Auf den Straßen der westlichen Großstädte hat Reza Pahlavi die Deutungshoheit. Die vorwiegend iranischen Teilnehmer der Protestdemonstrationen gegen das islamische Regime bringen zuverlässig die Löwenfahne mit, die als Symbol des Schah-Regimes gilt und von den Mullahs verboten wurde. Die gleiche Fahne war seit dem 7.10.2023 auch auf fast allen der zumeist kleinen Kundgebungen für Israel in Deutschland zu sehen, mitgebracht von Exiliranern und beargwöhnt, manchmal sogar verboten von Antifaschisten, die von sich behaupten, mit Israel solidarisch zu sein. Seit dem Herbst 2025 taucht auf den Manifestationen für die iranische Revolution nicht minder regelmäßig im Meer der Löwenfahnen die blau-weiße Israels auf und manchmal auch das Star-Spangled Banner.
Das klingt ermutigend, doch man sollte sich nicht blenden lassen, denn diejenigen, auf die es in Westeuropa politisch ankommt und die zugleich die Meinungsindustrie fest im Griff haben, wollen keinen befreiten Iran. Sie kämpfen stattdessen mit der griffigen Formel „No Shah, no Mullahs“ für einen „anderen Iran“, dem sie noch im heiligen Ramadan den Kopftuchterror an den Hals wünschten, als die US-Army und die IDF einen Freiheitskrieg begannen, den die Bevölkerung dort sich dringend wünscht, ebenso wie ihre Angehörigen in der Diaspora. Im gleichen heiligen Ramadan 2026 erließ die Partei Die Grünen eine Fatwa gegen die iranische Revolution, in der sie sich scheinbar nur in Deutschland für die Einführung eines Regimes ausspricht, das im Iran 47 Jahre das herrschende gewesen ist und wogegen sich der Widerstand der iranischen Frauen und Männer richtet. Die Grünen fordern, dass „muslimische Frauenverbände aus der Zivilgesellschaft ‚umfassend durch strukturelle Mittel im Haushalt zu fördern‘ seien, um ‚ihre Sichtbarkeit zu erhöhen‘ und ‚Hürden im öffentlichen Dienst, wie zum Beispiel Kopftuchverbote, abzubauen (seien), um dort muslimisches Leben auch als Teil des Staates sichtbarer zu machen’“ (bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1150804). Den Part der Grünen übernahmen in den Kommentarspalten der Qualitätspresse Nachwuchstalente, die garantiert parteiunabhängig ihre strikt emanzipatorischen und selbstredend feministisch gestimmten Bedenken gegen die Befreiung der Frauen vom Kopftuchzwang vortrugen. Was auf der Straße nicht gelang, wo Kritiker der iranischen Revolution angeblich deswegen nicht sichtbarer waren, weil sie von Anhängern des totalitären Schahregimes gemobbt worden sein sollen und um ihr Leben fürchten mussten, wurde in den Meinungsspalten der Qualitätszeitungen und den entsprechenden Formaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zum durchschlagenden Erfolg. Deren Verantwortliche waren nach dem 28.2.2026, als mit der Liquidierung von Großayathollah Chamenei und vieler seiner Getreuen der zweite Irankrieg begann, zunächst verunsichert – zu groß waren die Sympathien mit den Opfern des iranischen Staatsterrors auch bei der eigenen Klientel. Für die sofort feilgebotenen Statements wie „Regime Change im Iran? Dem Westen geht es nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern um Öl und Macht!“, das schon am 14.1.2026 von Sarah Wagenknecht auf Facebook gepostet wurde, bestand zunächst kein Bedarf, zumal ihre Schlussfolgerung, „wem ernsthaft etwas an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen im Iran liegt, der sollte sich für die Aufhebung der Sanktionen einsetzen“ nach bis zu 30.000 Ermordeten sich allzu sehr nach einer besonders zynischen Bekräftigung der deutschen Appeasementpolitik der letzten Jahrzehnte anhörte. Entsprechend hoch im Kurs standen unverbrauchte und vor allem nachdenkliche Leute, die sich mit Kultur und Diskurs auskennen und wie Damon Taleghani Sprachkunst oder Valentin Wölflmaier literarisches Schreiben und Lektorieren oder wie Ruben Gerczikow Publizistik und Kommunikationswissenschaften studiert haben. Der eine schreibt Lyrik, Prosa, Essays und Musik, kann auf „Auftritte als Performer von Zagreb bis London“ verweisen, „Fusion bis Fuchsbau Festival, Kampnagel Hamburg, HAU Berlin und FFT Düsseldorf“ inklusive (damontaleghani3.wordpress.com/), und wird von der fanatisch antizionistischen Taz regelmäßig freundlich rezensiert. Der zweite „schreibt Prosa, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Rezensionen“ (literarische-blaetter.de/autoren/woelflmaier-valentin/) und verdient sich sein Geld bei der Taz und der Berliner Zeitung, der dritte „hält Vorträge zu den Themen Antisemitismus, Verschwörungsideologien, Rechtsextremismus und jüdischem Widerstand“ (Wikipedia, Stichwort Ruben Gerczikow) und veröffentlicht unter anderem in der Taz und in der Jüdischen Allgemeinen. Sie standen schon in den Startlöchern, als der jüngste Aufstand gegen das Kopftuch sich erst formierte. Der Begriff Freiheit, dem der als peinlich diskreditierte Wunsch nach privatem Glück mit auskömmlichem Einkommen und staatlichem Schutz der persönlichen Unversehrtheit auch im öffentlichen Raum anhaftet, wird von den Angehörigen einer diskurserprobten Generation der 30-jährigen durch das schillernde Wort Emanzipation ersetzt, das geeignet ist, das angeblich erstrebenswerte wilde und gefährliche Leben im Dschungel der Großstadt in nachnationalen Zeiten auf den Begriff zu bringen.
