Allein die Verteilung der Flaggen während der „Unite the Kingdom“-Rally am 13. September 2025 in London hätte einen Hinweis darauf geben müssen, wo die Sympathien liegen sollten: hier ein Fahnenmeer von Union Jacks und Englandfahnen, ein paar Israel-Fahnen, sogar Union-Jacks mit Davidstern in der Mitte, auf der Gegendemo Schilder von NGOs gegen rechts und Palästina-Fahnen.
Für linke Freunde Israels scheint die Sache allerdings nicht so klar zu sein. So sagte zum Beispiel auf der Kundgebung „Gegen die linksislamistische Mobilmachung. Solidarität mit Israel – jetzt erst recht!“ in Berlin-Neukölln im letzten Herbst einer der geladenen Sprecher, der Pali-Szene ginge es nicht wirklich um die Bekämpfung des Faschismus, denn sonst hätten sich ihre Vertreter auch gegen die über hunderttausend von Tommy Robinson angeführten Faschisten gestellt, die letzten September in London marschiert wären. Davon abgesehen, dass es bei der genannten Demo sehr wohl eine mit Palästina-Fahnen bestückte Gegendemo gab, die mit ihren rund 5.000 Teilnehmern nur deswegen klein erschien, weil ihr auf der anderen Seite eine zigfache Übermacht von bis zu 150.000 Demonstranten gegenüberstand, stellt sich die Frage, worauf die Behauptung fußt, damals hätten, angeführt vom erklärten Israelfreund Tommy Robinson, zehntausende Faschisten Londons Straßen bevölkert.
Die Presse verweist mit Vorliebe darauf, dass der ehemalige Hooligan Robinson kriminell sei, sich gerne mit seinen Gegnern raufe und Drogen nehme. Das mag man nicht schön finden, doch daran stören sich Antifaschisten normalerweise nicht. Schließlich zieht man selbst seinen Feinden gern mal eins mit dem Hammer über und auch historisch waren Antifaschisten immer dafür zu haben, Reaktionären eine „proletarische Abreibung“ (Albrecht Höhler) zu verpassen. Auch an seinem Drogenkonsum kann es nicht liegen, schließlich gehört das unter Antifaschisten fast schon zum guten Ton.
Auf der „Unite the Kingdom“-Demo in London fanden sich am Rande auch bekennende Faschisten ein, darunter eine Handvoll Mitglieder der sogenannten White Vanguard, die schwarz uniformiert auftreten und schwarze Helly-Hansen-Jacken mit dem „HH“-Logo tragen. Auf der Demo versuchten sie, gegen Juden und deren „Shill“ (Lockvogel) Tommy Robinson zu agitieren, wurden dafür jedoch von dessen australisch-israelischen Kollegen Avi Yemeni von Rebel News und anderen Demonstrations-Teilnehmern, die sich eindeutig als Zionisten zu verstehen gaben, zurechtgewiesen, woraufhin sie wieder abzogen. (1) Die kurze Anwesenheit derartiger Gruppen interpretierte das Antifa-Magazin Searchlight als eine Abkehr Robinsons von einer noch im Juli desselben Jahres geäußerten Warnung. In einem X-Post gegen „nazi mongs“ (Nazi-Spasten) hatte er an seine Anhänger geschrieben: „Haltet diese Wichser davon ab, eure Demonstrationen zu kapern. Die lokalen Gemeinschaften brauchen keine Gruppen oder Organisationen, die mit ihren Transparenten ihre Sache missbrauchen. [...] Ich garantiere euch, dass die meisten Teilnehmer gar nicht wissen, wer diese Nazi-Spasten sind.“ (2) Dass sich Robinson gegen offen bekennende Nazis und Faschisten stellt, ist nicht neu, er macht dies seit Jahren.
Von Sky-News, dem größten Konkurrenten des Nachrichtenkanals BBC-News, erfuhr man, dass „klar“ sein müsse, „dass die Kategorisierung der Demonstranten als rechtsextrem nicht erfasst, was vor sich“ ging. Das Spektrum der Teilnehmer sei „zu breit“, um „der Demo dieses Etikett aufzudrücken“. (news.sky, 14.9.2025) BBC-News befand unter hunderten Demo-Teilnehmern die angereiste Südwaliserin Suzanne als repräsentativ, und zitierte sie: „Im Moment hat der arbeitende Mensch schwer zu kämpfen, denn die Preise schießen durch die Decke – ebenso wie die Mieten. Und dann sehen wir, wie zahlreiche Menschen zu uns kommen und in Hotels untergebracht werden. Wir sollten unsere eigenen, in Armut lebenden Mitbürger finanziell unterstützen und ihnen helfen, bevor wir damit beginnen, anderen zu helfen. Ich sage damit nicht, dass wir anderen nicht helfen sollten, doch Nächstenliebe beginnt zu Hause – man sollte sich zuerst um die Eigenen kümmern.“ An der Unterbringung von illegal über den Ärmelkanal kommenden Flüchtlingen in Hotels hatte sich 2025 der öffentliche Protest gegen unkontrollierte Einwanderung in allen Landesteilen entzündet. Suzanne, die einen Dorfpub betreibt und dort eine regelmäßige „Gay Night“ veranstaltet, meint, dass „bei den Menschen [...] der Eindruck entsteht, man dürfe seine eigene Flagge nicht mehr hissen. Meiner Ansicht nach prägt dieses Phänomen [...] unsere gesamte Gesellschaft“. (bbc.com, 20.9.2025) Zur Demonstration gekommen sei sie vor allem, weil es sich um einen „Marsch für Meinungsfreiheit“ gehandelt habe, wie die Veranstalter es versprochen haben: „The UK’s biggest Free Speech Festival“. (urbanscoop.news) Eine Mehrheit der zahlreichen teils obskuren Redner aus dem In- und Ausland, hat Israel nach dem 7. Oktober öffentlich unterstützt. Unter ihnen war Sammy Woodhouse, die als Opfer der Rotherhamer Grooming-Gangs „eine der ganz wenigen Frauen unter den vielen Tausend Opfern ist, die ihren Namen und ihre Geschichte öffentlich gemacht haben“ (Süddeutsche Zeitung), Ant Middleton, ein ehemaliger Soldat britischer Spezialkräfte, der in seiner Rede ankündigte, 2028 als Kandidat von Nigel Farages Partei Reform UK für das Amt des Londoner Bürgermeisters zu kandidieren, Ben