Titelbild des Hefts Nummer 98
Die Religionskritik, die wir meinen
Heft 98 / Frühjahr 2026
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Die zwei Mamdanis

Die Erben des Postkolonialismus regieren New York

„Hoffnung“ war das Stichwort, mit dem in Deutschland linke und linksliberale Medien den Wahlsieg des 34-jährigen Zohran Mamdani zum ersten muslimischen Bürgermeister New Yorks begleiteten. Zwar gab es vereinzelt kritische Stimmen zu Mamdanis Israelfeindlichkeit, aber Bernd Ulrich warnte in der Zeit davor, den Erfolg des „radikalen Politikers“ mit „vielen ‚Abers’“ zuzuschütten (5.11.2025). Es dominiert die Sehnsucht nach einem Anti-Trump – einer Lichtgestalt, die wie zuvor der Hoffnungsträger Barack Obama für das „gute Amerika“ steht, von dem deutsche Feuilletonisten träumen. Eine tonangebende Stimme dabei gehört dem Schriftsteller Daniel Kehlmann, der selbst in New York lebt und daher als Amerikakenner reüssieren kann. Anlässlich der englischen Übersetzung seines Buchs Lichtspiel, das von der Zusammenarbeit des österreichischen Regisseurs G. W. Pabst mit den Nazis handelt, gab Kehlmann im Sommer 2025 der FAZ ein Interview zur Lage der amerikanischen Nation. (1) Der Vergleich der Zustände in den USA mit dem Faschismus sei nicht mehr übertrieben, so heißt es dort, da im Land eine asymmetrische Diktatur herrsche – wobei Kehlmann zu bedenken gibt, dass auch schon vor Trump schwarze Amerikaner „in einem Polizeistaat (lebten), in dem man ständig Angst hatte, erschossen zu werden“. Von seiner Buchtour berichtet er: „Ich lese meist das Kapitel vor, in dem Papst [sic!] zunächst in der Küche mit seinen zwei Kollegen sitzt, die sagen, man kann eigentlich ganz gut in Deutschland leben, wenn man keine Fehler macht. Und dann trifft er Goeb­bels, der ihn so unter Druck setzt, dass er sich am Ende fügt und einen Regieauftrag annimmt. Diese Stelle ist natürlich auch ausgewählt, weil sie etwas zu tun hat mit dem, was wir hier gerade sehen. Ich denke, solche Gespräche, wie Papst [sic!] sie da führt, gibt es jetzt viele im Weißen Haus und auch anderswo.“

Dass Trump sich „die Wissenschaft“ ähnlich untertan machen wolle wie seinerzeit der Reichspropagandaminister einen deutschen Kulturschaffenden, hört und liest man seit Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit auf allen Kanälen. Vielen dürften bei der Rede von „der Wissenschaft“ Menschen in weißen Kitteln vorschweben, die in Laboren Reagenzgläser herumtragen und kurz davorstehen, ein Heilmittel gegen Krebs zu finden – wenn sie nicht der böse Präsident, der aus niedrigen Beweggründen den Geldhahn zudrehte, daran gehindert hätte. Ein Blick auf die amerikanische Ivy League – die Riege der elitärsten Universitäten des Landes – zeigt aber oft ein ganz anderes Bild davon, was unter dem Label Wissenschaft firmiert. Das Department of Middle Eastern, South Asian, and African Studies – kurz MESAAS – der New Yorker Columbia University, welches Zentrum der Proteste gegen Israel seit dem 7. Oktober 2023 war, wurde schon vor über 20 Jahren als Schmiede antizionistischer Propaganda entlarvt. Die Dokumentation Columbia Unbecoming von 2004 berichtet über die Erfahrung jüdischer Studenten, die an diesem (damals noch MEALAC genannten) Institut Kurse zum Nahostkonflikt belegt hatten. Im Seminar von Professor Joseph Massad – der damals noch keine tenure, also eine Festanstellung, hatte – kam es zu einem Eklat, nachdem dieser einen israelischen Studenten fragte, wie viele Palästinenser er schon umgebracht hätte. (2) Es gab die üblichen Untersuchungskommissionen und Berichte, aber Massads Karriere tat der Vorfall keinen Abbruch: Er bekam seine feste Stelle und ist bis heute an der Columbia University tätig. Dort hat er illustre Kollegen, wie etwa den Professor für Iranstudien Hamid Dabashi, der bei einem Ayatollah-Khamenei-Ähnlichkeitswettbewerb beste Aussichten hätte. Mit seinen Tiraden gegen Israel könnte man viele Seiten füllen; sie laufen alle auf folgende Botschaft hinaus: „Bei jedem dreckigen, verräterischen, hässlichen und schädlichen Ereignis in der Welt muss man bloß ein paar Tage warten, bis der hässliche Name ‚Israel‘ auftaucht“. (3) Anlässlich der Veröffentlichung des Buchs Lolita lesen in Teheran, das von Studenten handelt, die durch Lektüre westlicher Literaturklassiker gemeinsam mit ihrer Dozentin der bedrückenden Atmosphäre des Mullah-Regimes zu entfliehen trachten, beschimpfte Dabashi die Exil-iranische Autorin des Romans, Azar Nafisi, als „Kollaborateurin mit den Kolonialherren“ und verglich sie mit einer Soldatin, die Gefangene im amerikanischen Gefängnis Abu Ghraib gefoltert hatte. (4) Und auch zu den Protesten Anfang dieses Jahres hatte Dabashi eine pointierte Meinung: Es möge zwar einige berechtigte Kritikpunkte am Regime geben, aber die Proteste seien zu großen Teilen vom Mossad gesteuert und daher illegitim – was man schon daran ablesen könne, dass israelische Flaggen zu sehen waren, die im Iran bekanntlich nichts zu suchen haben. (5)

Mahmood Mamdani, der Vater des frisch gewählten New Yorker Bürgermeisters, ist seit 1999 Professor an der Columbia University. Er ist Historiker in der Tradition des Postkolonialismus und daher selbstverständlich Antizionist und Kritiker der USA. Vater und Sohn haben in Interviews betont, wie sehr sie politisch voneinander gelernt haben, (6) und ein wichtiges Buch Mahmood Mamdanis ist seinem Sohn Zohran mit den Worten gewidmet, „Mögest du viele inspirieren und einen neuen Weg bereiten!“. (7) Das ist ihm unzweifelhaft gelungen, und es drängt sich die Vermutung auf, dass der Sohn politisch in die Praxis umsetzt, was in der Theorie des Vaters und anderer postkolonialer Denker vorgezeichnet wurde. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Die Auseinandersetzung mit Mahmood Mamdani hilft zwar, die Ursprünge der Ideologie von Zohran Mamdani und seinen Unterstützern zu verstehen, aber der Generationenunterschied lässt sich nicht auf den Unterschied zwischen Theorie und Praxis reduzieren.