Nehmen wir Ruben Gerczikow (29), der schon am 23.6.2025 in der Jüdischen Allgemeinen die konsensstiftende Losung, „wer heute für einen demokratischen Iran eintritt, sollte sich vor allem an den emanzipatorischen Kräften orientieren“, ausgegeben hat. Leute wie Gerczikow, der schon neun Monate vor dem Bundespräsidenten wusste, dass ein Krieg der USA und Israels „völkerrechtswidrig (ist) – daran gibt es wenig Zweifel“ (Steinmeier, 22.3.2026), das aber weit empathischer auszudrücken wusste als jener, sind die wahren Fürsprecher universeller Emanzipation, die am laufenden Meter Sätze wie die folgenden produzieren: „Die Ablehnung des islamistischen Regimes darf nicht in Begeisterung für dessen monarchische Vorgänger umschlagen. Wer sich ehrlich für einen freien Iran einsetzt, sollte nicht das Schah-Regime als kleineres Übel sehen.“ Es folgt eine knappe Verbeugung vor den Interessen Israels, die man in einer vom Zentralrat der Juden herausgegeben Zeitung noch pflichtschuldig ableisten muss: „Gute Beziehung mit Israel sind wichtig, können zu mehr Stabilität in der Region führen. Seine antisemitischen Vernichtungsdrohungen und das Atomprogramm zeigen die Bedrohung, die von den Mullahs ausgeht.“ Doch noch dieses Zugeständnis ist vergiftet, denn wer Emanzipation will, sucht nach dem lichten Morgenrot, das vor allem progressive Verhältnisse und nicht etwa das gute Leben verheißt: „Ein neues iranisch-israelisches Verhältnis sollte nicht auf dem Boden einer repressiven Vergangenheit, sondern eines progressiven Morgens entstehen.“ Reza Pahlavi Junior, der die Restauration der Monarchie ausdrücklich nicht will, war im April 2023 in Israel und besuchte am Holocaust-Gedenktag „die Klagemauer in Jerusalem. Dabei hielt er während des zweiminütigen Sirenentons zum Gedenken an den Holocaust inne. Er erinnerte zudem an den persischen König Kyros, der den Juden im Jahr 539 vor Christus erlaubte, aus dem Exil ins Land Israel zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Er zitierte die entsprechende Bibelstelle in Esra 1,2 und ergänzte: ‚Ich bete für den Tag, an dem die Völker des Iran und Israels unsere historische Freundschaft erneuern können.’“ (israelnetz.com/pahlavi-betont-freundschaft-zwischen-israel-und-iran/) Dieser Repräsentant einer dunklen Vergangenheit hat auch zwei Tage später in einer Rede in Jerusalem in Anwesenheit von Staatspräsident Herzog „seine Sicht auf eine säkulare Demokratie im Iran vorgestellt, ‚die Meinungs- und Religionsfreiheit feiert, Menschenrechte wahrt, natürliche Ressourcen schützt, und in den Schutz des iranischen Volkes investiert anstatt in ausländische Terrorgruppen wie die Hisbollah, die Hamas und der [sic!] Palästinensische Islamische Dschihad’“. (ebd.) Doch das nützt ihm nichts und die Leser der Jüdischen, die dem Schah-Sohn beinahe auf den Leim gegangen wären, bekamen eine dicke Packung Peschmerga-Ideologie verpasst: „Die Löwenfahne mag für manche ein Zeichen des Widerstands sein. Doch Ihre Geschichte bleibt ambivalent. Und gerade in einem Kontext, in dem um die Zukunft einer ganzen Region gerungen wird, ist es entscheidend, die Symbole dieses Kampfes kritisch zu hinterfragen. Wer heute für einen demokratischen Iran eintritt, sollte sich vor allem an den emanzipatorischen Kräften orientieren, die unter Einsatz von Leib und Leben für Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte kämpfen. Ihr Mut, ihre Vision und ihre Forderungen wie ‚Jin, Jîyan, Azadî‘ sollten der Kompass sein, nicht das Erbe einer untergegangenen Monarchie.“