Habib, Vorsitzender der Konkurrenzpartei von Reform UK mit dem Namen Advance UK, der flämische Separatist Philip Dewinter von der Partei Vlaams Belang, die Niederländerin Eva Vlaaardingerbroek, die regelmäßig von Nius-Chef Julian Reichelt interviewt wird, der australisch-israelische Avi Yemini, der sich selbst als „stolzen Zionisten“ bezeichnet und als Reporter der anti-linken Medienplattform Rebel News gern pro-palästinensische Demonstranten vorführt, sowie deren kanadischer Chef Ezra Levant, der zuletzt öffentlich Aufmerksamkeit erregte, weil er wegen der angeblichen Provokation pro-palästinensischer Demonstranten von der kanadischen Polizei verhaftet wurde. Aufgetreten ist auch der Neuseeländer Brian Tamaki, der sich als „apostolischer Bischof“ der christlichen Pfingstbewegung bezeichnet, der mit seinen Anhängern zu Beginn der Veranstaltung einen Haka, den rituellen Tanz der Maori, zu Ehren des ermordeten Charlie Kirk aufführte. Tamaki scheint allerdings Kirks Eintreten für grenzenlose Meinungsfreiheit nicht zu teilen, denn er forderte das Verbot des öffentlichen Zurschaustellens aller nicht-christlichen religiösen Symbole. Auch der französische Politiker Éric Zemmour warnte in seiner Rede vor dem „Großen Austausch“ der Bevölkerung. Über Zemmour, der jüdischer Herkunft ist, hatte Alain Finkielkraut gesagt, man solle ihn „nicht verteufeln“, sondern stattdessen dafür Sorge tragen, dass die „Probleme“ gelöst werden, „die er anspricht“ (NZZ, 31.10.2021). Für einen angeblichen Faschisten ungewöhnlich kritisiert Zemmour jene französischen Juden, die nach Israel auswandern, wegen ihrers „Verrats“ an Frankreich, er besteht also, anders als die Faschisten, auf der Zugehörigkeit der Juden zur französischen Republik.
Von Tommy Robinson eingeladen war auch der AfD Europaabgeordnete und Putin-Unterstützer Petr Bystron, der den Arbeitskreis Juden in der AfD befürwortete und wegen vielfältiger Vergehen auf Druck seiner eigenen Partei seine Spitzenkandidatur für das EU-Parlament zurückziehen musste. In seiner Anmoderation erklärte Robinson zu Bystron: „Die einzige Partei, die Deutschland retten wird, ist die AfD.“ In seiner Ansprache an das Publikum sprach Bystron davon, dass „euer Kampf“ auch „unserer Kampf“ sei, wobei es nicht einer gewissen Komik entbehrte, ausgerechnet einem britischen Publikum zu versprechen, man wolle „Deutschland stark machen“. (3)
Als Stargast auf „UK’s biggest Free Speech Festival“ wurde Elon Musk zugeschaltet. Von Tommy Robinson interviewt sprach Musk das aus, was unter den über einhunderttausend Anwesenden Konsens gewesen sein dürfte: „Was ich sehe, ist eine Zerstörung Großbritanniens. Anfangs eine langsame Erosion, aber eine rapide zunehmende Erosion Großbritanniens durch massive unkontrollierte Migration.“ (standard.co.uk) Die ehemalige Kolumnistin der Daily Mail, Katie Hopkins, fasste die Botschaft so zusammen: „Egal, woher Sie kommen, […] wenn Sie sich nicht anpassen wollen, dann können Sie sich verpissen.“ (telegraph.co.uk)
In ihrem Fazit hielten die Veranstalter fest: „Sie alle traten auf die Bühne, um sich gegen Zensur, mediale Voreingenommenheit und politischen Autoritarismus zu stellen. Gemeinsam verkörperten sie einen grenzüberschreitenden Widerstand dagegen, dass normalen Bürgern ein Maulkorb verpasst wird.“ (utkevents.com)
Dass auf der Demo auch Faschisten anwesend waren, davon ist schon wegen der schieren Masse der Teilnehmer auszugehen. Offen bekennen konnten sie ihre Gesinnung jedoch nicht, denn sie waren unerwünscht. Anstelle von martialischem Auftreten, wie man es von Faschisten kennt, herrschte auf der Demonstration Fußballspiel- oder Jahrmarktstimmung. Es wurde Bier getrunken, UK- und England-Fahnen, vereinzelt Israel-Fahnen und auch die sogenannte Flagge des Schahs geschwenkt. Die meisten Teilnehmer waren autochthone Briten aus den postindustriellen Regionen, Familien mit Kindern inklusive. Die Jerusalem Post meinte sogar einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen britischen Juden und britischen Patrioten erkennen zu können: „Jahrelang hielten viele Juden Abstand zu Robinsons Bewegung. Doch die ‚Unite the Kingdom‘-Kundgebung scheint die Wahrnehmung verändert zu haben. Die Veranstaltung brachte englische Nationalisten, iranische Monarchisten und pro-israelische Gruppen zusammen. Israelische Flaggen, darunter auch solche mit Schleife, die an die Geiseln erinnert, waren während des gesamten Marsches sichtbar, was ihn zu einer der wenigen nichtjüdischen Demonstrationen in Großbritannien machte, bei der die öffentliche Unterstützung für Israel stark war.“ (26.9.2025)
Nach der Demonstration wurde kolportiert, die Teilnehmer seien besonders gewalttätig gewesen und tatsächlich wurden 26 Polizeibeamte verletzt, als nach der Demonstration eine kleinere Gruppe von Teilnehmern versuchte, durch die Polizeiabsperrung zu brechen, um zur Gegendemonstration zu gelangen. (4) Die Behauptung, zehntausende Hooligans hätten die Stadt zerlegen wollen, beruht auf einem von interessierter Seite wie der NGO „Hope not Hate“, die die antisemitische Gegendemo zur „Unite the Kingdom“-Rally (UTK) mitorganisiert hatte, verbreiteten Gerücht. Ausgerechnet diese Gruppierung wirft Tommy Robinson vor, ein Antisemit zu sein. Wenn Robinson schon kein richtiger Faschistenführer ist, so bleibt vielen Antifaschisten wenigstens die Genugtuung, ihn als Antisemiten zu verunglimpfen.
