Editorial 98
Preaching to the converted nennt man besonders im amerikanischen Englisch Selbstvergewisserungsübungen politischer oder christlicher Organisationen, die notwendig langweilig sind. Dieser Zeitschrift wird genau das gern von Leuten unterstellt, die stolz darauf sind, sich von den autoritären Zumutungen der Bahamas, die man früher einmal mit Gewinn gelesen haben will, emanzipiert zu haben. Man sei schließlich längst mit Israel solidarisch und sehe den Islam durchaus kritisch, darüber brauche man keine weiteren Belehrungen, die seien redundant und eben langweilig.
Das Missvergnügen mit der Bahamas hat in Wirklichkeit einen anderen Grund, der im großen Selbstgespräch aller Deutschen spontan benannt wird, ohne dass es eines Predigers bedürfte. Man ist sich unter Anhängern der AfD bis hin zu solchen der Linkspartei darin einig, dass es keine Freiheit mehr gebe in Deutschland und der Welt. Theoretisch versiertere Zeitgenossen wissen, dass wer wie diese Zeitschrift die Bewahrung der bürgerlichen Freiheit als erklärtes Ziel in nicht revolutionären Zeiten ausgebe, dies vielleicht ungewollt aber objektiv in Verfolgung der Zwecke der Herrschenden tue – und das sei eben langweilig.
Als spannend gelten dagegen Zwischenrufe, in denen sich Radikalität und Betroffenheit, Gefühl und Härte ergänzen. Nehmen wir Julia Duchrow, ihres Zeichens Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, die im April 2026 eine erschütternde Bilanz über das Verschwinden der Freiheit in Deutschland vorgelegt hat. Duchrow ist davon überzeugt, „dass Deutschland gegenüber der US-Regierung eine ,Appeasement-Politik‘ betreibe, die auf Beschwichtigung abziele. Das sei ‚geschichtsvergessen‘ und schwäche die Regeln und Institutionen, die als Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden. Als Beispiele für ,Appeasement-Politik‘ nannte Duchrow die völkerrechtswidrigen Angriffe auf Venezuela und Iran, die Unterstützung der israelischen Regierung, das Schweigen zu Chinas Unterdrückung der Uiguren oder die Zusammenarbeit mit menschenrechtsfeindlichen Regierungen zur Migrationsabwehr. Amnesty forderte die Bundesregierung unter anderem auf, das Assoziierungsabkommen der EU mit Israel auszusetzen. Duchrow sprach mit Blick auf den Gazakrieg von einem ,Genozid an den Palästinensern‘, der auch nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der islamistischen Hamas weitergehe. Weiter forderte Amnesty vom deutschen Staat, die Zivilgesellschaft in Deutschland zu stärken. ,Unliebsamer Protest‘ müsse geschützt und Polizeigewalt unterbunden werden.“ (Zeit, 21.4.2026) Diese Einlassungen kommen einem Aufruf zur Unterwerfung unter die Gesetze der Muslimbruderschaft gleich, die für Antinationalismus und Staatsfeindschaft mindestens so zuverlässig einsteht wie Thüringer AfD-Wähler oder Israel-Fahnen schwenkende Antifaschisten, die Träger der iranischen Löwenfahne unter Faschismus-Verdacht stellen und aus ihrer Demo werfen. Deutsche sind bekanntlich alle Indiviudualisten und haben ihren je persönlichen Hauptwiderspruch entdeckt, der sie zu erklärten Feinden der Herrschenden und ihres Systems macht. Ob es sich dabei um die Plicht zum Einbau von Wärmepumpen handelt oder die Nötigung, sich impfen zu lassen, spielt dabei keine Rolle. Das hindert noch die Vernünftigeren unter ihnen, sich nur unter Hinzufügung eines verräterischen „Aber“ für die Befreiung der Juden vom palästinensischen Terror oder der Iraner von Mullahs und Kopftuchzwang oder der Venezuelaner vom Maduro-Regime einzusetzen. Mit den Muslimbrüdern wissen die Deutschen, dass jedes Engagement innerhalb der Grenzen des „Systems“ die Knechtung durch Kapitalismus und imperialistische Bevormundung noch zementieren würde. Stattdessen beharrt man auf dem eigenen radikalen Gegenstandpunkt, der einen ermächtigt, aus der Bahamas geklaute Formulierungen wie die, dass der Einzelne im Spätkapitalismus ums Leben betrogen werde, jedes Sinnzusammenhangs beraubt, als sein geistiges Eigentum zu reklamieren. Zum Beispiel die Überlebenden aus dem Widerstand gegen den von den Herrschenden angezettelten Cornona-Maßnahmen-Faschismus, die einsam aber ungebeugt einen Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess gegen Karl Lauterbach und Christian Drosten fordern.