Der Slogan Jin, Jîyan, Azadî, ist, was Gerczikow nicht erwähnt, kurdischen Ursprungs, und bedeutet Frau, Leben, Freiheit – das nicht zu wissen zeugt anscheinend von mangelnder Vertrautheit mit den Essentialien der Emanzipation. Ein Blick auf Wikipedia belehrt, dass „Frau, Leben, Freiheit zugleich ein politischer Slogan aus der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist, der darauf abzielt, die Bedeutung von Frauen in der Revolution der Arbeiterklasse hervorzuheben.“ Es gibt sogar eine Jineologie geheißene eigene Wissenschaft, die auf den in seinen aktiven Jahren knallharten Antisemiten Abdullah Öcalan zurückgeht, dem seit 23 Jahren inhaftierten Führer der PKK. Auf jenen Apo Öcalan, der für einen genauso grausamen wie sinnlosen Guerillakrieg in der Türkei der 1980er und 1990er Jahre verantwortlich ist, dem mehr als 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Dessen in der Türkei längst besiegte militante Anhänger beherrschten in den syrischen Kurdengebieten in Gestalt ihrer „Schwesterpartei“ PYD bis zur Niederlage gegen die syrischen Regierungsislamisten Anfang 2026 eine Rojava genannte autonome Region, in der die deutsche antizionistische Linke seit Jahren das neue Mutterland aller emanzipatorischen Kräfte erkennt. Im Iran nennt sich der in den grenznahen irakischen Bergen beheimatete Ableger der PKK „Partei für ein freies Leben in Kurdistan“ (PJAK). An diesen emanzipatorischen Kräften, die und die allein „unter Einsatz von Leib und Leben für Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte“ im Iran kämpfen, soll man sich also orientieren. Ihr Mut und ihre Vision sollen es sein, nach der die Nadel auf dem Emanzipationskompass auszuschlagen hat, wenn es nach den vielen Ruben Gerczikows geht. Die haben kein Problem damit, dass autoritäre Kader, die in K-Gruppen-Manier dem befreiten Volk den Marsch blasen, über dessen kurdische Herkunft als Ausweis der Dazugehörigkeit sie penibel wachen, als Heroen und vor allem Heroinen der Emanzipation durchgehen. Zwar spricht einiges dafür, dass dieses Projekt das kleinere Übel in der von türkischen und syrischen Islamisten bedrohten und letztlich eroberten Region war, doch es geht nicht um die wirklichen Verhältnisse dort, sondern um die aus allen Medienkanälen ertönende antinationale Propaganda, die sich gegen einen befreiten Iran genauso richtet wie gegen alle Versuche, zum Beispiel im kurdisch regierten Nordirak, sich vom Islam zu befreien. In Wirklichkeit sollen es nämlich gar nicht die Frauen in Teheran und anderswo gewesen sein, die für die Revolution ihr Leben eingesetzt haben, als sie zum Beispiel öffentlich ihr Kopftuch verbrannten und auch nicht die jungen Männer, die den Mullahs den Turban vom Kopf geschlagen haben und schon gar nicht jene zahlreichen Unbekannten, die die israelischen Dienste mit für die Machthaber todbringenden Informationen versorgt haben. Nein, die wahre Emanzipation hat kurdisch und damit partikularistisch zu sein und nicht etwa antiislamisch und universell. Man kann das an der Ausbeutung des Schicksals Jina Aminis ablesen, die aus der vorwiegend von Kurden bewohnten iranischen Stadt Saqqez stammt. Die damals 23-jährige Amini wurde am 13. September 2022 in Teheran und nicht etwa in den Kurdenprovinzen wegen unzureichender Bedeckung ihrer Haare von Angehörigen der Sittenpolizei festgehalten und an die Polizei ausgeliefert, in deren Gewahrsam sie misshandelt wurde und drei Tage später an einer Gehirnblutung starb. Daraufhin kam es zu einer landesweiten, letztlich niedergeschlagenen Protestwelle, deren Teilnehmer sich nicht etwa für die kurdische Autonomie aussprachen, sondern gegen den Verhüllungszwang und das ihn verbürgende islamische Regime überhaupt. Doch im freien Westen ist Jina Amini nicht als Opfer des Islam, sondern als verfolgte Kurdin in die Annalen einer verlogenen Emanzipationserzählung eingegangen, die als rassistisch verfolgte Märtyrerin für ein freies Kurdistan gestorben sei. In der ideologisch schwer kontaminierten Online-Enzyklopädie Wikipedia heißt es ausgerechnet unter Verweis auf die islamo-gauchistische britische Tageszeitung The Guardian unter dem Stichwort Jina Amini: „Iranische Prominente und reformorientierte Politiker verurteilten das Vorgehen der Sittenpolizei, (und) verglichen Jina Aminis Tötung mit dem Polizistenmord an dem schwarzen US-Amerikaner George Floyd“.