Dieses unter Antifaschisten beliebte Gerücht hat unter Deutschlands „Freunden“ Israels schon im November 2025 in der Jungle World ein Monty Ott verbreitet, der sich als „queerer Jude“ begreift. Um zu beweisen, dass Robinson kein echter Freund Israels sein könne, griff Ott für das Heftthema „Antisemitismus in der MAGA-Bewegung“ auf einen drei Jahre alten Text zurück, den der Autor längst wieder aus dem Netz genommen hat: Robinsons „The Jewish Question“ [Die Judenfrage] aus dem Jahr 2022, veröffenlicht auf seinem Portal Urban Scoop.
Ott hält diesen Text allem Anschein nach für eine smoking gun, die Robinsons Antisemitismus beweist. Dabei wirkt es eher so, als hätte er, um die Überschrift, Robinson würde „Israel lieben, Juden verachten“ (5) zu bestätigen, das Material lediglich im klassischen „Recherche“-Stil à la Amadeu Antonio Stiftung, vorbei an der Intention des Autors sowie den tatsächlich gemachten Argumenten nach verdächtigen Schlagwörtern und Argumentationsmustern durchforstet.
Durch dieses Sieb gepresst ergibt sich eine Interpretation, nach der Robinson einen Blogbeitrag verfasst habe, der „durchzogen von antisemitischen Verschwörungserzählungen“ sei. Robinson behaupte, dass die jüdischen Eliten, die die Medien, Hollywood und die Finanzwelt dominierten, linke „selbsthassende“ Juden, ergo „Verräter ihres Volkes“ seien, die den Antisemitismus erst selbst herbeiführten. US-amerikanischen Juden spräche er zum großen Teil das Recht ab, sich als Juden zu definieren, und setze sie mehr oder minder mit den Demokraten gleich – jener liberalen Elite, die er wiederum mit Verweis auf Harvey Weinstein und Jeffrey Epstein allesamt der Pädophilie bezichtige. (Jungle World 46/25)
Dabei haben die Verweise auf Eliten, in denen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, besonders viele Juden vertreten sind, in Robinsons Text die Funktion zu beweisen, dass dieser Umstand gerade nicht geeignet sei, eine jüdische Verschwörung herbeizureden. Robinson zitiert Jonathan Jeremy Goldberg von der World Zionist Organisation, nach dem „Juden [...] 84 Prozent der Präsidenten- und Vorsitzendenposten bei den großen Studios in Hollywood“ innehätten. Robinson wittert hinter diesem Fakt kein jüdisches Komplott, sondern sieht andere Gründe: „Juden (zumindest die weißen europäischen Juden im Allgemeinen) haben einen durchschnittlichen IQ von 110, daher werden diese Juden zwangsläufig in Führungspositionen in Konzernen, großen Technologieunternehmen, Nachrichtensendern, in Hollywood, in der Regierung usw. aufsteigen.“ (6) Selbst wenn die Statistik Robinson recht geben mag, so sind solche Herleitungen schon deshalb abzulehnen, weil Zahlen nichts über die geschichtlichen und materiellen Bedingungen auszusagen vermögen, unter denen Menschen wurden, was sie sind. Im Falle der Juden denke man dabei nur an die Formulierung in den Elementen des Antisemitismus, wonach die Juden die Zirkulationssphäre zwar nicht allein besetzt hatten, aber „allzu lange in ihr eingesperrt“ gewesen waren. Robinsons Verweis auf den Durchschnitts-IQ aschkenasischer Juden macht aus ihm noch lange keinen Antisemiten, denn in Familien, in denen Bildung sehr hoch geschätzt wird und die Erziehung der Kinder sich daran ortientiert, liegt deren IQ bekanntlich höher. Selbst dort, wo die häufig antisemitisch aufgeladene Theorie vom „großen Austausch“ zur Sprache kommt, argumentiert Robinson nicht antisemitisch. Er zieht ein Video heran, in dem die amerikanische Philosophin Barbara Spectre, die aus einer jüdischen Familie stammt, fordert, die Juden sollten eine führende Rolle bei der Einführung des Multikulturalismus in Europa übernehmen. (7) Dieses Video dient wirklichen Antisemiten als Beweis für eine jüdische Verschwörung mit der der sogenannte große Austausch herbeigeführt werden solle. Robinson hingegen besteht darauf, dass Barbara Spectre nicht für alle Juden spreche und erklärt, dass alle Juden, mit denen er zu tun habe, diese Agenda verachteten: „Barbara Spectre spricht für sich selbst, sicherlich nicht für ALLE Juden; ihre Agenda und Ideologie spiegeln nicht die politische, kulturelle oder gar religiöse Weltanschauung der vielen Juden wider, mit denen ich in Kontakt stehe […]. Alle Juden, mit denen ich im Rahmen meines Aktivismus zu tun hatte, würden diese Frau und ihre Agenda entschieden verurteilen.“ (8) Mit solchen Äußerungen verteidigt Robinson die Juden als Gruppe vor antisemitischen Topoi, wenn er jedoch Verständnis für Leute zeigt, die wegen des Geredes von Barbara Spectre zu „Hitler-liebenden Idioten“ mutierten, nimmt er eine falsche Rationalisierung vor. Ein Antisemit, der die Juden selbst für den Antisemitismus verantwortlich machen würde, wie Ott es ihm unterstellt, ist er deshalb aber nicht.