Grundübel Nationalstaat

Mahmood Mamdani kommt im Vergleich zu seinen krawallschlagenden Kollegen Massad und Dabashi auf den ersten Blick deutlich seriöser, ja geradezu moderat daher. Ein Großteil seiner Forschung betrifft die Geschichte Ugandas, wo er aufgewachsen ist und sein Sohn Zohran geboren wurde. Einem breiteren Publikum wurde er 2004 mit dem Buch Good Muslim, Bad Muslim: America, the Cold War and the Roots of Terror bekannt, einem Beitrag zu dem in dieser Zeit populären Genre von Büchern, laut denen dank des Kriegs gegen den Terror Muslime die wahren Opfer von 9/11 seien – ein Motiv, dass auch Zohran Mamdani während des Wahlkampfes bediente, indem er eine Geschichte über seine Tante und ihre Angst, mit Hijab U-Bahn zu fahren, auspackte. (8) Aus heutiger Perspektive wirkt das Buch altmodisch: Mamdanis Ausein­andersetzung mit Bernard Lewis, dem großen Gegner Edward Saids, beruht auf gründlichen Kenntnissen der Politik und Geschichte des Nahen Osten, weshalb man aus der Auseinandersetzung damit durchaus etwas lernen kann.

Für die heutige Generation von Aktivisten ist hingegen eine Mobilisierung mithilfe der Anrufung von Menschenrechten charakteristisch, die vor begründeten Einwänden immunisieren soll. Zukunftsweisender als Mamdanis Buch war etwa das wenige Jahre später erschienene Buch Terrorist Assemblages von Jasbir Puar, der Erfinderin des Homonationalismus-Vorwurfes (,laut dem scheinprogressive westliche Staaten mit LGBT-Rechten von ihrem Rassismus insbesondere gegen Muslime ablenken würden), das statt Rationalisierung von Terrorismus durch geopolitische Erwägungen auf die Einfühlung in den Selbstmordattentäter setzte.

In Neither Settler nor Native: The Making of Permanent Minorities von 2020 entwickelt Mahmood Mamdani mittels verschiedener Fallstudien eine Geschichte des Nationalstaats aus postkolonialer Sicht. Laut gängiger Auffassung geht der moderne bürgerliche Nationalstaat auf den Westfälischen Frieden von 1648 zurück, der den Dreißigjährigen Krieg in Europa beendete. Charakteristisch für die neue Herrschaftsform war eine Form der religiösen Toleranz: Katholizismus, Lutheranismus und Calvinismus wurden von nun an als grundsätzlich gleichberechtige Konfessionen anerkannt. Fürsten konnten die Konfession frei wählen und ihren Bürgern wurde Gewissensfreiheit eingeräumt, wodurch wichtige Voraussetzungen für Liberalismus und Aufklärung geschaffen waren. Mamdanis alternative Herleitung des Nationalstaats steht unter düstereren Vorzeichen (S. 1–5). (9) Statt Toleranz ist für ihn Vertreibung und ethnische Homogenisierung das zentrale Prinzip moderner politischer Ordnungen, weshalb er 1492 als Geburtsjahr des Nationalstaats ansetzt. In diesem Jahr wurden, nach dem Sieg der christlichen Reconquista über die bis dahin von Muslimen beherrschte Andalusier, alle Juden aus Spanien vertrieben. Außerdem brach Columbus zu seiner Expedition nach Amerika auf, die den Auftakt zur Kolonisierung des amerikanischen Kontinents darstellt. Für Mamdani hängen diese beiden Momente eng zusammen: Trotz der Tendenz zur ethnischen Homogenisierung kommt laut ihm kein Nationalstaat ohne eine „dauerhafte Minderheit“ aus, die von der Mehrheit mehr oder minder offen unterdrückt wird. Nationalstaaten dränge es daher zur Schaffung von Kolonien, in der sie als Herrscher über die native Bevölkerung auftreten können.

Einen Sonderfall bilden hier die sogenannten „siedlerkolonialistischen“ Staaten: Sie müssen keine neuen Gebiete erobern, da sie bereits durch Kolonialisierung und die Unterdrückung einer einheimischen Minderheit geschaffen wurden. Die kanonischen Beispiele hierfür sind Israel und die USA, und bei Mamdani liefert die Geschichte der Vereinigten Staaten bis ins 19. Jahrhundert das Vorbild für die Untaten des 20. Jahrhunderts. Im Laufe der Eroberung des Kontinents erfanden die Amerikaner sowohl Genozid als auch KZ, welche daraufhin als Exportschlager ihren Siegeszug durch die Welt antraten (S. 24–25, 58, 101). Diese Geschichtsphilosophie, mit der man innerhalb von einem Satz von Abraham Lincoln zu Adolf Hitler kommt, fasste Mamdani bei einer Buchvorstellung kompakt zusammen: „Abraham Lincoln hat die Lösung der Indianerreservate verallgemeinert. Die amerikanischen Ureinwohner wurden in spezielle Gebiete getrieben. Dies war die Inspiration für die Nazis. Hitler erkannte zwei Dinge: Erstens, dass Völkermord möglich ist. Zweitens, dass man keine einheitliche Staatsbürgerschaft haben muss, sondern zwischen Menschengruppen differenzieren kann. Die Nürnberger Rassengesetze waren von amerikanischen Gesetzen inspiriert.“ (10)