Der Kurdenmythos verdankt sich gerade nicht dem besonderen Beitrag der Angehörigen dieser Volksgruppe zur Befreiung der Frau. Beachtlich sind lediglich die jedenfalls propagandistischen Bemühungen in manchen Kurdengebieten, der dort vorherrschende Knechtung der Frauen und Mädchen durch das besonders grausame und autochthone Clanrecht Einhalt zu gebieten. Mit der Befreiung der Frau geht die rigorose Ablehnung des Kopftuchzwangs zwar zwingend einher, die im Iran ersehnte befreite Gesellschaft ist allerdings weder kurdisch noch links, sondern bürgerlich und äußert sich in dem Ruf nach dem ungegängelten Leben, zu dem öffentlich gezeigte Schönheit und Sinnlichkeit gehören. Das kann nur im Rahmen eines Nationalstaats verwirklicht werden, der allein den Schutz vor den Angehörigen feindlicher Gemeinschaften gewähren kann. Dagegen richtet sich der Islam, dessen Künder von Anfang an wussten, dass das öffentlich gezeigte Haar und der nicht minder unbedeckte Hals der Frauen für das Ende ihrer auf Mord gründenden Kultur stehen und Vorschein einer anderen Kultur sind, die auf Landwirtschaft statt Nomadentum, Handel statt Raubkrieg, künstlichen Genüssen statt rohem Männerrecht aufruht. Genau das hat die kurdische Freiheit auch in Rojava nicht im Angebot. Stattdessen bleibt den zumeist jungen Frauen anscheinend als Gegenleistung für ein Leben ohne Tschador nichts anderes übrig, als unter strenger Geschlechtersegregation als Reklame-Amazonen im Parteiauftrag für ein völkisches Projekt zu werben. So schafft es antinationales Denken, das keine kurdische Erfindung ist, das in der Aufhebung des Kopftuchzwangs liegende Versprechen für ein Leben ohne Zwang zu neutralisieren und verstärkt stattdessen den auch feministisch genährten Hass auf die freien Frauen in den iranischen Großstädten. Die stehen nämlich anders als die zur Ikone entstellte Jina Amini im Verdacht, die Sache des Volkes und seiner paramilitärisch kostümierten Repräsentanten und Repräsentantinnen zu schädigen, weshalb sie als Nutznießerinnen angeblich auf das parasitäre Schahregime zurückgehender Privilegien verhöhnt werden, die die islamische Revolution von 1979, die immerhin der Gleichheit verpflichtet war, nicht auszurotten vermocht hatte – als Nutten also. Oder, um mit Jürgen Elsässer zu sprechen, als „Discomiezen“, in einer Reihe mit „Teheraner Drogenjunkies und Strichjungen des Finanzkapitals“ als die er schon anlässlich der Proteste von 2009 im Iran die Demonstranten bezeichnet hat. (juergenelsaesser.wordpress.com/2009/06/15/gluckwunsch-ahmadinedschad/ 25)
Wo Ruben Gerczikow das Kunststück vollbringt, den Universalismus der iranischen Revolution, für den auch der Sohn des letzten Schahs steht, an einen gar nicht nur kurdischen Partikularismus zu verraten und bizarrerweise zugleich die iranisch-israelische Freundschaft einzufordern, die auf Vater und Sohn Pahlavi zurückgeht, sind Damon Taleghani (31) und sein Interviewer Valentin Wölflmaier (30), die sich natürlich in einem Neuköllner Café verabredet haben, schon den entscheidenden Schritt weiter. Unter der programmatischen Überschrift „Bomben werden keine Freiheit bringen“ brachte die Berliner Zeitung vom 3.3.2026 das Ergebnis dieses Gesprächs als „Tagesthema“ auf ihrer Seite zwei. „Herr Taleghani“, beginnt der Wölflmaier, „am Sonntag (dem 1.3.2026) gab es in Berlin eine Iran-Demonstration, bei der Menschen vor Freunde tanzten und den USA sowie Israel für die Luftschläge dankten. Sie waren auch vor Ort. Hatten Sie das Bedürfnis mitzutanzen?“ Und Herr Taleghani, der so deutsch ist wie der Lehramtsstudent und Kickboxer Mustafa A, der am 2.2.2024 in Berlin den Studenten Lahav Shapira krankenhausreif geschlagen hat, weil der einige Tage davor an der Freien Universität Berlin die Hamas verherrlichenden Plakate abgerissen hatte, sagt aus vollem Herzen „nein“. Dieser Herr Taleghani, der sich von den solidarischen Prozessbeobachtern ohne libanesischen Hintergrund, die im Jahr 2025 mehrfach mit dem Palituch um die Schulter vor und im Sitzungssaal des Landgerichts Tiergarten für die Freiheit von Mustafa A. und gegen den Kindermörder Israel demonstriert hatten, in nichts unterscheidet, begründet das damit, dass, „während die Menschen hier feierten, Berichte über eine bombardierte Grundschule im Süden Irans und getötete Kinder hereinkamen. Das war schwer auszuhalten.“ Er räumt zwar ein, dass er Chamenei keine Träne nachweine, schränkt diese Aussage aber ganz den Steinmeier antizipierend dahingehend ein, dass er es „lieber gesehen hätte, wenn das Volk ihn vor Gericht gestellt hätte. Ich tue mich schwer damit, den Tod eines Menschen zu feiern“. Das sagte er, um weg vom Unmenschen flugs auf ein unschuldiges Kind zu sprechen zu kommen: „zudem ist wohl auch Chameinis 14 Monate alte Enkelin getötet worden“ und unterstreicht damit, welche Folgen ein Krieg mit israelischer Beteiligung nur haben könne. Taleghani folgt mit allerdings deutlich antisemitischem Einschlag der Linie, die Ruben Gerczikow schon vorgegeben hatte und verkündet, dass die Anhänger des Schah-Sohnes, von denen er behauptet, dass sie die Restauration der Monarchie bezweckten, Usurpatoren der öffentlichen Meinung seien. Dunkelmänner, die mit sinistren Mitteln, zu denen, wenn schon noch nicht die Gewalt, so doch die Drohung mit ihr gehört, den Slogan der antzionistischen Linken europäischer oder exiliranischer Provenienz, „no mullahs no shah“, fast zum Verstummen gebracht hätten. Taleghani hat auf einer „promonarchistischen Demo eine Verschiebung in der Rhetorik beobachtet“ und mit Schrecken festgestellt, „dass man insbesondere die Parole ‚Tod der Linken‘ dort immer öfter hört.“ Die Lage ist furchtbar: „Sobald man die Monarchie nicht als einzige Lösung akzeptiert, wird man zum Feind erklärt. Man versucht uns mundtot zu machen, indem man uns in die Nähe des Regimes rückt. Linke Postionen werden innerhalb der Diaspora zunehmend marginalisiert.“ Sich inmitten iranischer Revolutionäre ganz antirepressiv gegen die Revolution auszusprechen, „das ist eben Demokratie. Dass es unterschiedliche Positionen gibt, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Pluralismus. Ich zum Beispiel glaube nicht, dass Bomben aus Israel oder den USA die Freiheit bringen werden“, bekennt er mutig ein, um dann nötigend hinzuzufügen: „Das ist eine absolut legitime Position, die man in einer freien Debatte vertreten dürfen muss, ohne sofort als Handlanger des Regimes diffamiert zu werden.“ ((Hvh. J.W.) Dabei ist gerade diese Position absolut illegitim, weil konterrevolutionär und durchaus „in der Nähe des Regimes“ angesiedelt, dessen Sprecher dem Steinmeier und mit ihm dem ganzen Israel und die USA hassenden deutschen und europäischen politischen Establishment applaudieren.