Robinsons Beschäftigung mit „The Jewish Question“ hat ihren Ausgangspunkt in einem antisemitischen Tweet des Rappers und Hip-Hop-Produzenten Kanye West. Womöglich war er Fan von dessen Musik, vielleicht hängt es auch damit zusammen, das West, der sich seit geraumer Zeit Ye nennt, wegen Antisemitismus und Rassismus mit einem Einreiseverbot für Großbritannien belegt wurde, was Robinson ablehnte.
Robinsons Text „The Jewish Question“ liest sich so, als würde sich jemand zum ersten Mal mit dem Thema auseinandersetzen. Zugleich hatte der Autor keine Scheu vor einem negativen Medienecho, das dann prompt folgte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er tatsächlich einsah, dass einige seiner Formulierungen weit übers Ziel hinausschossen Kayne West keine Verteidigung verdient hat und Robinson den Text wieder löschte.
Sich wie Ott das alles derart zurechtzulegen, dass Robinsons Kampf gegen den Antisemitismus unehrlich und unglaubwürdig erscheint, liegt am untauglichen und seinerseits unehrlichen Versuch, die Wahrheit durch die Brille jenes Solidaritätszusammenhangs erkennen zu wollen, der immer schon ein Herz für Antisemiten hatte: der Antifa. Genau dafür steht der Erscheinungsort von Otts Artikel. Dabei ist Robinsons Israelsolidarität solider als die mancher Jungle World-Autoren, die sich dann als ordinäre Antizionisten aufführen, wenn der weltweite Hass auf Israel jedes bekannte Maß übersteigt. In den Worten Robinsons: „Es gilt als sehr negativ als ‚Zionist‘ abgestempelt zu werden, ich war es und werde es weiterhin sein, weil ich den Staat Israel anerkenne. Ich erkenne an, dass es die uralte Heimstatt des jüdischen Volkes ist.“ (9) Robinsons Kritiker müssen unterschlagen, dass seine Vorwürfe denen der israelischen und jüdischen Konservativen und Rechten gleichen oder von diesen übernommen wurden – wie beispielsweise die von ihm zitierte Kritik der Zionists of America an der Anti Defamation League, der man wohl kaum ein antisemitisches Motiv unterstellen kann: Viele Juden im Westen seien demnach nur noch „Jews in name only“, (10) die dann Politik gegen jüdische Interessen machen würden – ein Phänomen, das gerade in der Zeit nach dem 7. Oktober zum regelrechten Trend wurde. Eine solche Kritik schließt die an der finanziellen Unterstützung von antisemitischen, offene Grenzen und den Multikulturalismus fördernden NGOs durch Soros’ Open Society Foundation ein, die in kaum einem anderen Land so lautstark ist wie in Israel.
Das muss ein Autor der Jungle World ignorieren, um zu dem Schluss kommen zu können, Robinson sei „am Ende ein falscher Freund der Jüdinnen und Juden, wie es sie immer gab“, der „Israel und rechte Juden als Projektionsfläche für seine rassistischen, verschwörungstheoretischen und völkischen Vorstellungen“ nutzen würde. Zur Begründung zitiert Ott lediglich kurz einen Artikel über Robinsons Text von Raoul Wootliff aus dem britisch-jüdischen Fathom Journal, das sich selbst als pro-israelisch versteht und sich für eine Zweitstaatenlösung stark macht. Demnach bediene Robinson „die Logik der bedingten Liebe. Die von ihm bekundete Bewunderung für Juden hängt ausschließlich von deren Nützlichkeit für sein politisches Projekt ab. Wenn Juden Härte, Nationalismus und Trotz verkörpern, verehrt er sie; wenn sie von Ethik, Pluralismus oder Mitgefühl sprechen, tut er sie als schwach oder ‚woke‘ ab.“ (Jungle World a.a.O.) Bedingte Liebe heißt hier vor allem, dass Leute wie Robinson sich mit Juden verbünden, die selbstbewusst für jüdische Interessen wie beispielsweise sichere Grenzen eintreten. Außerdem wird ein Vergleich aufgemacht zwischen dem erklärten Zionisten Robinson und dem Judenhasser Corbyn. Beide würden Juden vorschreiben, wie sie sich zu verhalten hätten: „Der Corbynismus wirft den Juden vor, andere zu unterdrücken; Robinson wirft ihnen vor, sich selbst zu verraten. Der eine verurteilt die Macht der Juden, der andere verehrt ihre Stärke. Beide verweigern den Juden das Recht auf Selbstbestimmung.“ (11) Bei dieser Gegenüberstellung gerät der Unterschied aus dem Blick, dass Corbyn von Juden fordert, ihre eigenen Interessen zu verleugnen, während Robinson das glatte Gegenteil, jüdische Autonomie, würdigt. Unter den Bedingungen der globalisierten Intifada gibt es keine jüdische Selbstbestimmung ohne den Staat Israel. Der Vorwurf, Robinson würde Juden die Selbstbestimmung verweigern, indem er eben jene unterstützt, ist deshalb ein Widerspruch in sich. Zudem greift Raoul Wootliff zu einer auch in der linken Israelsolidarität beliebten Denunziation von als „rechts“ ausgemachten Israelfreunden, wenn er behauptet, Robinsons angebliche „Bewunderung“ für „jüdische Stärke“ sei „eine andere Form der Kontrolle. Indem Robinson Juden als moralische Vorbilder und Kämpfer gegen die Dekadenz idealisiert, beschränkt er sie auf eine ideologische Rolle. Er reduziert Israel auf ein Denkmal der Stärke, anstatt es als eine Gesellschaft der Auseinandersetzung und Komplexität zu betrachten. Was als Lob erscheint, ist in Wirklichkeit die Forderung, im Namen anderer Gewissheit zu verkörpern. Bedingte Liebe strebt ebenso wie Hass nach Herrschaft statt nach gegenseitigem Respekt.“ (12) Mit anderen Worten: Robinsons Israelsolidarität sei in Wahrheit eine Methode, um Juden zu unterwerfen.