Deutsche Opfer

Es ist mittlerweile ein Klischee, dass Aussagen wie „Der Holocaust erfährt zu viel Aufmerksamkeit“, die noch vor 20 Jahren ausschließlich in randständigen Aufrufen zu NPD-Aufmärschen zu finden waren, heute in der postkolonialen Ecke unhinterfragter Konsens sind. Wie weit Mamdani geht, der im Kapitel seines Buchs über die Nürnberger Prozesse die These zu belegen sucht, der Nationalsozialismus sei logische Konsequenz und authentischer Ausdruck des Prinzips des Nationalstaats, überrascht mitunter aber doch. Am 27. Mai 1944 veröffentlichte Joseph Goebbels im Völkischen Beobachter den zuvor mit Hitler abgesprochenen Artikel „Ein Wort zum feindlichen Luftterror“. Darin heißt es unter anderem: „Die anglo-amerikanischen Terrorflieger sind in den letzten Wochen dazu übergegangen, neben der wahllosen Bombardierung der Wohnviertel unserer Städte die deutsche Zivilbevölkerung offen, direkt und ohne jede auch nur äußerliche Respektierung der internationalen Kriegsgesetze anzugreifen, sie mit Bordwaffen zu beschießen und kaltblütig hinzumorden. […] Das hat nichts mehr mit Krieg zu tun, das ist nackter Mord. Es gibt keine völkerrechtliche Regelung, auf die sich die Feindseite dabei berufen könnte. Die anglo-amerikanischen Piloten stellen sich mit einer solchen verbrecherischen Kampfesweise außerhalb aller international anerkannten Kriegsgesetze. […] Es ist immer unser Wunsch gewesen, daß der Krieg sich in ritterlichen Formen abspielt, der Feind scheint das nicht zu wollen. Die ganze Welt ist Zeuge dafür.“ Goebbels sprach zudem eine Warnung aus: Sollten Piloten alliierter Flieger durch Abstürze auf deutschem Boden landen, wolle man sie von nun an nicht länger in Kriegsgefangenschaft nehmen, sondern lieber der „rasenden Wut“ des Volkes überlassen, das „in diesen Fragen viel radikaler denkt als seine Regierung“. (11)

Aus diesem Plädoyer für das Lynchen alliierter „Kindermörder“ (Goebbels) kann man vieles über die gegenwärtigen Freunde des Völkerrechts lernen, die vermutlich gegen die Schlussfolgerung, dass Churchill, Roosevelt und erst recht Sir Arthur Harris zu inhaftierende Kriegsverbrecher waren, wenig einzuwenden hätten. Mamdani zitiert aus diesem Artikel auch gerade deshalb, um Goebbels zuzustimmen (S. 114). Bei ihm ist die deutsche Zivilbevölkerung Opfer der Alliierten, die durch die Zuweisung einer Kollektivschuld aller Deutschen von der eigenen Verstrickung in die Logik des Nationalstaats ablenken wollten. Diese perfide Strategie, so Mamdani, hörte auch nach der Kapitulation Deutschlands keineswegs auf. So habe es im nationalsozialistischen Deutschland beispielsweise „Legionen“ von heimischen Antifaschisten und Widerstandskämpfern gegeben (S. 104), auf die man beim Wiederaufbau der politischen Institutionen hätte zurückgreifen können – wenn dies nicht durch das von den Westmächten verbreitete „Narrativ“ der kollektiven Schuld unmöglich gemacht worden wäre (S. 119). Die aus naheliegenden Gründen unter deutschen Intellektuellen populäre Ansicht, der Nationalsozialismus sei nichts spezifisch Deutsches gewesen, wird von Mamdani nicht nur unkritisch für bare Münze genommen, sondern gleich noch zum Ausdruck eines besonders lobenswerten moralischen Universalismus erklärt, der dem heuchlerischen Partikularismus der Alliierten überlegen sei: „Dass die Schuld [für den Nationalsozialismus] nichts spezifisch Deutsches war, sondern von der gesamten Welt – und zwar der westlichen Welt – getragen werden muss, war unter deutschen Intellektuellen verschiedenster politischer Überzeugungen Konsens […]. Diese Denker lehnten sowohl Kollektivschuld als auch reeducation ab, da sie die Krise Deutschlands – insbesondere den Nationalsozialismus – als Produkt von größeren Kräften wie Nihilismus, Säkularisierung, Massengesellschaft und dem Ziel der Geschichte [telos of history] begriffen“ (S.121–122).

Integrationskraft des Nationalstaates

Besonders instruktiv ist, was Mamdani zu den Vertreibungen Deutscher aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches und aus Ländern, in denen es traditionell deutsche Minderheiten gab, zu sagen hat. Hierbei handle es sich um „Gräueltaten von großem Ausmaß“ und ein „politisches Projekt, das dem der Nazis auf unheimliche Weise ähnelte“ (S. 103). Bei den Vertreibungen der Donauschwaben aus Rumänien und Jugoslawien sei es zu „Holocaust-artigen Szenen“ (S. 117) gekommen, in denen Deutsche eng gedrängt und mit schlechter Versorgung in Viehwaggons Richtung Deutschland abtransportiert wurden. Dort angekommen wurde die Lage kaum besser: Im zerstörten Deutschland gab es Wohnungsmangel, weshalb die Flüchtlinge oft lange obdachlos bleiben und in Feldern oder Bahnhöfen übernachten mussten. An dieser Stelle endet die Erzählung Mamdanis, doch es hätte sich gelohnt, das Schicksal der deutschen Vertriebenen, die ihm offenbar so sehr am Herze liegen, noch etwas weiter zu verfolgen. Das angestrebte Ziel der ethnischen Homogenisierung ließe vermuten, dass die Aussiedler aus dem Osten im verbliebenen Rest Deutschlands freundlich aufgenommen wurden. Dem aber war, wie Harald Jähner in seinem Buch Wolfszeit nachgezeichnet hat, keineswegs so. Abgesehen von der Tatsache, dass Solidarität in harten Zeiten ohnehin ein rares Gut ist, wurden die Vertriebenen als fremd und bedrohlich empfunden. Ostpreußen und Sudeten etwa waren als unzivilisierte „Polacken“ verschrien, mit denen man nichts zu tun haben wollte, und religiöse Differenzen machten Ehen zwischen Vertriebenen und Einheimischen in vielen Gegenden lange zu einer skandalträchtigen Ausnahme. Der Graben schien zunächst unüberwindlich: „Heute ist es unvorstellbar, wie tief das Zerwürfnis unter den Deutschen war. Die alliierten Militärbehörden, vor allem die britischen, warnten mehrfach vor einem drohenden Bürgerkrieg. Der Jesuitenpater Johannes Leppich, ein gebürtiger Schlesier, der wegen seiner polemischen Predigten ‚das Maschinengewehr Gottes‘ genannt wurde, prophezeite: ‚Es wird eine Revolution kommen aus Bunkern und Baracken, wenn nicht bald geholfen wird.‘ Der Historiker Friedrich Prinz resümierte: ‚Der zufriedene Rückblick auf die geglückte Integration der Vertriebenen verstellt heute manchmal die Einsicht, wie nahe wir der gesellschaftlichen Katastrophe waren; wäre es doch durchaus möglich gewesen, dass die Vertriebenen Deutschlands ‚Palästinenser-Problem‘ geworden wären.’“ (12)