Der Hass vieler Exiliraner auf alles, was sich links artikuliert, hat sehr gute Gründe, die auf das selbstgerechte und lange genug erfolgreiche Agieren der ersten Generation iranischer Flüchtlinge zurückgehen, die sich angemaßt hatte, als einzige befugt zu sein, für die iranische Opposition zu sprechen. Deren Funktionäre hatten noch 2009 während der Massenproteste gegen die gefälschte Wahl, aus der Mahmud Ahmadineschad abermals als Präsident hervorging, in Deutschland das Heft fest in der Hand, als sie zum Beispiel Leute mit Israelfahnen von der Polizei aus ihren Kundgebungen entfernen ließen. Heute, 17 Jahre später, treten sie zwar mangels Masse kaum mehr öffentlich in Erscheinung, tun aber alles dafür, um die Proteste als quasi faschistisch zu diskreditieren. Außer den Vertretern der deutschen Medien und ihren willigen Konsumenten hört ihnen allerdings keiner mehr zu, denn die in Deutschland geborene neue Generation mit iranischen Wurzeln, ergänzt um solche, die erst in den beiden letzten Jahrzehnten nach Deutschland emigriert sind, haben kein Interesse an den Lügenmärchen der roten und häufig auch ziemlich islamgrünen Großväter, die den Ayatollah Ruhollah Khomeini erst an die Macht gebracht haben. Sie hassen vielmehr diese Schreckensmänner von der kommunistischen Tudeh-Partei und den links-islamistischen Volksmudschahedin, ergänzt um die Anhänger linksradikaler, häufig maoistisch orientierter Studentenorganisationen und kurdischer Parteien, die gemeinsam im Exil darüber gewacht haben, dass nicht von ihren Verbrechen geredet wird, sondern allein von denen, die das Schah-Regime begangen haben soll. Diese linke Intelligenz war es, die im Vorfeld der islamischen Revolution die Anhänger Khomeinis mit Organisationstalent und Slogans versorgte und teilweise selber in den bewaffneten Kampf gegen das definitiv kleinere Übel eingetreten ist, statt sich gegen die grüne Pest mit dem Schah-Regime zu verbünden. Diese Leute haben schon vor dem Januar 1979 die mörderisch wütende grüne Bewegung, von der sie wussten, dass sie ihre politischen Gegner und darüber hinaus offen schwule Männer zu Hunderten, wahrscheinlich Tausenden massakrierten, nach außen in eine besonnen agierende klassenkämpferische verwandelt. Die vielen Toten wurden selbstverständlich dem Geheimdienst des Schahs, SAVAK, in die Schuhe geschoben, der heute noch wahrheitswidrig als eine iranische Mischung aus SS und Gestapo dargestellt wird. Das taten iranische Linke, die wussten oder doch hätten wissen müssen, dass es sich bei den Aktivisten und Mitläufern des islamischen Aufstands um Konterrevolutionäre handelte, die alles rückgängig machen wollten, was die beiden Pahlavi-Schahs für die Befreiung des Volkes aus Elend und Entmündigung immerhin auf den Weg gebracht hatten. Sie wussten oder hätten wissen müssen, dass die grüne Revolution vom einem Lumpenproletariat getragen wurde – um einen häufig missbrauchten „Begriff“ aus der Marxschen Terminologie zu verwenden –, das aus den Dörfern in die Städte geströmt ist, ohne dort gebraucht zu werden, beziehungsweise in den Basaren für die Aufrechterhaltung einer ineffektiven, auf Protektion und Vetternwirtschaft gründenden Ökonomie sorgte, zu der die persönliche Abhängigkeit der rechtlosen Handlanger vom Patron zwingend gehörte. Im Lumpenproletariat des Trikonts die Träger der echten, der Volksrevolution erkennen zu wollen, war keine historische oder regionale Besonderheit der iranischen Geschichte. Mit vergleichbarem Aufwand rüsteten die aus der traditionellen Elite, den Universitäten der kolonialen Mutterländer, stammenden Anführer fast aller Volksrevolutionen ihre Klientel als Garanten jenes progressiven Morgens aus, von dem Dampfplauderer wie Ruben Gerczikow schwärmen, ohne auch nur zu ahnen, woher diese Metapher stammt. „Dem Morgenrot entgegen“ zieht nämlich schon lange nicht mehr „die junge Garde des Proletariats“, wie im sozialdemokratischen Arbeiterlied von 1907. Vielmehr verheißt seit den 1960er Jahren der „rote Morgen“ den Aufgang einer ewig scheinenden „roten Sonne“, als die der Vorsitzende Mao Zedong vorgestellt wird. Entsprechend setzt sich seither eine junge Garde der Revolution aus fanatisierten, uniformierten jungen Menschen zusammen, die in China ab den späten 1960er Jahren die Staffage für ein Massenverbrechen abgaben, das als Kulturrevolution in die Geschichte eingegangen ist. Eines Verbrechens, das popkulturell aufgemotzt auch auf westliche Gegner des Establishments eine unheimliche Anziehungskraft ausübte. Die solchen Visionen verpflichteten iranischen Linken und ihre westeuropäischen Kumpane machten ihren Frieden mit dem Islam, was folgerichtig zum Bündnis mit den Siegern der Revolution führte, das so lange währte, bis deren Macht gefestigt war. Diese ungeliebten Partner wurden ab 1980 von den Islamisten um ihren gerechten Lohn gebracht und ausgeschaltet, ihre Parteien und Publikationen verboten und, soweit sie Widerstand leisteten, gnadenlos verfolgt. Im Exil, in das sie zu Hunderttausenden flohen, hielten diese doppelt Besiegten den Mythos vom gerechten Volkskampf gegen den Schah aufrecht und beklagten den Verrat Khomeinis, statt mit sich selber ins Gericht zu gehen.