Viele Standpunkte gegen die Freiheit als Begründung dafür, dass man nicht gewillt ist, gegen das staatsfeindliche und nicht etwa staatskritische Rumoren auch in den eigenen Köpfen aktiv zu werden. Stattdessen begibt man sich auf Feindfahrt gegen den jüdischen Staat. Auch die meisten israelsolidarisch Gestimmten haben wie alle Deutschen die „Überlebenden von Gaza“ für sich entdeckt, die die Regierung Netanjahu „zwar nicht ausrotten, aber ihnen das Leben unerträglich machen wolle […]“. So geht man auf Abstand zu verhetzten Einzelpersonen und einer Zeitschrift, für die „gar nicht genug Palästinenser daran glauben (können), so verroht sind sie längst“, die einen auf die autoritären Zwecke von Nationalstaaten einschwören wollen. Richard Schuberth, das Diskurs-Ungeheuer von Ybbs an der Donau, der das am 27.6.2025 im Blog der Jungle World veröffentlicht hatte, ist am 26.3.2026 in der von Intifada-Fans bedrohten Programmschänke Bajszel in Neukölln aufgetreten, ohne dass sich Unmut geregt hätte.
Die notorisch antitzionistische Zeitschrift Gegenstandpunkt, die wegen ihrer tauglichen Argumente gegen die bürgerliche Freiheit von linken Staatsfeinden mit Gewinn gelesen wird, verallgemeinert Schuberths Erkenntnisse und verwirft jeden Versuch der Einmischung in die Geschäfte der Herrschenden und ihrer Nationalstaaten, genauso wie der antizionistische trotzkistische Diskurs-Verein für Studenten namens Platypus. Wo so viele „taugliche Argumente“ (O-Ton Gegenstandpunkt) den Diskurs bereichern, ist auch die „Königlich Bayerische Antifa“ nicht weit, die am 26.1.26 jemanden, der sich „ein Anarchist“ nennt, ein astrein antinationales Bekenntnis gegen Israel hat ablegen lassen: „Wer ernsthaft von Befreiung spricht, muss palästinensischen Nationalismus genauso radikal kritisieren wie jeden anderen Nationalismus.“ Zwar hat die palästinensische Volkstumsbewegung mit dem Vorsatz, einen Nationalstaat zu gründen, rein gar nichts zu tun, denn sie fühlt und kämpft so grenzenlos wie die gesamte Umma, die in der Errichtung des IS, des islamischen „Staats“ ihr Endziel erkennt – und wenn die Welt in Trümmer fällt. Das ficht Antifaschisten nicht an, die sich vor den Genossen dafür rechtfertigen müssen, dass sie das Agieren von Israels Armee häufig ein bisschen zu undifferenziert, gar überschwänglich, gutgeheißen haben. So schlägt in großer Not die hohe Stunde des Antinationalismus, der süßesten Versuchung seit sich die Linke den Vernichtungswunsch gegen Israel auf die Fahnen geschrieben hat. So werden Brücken geschlagen zwischen Ybbs und München. Immer geht es los mit einem Auch: „Auch die israelische Regierung gehört kritisiert. Netanyahu muss dafür kritisiert werden, einen Krieg bewusst verlängert zu haben, um innenpolitisch an der Macht zu bleiben und sich strafrechtlicher Verantwortung zu entziehen.“ Alles, was die IDF seit dem 7.10.2023 unternommen hat, ist notwendig mit dem Namen Netanyahu verbunden und die Aufkündigung der nie ernst gemeinten Solidarität mit Israel, die am gleichen 7.10.2023 einsetzte, auch. Die Königlich Bayerische Antifa macht auf Baerbock, Wadephul oder eben Richard Schuberth, wenn sie das liefert: „Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem 7. Oktober steht nicht im Widerspruch zur Kritik an seiner Regierung. Wer das nicht gleichzeitig denken kann, denkt autoritär.“ So autoritär wie die Antideutschen, zu denen sich diese Zeitschrift ausdrücklich zählt, die darauf bestehen, dass es kein deutsches Menschenrecht auf Israelkritik geben dürfe. Der die antisemitische Botschaft relavieren sollende Nachsatz: „Was ich jedoch entschieden zurückweise, ist die Fixierung auf Israel als moralischen Hauptfeind“, bekräftigt nur, dass diese Truppe radikaler Klassenstreber sehr genau weiß, worauf der von ihnen verkündete Antinationalismus hinauslaufen muss.