Dass dieser drohende Bürgerkrieg ausblieb, geht auf die Integrationskraft des nach 1945 neu entstehenden westdeutschen Nationalstaats zurück. Zum einen ließen die Alliierten, anders als Mamdani suggeriert, die deutschen Vertriebenen keineswegs hungern, sondern unterstützten sie, da für sie reeducation mit dem Projekt des nation buildings verbunden war, ebenso wie andere der zahlreichen displaced persons. Nach Gründung der BRD setzten die Regierungen ein umfangreiches Wohnungsbauprogramm durch, durch das zahlreiche neue Straßen und Stadtteile entstanden, um die Bevölkerung des ehemaligen deutschen Ostens unterzubringen. Zwar dauerte es bis 1966, bis das letzte Vertriebenenlager geschlossen werden konnte, und die neuen Wohngebiete waren selten schön und als „Kleinpolen“ oder „Kleinmoskau“ verschrien, aber dennoch: Das revanchistische Säbelrasseln des Bundes der Vertriebenen wurde durch die erfolgreiche Integration langsam aber sicher zu einer politisch irrelevanten Größe.

Es bedarf hier keiner näheren Erläuterung, dass das „Palästinenser-Problem“ in Israel dank des Bundes der Vertriebenen der Palästinenser – dem UN-Hilfswerk UNRWA – weniger gelungen gelöst wurde. Allein schon die Idee nur zu erwähnen, dass die bis 1948 geflohenen palästinensischen Araber sich in den benachbarten arabischen Staaten wie Ägypten, Jordanien und dem Libanon dauerhaft als Staatsbürger hätten ansiedeln können, gilt als weltfremd und menschenverachtend, und das, obwohl diese Vorgehensweise nicht nur bei anderen Kriegsflüchtlingen Standard ist, sondern zudem ein angenehmeres Leben für die Nachkommen der Flüchtlinge sichergestellt hätte, als es der ewige Kampf um die Rückkehr eingebracht hat. Mamdani erwähnt daher diese Option nicht einmal, und rügt stattdessen die PLO dafür, beim „Recht auf Rückkehr“ Kompromisse gemacht zu haben (S. 309). Die umgekehrte Migrationsbewegung aber, nämlich die Vertreibung der arabischen Juden aus Ländern wie dem Irak und Syrien, findet durchaus Beachtung. Etwa 600.000 Juden zogen zwischen 1948 und 1972 aus der islamischen Welt nach Israel, oft als Reaktion auf oder Furcht vor antisemitischen Pogromen. Mamdani weist korrekt darauf hin, dass diese orientalischen Einwanderer vom aschkenasischen Establishment in Israel zunächst als exotische Fremdkörper wahrgenommen wurden, denen offener Rassismus entgegenschlug (S. 300). Der Zionismus war eine europäische Bewegung, und innerhalb der regierenden Arbeiterpartei war ein Programm der Europäisierung Konsens, bei dem sogar versucht wurde, den Mizrachim und Sephardim ihre Vorliebe für arabisches Pita-Brot auszutreiben, indem Brotlaibe europäischen Stils staatlich subventioniert wurden. (13)

Ein Blick auf das heutige Israel scheint zu zeigen, dass dieses Programm gescheitert ist. Trotz seines europäischen Ursprungs erwies sich der Zionismus als fähig, die ideologische Basis einer kulturell und ethnisch heterogenen Gesellschaft zu sein. Israelischer als Pita, Hummus und Falafel geht es kaum – weshalb mittlerweile vor kulinarischem Kolonialismus gewarnt und die Umbenennung des israelischen Salats gefordert wird. (14) Seit dem Ende der Dominanz der zionistischen Arbeiterpartei in den 1970ern sind orientalische Juden zudem auch im politischen System Israels fest verankert: Neben der explizit sephardischen Schas-Partei, die seit den 1990ern in zahlreichen Regierungen vertreten war, sind viele Sephardim auch begeisterte Wähler von Benjamin Netanjahus Likud. Eine weitere Erfolgsgeschichte über die Integrationskraft des Nationalstaats – so sollte man zumindest meinen. Für Mamdani dagegen wurden die orientalischen Juden, insbesondere die Mizrachim, durch die Wendung zum Zionismus „de-arabisiert“ und somit ihrer Kultur beraubt (S. 19, 300). Mamdanis Warnungen vor der durch Nationalstaatsbildung erzeugte Tendenzen zur ethnischen Homogenisierung, die es ja zweifelsohne gibt, sind also keineswegs einer Parteinahme für das Individuum gegenüber den Zumutungen eines Kollektivs geschuldet. Sein Plädoyer gegen die Politisierung der Kultur – angeblich ein zentrales Anliegen des Buches – wird von der durch und durch identitären Annahme, dass Araber, ob Juden oder nicht, von Natur aus Anti-Zionisten sein müssen, ad absurdum geführt.

Global versus National

Was von der These zu halten ist, dass die Vertreibung und Dezimierung der amerikanischen Ureinwohner als Vorbild für die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus dienen würde, und dass letztere Ausdruck der im ganzen Westen verbreiteten Idee des Nationalstaats sei, bringt der Historiker E. B. Westermann, der die vergleichende Studie Hitler’s Ostkrieg and the Indian Wars. Comparing Genocide and Conquest verfasst hat, schon in deren Einleitung kompakt auf den Punkt: „In der Weltanschauung der Nazis stellte die bloße Existenz von Juden und anderen Gruppen eine lebensbedrohliche Gefahr für die Arische Rasse dar. Für Hitler war die Unterwerfung Osteuropas Teil einer Reihe von Kriegen, in denen jeder erfolgreiche Eroberungskrieg nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur globalen Herrschaft mit dem Ziel der ‚totalen demographischen und rassischen Neuordnung der Welt‘ war. Vorgesehen war also die Vernichtung von Juden und anderen Opfergruppen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, sei es in Großbritannien, Irland, oder dem Nahen Osten. Im Gegensatz dazu war die Expansion der USA nach Westen weder ein Auftakt zu einem globalen Eroberungsfeldzug noch ein Vorlauf für eine extraterritoriale Kampagne gegen die eingeborene Bevölkerung der gesamten westlichen Hemisphäre. Von vereinzelten Strafexpeditionen auf mexikanischem Territorium abgesehen waren die Gebiete jenseits der nördlichen und südlichen Grenzen ein sicherer Hafen für Stämme aus der Wüste und der Prärie. Zudem war die Versklavung oder physische Vernichtung ganzer Stämme auch niemals erklärtes Ziel der Politik der Westerweiterung“. (15)