Die Lebenslügen der linken Kollaborateure mit dem Islam sind heute dort wieder nachgefragt, wo Gerczikows lyrische Prosa erscheint oder der Taleghani dem Wölflmaier ein Interview gibt – in der Mitte der deutschen Gesellschaft, zu deren Verlautbarungsorganen die Berliner Zeitung gehört und leider immer öfter die Jüdische Allgemeine.
Das hat Ursachen, die so alt sind wie der Hass auf ein westlich orientiertes Modernisierungsprojekt unter monarchischen Vorzeichen. Man gehe 47 Jahre zurück und nehme Deutschlands bis heute unangefochtenen Vorzeige-Iraner und seinen Kumpel, der später Außenminister wurde: „Wenn der Schleier die Absage an die importierte Scheinwelt und die Besinnung auf die eigene Geschichte symbolisiert [...], dann können nicht wir, sondern nur die Imperialisten und anderen Feinde unseres Volkes darüber Zeter und Mordio schreien“, sagte Bahman Nirumand im Dezember 1979 in Deutschland und bereits im Februar des gleichen Jahres schrieb Joschka Fischer im Pflasterstrand begeistert von einer „in die politische Revolution sich umsetzende, in langer Tradition sich erhaltende Glaubenskraft eines Volkes, das Nein sagt zur atheistischen Kultur des Westens“. (Beide Zitate stammen aus dem Artikel, „Des Ayatollahs nützliche Idioten“ von Tjark Kunstreich, der in der Jungle World am 3.9.2009 erschienen ist.)
Der „Glaubenskraft des Volkes“ entspricht ein scheinbar ganz anderer Mythos, der ganz materialistisch erklärt, warum die iranische Geschichte auf die Mullah-Diktatur hinauslaufen musste und wer daran schuld sei. Schah Mohammad Reza Pahlavi hatte 1951 auf eine Vorlage seines Premierministers Mohammad Mossadegh hin die Verstaatlichung der weitgehend in britischen Händen liegenden Ölindustrie angeordnet, die 1953 wieder zurückgenommen wurde, maßgeblich aber nicht allein durch das Eingreifen des CIA und des britischen Geheimdienstes. Was man daraus lernen soll, steht dann in Le Monde diplomatique vom Februar 2026, wo eine Marmar Kabir den unvermeidlichen Bahman Nirumand zustimmend zitierte: „‚Der Putsch gegen Mossadegh hat bei den Menschen in Iran ein Trauma hinterlassen, das bis heute anhält‘, schreibt der Journalist Bahman Nirumand. ‚Ohne diesen Putsch hätte es weder die 25-jährige Diktatur des Schah gegeben noch die Revolution von 1979, die zu einer klerikalen Diktatur geführt hat.’“ Le Monde diplomatique ist eine kleine, aber umso einflussreichere Zeitung, die seit Jahrzehnten von den Redenschreibern progressiver Politiker wie dem Frank-Walter Steinmeier und all den Funktionären parteinaher, evangelischer oder gewerkschaftsorientierter Stiftungen, von B wie Böll oder Böckler über E wie Ebert bis R wie Luxemburg, stets mit Gewinn ausgewertet wird. Diese laut Eigenwerbung „große Zeitung für internationale Politik, die derzeit in über 20 Sprachen erscheint“ und in Deutschland natürlich von der Taz herausgegeben wird, bringt es im gleichen, nur einem wenige Tage vor Kriegsbeginn erschienenen Artikel fertig, von „Netanjahus Iran-Besessenheit“ zu reden, die „befürchten (lasse), dass er mit allen Kräften verhindern wird, dass die iranische Nation selbst über ihr Schicksal bestimmt – und dafür auch den Zerfall des Landes im Kauf nimmt, ähnlich wie es jüngst in Syrien der Fall war.“ Die Warnung vor dem Zerfall des Landes gehört seit dem 28.2.2026 nicht nur angesichts kurdischer Separatisten, die davon profitieren wollen, zum Standard, sondern befeuert vor allem die vielen Meinungsträger, die in der Herrschaft der Mullahs den Garanten für Stabilität in der Region erkennen. Für den Zerfall, das weiß man unter Frankreichs Intellektuellen noch besser als in Deutschland, steht zuverlässig der strippenziehende Jude. So heißt es im gleichen Artikel über den Zwölftagekrieg Israels gegen den Iran im Juni 2025: „Dies zeigte erneut, dass ausländische Kräfte über großen Einfluss und zahlreiche Informanten im Iran verfügen, die israelischen Geheimdienste rühmen sich dessen geradezu.“ (Hvh. J.W.) Diese Zeitung behauptet ein kollektives Trauma aller Iraner, das durch den Sturz Mohammad Mossadeghs ausgelöst worden sein soll und dazu geeignet sei, die Geschichte von über 70 Jahren zu erklären, die natürlich eine Erzählung der imperialistisch ausgebeuteten Völker ist, die um ihr Land, ihre Ressourcen und ihre Identität gebracht wurden.