Den Rest übernimmt dann die sächsische Landtagsabgeordnete Juliane Nagel, die durch ihren heroischen Einsatz im Januar 2026 einen Bürgerkrieg in den befreiten Gebieten Leipzigs, also in Connewitz, verhindert hat. Dort, wo die Hammerbande Bauarbeiter wegen der falschen Mütze krankenhausreif prügelt, hat sie „die Position einer ,doppelten Solidarität‘ kommuniziert“. Das „heißt: das Leid der Menschen auf beiden Seiten anerkennen und für eine sichere Zukunft von Jüdinnen und Juden sowie Palästinenser:innen einstehen“. Nicht „unterschreiben“ kann sie Positionen, „die auf Motive der alten antideutschen bedingungslosen Solidarität mit Israel abgestellt haben“. Das ist nur konsequent, schließlich spricht sich die israelsolidarische Juliane Nagel auch für ein Ende deutscher Waffenlieferungen nach Israel aus. Woher die Redaktion das nun schon wieder weiß? Natürlich aus der korrupten Wochenzeitung Jungle World (vom 17.1.2026), auf deren Blog am 27.6.2025 der Richard Schuberth die „Netanjahu-Bande“ für „Exzesse“ verantwortlich gemacht hat, die einer „Barbarei“ gleichkämen. Der Verrat am Kampf der Juden, so frei zu sein, dass sie einen zweiten und dann endgültigen Holocaust verhindern können, beginnt in Ybbs und führt über München nach Connewitz.
Heute weiß man mit dem Erfolgs-Autor Ole Nymoen: „In ihrem totalitären Anspruch – dass das Leben des Einzelnen weniger gilt als die politische Souveränität der Herrschenden – sind angreifende und verteidigende, demokratische und diktatorische Staaten sich völlig gleich“. Mit Nymoen, der „lieber in Unfreiheit (leben will), als für diese Freiheit sterben“, würde so kaum einer mitgehen, schon weil es prima Alternativen gibt. Man opfert einfach die Freiheit anderer, indem man dafür sorgt, dass immer mehr unbedeckte Frauen und Christen und irgendwann einmal der Staat Israel antinationalen Bewegungen wie der Muslimbruderschaft, dem islamischen Staat oder Boko Haram ausgeliefert werden, ohne dass westliche Armeen diesen Killern in den Arm fallen. Jeder Deutsche kann im Schlaf aufsagen, Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde – so der Titel von Nyomens Buch, das 2025 erschienen ist – und wer dafür bezahlen wird.
Seit dem 28.2.2026 bezahlen die Frauen und Männer im Iran, die sich ein besseres Leben wünschen, dafür, dass die Armeen der USA und Israels in ihrem Freiheitskrieg von ihren westlichen Bündnispartnern im Stich gelassen werden und sie deswegen wahrscheinlich ihren Traum von einer bürgerlichen Republik ohne Islam und völkischen Partikularismus begraben werden müssen. Dafür sorgt in Deutschland propagandistisch eine ganz besondere Antifa, die den Ideen eines in den 1980er und 1990er Jahre aktiven Warlords und Massenmörders anhängt, der heute seine Erkenntnisse aus dem türkischen Knast heraus liefert. Jin, Jiyan, Azadi lautet der Merseburger Zauberspruch aus Rojava, der gegen nationale Anfechtungen immunisiert und statt eines liberalen, mit Israel solidarischen Schah-Sohnes den Antisemiten Abdullah Öcalan samt seiner stalinistischen Amazonen beschwört. Vielleicht ist das ja das „Projekt eines modernen Sozialismus“, für das sogar der Ole Nyomen zu kämpfen bereit ist.
Über die Redaktion dieser Zeitschrift und ihre Haltung zur Freiheit genügt es zu wissen, was auf einer Holzbank an einem der Neuköllner Eingänge zum Tempelhofer Flugfeld steht: „Anti-D: Paid by MoSSad“.
Frühere Aktivitäten sind im Aktuell-Archiv aufgeführt. Dort gibt es auch einige Audio-Aufnahmen.
Alle bisher erschienenen Ausgaben der Bahamas finden Sie im Heft-Archiv jeweils mit Inhaltsverzeichnis, Editorial und drei online lesbaren Artikeln.