Nationalstaaten basieren auf der Unterscheidung von Staatsbürger und Nicht-Staatsbürger, und setzen daher stets ein begrenztes Territorium voraus. Dessen quantitativer Umfang kann sich natürlich ändern, wie es im Verlaufe der westward expansion der USA geschah. Dennoch besteht ein qualitativer Unterschied zwischen dem Projekt der Erweiterung eines Nationalstaats und dem globalistisch agierenden nationalsozialistischen Unstaat, der auch nach einer erfolgreichen Eroberung Osteuropas nicht hätte ruhen können, da er angetrieben vom antisemitischen Wahn die Juden überall auf der Welt auszurotten trachtete. Mamdanis zentrale These, die nationalstaatliche Begrenzung politischer Gewalt auf ein bestimmtes Territorium sei für die schlimmsten Verheerungen des 20. Jahrhunderts verantwortlich, ist somit falsch. Vielmehr spricht alles dafür, dass ihre Umkehrung richtig ist: Eine Form der politischen Organisation, die nicht dem Prinzip des Nationalstaats entspricht, und dennoch durch Sicherung bürgerlicher Freiheitsrechte einigermaßen lebenswerte Verhältnisse garantiert, ist bisher nicht bekannt. In ihrer Schrift zur Revolution stellte Hannah Arendt daher die These auf, dass politische Freiheit und räumliche Begrenzung notwendig miteinander einhergehen. Freiheit gleiche einer Insel im Ozean oder einer Oase in der Wüste, die „nur gehalten werden können, wenn sie gegen das Meer der Notwendigkeit verteidigt werden“: „Wo immer Freiheit je als eine greifbar weltliche Realität existiert hat, war sie räumlich begrenzt. Dies tritt nirgends deutlicher hervor als bei der Bewegungsfreiheit, der elementarsten und wichtigsten der negativen Freiheiten, denn Stadtmauern und nationale Grenzen dienen immer nur dem Zweck, einen Raum ein- und auszugrenzen, innerhalb dessen Menschen sich frei bewegen können. Natürlich kann dieser Raum durch Verträge und internationale Übereinkommen, die immer auf Gegenseitigkeit beruhen, beliebig erweitert werden; aber auch unter diesen modernen Bedingungen bleibt Freiheit räumlich begrenzt, und dies gilt für Freiheit jeglicher Art.“ (16)

Naturrecht und Politik

Ein Teil von Arendts Einsicht bleibt, wenn auch in verzerrter Form, selbst noch in Mamdanis eigener Theorie aufbewahrt. Anders als seine politischen Erben, von denen noch zu reden sein wird, verfügt er über ein Verständnis der Natur des Politischen. Was damit gemeint ist, lässt sich gut an der Rezeption von Mamdanis neuestem Buch Slow Poison von 2025 aufzeigen, das von Idi Amin und der politischen Entwicklung Ugandas handelt. Amin regierte Uganda von 1971 bis 1979 als brutaler Diktator, dessen Herrschaft schätzungsweise 100.000 bis 500.000 Menschen zum Opfer fielen. 1972 verwies Amin zudem alle Mitglieder der asiatischen Minderheit – d. h. Menschen mit indischen, pakistanischen oder bangladeschischen Wurzeln – des Landes. Der in Indien geborene Mahmood Mamdani war zu diesem Zeitpunkt an der Universität von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, angestellt und musste nach Entzug der Staatsbürgerschaft als Folge von Amins Beschluss nach England fliehen. (17)

Trotz dieser Biographie geht es Mamdani nicht darum, den Opferstatus der asiatischen Minderheit Ugandas zu zementieren. Vielmehr gesteht er den Maßnahmen Idi Amins eine gewisse Rationalität zu: Sein Projekt war die Schaffung eines Nationalstaats für die schwarze Bevölkerung Ugandas, und die Präsenz einer Asiatischen Minderheit, die zudem wohlhabend und gesellschaftlich einflussreich war, stand diesem Projekt im Wege. Im Feuilleton von Wall Street Journal bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde dies als Glorifizierung des Schlächters Amin wahrgenommen und entsprechend harsch kritisiert. (18) Ganz verkehrt ist diese Reaktion sicher nicht, aber eine Kritik, die auf die Botschaft „Jede Art der Gewalt ist zu verurteilen“ hinausläuft, fällt hinter die wichtige Einsicht zurück, dass radikaler politischer und gesellschaftlicher Wandel historisch so gut wie immer mit Gewalt verbunden war, und dass eine adäquate Beurteilung politischer Gewalt daher auch politische Kriterien erfordert, keine rein kriminalistischen. (19)

Anders als seine harsche Kritik am Nationalstaat vermuten lässt, teilt Mamdani daher keineswegs die verbreitete Ansicht, dass die politische Kategorie Staat veraltet ist und zugunsten überstaatlicher Institutionen und Rechtsprinzipien aufgegeben werden kann und soll. Bei der Entlarvung des „Menschenrechtsdiskurses“ als Ideologie – der Berufung auf einen abstrakten, ewig wahren Katalog der Menschenrechte ohne Gedanken an die Durchsetzung des Rechts, der internationale Institutionen wie die UN beherrscht, landet der ältere Mamdani einige Treffer, wobei auch der Internationale Strafgerichtshof sein Fett abbekommt (S. 21). Mamdanis positives Programm ist angesichts der radikalen Rhetorik erstaunlich reformistisch. Es soll weiterhin Staaten geben, nur eben keine Nationalstaaten, in denen ethnische und kulturelle Unterschiede politisch relevant sind. Hier drängt sich der Einwand auf, dass so etwas bereits existiert – in Form der Vereinigten Staaten von Amerika. Um dieser unerwünschten Konklusion zu entgehen, muss Mamdani die Rolle der amerikanischen Ureinwohner so sehr mit Bedeutung aufladen, dass laut ihm die Anerkennung ihres Schicksals das „amerikanische Selbstbild zerstören“ würde (S. 41). Die Zerschlagung der USA oder dergleichen ist aber zur Lösung dieses Problems dann doch nicht nötig, und auf S. 353 finden sich pragmatische Vorschläge wie etwa die Änderung des rechtlichen Status der Indianerreservate.