Unzweifelhaft wurden die Bestrebungen zur Nationalisierung der Ölindustrie im Jahr 1953, als Mossadegh auf Geheiß von Mohammad Reza Pahlavi zurücktreten musste, von Großbritannien und den USA gestoppt, und ebenso unbestreitbar ist, dass die nationale Kontrolle über die Ölindustrie im Iran erst 1973 vollständig durchgesetzt worden ist. Falsch ist dagegen die Behauptung, für den Iran seien in den zwanzig Jahren nach Mossadeghs Sturz durch einen Militärputsch nur Brösel vom Tisch der Reichen, also vor allem von Holdings in westlichem Eigentum, abgefallen. Im Gegenteil ist der nationale Anteil an den Ölrevenuen bis zur Verstaatlichung kontinuierlich gestiegen.
Die erzwungene Rücknahme der Verstaatlichung der Ölindustrie hatte einen Vorlauf, der fast immer ausgeblendet wird. In einer Sondersitzung am 24. Dezember 1950 löste Premierminister Ali Razmara, der von Juni 1950 bis zum 7.3.1951 amtierte, im iranischen Parlament einen Skandal aus, weil er ein streng gehütetes Geheimnis fast aller antiimperialistisch gestimmten nationalen Befreiungsbewegungen ausgeplaudert hatte: „Ich möchte hier klarstellen, dass Iran gegenwärtig nicht über die industriellen Möglichkeiten verfügt, das Öl aus der Erde zu holen, und es auf dem Weltmarkt zu verkaufen […] Meine Herrn, Sie können doch mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitarbeitern nicht einmal eine Zementfabrik managen. […] Ich sage das in aller Deutlichkeit, wer das Vermögen und die Ressourcen unseres Landes in Gefahr bringt, begeht Verrat an unserem Volk.“ (Wikipedia, Stichwort Mossadegh)
Ihm antwortete Mossadegh, der damals Oppositionsführer war, mit diesen Sätzen: „Ich schwöre bei dem einen Gott, es wird Blut fließen, es wird Blut fließen. Wir werden kämpfen, und wir werden vielleicht getötet werden. Falls Sie ein Mann des Militärs sind, so bin ich mehr Soldat als Sie. Ich werde töten, noch in diesem Parlament werde ich Sie töten.“ (ebd.) Am 7.3.1951 floss wirkliches Blut, als Razmara von Mitgliedern der Terrorgruppe Fedajin-e Islam, die der Muslimbruderschaft nahestanden, ermordet wurde. Der Haupttäter wurde wenige Wochen später vom gerade wieder eingesetzten Premierminister Mossadegh aus der Haft entlassen, der ihn gleich noch zum Volkshelden erklärte.
Das Blut Razmaras floss nur scheinbar für Öl und nur scheinbar für die Freiheit des iranischen Volkes, es sei denn, man wollte die von den Mördern Razmaras geforderte Rücknahme aller Reformgesetze, die während der Regierung von Reza Schah Pahlavi (1925 bis 1941) beschlossen wurden, als volks- und damit freiheitsfeindlich verdammen. Zu diesen Gesetzen gehörte auch das Tschadorverbot vom 7.1.1936, ein Datum, das bis zur islamischen Revolution als Tag der Befreiung der Frau feierlich begangen wurde und ganz sicher keine kurdischen Wurzeln hatte. Tatsächlich war Mossadeghs Vorhaben, die Ölindustrie zu verstaatlichen, eine Sache von derart nationaler Bedeutung, dass nicht nur sein Parteienbündnis Nationale Front und die kommunistische Tudeh-Partei sich dafür aussprachen, sondern auch der von Ayatollah Abol-Qasem Kaschani (1882 bis 1962) angeführte Klerus. Kaschani, der in den 1950er-Jahren Parlamentspräsident war und zu den aktiven Unterstützern von Fedajin-e Islam gehörte, hatte als Preis für seine Unterstützung Mossadeghs auch die Rücknahme aller unter dem ersten Schah eingeführten Reformen verlangt, was bald zum Bruch und zur Hinwendung Mossadeghs zur moskautreuen Tudeh-Partei führte. Zuvor hatte die Regierung Mossadegh „am 8. Januar 1953 ein neues Gesetz über den Obersten Kulturrat, das durch den Nationalrat bestätigt wurde (erlassen). In der Präambel dieses Gesetzes wurde, in ausdrücklicher Abkehr vom vorherigen Gesetz, dem sogenannten Gesetz des Obersten Rates für Bildung vom 11. März 1922, das während der Herrschaft Reza Schahs die Grundlage für politische Entscheidungen und Strategien im Bildungswesen bildete, nun die ‚Förderung islamischer Lehren‘ betont.“ (irandiskurs.de/nr-5-sommer-2025/entmythologisierun g-des-saekularen-mossadegh/)