Robinson, den Wootliff auf Instagram einen Faschisten nennt, (13) habe seine Israel-Reise 2025 geschickt dazu genutzt, um sich ein neues Image zu verpassen – vom „antimuslimischen Demagogen“ zum „Erlöser der Juden“. (14) Um die israelische Öffentlichkeit vor der Gefahr zu warnen, von Robinson missbraucht zu werden, begab Wootliff sich zu einem Podiumsgespräch von Robinson und dem Diaspora-Minister Amichai Chikli, um lautstark die Teilnehmer über Robinsons Hass zu informieren. Daraufhin wurde Wootliff wegen seiner Störaktion unter Schlägen, Tritten und „Kapo“-Rufen aus dem Saal geworfen. (15)
Hinter der Denunziation Robinsons als Antisemit, der nur rechte Juden dulde, steht unübersehbar die Klassenzugehörigkeit seiner Gegner. Robinsons jüdische Kritiker in Großbritannien sind zumeist linksliberal und einer Klasse zugehörig, die sich, abhängig von Fördermitteln, der Herrschaft andienen, indem sie ihren relativ hohen Bildungsgrad zur Ideologieproduktion missbrauchen. Die Rede ist von einer „Neuen Klasse“ (siehe zum Beispiel „Die Intelligenz als Neue Klasse“ von Alvin Gouldner), einer „Professional-Managerial Class“ (siehe Barbara Ehrenreich, Cathrin Liu et al.) oder von „Elite” beziehungsweise „urbaner Elite“. Durch ihre feste Verankerung im Staats- und NGO-Sektor setzt diese Klasse auf Identitätspolitik – und wenn auf Klassenkampf, dann nur den von oben. Wegen ihrer besonderen Position zwischen Staat und Gesellschaft feiern die Angehörigen dieser Schicht vor allem den Multikulturalismus und reden die Gefahr, die von einem signifikant wachsenden muslimischen Bevölkerungsanteil ausgeht, systematisch klein. Parallel brandmarken sie den Protest von als einfach geltenden Leuten gegen die Islamisierung als faschistisch. Ihre politische Ausrichtung macht diese Juden für die Regierung Israels unattraktiv, weshalb man lieber islamkritische Populisten wie Robinson einlädt. (16)
Zu den negativen Effekten der Wahl Donald Trumps gehört die Aufwertung eines rechten Sediments, durch das alle möglichen obskuren antisemitischen und islamophilen Influencer in die Wahrnehmung der breiteren Öffentlichkeit geschwemmt wurden. Robinsons Feinde sind daher nicht nur Islamnazis, sondern auch eher klassische Faschisten wie Nick Fuentes oder auch nützliche Idioten der Muslimbruderschaft und der Mullahs wie Tucker Carlson.
Nick Fuentes’ irre Behauptung, Robinson sei von den Juden auf X entsperrt worden, um „Hooligan-Goyim Horden“ gegen Moslems und palästinensische Proteste einzusetzen, erwiderte Robinson mit etwas, das einem rechten Incel wie Fuentes, bei dem es mit den Frauen einfach nicht laufen will, wehtun muss: „Du bist schwul @NickJFuentes. Ich habe das gerade erst gesehen. Eigentlich finde ich dich ziemlich witzig, auch wenn ich in vielen Punkten nicht deiner Meinung bin. Du hast einfach keine Ahnung, wie es ist, in islamischen Gemeinschaften aufzuwachsen. Alles, was du hier gesagt hast, war Unsinn.“ (17) Auch wenn Robinson erklärtermaßen kein Schwulenfeind ist, (18) so wird doch an der diffamierend gemeinten Äußerung, Fuentes sei schwul, deutlich, dass der männerbündisch sozialisierte Robinson ein Bild von Männlichkeit pflegt, in dem schwule Männer nicht für Stärke stehen. Damit ist er allerdings auch nicht sehr viel schlimmer als das, was Linke als „Antifa-Macker“ zwar kritisieren, aber in ihren eigenen Reihen zu akzeptieren gelernt haben.