Es lohnt sich, Hirngespinste von Abraham Lincoln als dem Vordenker des Holocaust bei Seite zu legen, um stattdessen zur Kenntnis zu nehmen, wofür Lincoln wirklich stand: die Vermittlung von Naturrecht und politischer Macht. In seiner berühmten Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg im Jahr 1863 beschrieb Lincoln das Ziel des Amerikanischen Bürgerkriegs wie folgt: „Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, der eine Probe dafür ist, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft Bestand haben kann.“ (20)

Die Vereinigten Staaten sind also explizit kein Staat einer ethnisch bestimmten Gruppe, sondern basieren vielmehr auf dem in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 dargelegten Grundsatz, dass alle Menschen insofern gleich geschaffen sind, als sie ein unveräußerliches Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück haben. Lincoln lobte Thomas Jefferson, den Hauptautor der Unabhängigkeitserklärung, für seine Kühnheit, angesichts der vielen drängenden tagespolitischen Probleme diese „abstrakte Wahrheit, die für alle Menschen zu allen Zeiten gilt“, in das revolutionäre Dokument aufzunehmen. (21) Wie die Gründungsväter der USA auch nahm Lincoln an, dass Menschen die genannten Rechte von Natur aus zukommen. Offensichtlich sind aber Menschen keineswegs von Natur aus in der Lage, dieses Recht auch zu genießen. Um dies zu ermöglichen, sind künstliche, von Menschen gemachte politische Institutionen nötig, die das Naturrecht sichern und durchsetzen – was, wie der blutige Bürgerkrieg zur Abschaffung der Sklaverei, mit hohen Kosten verbunden sein kann. (22)

Im Namen der Menschenrechte

An dieser Stelle zeigt sich, dass zwischen den Generationen ein ideologischer Bruch besteht, denn das bei Mamdani dem Älteren noch vorhandene Bewusstsein für die Vermittlungsfunktion der Politik geht der Aktivistengeneration um Mamdani dem Jüngeren völlig ab. Hier dient die Berufung auf abstrakte Menschenrechte primär dazu, das konkrete, positive Recht bestimmter Staaten für illegitim und irrelevant zu erklären. In Deutschland wurde diese Ideologie zuletzt von Luis Bobga, dem Vorsitzende der Grünen Jugend, prägnant zum Ausdruck gebracht, als er mit dem Argument, der Nationalstaat und seine Grenzen seien „ausgedacht“, gegen eine restriktivere Migrationspolitik polemisierte. Dieser scheinradikale Konstruktivismus geht dabei regelmäßig mit der Fetischisierung von angeblich naturgegebenen Partikularrechten einher, wie auch im Fall der Popsängerin Billie Eilish, die mit dem Slogan „no one is illegal on stolen land“ Aufmerksamkeit generierte. Zum einen soll jeder überall ein Recht auf Aufenthalt haben und die legal/illegal-Unterscheidung suspendiert sein, zum anderen gebe es aber doch „gestohlenes“ Land, das daher irgendwann – wohl von Natur aus, kraft Verbindung zwischen Volk und Erde – jemandem gehört haben muss.

Zohran Mamdani setzt diese Ideologie der Menschenrechte nun in New York durch. Für die Frage, ob jemand ein Recht auf Aufenthalt in der Stadt hat, hält er es für irrelevant, ob diese Person die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt oder nicht. Demonstrativ stellte er sich hinter den Palästina-Aktivisten Mahmoud Khalil, den die Trump-Regierung abschieben will: „Mahmoud Khalil ist ein New Yorker. Er sollte in New York City bleiben.“ (23) Die sogenannte Hidschra, die Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina, wurde von Mamdani bei einem interreligösen Treffen als gelungenes Beispiel von Migration angeführt, wobei unerwähnt blieb, dass auf diese Migration die kriegerische Eroberung Medinas inklusive Vertreibung aller Juden folgte, und später allen Nicht-Muslimen der Zutritt nach Medina verboten wurde. (24) An einer Stelle muss Migration dann aber doch ihre Grenzen haben: Israel. Am 19. November 2025 – nach der Wahl Mamdanis, aber vor seiner Amtseinführung – kam es vor der New Yorker Park East Synagoge zu antizionistischen Protesten gegen eine Veranstaltung, bei der über Möglichkeiten zur Aliyah, also der Umsiedlung nach Israel, informiert wurde. Mamdanis Pressesprecherin verurteilte in einer Pressemitteilung zwar zunächst die Pro-Hamas-Slogans der Demonstranten, aber gab der Synagoge eine Mitschuld, da „heilige Stätten nicht zur Förderung von Aktivitäten genutzt werden sollen, die gegen das Völkerrecht verstoßen“. (25) Juden sind also die einzigen Menschen, deren Existenz in einem bestimmten Gebiet von offizieller Seite als potenziell illegal gebrandmarkt wird.

Es wundert daher nicht, dass Zohran Mamdani als Teenager das Buch Good Muslim, Bad Muslim seines Vaters dafür kritisierte, zu historisch angelegt zu sein. Ihm fehlte die Berücksichtigung der „populären Bedeutung“ von wichtigen Begriffen, was womöglich auf den Begriff jihad abzielte, der in dem Buch über dutzende Seiten analysiert wird. (26) Der Antizionismus der älteren Generation des Postkolonialismus, für den Mahmood Mamdani steht, ähnelt zu sehr dem alten antiimperialistischen Antizionismus, der auf Israels geopolitische Rolle als Brückenkopf des Westens abzielte und seine Botschaften mittels langer Traktate unters Volk bringen wollte. Zohran Mamdani dagegen verdankt seinen Erfolg nicht zuletzt den sozialen Medien, wo kurze Slogans und mitreißende Bilder statt langer Texte nötig sind, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Lektüre der trockenen Bände des Vaters ist dabei nicht hilfreich, da sie anstrengt und überfordert. Das aktivistische Milieu, das die treusten Unterstützer von Zohran Mamdani stellt, ist vor allem in einem soziologischen Sinn ein Erbe des Postkolonialismus. Die Logik der Universität bringt es mit sich, dass auf jeden Professor für postkoloniale Studien jedes Jahr dutzende Studenten kommen. Für eine akademische Laufbahn sind die meisten davon ungeeignet und es gäbe auch ohnehin nicht genug Stellen. Dieses akademische Prekariat muss daher in NGOs, internationalen Organisationen, oder auch in der Universitätsverwaltung unterkommen, wo schlechte Bezahlung mit kulturellem Kapital kompensiert wird. Von der Ideologie des Postkolonialismus bleibt vielen aus ihren Seminaren aber offenbar bloß in Erinnerung, dass Kapitalismus und der Westen irgendwie böse sind. Der Hass auf Israel ist für dieses Milieu deshalb besonders attraktiv, weil er erlaubt, ohne besondere Kenntnisse oder Kosten für den eigenen Lebenswandel eine pseudoradikale Attitüde einzunehmen, die Sinn stiftet.