Die auf Ölrenten aufruhende Ökonomie des Iran war von Anfang an immer auch islamisistisch, denn auch nach Mossadeghs Sturz blieben die Mullahs im Boot, wurden ideologisch wie finanziell scheinbar ruhig gestellt und festigten dabei ihre Macht, die der zweite Pahlavi-Schah immer weniger antastete. Dem war im Jahr 1973 immerhin ein weiteres in der Ölrentenökonomie liegendes Entwicklungsproblem aufgefallen, das bereits auf das Bündnis zwischen islamischem Pöbel und „kritischer“ Intelligenz hindeutete: „Wir wissen mehr als alle anderen, welche Defizite wir haben. Unser Problem ist unser Mangel an technischen Experten. Uns fehlen auch technische Hochschulen. Wenn wir eine technische Hochschule gründen, wollen diese so schnell wie möglich eine Universität werden, und Universitätsabschlüsse verteilen, statt Techniker auszubilden. Die Universitätsabsolventen wollen dann ausschließlich im Büro arbeiten. Wir haben Arbeiter nach Westdeutschland geschickt, um sie zu Facharbeitern ausbilden zu lassen. Sie sind entweder nicht mehr in den Iran zurückgekommen, oder wenn sie zurückgekommen sind, haben sie gesagt: ‚Wir wollen nicht mehr an einer Maschine arbeiten.‘ Nur wenige sind an ihre alte Arbeitsstätte zurückgekehrt. Das ist schlecht.“ (Zitiert nach dem Wikipedia-Eintrag „Zeittafel zur Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie“)
Statt über einen befreiten Iran zu diskutieren, in dem die Ausbeutung der Öl- und Gasreserven nicht mehr dazu dient, die jeweilige Klientel zulasten derer durchzufüttern, die mangels Lobby leer ausgehen, ist man im Westen nur an hohlen Phrasen interessiert, in denen die Forderung nach der Befreiung vom Islam ganz sicher nicht vorkommt, dafür aber die zynische Absage an eine womöglich wieder selbstbewusste Nation, die im Bündnis mit den USA und Israel der islamischen Hölle ein Ende bereiten könnte.
Doch da sei Gott vor, dessen aus den Parteiprogrammen von SPD, Grünen und Linkspartei stammende antinationale Botschaft von der Insel İmralı im Marmara-Meer, wo Apo Öcalan sie mit revolutionären Weihen versehen hat, direkt an den Ort ihrer Erfüllung gelangt ist: in die Berge und Wüsten Kurdistans. In der antizionistischen Zeitschrift Analyse und Kritik heißt es am 21.1.2026, einen Monat vor dem Beginn eines Freiheitskrieges, zunächst noch etwas seminaristisch: „Die demokratische Autonomie ist kein ethnonationalistischer Partikularismus, sondern ein multiethnisches, multikulturelles und multireligiöses Projekt.” Doch schon einen Satz weiter gelingt die Umwandlung von Wasser in Wein und echter Nationalismus und kerniger Separatismus erscheinen vom Juden befreit in einem ganz neuen Licht, im Morgenrot gar: „Damit bricht die Region mit der fortgesetzten imperialen Politik, bei der die verschiedenen Mächte – die USA, Russland, die Türkei, Israel, Frankreich oder Iran – Stellvertreterkriege durch die Instrumentalisierung von Nationalismen und Partikularismen führen.“
Eine andere Zeitschrift, die mit einem Zitat von Nelson Mandela wirbt („Wir wissen nur zu gut, dass unsere Freiheit ohne die Freiheit Palästinas unvollständig ist“) und dem dschihadistischen Flügel der Linkspartei nahesteht, interviewte einen Amir Karimi, der als Co-Vorsitzender der iranisch-kurdischen Partei PJAK firmiert, die den Lehren Apo Öcalans verpflichtet ist. Karimi versicherte gegenüber Jacobin: „Wir sind auch besorgt über die Unterstützung ausländischer Akteure wie Israel für eine Persönlichkeit wie Reza Pahlavi, da sie die Komplexität unserer pluralistischen Gesellschaft ignoriert. Unser Plan für die Zukunft ist ein ‚dritter Weg‘: Wir streben weder eine Trennung an noch glauben wir an ausländische Diktate, sondern setzen auf interne Reformen.“ Zu den Reformen gehört offensichtlich auch die Transformation von Gesellschaft in eine Vielzahl von Gemeinschaften: „Mit einem demokratischen Iran meinen wir ein Netzwerk von willigen, selbstverwalteten Gemeinschaften. Wird der Iran staatenlos werden? Nein. Nach unserer Vision wäre der Staat nicht zentralisiert, sondern dezentralisiert und flexibel, geleitet von einer inklusiven Politik und grundlegenden, universellen Gesetzen, die die Teilhabe aller gewährleisten.“ (jacobin.de/artikel/kurdistan-iran-rojava-syrien-pkk-frieden-befreiung, 14.1.2026) So schön kann Völkergemeinschaft sein.
Justus Wertmüller (Bahamas 98 / 2026)
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