Der Streit mit Tucker Carlson entzündete sich daran, dass dieser behauptete, es gebe kein Problem mit pakistanischen Taxifahrern. In einem Podcast äußerte Robinson seine Wut über Carlsons Ignoranz gegenüber britischen Verhältnissen. (19) Denn im Gegensatz zu Carlson, der seit dem 7. Oktober stets auf der falschen Seite steht, weiß Robinson, dass ein nennenswerter Teil der Grooming-Gangs Taxis als logistische Basis für ihre Verbrechen nutzten – nicht unähnlich dem marokkanischen Taxifahrernetzwerk, das im November 2024 nach einem Maccabi-Spiel in Amsterdam Jagd auf Juden machte. Aufgrund dieser Gegnerschaften ist es besonders unredlich, dass die Jungle World ausgerechnet Robinson in eine Reihe mit ebenjenen antisemitischen „MAGA“-Influencern stellt, von denen sich Donald Trump längst deutlich distanziert hat. (20)
Auch in Großbritannien erstarken derzeit ethnonationale Bewegungen. Gegenüber diesen ist Robinson, der nicht aufgrund fixer Ideen, sondern auf Basis eigener Erfahrungen urteilt, prinzipiell liberal eingestellt, weshalb er von diesem Lager regelmäßig attackiert wird, seit er als Begründer der English Defence League diese im Jahr 2013 mit der Begründung verließ, sie werde ihm zu sehr von Rechtsextremen instrumentalisiert und sei zu gewalttätig. (21) Dass dieser Ausstieg seinerzeit gemeinsam mit der Quilliam Foundation verkündet wurde, einer Organisation, gegründet von Aussteigern aus der Islamistenszene, belegt einmal mehr, dass Robinson kein Ethnonationalist und schon gar kein White Supremacist ist. Stets betont er, dass er kein grundsätzliches Problem mit Einwanderung habe, sondern lediglich mit denjenigen, die sich nicht an die Spielregeln halten wie die Verfechter des politischen Islam, die in seiner Heimatstadt Luton einen Ableger der dschihadistischen Partei Hizb ut-Tahrir gründeten, oder eben mit Mitgliedern von Grooming-Gangs. Mit anderen wie beispielsweise Sikhs und Hindus könne er zusammenleben, da sich mit ihnen auf grundlegende liberale (also bürgerliche) Werte einigen lasse. (22) Deshalb überrascht es auch nicht, dass sein Kapitel im „State of Hate“-Report der Anti-Rechts-NGO „Hope not Hate“ voller Fotos ist, auf denen er mit nichtweißen Mitstreitern zu sehen ist. (23)
Den Holocaust relativierenden ideologischen Zuarbeitern der Labour-Partei und deren Geistesverwandten in der neuerdings erste bedeutende Wahlerfolge erzielenden Green Party sind genau diese liberalen Werte ein Dorn im Auge. Sie vertragen sich nicht mit dem System, das ihnen muslimische Wählerstimmen zuschanzt: dem in den letzten Jahrzehnten durch verschiedene Parteien aufgebauten Multikulturalismus. Dieser versucht, die Herrschaftsweise des „Empires“, in dem jede ethnische Gemeinschaft ihre eigenen, nicht demokratisch legitimierten Ansprechpartner stellt, im Innern fortzusetzen. Anstatt allen Staatsbürgern grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten zu gewähren, werden Sonderrechte für „Communities“ eingeräumt. Das widerspricht den Werten, die den Liberalismus ausmachen: Freiheit und Gleichheit für alle, die sich auf dem Territorium des Staates befinden. (24) Die Fortführung der britischen Kolonialpolitik auf dem eigenen Staatsgebiet wird ausgerechnet von denen am stärksten befürwortet und befördert, die sich ansonsten als kompromisslose antikoloniale respektive postkoloniale Aktivisten verstehen und deshalb hinter jeder Kritik an ihnen koloniale Logiken, Mächte oder Strukturen erkennen wollen. Von diesen nicht zufällig oftmals antisemitischen Klassenbrüdern und -schwestern unterscheiden sich die meisten jüdischen Mitglieder des NGO-Sektors dadurch, dass sie durchaus israelsolidarische öffentliche Veranstaltungen abhalten. Auf denen sind allerdings Robinson und seine Anhänger ausdrücklich unerwünscht. Die Verachtung, die Robinson dort entgegenschlägt, dürfte nicht zuletzt auf die Angst zurückgehen, dass man ihnen ihre pro-israelische Haltung nicht länger durchgehen lässt, sie sozial schneidet und dadurch ihrer gesellschaftlichen Privilegien beraubt, die sie nur bewahren können, wenn sie offiziell nicht vom multikulturellen Glauben abfallen.
Robinson hingegen erhebt den Anspruch, Menschen eine Stimme geben zu wollen, die von den etablierten Medien „deplatformed“ wurden, weil deren Geschichten nicht zur vorgegebenen Agenda passen. So interviewte er beispielsweise 2025 bei seiner letzten Israelreise Tal Hartuv, eine betagte britisch-jüdische Dame, die 2010 Opfer eines Terroranschlags war und mit ansehen musste, wie ihre christliche Freundin ermordet wurde. Sie berichtet, wie sie von der BBC und anderen Medien der britischen liberalen Elite immer wieder ausgeladen wurde, lobt Robinson für seinen Aktivismus und macht darauf aufmerksam, dass es für den Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus „muskulöse Typen“ wie ihn brauche. (25) Ebenfalls auf seiner Israelreise trifft er Juden, die Großbritannien verlassen haben. Sie erkennen ihn auf der Straße und feiern ihn: „This is Tommy Robinson, he is a hero“, erklärt ein Familienvater seinen Kindern. (26) Solche Szenen passen nicht in das Feindbild, das Leute wie Monty Ott und Raoul Wootliff zeichnen, nach denen es Robinson darum ginge, Juden zu unterwerfen. Dass Faschisten auf pro-britischen Demonstrationen als unerwünscht gelten und nicht als Teil der Bewegung angesehen werden, während man sich zugleich pro-zionistisch verortet, verweist auf ein rechtes Lager, dem auch Donald Trump, Pete Hegseth und Marco Rubio zuzurechnen sind. Dieses Lager stellt gegenwärtig die einzige nennenswerte politische Kraft dar, die dem seit dem 7. Oktober erstarkenden Antisemitismus sowie der fortschreitenden Islamisierung des Westens überhaupt noch etwas entgegensetzen kann.