Hierin besteht die spezifische Gefahr dieser neuen Bewegung. Wie die alten Theoretiker des Antiimperialismus kann man Mahmood Mamdanis Plädoyer für eine „De-Zionisierung“ Israels mit Argumenten kritisieren. Wie aber soll man auf die kitschigen Agit-Prop-Zeichnungen von Rama Duwaji – der Frau Zohran Mamdanis – auf Instagram reagieren, in denen palästinensische Kinder hungern und Hijab-tragende Frauen erst von Stiefeln niedergetreten und danach von Trümmern begraben werden? (27) Statt Kritik wären hier wohl eher popkulturelle Gegenangebote von Nöten – leider ein Genre, in dem Freunde Israels sich meist schwer tun, da der Zionismus kein identitätsstiftendes Erlösungsversprechen, sondern nur die oft prosaische Realität eines unter prekären Umständen erfolgreichen Nationalstaats anzubieten hat.

Recht auf Wohnen

Linke Apologeten des neuen Bürgermeisters, denen seine Tiraden gegen Israel unangenehm sind, reden sich gerne damit heraus, dass Mamdanis Äußerungen zwar problematisch, aber insgesamt ein vernachlässigender Schönheitsfehler seien, da er in New York ja keine Außenpolitik betreibt. Man solle sich gefälligst auf das Positive konzentrieren, womit vor allem seine geplante Sozial- und insbesondere Wohnungspolitik gemeint ist, die sogar als Vorbild für Deutschland gehandelt wird. Es lohnt sich daher ein Blick auf Cea Weaver, die als neue Beauftragte für den Mieterschutz diese Politik umsetzen soll. Weaver hat eine für weiße Aktivistinnen typische Biographie: Ihre Mutter ist Professorin, ihr Vater in der Immobilienbranche tätig. Sie studierte an den Eliteuniversitäten Bryn Mawr und NYU und arbeitete danach in verschiedenen NGOs mit Fokus auf Wohnen, wie etwa Housing Justice for All. Nach ihrer Ernennung durch Mamdani kamen alte Tweets ans Tageslicht, in denen Weaver den Besitz von Wohnungen und Häusern als „Waffe der White Supremacy“ bezeichnete, dazu aufrief, „Privateigentum zu beschlagnahmen“, und die „Verarmung der weißen Mittelklasse“ herbeisehnte – was dadurch besonders peinlich wurde, dass die New York Post zugleich Fotos des stattlichen Anwesens von Weavers Mutter abdruckte. (28) Als ein Reporter Weaver auf der Straße mit dieser offensichtlichen Heuchelei konfrontierte, fing sie an zu weinen und lief zurück zu ihrer Wohnung, in deren Fenster ein „Free Palestine“-Plakat hängt. (29)

Vor einigen Jahren war Weaver selbst politischen Gegnern gegenüber noch auskunftsfreudiger. Im Interview mit dem libertären Nachrichtenportal Reason erklärte sie, für ein „Recht auf Wohnen“ zu streiten. (30) Dies soll wie folgt implementiert werden: Das Eigentum an Immobilien wird abgeschafft, jeder wohnt zur Miete. Die Miete ist ein fixer Anteil des Einkommens, etwa 30 Prozent. Da die für diese Utopie nötigen Enteignungen aber vorerst nicht umsetzbar sind, hat Weaver auch einige pragmatische Reformvorschläge. Wenn jemand nicht mehr in der Lage ist, die Miete zu bezahlen, soll er seine Wohnung dennoch behalten können, indem der Staat die Miete übernimmt. Auf die Frage danach, wie diese Maßnahme angesichts knapper Kassen finanziert werden soll, entgegnet Weaver, das sei kein Problem, da der Staat Geld drucken könne.

So wünschenswert es wäre, dass jeder sorgenfrei wohnen kann, so gefährlich ist es doch, im Stile Weavers für ein abstraktes Recht auf Wohnen zu streiten, ohne dabei die realen Gegebenheiten des Kapitalismus zu berücksichtigen. Ihr Weltbild, in dem weiße Immobilienbesitzer als die Ausbeuter einer schwarzen und migrantischen Unterklasse von ausgebeuteten Mietern gegenüberstehen, entspricht nicht der Realität des New Yorker Immobilienmarkts. Vor allem in den Randbezirken gibt es zahlreiche Vermieter unter den Schwarzen, Asiaten und Latinos, die sich in der Hoffnung auf Teilhabe am American Dream ein Haus zur Sicherung ihrer Altersvorsorge gekauft haben. Im Vergleich zu Visionen von der Abschaffung des Privateigentums ist der soziale Aufstieg durch Erwerb von Eigentum unzweifelhaft die vernünftigere Strategie. Dieser Weg ist in Weavers Ideologie aber nicht vorgesehen. Da private Hausbesitzer – anders als große Immobilienkonglomerate mit großem Kapitalvorrat und eigenen Rechtsabteilungen – auf die pünktliche Zahlung von Mieten wirklich angewiesen sind, könnten diese leicht als die eigentlichen Opfer ihrer Wohnungspolitik enden.

Auch für die in New York lebenden Juden besteht leider aller Grund zur Beunruhigung. Der Amerikaexperte Daniel Kehlmann gab kurz vor den New Yorker Wahlen im November dem Deutschlandfunk zu Protokoll, dass Mamdani für Aufbruchsstimmung und großen Enthusiasmus sorge. (31) Die positive Stimmung werde nur von einigen „gesteuerten Fehlinformationen“, ausgehend von „mächtigen Menschen, die viel Geld ausgeben“, getrübt. Vater Mahmood ist da mit ihm ganz einig. Seine frühere Kritik am Internationalen Strafgerichtshof hat er angesichts der Ankündigung seines Sohnes, Benjamin Netanjahu bei einem Besuch New Yorks verhaften zu wollen, offenbar vergessen, und ist jetzt voll des Lobes für dessen Kampagne: „Zohrans Kampagne war auf zwei Themen konzentriert: die Lebenshaltungskosten und die Kritik am Staat Israel. Obwohl Millionen von Dollar und prominente Persönlichkeiten, inklusive dem Präsidenten, gegen ihn eingesetzt wurden, hat er seine Kritik nie abgeschwächt. Seine Standhaftigkeit hat gezeigt, dass er ein prinzipientreuer Mensch ist, für den die Rede von den Lebenshaltungskosten nicht bloße Rhetorik ist.“ (32) Ungewollt zeigt diese Beschreibung von Mamdanis Erfolg, dass die größte Gefahr derzeit nicht ist, dass seine Maßnahmen zur Senkung der Lebenshaltungskosten und Unterstützung von Mietern erfolgreich sind, wie von vielen amerikanischen Rechten behauptet wird, die die Einführung des Sozialismus fürchten. Im Falle ihres absehbaren Scheiterns müssten unweigerlich Sündenböcke her – und die geeigneten Kandidaten stehen schon bereit: die „mächtigen Menschen“, die bereits durch den „Versuch, Kritik an israelischen Kriegsverbrechen als etwas Antisemitisches darzustellen“ (Kehlmann), die Wahl Mamdanis verhindern wollten.

