antiimperialisten alten Schlages wie Volker Perthes, Gerhard Schröder und Co. ist heute zunehmend kein Platz mehr; sie werden sukzessive durch israelfreundliche Berater ersetzt, die feierlich von der „besonderen deutschen Verantwortung“ sprechen und knallhart Sanktionen gegen den Iran und das Verbot der Hisbollah just zu einer Zeit fordern, da der Iran unmittelbar vor der Fertigstellung seiner Atombombe steht. Damit stehen Stop the Bomb und das proisraelische Unterschriftenkarte ll entgegen ihres Selbstverständnisses nicht mehr in Opposition zur deutschen Politik, sondern sind deren außerparlamentarisches Sprachrohr. Obwohl man es sich selbst nicht eingesteht, betreibt man schon längst keine Lobbypolitik mehr (wenn das in Deutschland überhaupt jemals möglich war), sondern ist nichts weiter als eine staatsloyale Bürgerbewegung zur Rettung Israels. Die „Erfolge“, derer man sich rühmt, werden gewiss zahlreicher sein in den nächsten Monaten – bis Israelfreunde aus der Konrad-Adenauer- Stiftung oder einer neu besetzten ‚Stiftung Wissenschaft und Politik’ nachgerückt sind und die ‚linksradikalen’ Schmuddelkinder in der Tagesschau, dem Standard oder der Zeit als „Iran-Experten“ ersetzt haben. Verändert haben wird sich dann aber nicht die Politik gegenüber Israel, sondern nur der Ton.

Auch wenn es offenbar schwer zu begreifen ist: Die antiisraelische, sich israelfreundlich gebende Politik Deutschlands gründet nicht im persönlichen Antisemitismus einiger weniger Politiker und auch nicht in der mangelnden Informationslage über die Gefahren, die von einer iranischen Atombombe ausgehen, sondern in der antisemitischen Verfasstheit der postnazistischen Demokratie bzw. der Welt. Der Antisemitismus ist unauflösbar mit der falschen Gesellschaft verknüpft, seine Kritik hat deshalb stets aufs Ganze zu gehen. Dass Antisemitismuskriti k Israel derzeit praktisch wenig hilft, stimmt. Die Alternative aber ist, nicht nur Israel, sondern auch die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit zu opfern und damit die herrschende Irrationalitä t, die auf die Juden zielt, noch zu bestärken.



Vortrag & Diskussion mit

 

Tjark Kunstreich (Berlin)

 

Mittwoch, den 27. Januar 2010, 19:30 Uhr

 

FH Köln-Süd, Mevissen-Saal, Claudiusstraße 1

 

Veranstalter: Georg-Weerth-Gesellschaft Köln | http://gwg-koeln.tk/

In Zusammenarbeit mit dem Referat für Politische Bildung des AStA der FH

 

Der Unterschied zwischen einer israelfreundlichen und einer antideutschen (i.e. materialistischen) Position zeigt sich am deutlichsten am jeweiligen Blickwinkel: Während der Israelfreund stets positives über Israel zu berichten weiß, aber sich zugleich rühmt, den „Rassismus in Israel“ oder „die Frauenverachtung der Ultraorthodoxen“ aus eigener Anschauung zu kennen, richtet der materialistische Kritiker den Blick auf all jene, die Israel vernichten wollen. Ob Israel schöne Strände, ein gutes Sozialversicherungs system oder eine Schwulenszene vorzuweisen hat, ist ihm zwar nicht egal, er würde es aber niemals zum Argument für die Existenz Israels erheben. Solidarität mit Israel, so weiß antideutsche Kritik, ist entweder bedingungslos oder sie ist keine.

Schon längst ist der jüdische Staat postzionistisch in dem Sinne, dass sein Zweck nicht mehr die Verwirklichung des zionistischen Traums von einer Sache ist, sondern einzig der Verteidigung jüdischen Lebens auf diesem Planeten dient. Die Ghettoisierung, die als Selbst-Ghettoisieru ng durch Mauerbau und Abschottung erscheint und die in einer, von angeblichen jüdischen Rassisten wie Avigdor Liebermann propagierten Ausweisung der arabisch-israelisch en Bevölkerung gipfeln könnte, widert auch eingefleischte Freunde Israels an. Sie erliegen dem immer wieder folgenschweren Irrtum, der Jude, sei es als einzelner, als Gruppe oder als Staat, könne auch nur einen Jota am Ziel des Antisemitismus ändern; am Ende wird lediglich stehen, dass die Juden selbst schuld an ihrem Schicksal sind oder nicht alles getan hätten, um ihm zu entrinnen. Die Alternativlosigkeit der Abschottung aber beweist nicht etwa den Rassismus israelischer Regierungsangehö riger, sondern den Stand der antisemitischen Dinge.

 

Tjark Kunstreich, freier Autor aus Berlin (u.a. für Bahamas und Jungle World), wird deshalb noch einmal bei A wie Antisemitismus anfangen und unter Rekurs auf Sartre erläutern, warum der Antisemitismus nichts mit den Juden, sondern einzig mit der Wahnwelt der Antisemiten zu tun hat und welche Forderungen sich für die politische Praxis daraus ergeben.