Die moralisierende Klasse von Jungle World bis „Hope not Hate“ wird das sicher nicht davon abhalten, sie dem Faschismus zuzuschlagen. In Großbritannien schaffte „Hope not Hate“, ihren deutschen Pendants nicht unähnlich, auch ohne „Demokratie Leben!“- Fördertopf Geld vom Staat abzugreifen, (27) alles rechts der Tories als rechtsextrem zu diffamieren und jede Kritik an Islamisierungstendenzen als islamophob zu bezeichnen. Sie agieren im Dienste der Labour Party (und ihrer muslimischen Wähler), die ihnen Zugriff auf Staatsgelder garantiert. Ihr Anfang März erschienener Report „The State of Hate“ hat den Holocaust-evozierenden und damit relativierenden Untertitel „It could Happen here“, womit nicht islamische Hitlerfans gemeint sind, deren Vertreter sich „It“ tatsächlich herbeisehnen, sondern unterschiedslos Mitglieder der politischen Rechten: der Brexit-Politiker und Reform UK-Anführer Nigel Farage, Restore Britains-Anführer Rupert Lowe, der Rassist und Ethnonationalist Steve Laws und natürlich – Tommy Robinson.
Auf der „Unite the Kingdom“-Rally und der Gegendemo standen sich auch die Erben zweier Lager gegenüber. Auf der einen Seite diejenigen, die in den 90ern abgehängt und dem Multikulturalismus zum Fraß vorgeworfen wurden. Auf der anderen Seite jene, die genau diesen Prozess politisch und ideologisch vorangetrieben, mitgetragen und von ihm profitiert haben. Wenn heute alle möglichen Celebrities als Reaktion auf die UTK-Rally mit allerlei Antisemiten ein breites Bündnis gegen die „Far Right“ namens „Together Alliance“ gründen, das sich mit den „Unteilbar“- oder „Wir sind Mehr“-Bündnissen in Deutschlands vergleichen lässt, ist das die neueste Episode einer Aufführung, die man auch einen Klassenverrat nennen könnte, der mit New Labours „drittem Weg“ (Anthony Giddens) seinen Anfang nahm. Mit dem Label „Cool Britannia“ (in Anspielung auf „Rule Britannia“) verpasste Blair der Fortführung der Thatcherschen Deindustrialisierungspolitik ein hippes Label, womit er endgültig das Schicksal der Arbeiter Nordenglands besiegelte. Ab sofort passten die Sorgen und Nöte abgehängter Nordengländer beim wirtschaftlichen Umschwenken auf den Dienstleistungs- und Finanzsektor nicht mehr ins Programm: Sie waren un-cool geworden.
In der Kulturindustrie wurde diese Ära von Bands wie Oasis oder Blur repräsentiert, die mit dem Simulieren eines Working Class Image reüssierten und dabei „Klassenmerkmale ihrer Bedeutung“ beraubten „und sich für die Übernahme als abnehmbares, oft ironisches Kostüm oder als Performance anboten – eine Art Klassen-Drag“. Einher ging diese Simulation „mit dem Rückzug und der Vereinnahmung subversiver oder oppositioneller Subkulturen, die die 1970er und 1980er Jahre überstanden hatten.“ (28) Für diese Vermählung von sich rebellisch gebender Popmusik mit der aufsteigenden politischen Macht steht exemplarisch die Dankesrede des Oasis-Sängers Noel Gallagher bei der Verleihung der Brit-Awards 1996. Eigenen Berichten zufolge (und auch so deutlich erkennbar) tat er völlig zugedröhnt seine Unterstützung für Tony Blair kund: „Heute Abend sind sieben Leute in diesem Raum, die den jungen Menschen im Land ein bisschen Hoffnung geben: Bonehead, Alan White, Guigsy, Alan McGee, ich und Tony Blair! Und wenn ihr etwas auf die Reihe kriegt, geht rüber und gebt Tony Blair die Hand. Alle Macht dem Volk!“ (29)
Der Britpop spiegelte bei dieser Pseudorebellion „eine breitere kulturelle Wende hin zu politischer Selbstgefälligkeit wider und verstärkte diese; gleichzeitig lehnte er die als ‚politisch korrekt‘ empfundene Haltung und die liberalistische linke Politik der 1970er und 1980er Jahre zugunsten eines ‚ironischen‘ Chauvinismus und Sexismus ab. Der rückschrittliche kulturelle Diskurs der späten 1990er Jahre wurde durch das Phänomen des ‚New Laddism‘ veranschaulicht – eine kulturelle Identität, für die sich eine neue Generation von Männermagazinen wie Loaded einsetzte und die auf der Ausbeutung einer karikierten weißen Arbeiterklasse-Männlichkeit durch eine überwiegend bürgerliche Kulturindustrie beruhte.“ (30)
Das einst positive Klassenbild vom nordenglischen Arbeiter wurde über die Jahre dreifach zerstört: Erst wurden seine „Codes“ von Oasis und Co. kulturell angeeignet, dann wurde das Cliché vom weißen rassistischen, sexistischen usw. Arbeiter spätestens mit Black Lives Matter endgültig zum gesellschaftsfähigen pauschalen Feindbild der „Neuen Klasse“. Währenddessen entzog die Politik dem real existierenden Arbeiter die Lebensgrundlage und lieferte ihn in den maroden ehemaligen Industriegebieten der Herrschaft islamischer „Community Leader“ samt ihres gruppenvergewaltigenden und hasspredigenden Anhangs aus.