Benjamin Marschall (Bahamas 98 / 2026)

Anmerkungen:

  1. Die Bundeszentrale für Politische Bildung hielt es für wichtig genug, es auf ihrer Website zu veröffentlichen: www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/563348/daniel-kehlmann-was-wir-in-den-usa-erleben-ist-eine-asymmetrische-diktatur/ (alle Zitate daraus entnommen).
  2. www.youtube.com/watch?v=KLzfegav40U, www.commentary.org/articles/efraim-karsh/columbia-and-the-academic-intifada/
  3. https://web.archive.org/web/20180604013434/https://twitter.com/hamiddabashi/status/99377824 7799361536 (Übersetzung von mir, BM)
  4. https://web.archive.org/web/20181024042804/http://weekly.ahram.org.eg/Archive/2006/797/special.htm, https://archive.boston.com/news/globe/ideas/articles/2006/10/29/book_clubbed/?page=2
  5. www.youtube.com/shorts/UzR0cI4KFhk
  6. https://people.com/all-about-zohran-mamdani-parents-11841456
  7. „For Zohran, You teach us how to engage the world in difficult times. May you inspire many and blaze a trail!“, Mahmood Mamdani, Neither Settler nor Native. The Making and Unmaking of Permanent Minorities, Cambridge, MA 2020
  8. https://edition.cnn.com/2025/10/28/politics/zohran-mamdani-sept-11-aunt . Der Comedian Norm Macdonald hat auf Twitter schon 2016 eine kompakte Sammelrenzension dieses Genres verfasst: „What terrifies me is if ISIS were to detonate a nuclear device and kill 50 million Americans. Imagine the backlash against peaceful Muslims?“ (https://x.com/normmacdonald/statu s/809637479674281984?lang=en)
  9. Alle Seitenangaben ohne expliziten Quellenverweis beziehen sich auf Mahmood Mamdani: Neither Settler nor Native. The Making and Unmaking of Permanent Minorities, Cambridge, MA 2020. Zitate hieraus wurden von mir übersetzt.
  10. www.youtube.com/watch?v=Cxs2VWcSEpY (meine Übersetzung)
  11. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid= vob&datum=19440527&seite=1&zoom=33. Zur Absprache mit Hitler siehe Goebbels’ Tagebucheintrag vom 25. Mai 1944
  12. Harald Jähner, Wolfszeit: Deutschland und die Deutschen 1945–1955, Berlin 2019, Kapitel „Das Große Wandern“
  13. So Ella Shohat in der Doku: Forget Baghdad: Jews and Arabs – The Iraqi Connection (2002)
  14. Zum Beispiel im Artikel „Israel-Palestine: How food became a target of colonial conquest“ des anfangs erwähnten Professor Joseph Massad (www.middleeasteye.net/opinion/israel-palestin e-food-colonial-conquest-target-how).
  15. Edward B. Westermann: Hitler‘s Ostkrieg and the Indian Wars. Comparing Genocide and Conquest, 2016, 11 (Übersetzung von mir, BM)
  16. Hannah Arendt: Über die Revolution, München 1965, Kapitel 6: „Tradition und Geist der Revolution“, Abschnitt V
  17. www.lrb.co.uk/the-paper/v44/n19/mahmood-mamdani/the-asian-question
  18. www.wsj.com/arts-culture/books/slow-poison-review-idi-amin-reconsidered-7de6c38f, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/vater-des -new-yorker-buergermeisters-wie-denkt-mahmo od-mamdani-110795217.html
  19. Hierauf wies Geoff Schullenberger im amerikanischen Onlinemagazin Compact hin (www.compactmag.com/article/why-mamdanis-ugand an-roots-matter/).
  20. „Four score and seven years ago our fathers brought forth on this continent a new nation, conceived in liberty, and dedicated to the proposition that all men are created equal. Now we are engaged in a great civil war, testing whether that nation, or any nation so conceived and so dedicated, can long endure.“ (www.loc.gov/resource/rbpe.24404500/?st=text) Die deutsche Übersetzung auf Wikipedia ist brauchbar, aber die Gettysburg Address sollte am besten im englischen Original genossen werden.
  21. Harry V. Jaffa: Crisis of the House Divided. An Interpretation of the Issues in the Lincoln-Douglas Debates, Chicago 1969, 157
  22. ebd., 315
  23. https://taz.de/Studentenproteste-in-den-USA/!6148387/
  24. www.nyc.gov/mayors-office/news/2026/02/at-annual-interfaith-breakfast--mayor-mamdani-reaffirms-city-s-s
  25. www.jpost.com/opinion/article-875031; https://combatantisemitism.org/studies-reports/outside-park-east-synagogue-antisemitic-chants-signal-an-escalating-threat-to-jewish-life/
  26. www.newyorker.com/magazine/2025/12/08/mamdani-family-values
  27. www.instagram.com/ramaduwaji/?hl=en
  28. https://nypost.com/2026/01/06/us-news/mom-of-zohran-mamdani-aide-who-said-owning-a-home-fuels-white-supremacy-has-1-6m-house-in-tennessee/
  29. https://nypost.com/2026/01/07/us-news/zohran-mamdanis-tenant-advocate-cea-weaver-breaks-down-crying-when-asked-about-hypocritical-gentrification-comments/
  30. https://reason.com/video/2021/02/23/the-victims-of-the-eviction-moratorium/
  31. www.deutschlandfunk.de/new-york-vor-der-wahl-interview-daniel-kehlmann-schriftsteller-100.html
  32. www.youtube.com/watch?v=fjBjOuvI9sA (Übersetzung von mir, BM)

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