Die „Together Alliance“ gibt sich ähnlich rebellisch wie die Britpoper in den 1990er Jahren. Doch nicht nur wegen dieser Pose kann sie als Nachfolger von Cool Britannia angesehen werden. Das heutige linke Künstler-Milieu hat sich über verschiedene Stationen zu dem entwickelt, was es heute ist, beginnend mit der Abkehr von Blairs Politik spätestens mit dessen Unterstützung des Irakkrieges. Während Blair seit den Anschlägen vom 7. Juli 2005 in London einsah, dass der Multikulturalismus doch nicht so eine tolle Sache ist wie er einst dachte, (31) radikalisierte sich der linke Multikulturalismus und fand bald in Gestalt des Antisemiten und Islamfreundes Jeremy Corbyn seinen vorläufigen Höhepunkt. Der Spalt zwischen Nordengland und der linken hippen Elite weitete sich weiter in der Zeit um das Brexit-Votum, in der der Protest der Arbeiterschaft als Verrat an der freilich antinationalen „Einheit“ bezeichnet wurde. Selbstredend war jene Kulturelite auch bei Black Lives Matter vorn mit dabei und nach dem 7. Oktober wurde „Free Palestine“ das „current thing“, dem auch der als „Modfather“ und Vorbild für Oasis geltende Paul Weller anhängt.
Während zu Zeiten von Cool Britannia der Union Jack noch positiv besetzt war, gilt die Fahne spätestens seit dem Brexit als problematisch, weil die falschen Leute sie schwenken. Das ist ganz im Sinne der EU-Technokraten, über die sich Nigel Farage bei seinem Abgang aus dem EU-Parlament lustig machte: Er und seine Abgeordneten provozierten ihren Rauswurf aus dem Parlamentssaal, indem sie demonstrativ kleine Union Jack-Fähnchen schwenkten. Dort ist das Zeigen von nationalen Symbolen, ähnlich wie im Autonomen Zentrum, verboten und gilt als Zeichen von rückständigen Nationalisten.
Der überraschende Wahlerfolg der Green Party in einem Wahlkreis mitten im nordenglischen Manchester Ende Februar diesen Jahres stellt einen weiteren Schritt der Islamisierung Großbritanniens dar. (32) Unter ihrem Anführer Zack Polanski, der auf Grund seiner jüdischen Herkunft, seinem offenen Schwulsein und seiner veganen Lebensweise wie kein zweiter Politiker das progressiv-weltoffene Lager verkörpert, ist die Green Party im Kampf gegen ewiggestrige Nationalisten wie Tommy Robinsons stets vorn dabei. Die Partei schaffte es, die Labour Party in einer ihrer absoluten Hochburgen innerhalb Manchesters vom Thron zu stoßen. Das gelang ihr, indem sie Klientelpolitik speziell zugeschnitten auf die muslimische Bevölkerung betrieb, die bekanntermaßen auf Empfehlung ihrer religiösen Führer abstimmen – der „Muslim Vote“ ist in einer Gegend, in der Muslime 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, heiß umkämpft. (33) Neben der Genozid-in-Gaza-Rhetorik gehörten zum Wahlkampf auch Flyer und TikToks auf Urdu, Bengali und Arabisch sowie der Verzicht auf die für die Partei sonst typischen LGBT-freundlichen Inhalte bei der auf Muslime ausgerichteten Kampagnenwerbung. Zudem gab ein Mitglied der Grünen dem muslimischen 5Pillars-Magazin, das für seinen Antisemitismus und seine Homophobie bekannt ist, ein Interview. (34)
Das ist alles nicht überraschend für eine Partei, deren „Diversity Coordinator“ an dem Pro-Palästina-Marsch zur Störung eines Holocaust-Gedenkens in Auschwitz teilnahm und deren bärtiger stellvertretender Vorsitzender Mothin Ali, der wie das Klischee eines Islamisten aussieht, bereits am 8. Oktober 2023 zu dem Schluss kam, dass das Pogrom am Tag zuvor ein rechtmäßiger Widerstand der Palästinenser war. (35) Dass nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran Ali auch an einer Pro-Regime-Demo teilnahm, (36) war kein Ausrutscher eines einzelnen Mitglieds: Kurze Zeit später stimmte die Green Party als einzige gegen einen Antrag im Parlament, den Sturz des Ayatollah zu begrüßen. Der Krieg sei illegal, die Attacke unprovoziert und die Iraner sollten sich besser selbst um ihre Befreiung kümmern. (37) Ayaan Hirsi Ali hat nicht Unrecht, wenn sie hier eine Front sieht, die von Teheran bis in die Großstädte Europas reicht. Dem folgend kann der Kampf, den Robinson anführt, und der Kampf der iranischen Bevölkerung durchaus als ein ähnlicher angesehen werden. Beide kämpfen gegen islamischen Fundamentalismus und beide sind gleichzeitig gezwungen, diesen Kampf auch gegen unbelehrbare und aufklärungsresistente Celebrities, Linke und gegen die sogenannte Woke Right zu führen. Die Geschichte der islamischen Revolution im Iran ist Vorbote für eine Entwicklung, die in Großbritannien bereits Konturen annimmt. Auch im Iran begann die Revolution als eine „Together Alliance“ aus Dschihadisten und Linken.
Sowohl bei „Unite the Kingdom“ als auch bei den Protesten im Iran handelt es sich um Bewegungen, die pro-westlich sind und die ein transnationales Menschenrechtsregime gegen sich haben, unter dessen Schutz sich islamische Interessen durchsetzen. Sie haben dieselben nationalstaatlichen Ziele. Deswegen ist es auch kein Zufall, wenn Tommy Robinson auf seinem Telegram-Channel Videos von iranischen Jubeldemos zur Tötung Ayatollah Khameneis repostet, während auf dem 50.000 Mann starken „March against the Far Right“ der „Together Alliance“ Ende März diesen Jahres Regimefahnen geschwenkt wurden. (38)
Julius Berlich (Bahamas 98 / 2026)
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